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Jetzt muss die Rede auf die Sueben
kommen, die nicht, wie die Chatten
oder Tenkterer, aus einem
einzigen Volksstamm bestehen; denn sie haben den größeren Teil
Germaniens inne und sind noch
in eigenen Stämme und Namen geschieden, obwohl sie im allgemeinen
Sueben genannt werden. Ein
Kennzeichen dieses Volkes ist die Sitte, das Haar schräg zu tragen
und in einem Knoten zusammenzubinden. Hierdurch unterscheiden sich die
Sueben von den übrigen
Germanen, hierdurch die Freigeborenen
unter den Sueben von den Sklaven.
Bei anderen Völkerschaften geschieht dies entweder infolge einiger
Verwandtschaft mit den Sueben,
oder - wie es öfter geht - infolge von Nachahmung, jedoch
vereinzelt und nur auf die Dauer der Jugend beschränkt: bei den Sueben
kämmt man bis ins graue Alter das struppige Haar nach hinten, und
oftmals knotet man es gerade über dem Scheitel zusammen. Die Fürsten
haben es noch kunstvoller. Das ist ihre Putzsucht, aber eine harmlose.
Denn nicht um zu lieben oder geliebt zu werden, sondern in der Absicht
stattlich und schrecklich zu wirken, schmücken und bewaffnen sie
sich, wenn sie zum Krieg ausziehen, für die Augen der Feinde. |
(38,1) Nunc de Suebis
dicendum est, quorum non una, ut Chattorum Tencterorumve, gens; maiorem
enim Germaniae partem obtinent, propriis adhuc nationibus nominibusque discreti,
quamquam in commune Suebi vocentur. (38,2) insigne
gentis obliquare crinem nodoque substringere: sic Suebi a ceteris Germanis,
sic Sueborum ingenui a servis separantur. (38,3)
in aliis gentibus seu cognatione aliqua Sueborum seu, quod saepius accidit,
imitatione, rarum et intra iuventae spatium: apud Suebos usque ad canitiem
horrentes capilli retorquentur, ac saepe in ipso vertice religantur. (38,4)
principes et ornatiorem habent: ea cura formae, sed innoxia; neque enim
ut ament amenturve, in altitudinem quandam et terrorem adituri bella compti,
ut hostium oculis, armantur. |
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| 39.
Die Semnonen und der heilige
Wald |
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Als die Ältesten und Edelsten
unter den Sueben bezeichnen sie
die Semnonen. Eine Bestätigung
ihres hohen Alters bietet ein religiöser Brauch: Zu einer festgesetzen
Zeit kommen in einem Wald, heilig durch Weihung der Väter und Ehrfurcht
heischendes Alter, alle Völkerschaften desselben Blutes durch Gesandtschaften
zusammen, opfern im Namen der Gesamtheit einen Menschen und begehen dann
die schauervolle Feierlichkeit eines barbarischen Gottesdienstes. Noch eine
andere Ehrfurcht erweist man dem Hain: Niemand tritt ein, ohne mit einer
Fessel gebunden zu sein, um die eigene Abhängigkeit und die Macht des
göttlichen Wesens zu bekunden. Fällt einer zufällig zu Boden,
darf er sich weder aufrichten lassen noch aufstehen; auf dem Boden wälzt
er sich hinaus. Dieser ganze fromme Wahn deutet dahin, dass hier die Wiege
des Volkes, hier der alles beherrschende Gott sei, alles andere ihm untertan
und dienstbar. Weiteres Ansehen verleiht den Semnonen
ihre äußere Lage: hundert Gaue bewohnen sie, und ihre große
Volkszahl bewirkt, dass sie sich als Haupt der Sueben
ansehen. |
(39,1) Vetustissimos
nobilissimosque Sueborum Semnones memorant; fides antiquitatis religione
firmatur. (39,2) stato tempore in silvam auguriis
patrum et prisca formidine sacram omnes eiusdemque sanguinis populi legationibus
coeunt caesoque publice homine celebrant barbari ritus horrenda primordia.
(39,3) est et alia luco reverentia: nemo nisi
vinculo ligatus ingreditur, ut minor et potestatem numinis prae se ferens.
si forte prolapsus est, attolli et insurgere haud licitum: (39,4)
per humum evolvuntur. eoque omnis superstitio respicit, tamquam inde initia
gentis, ibi regnator omnium deus, cetera subiecta atque parentia. adicit
auctoritatem fortuna Semnonum: centum pagis habitant, magnoque corpore efficitur,
ut se Sueborum caput credant. |
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| 40.
Langobarden, Reudigner,
Angeln u.a. - Die Verehrung
der Erdmutter Nerthus |
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Dagegen adelt die Langobarden
ihre geringe Zahl: von vielen mächtigen Stämmen rings umgeben
leben sie nicht aus Unterwürfigkeit, sondern durch Kampf und Wagnis
in Sicherheit. Die Reudigner
sodann und Avionen und Anglen
und Variner und Eudosen
und Suardonen und Nuitonen
sind durch Flüsse oder Wälder geschützt. An ihnen ist im
einzelnen nichts bemerkenswert, als dass sie insgesamt die Nerthus,
d.h. die Erdmutter, verehren und von ihr glauben, sie greife in die menschlichen
Angelegenheiten ein und komme zu den Völkern gefahren. Auf einer Insel
des Ozeans ist ein heiliger
Hain und darin ein geweihter, mit einem Tuch bedeckter Wagen. Berühren
darf ihn allein der Priester. Dieser erkennt es, wenn die Göttin im
Heiligtum ist und geleitet ihren mit Kühen bespannten Wagen in tiefer
Ehrfurcht. Fröhlich sind dann die Tage, Feste an allen Orten, die die
Göttin ihres Besuches und Aufenthaltes würdigt. Kein Krieg wird
geführt, keine Waffen ergriffen, eingeschlossen ist jedes Schwert;
aber Frieden und Ruhe kennt man nur, liebt man nur, bis der selbe Priester
die Göttin, die des Verkehrs mit den Sterblichen satt geworden ist,
ihrem Heiligtum zurückgibt. Hierauf werden Wagen und Tücher und,
wenn man es glauben mag, die Gottheit selbst in einem einsamen See gewaschen.
Den Dienst verrichten Sklaven, die auf der Stelle der selbe See verschlingt.
Daher waltet geheimes Grauen und eine fromme Unwissenheit darüber,
was das sein möge, was nur Todgeweihte zu sehen bekommen. |
(40,1) Contra Langobardos paucitas
nobilitat: plurimis ac valentissimis nationibus cincti non per obsequium
sed proeliis et periclitando tuti sunt. Reudigni deinde et Aviones et Anglii
et Varini et Eudoses et Suardones et Nuitones fluminibus aut silvis muniuntur.
(40,2) nec quicquam notabile in singulis, nisi
quod in commune Nerthum, id est Terram matrem, colunt eamque intervenire
rebus hominum, invehi populis arbitrantur. est in insula Oceani castum nemus,
dicatumque in eo vehiculum, veste contectum; attingere uni sacerdoti concessum.
(40,3) is adesse penetrali deam intellegit vectamque
bubus feminis multa cum veneratione prosequitur. laeti tunc dies, festa
loca, quaecumque adventu hospitioque dignatur. (40,4)
non bella ineunt, non arma sumunt; clausum omne ferrum; pax et quies tunc
tantum nota, tunc tantum amata, donec idem sacerdos satiatam conversatione
mortalium deam templo reddat.
(40,5) mox vehiculum et vestis et, si credere
velis, numen ipsum secreto lacu abluitur. servi ministrant, quos statim
idem lacus haurit. arcanus hinc terror sanctaque ignorantia, quid sit illud,
quod tantum perituri vident. |
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| 41.
Hermunduren und ihr Handelsverkehr
mit den Römern |
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Dieser (zuletzt genannte) Teil Suebiens
erstreckt sich bis in das weniger bekannte Innere von Germanien
hinein. Näher an uns - um, wie vorhin dem Lauf des Rheins,
so jetzt dem der Donau zu
folgen - wohnt das Volk der Hermunduren.
Sie sind den Römern ergeben und haben deshalb allein von allen Germanen
nicht nur am Donauufer Handelsverkehr,
sondern weit ins Innere und in der glänzenden Pflanzstadt
der Provinz Rätien. An
beliebigen Stellen kommen sie ohne Bewachung herüber; und während
wir den anderen Völkern nur unsere Waffen und Feldlager zeigen, haben
wir diesen unsere Stadt- und Landhäuser geöffnet, ohne dass sie
darum bitten mussten. Im Hermundurenland
entspringt die Elbe, ein ehemals berühmter und wohlbekannter Fluss;
jetzt kennt man ihn nur vom Hörensagen. |
(41,1) Et haec quidem pars Sueborum
in secretiora Germaniae porrigitur: propior, ut, quo modo paulo ante Rhenum,
sic nunc Danuvium sequar, Hermundurorum civitas, fida Romanis; eoque solis
Germanorum non in ripa commercium, sed penitus atque in splendidissima Raetiae
provinciae colonia. (41,2) passim sine custode
transeunt; et cum ceteris gentibus arma modo castraque nostra ostendamus,
his domos villasque patefecimus non concupiscentibus. in Hermunduris Albis
oritur, flumen inclutum et notum olim; nunc tantum auditur. |
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| 42.
Naristen, Markomannen,
Quaden |
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Neben den Hermunduren
wohnen die Naristen, anschließend
(nach Osten) die Markomannen
und Quaden. Herausragend sind
Macht und Kriegsruhm der Markomannen;
und selbst ihren Wohnsitz, aus dem sie vor Zeiten die Boier
vertrieben haben, verdanken sie ihrer Tapferkeit. Auch die Naristen
und Quaden fallen nicht aus der
Art. Diese Länder bilden, soweit sie von der Donau
umgürtet sind, gleichsam die Stirnseite Germaniens.
Die Markomannen und Quaden
hatten noch bis in unsere Zeit fortwährend Könige aus ihrem eigenen
Volk, das edle Geschlecht des Maroboduus
und Tuder; jetzt dulden sie auch
auswärtige. Aber die Macht und Herrschaft der Könige fließt
aus dem Ansehen der Römer. Selten werden sie durch unsre Waffen, öfter
durch unser Geld unterstützt und gelten darum nicht weniger. |
(42,1) Iuxta Hermunduros Naristi
ac deinde Marcomani et Quadi agunt. praecipua Marcomanorum gloria viresque,
atque ipsa etiam sedes pulsis olim Boiis virtute parta. nec Naristi Quadive
degenerant. eaque Germaniae velut frons est, quatenus Danuvio praecingitur.
(42,2) Marcomanis Quadisque usque ad nostram
memoriam reges manserunt ex gente ipsorum, nobile Marobodui et Tudri genus
(iam et externos patiuntur), sed vis et potentia regibus ex auctoritate
Romana. raro armis nostris, saepius pecunia iuvantur, nec minus valent. |
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| 43.
Die Cotiner, Arier, Marsigner,
Osen und andere Stämme. Kult
und Eigentümlichkeiten |
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Weiter zurück schließen die
Marsigner, Cotiner, Osen
und Burer sich im Rücken
an die Markomannen und Quaden
an. Unter diesen erinnern die
Marsigner und Burer in Sprache
und Tracht an die Sueben. Bei
den Cotinern beweist ihre gallische
(keltische), bei den Osen ihre
pannonische Sprache, dass sie keine Germanen
sind; ebenso der Umstand, dass sie keine Steuern dulden. Einen Teil der
Steuern legen ihnen, als Leuten von auswärtigem Ursprung, die Sarmaten,
einen anderen die Quaden auf.
Die Cotiner graben zur Steigerung
ihrer Schmach aus Eisen aus. Diese Völker haben sich alle nur zu einem
kleinen Teil auf ebenem Land, vielmehr in Waldtälern und auf Berggipfeln
niedergelassen. Denn Suebien
trennt und durchschneidet eine zusammenhängende Gebirgskette, hinter
der viele Völkerschaften wohnen. Unter diesen hat der Name der Lugier
die größte Verbreitung und zerfällt in mehrere Stämme.
Es wird genügen, die bedeutendsten zu nennen, die Harier,
Helveconen, Manimer,
Helisier, Nahanarvaler.
Bei den Nahanarvalern
zeigt man einen Hain von eigentümlicher Heiligkeit. Die Leitung hat
ein Priester in weiblicher Tracht, als Gottheit aber bezeichnen sie - ins
Römische übertragen - den Castor
und Pollux. Dies ist das Wesen
der Gottheit, der Name Alkis.
Keine Bildnisse, keine Spur fremdländischen Kultes; aber als Brüder,
als Jünglinge verehrt man sie. Übrigens sind Harier
noch über ihre Kräfte hinaus - durch die sie die kurz zuvor
aufgezählten Völker übertreffen - von grimmigem Wesen
und steigern ihre angeborene Wildheit mit bewusster Kunst und Zeitwahl:
Schwarz sind ihre Schilde, die Leiber bemalt, finstere Nächte wählen
sie zu ihren Angriffen und jagen schon durch das Grauen und die Dunkelheit
ihres Höllenheeres Schrecken ein, da kein Feind den ungewohnten und
gleichsam gespentischen Anblick aushält. Denn das Auge ist in allen
Schlachten das erste, was besiegt wird. |
(43,1) Retro Marsigni, Cotini,
Osi, Buri terga Marcomanorum Quadorumque claudunt. e quibus Marsigni et
Buri sermone cultuque Suebos referunt: Cotinos Gallica, Osos Pannonica lingua
coarguit non esse Germanos, et quod tributa patiuntur. (43,2)
partem tributorum Sarmatae, partem Quadi ut alienigenis imponunt: Cotini,
quo magis pudeat, et ferrum effodiunt. omnesque hi populi pauca campestrium,
ceterum saltus et vertices montium insederunt. (43,3)
dirimit enim scinditque Suebiam continuum montium iugum, ultra quod plurimae
gentes agunt, ex quibus latissime patet Lugiorum nomen in plures civitates
diffusum. valentissimas nominasse sufficiet, Harios, Helveconas, Manimos,
Helisios, Naharvalos. (43,4) apud Naharvalos
antiquae religionis lucus ostenditur. praesidet sacerdos muliebri ornatu,
sed deos interpretatione Romana Castorem Pollucemque memorant. ea vis numini,
nomen Alcis. nulla simulacra, nullum peregrinae superstitionis vestigium;
ut fratres tamen, ut iuvenes venerantur. (43,5)
ceterum Harii super vires, quibus enumeratos paulo ante populos antecedunt,
truces insitae feritati arte ac tempore lenocinantur: nigra scuta, tincta
corpora; atras ad proelia noctes legunt ipsaque formidine atque umbra feralis
exercitus terrorem inferunt, nullo hostium sustinente novum ac velut infernum
aspectum; nam primi in omnibus proeliis oculi vincuntur. |
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| 44.
Die Gotonen, Rugier,
Lemovier und die seefahrenden
Suionen |
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Die jenseits von den Lugiern
wohnenden Gotonen werden von
Königen beherrscht, und zwar schon etwas straffer als die übrigen
Völker Germaniens, doch
ohne dass schon die Linie der Freiheit überschritten würde. Weiterhin
dann, ganz am Ozean, sind die
Rugier und Lemovier;
Kennzeichen aller dieser Völker sind runde Schilde, kurze Schwerter
und Gehorsam gegen Könige. Hierauf die Völkerschaften der Suionen,
unmittelbar am Ozean; sie sind
außer ihrer Landmacht auch noch durch ihre Flotten mächtig. Die
Form ihrer Schiffe unterscheidet sich dadurch, dass beide Ende Vorderteile
sind und so eine jederzeit zum Anlegen bereite Spitze haben; auch bedienen
sie sich keiner Segel und statten ihre Seiten nicht mit Reihen von Ruderbänken
aus: Das Ruderwerk ist wie auf einigen Flüssen unbefestigt und und
kann je nach Bedarf auf die eine oder andere Seite bewegt werden. Bei ihnen
steht auch der Geldbesitz in Ehren und deshalb herrscht ein einziger ohne
Einschränkung mit unwiderruflichem Anspruch auf Gehorsam. Auch sind
die Waffen nicht wie bei den übrigen Germanen
dem Belieben preisgegeben, sondern eingeschlossen und bewacht, und zwar
durch einen Sklaven, weil plötzliche Überfälle von Feinden
der Ozean abwehrt, aber unbeschäftigte
Hände von Bewaffneten aber leicht in Zügellosigkeit ausarten.
Gewiss aber ist es im Interesse des Königs, weder einen Edlen noch
einen Freien, ja selbst nicht einen Freigelassenen zum Waffenhüter
zu machen. |
(44,1) Trans Lugios Gotones regnantur,
paulo iam adductius quam ceterae Germanorum gentes, nondum tamen supra libertatem.
protinus
deinde ab Oceano Rugii et Lemovii; omniumque harum gentium insigne rotunda
scuta, breves gladii et erga reges obsequium. (44,2)
Suionum hinc civitates, ipso in Oceano, praeter viros armaque classibus
valent. forma navium eo differt quod utrimque prora paratam semper adpulsui
frontem agit. nec velis ministrant nec remos in ordinem lateribus adiungunt:
solutum, ut in quibusdam fluminum, et mutabile, ut res poscit, hinc vel
illinc remigium. (44,3) est apud illos et opibus
honos, eoque unus imperitat, nullis iam exceptionibus, non precario iure
parendi. (44,4) nec arma, ut apud ceteros Germanos,
in promisco, sed clausa sub custode, et quidem servo, quia subitos hostium
incursus prohibet Oceanus, otiosae porro armatorum manus facile lasciviunt:
enimvero neque nobilem neque ingenuum, ne libertinum quidem armis praeponere
regia utilitas est. |
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| 45.
Die Aestier und der Bernstein.
Die Sitonen und ihre Weiberherrschaft |
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Über die Suionen
hinaus liegt ein anderes, träges und fast unbewegtes Meer. Dass dieses
den Erdkreis umgürtet und abschließt, wird dadurch beglaubigt,
dass der letzte Glanz der schon untergehenden Sonne bis zu ihrem Aufgang
mit solcher Helle fortdauert, dass er die Sterne verdunkelt. Der Volksglaube
fügt hinzu, man höre überdies einen Klang beim Auftauchen
und erblicke Pferdegestalten und das Strahlenhaupt. Dorthin setzt die Sage
- und das mit Grund - die Grenze der Natur. Weiter wohnen nun
am rechten Ufer des suebischen
(baltischen) Meeres die Stämme der Aestier,
die die Bräuche und Tracht der Sueben
haben, ihre Sprache steht der britannischen näher. Sie verehren die
Göttermutter; als Abzeichen ihres Glaubens tragen sie Amulette von
Ebern. Dies macht statt Waffen und jeder Art von Schutzwehr den Verehrer
der Göttin selbst inmitten der Feinde sorglos. Selten ist der Gebrauch
von Eisen, häufig der von Knütteln. Weizen und die anderen Früchte
bauen sie mit mehr Ausdauer an, als bei der gewöhnlichen Bequemlichkeit
der Germanen zu erwarten wäre.
Aber auch das Meer durchstöbern sie und sammeln allein von allen den
Bernstein, den sie selbst Gles nennen, in Untiefen und unmittelbar am Ufer.
Sein Wesen und seine Entstehungsart haben sie, als Barbaren, nicht erforscht
oder ermittelt. Ja er lag sogar lange Zeit unter den anderen Auswürfen
des Meeres, bis ihm unsere Prachtliebe einen Namen verschaffte. Sie selbst
wissen damit nichts anzufangen: roh wird er gesammelt, unverarbeitet ausgeführt
und staunend empfangen sie das Geld dafür. Dass er indessen ein Baumsaft
ist, ersieht man daraus, dass einige kriechende, aber auch fliegende Tierchen,
gar oft zwischendurch sichtbar sind, die in die Flüssigkeit hineingeraten
und dann, wenn der Stoff sich verhärtet, eingeschlossen werden. Ich
möchte daher folgendes annehmen: Wie in den abgelegenen Gegenden des
Morgenlandes Weihrauch und Balsam
ausschwitzen, so gibt es auch auf den Inseln und Küsten des Abendlandes
fruchtbare Waldgegenden und Haine, wo Baumsäfte, durch die Strahlen
der nahen Sonne ausgetrieben und flüssig werden, in das nächste
Meer abfließen und durch die Gewalt der Stürme an das gegenüber
liegende Ufer antreiben. Untersucht man die Eigenschaften des Bernsteins
am Feuer, brennt er wie ein Kienspan, gibt einer fetten und riechenden Flamme
Nahrung und verdickt dann zu Pech und Harz. An die Suinonen reihen sich
unmittelbar die Stämme der Sitonen.
Ihnen sonst ähnlich unterscheiden sie sich allein dadurch, dass eine
Frau die Herrschaft hat. So sehr sind sie nicht nur von der Freiheit, sondern
sogar von der Knechtschaft herabgesunken. |
(45,1) Trans Suionas aliud mare,
pigrum ac prope immotum, quo cingi claudique terrarum orbem hinc fides,
quod extremus cadentis iam solis fulgor in ortus edurat adeo clarus, ut
sidera hebetet; sonum insuper emergentis audiri formasque equorum et radios
capitis aspici persuasio adicit. (45,2) illuc
usque et fama vera tantum natura. ergo iam dextro Suebici maris litore Aestiorum
gentes adluuntur, quibus ritus habitusque Sueborum, lingua Britannicae propior.
matrem deum venerantur. (45,3) insigne superstitionis
formas aprorum gestant: id pro armis omniumque tutela securum deae cultorem
etiam inter hostes praestat. rarus ferri, frequens fustium usus. (45,4)
frumenta ceterosque fructus patientius quam pro solita Germanorum inertia
laborant. sed et mare scrutantur, ac soli omnium sucinum, quod ipsi glesum
vocant, inter vada atque in ipso litore legunt. (45,5)
nec, quae natura quaeve ratio gignat, ut barbaris, quaesitum compertumve;
diu quin etiam inter cetera eiectamenta maris iacebat, donec luxuria nostra
dedit nomen. ipsis in nullo usu: rude legitur, informe perfertur, pretiumque
mirantes accipiunt. (45,6) sucum tamen arborum
esse intellegas, quia terrena quaedam atque etiam volucria animalia plerumque
interlucent, quae implicata humore mox durescente materia clauduntur. (45,7)
fecundiora igitur nemora lucosque, sicut Orientis secretis, ubi tura balsamaque
sudantur, ita Occidentis insulis terrisque inesse crediderim, quae vicini
solis radiis expressa atque liquentia in proximum mare labuntur ac vi tempestatum
in adversa litora exundant. (45,8) si naturam
sucini admoto igne temptes, in modum taedae accenditur alitque flammam pinguem
et olentem; mox ut in picem resinamve lentescit. (45,9)
Suionibus Sitonum gentes continuantur. cetera similes uno differunt, quod
femina dominatur: in tantum non modo a libertate sed etiam a servitute degenerant. |
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| 46.
Die Peukiner, Veneter,
Fennen |
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Hier ist die Grenze von Suebien.
Ob ich die Stämme der Peukiner,
Veneter und Fennen
den Germanen oder Sarmaten
zurechnen soll, ist mir zweifelhaft, obwohl es die Peukiner,
die von einigen auch Bastarner genannt
werden, in Sprache, Lebensart, Wohnart und häuslicher Einrichtung wie
die Germanen halten. Schmutzig
sind alle, lähmend faul die Vornehmen; in ihrem Aussehen neigen die
Peukiner infolge von gegenseitigen
Heiraten ziemlich zu dem garstigen Wesen der Sarmaten.
Von ihren Sitten haben die Veneter
viel angenommen; denn was sich zwischen den Peukinern
und Fennen an Wäldern und
Gebirgen emporhebt, durchstreifen sie in Raubzügen. Doch zählt
man sie eher noch unter die Germanen,
weil sie feste Wohnungen bauen, Schilde führen, rasche Läufer
und gen zu Fuß sind, was bei den Sarmaten
alles verschieden ist, die ihr Leben auf dem Wagen und zu Pferd zubringen.
Die Fennen sind von außerordentlicher
Wildheit und abstoßender Armut. Sie haben weder Waffen noch Pferde,
noch Wohnungen; ihre Nahrung sind Kräuter, die Kleidung Tierfelle,
ihr Lager der Erdboden. Ihre einzige Hoffnung sind ihre Pfeile, für
deren Spitzen sie aus Mangel an Eisen harte Knochen verwenden. Die selbe
Jagd nährt sowohl Männer als Weiber; denn diese gehen überall
mit und fordern ihren Anteil an der Beute. Auch für die Kinder gibt
es keinen anderen Zufluchtsort vor Wild und Regengüssen, als dass man
sie unter einem behelfsmäßigen Geflecht von Zweigen zudeckt.
Dahin kehren die jungen Männer zurück, das ist der Zufluchtsort
der Greise. Aber sie achten dies für glücklicher als am Pflug
zu ächzen, sich an Häusern abzuarbeiten und eigenes und fremdes
Gut unter Hoffen und Bangen umzutreiben. Ohne Sorgen gegenüber den
Menschen, ohne Sorgen gegenüber den Göttern haben sie das Schwerste
erreicht: dass ihnen nicht einmal etwas zu wünschen bleibt. Alles Weitere
ist bereits fabelhaft: dass die Hellusier
und Oxionen Kopf und Gesicht
von Menschen, Leib und Gliedmaßen von Tieren haben; dies will ich
als unerwiesen dahingestellt sein lassen. |
(46,1) Hic Suebiae finis. Peucinorum
Venethorumque et Fennorum nationes Germanis an Sarmatis adscribam dubito.
quamquam Peucini, quos quidam Bastarnas vocant, sermone, cultu, sede ac
domiciliis ut Germani agunt. sordes omnium ac torpor procerum: conubiis
mixtis nonnihil in Sarmatarum habitum foedantur. (46,2)
Venethi multum ex moribus traxerunt; nam quidquid inter Peucinos Fennosque
silvarum ac montium erigitur, latrociniis pererrant. hi tamen inter Germanos
potius referuntur, quia et domos figunt et scuta gestant et pedum usu et
pernicitate gaudent: quae omnia diversa Sarmatis sunt in plaustro equoque
viventibus. (46,3) Fennis mira feritas, foeda
paupertas: non arma, non equi, non penates; victui herba, vestitui pelles,
cubile humus: solae in sagittis spes, quas inopia ferri ossibus asperant.
idemque venatus viros pariter ac feminas alit; passim enim comitantur partemque
praedae petunt. (46,4) nec aliud infantibus
ferarum imbriumque suffugium, quam ut in aliquo ramorum nexu contegantur;
huc redeunt iuvenes, hoc senum receptaculum.(46,5)
sed beatius arbitrantur quam ingemere agris, inlaborare domibus, suas alienasque
fortunas spe metuque versare: securi adversus homines, securi adversus deos
rem difficillimam adsecuti sunt, ut illis ne voto quidem opus esset. (46,6)
cetera iam fabulosa: Hellusios et Oxionas ora hominum vultusque, corpora
atque artus ferarum gerere: quod ego ut incompertum in medio relinquam.
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Deutsche Übersetzung nach:
Teuffel, W.S. bearbeitet
von E.G. |
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und R.Much. |
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