| [301] |
Hortensius igitur cum admodum adulescens orsus
esset in foro dicere, celeriter ad maiores causas adhiberi coeptus est;
<et> quamquam inciderat in Cottae et Sulpici aetatem, qui annis decem
maiores <erant>, excellente tum Crasso et Antonio, dein Philippo, post
Iulio, cum his ipsis dicendi gloria comparabatur. primum memoria tanta,
quantam in nullo cognovisse me arbitror, ut quae secum commentatus esset,
ea sine scripto verbis eisdem redderet,
quibus cogitavisset. hoc adiumento ille tanto sic utebatur, ut sua et commentata
et scripta et nullo referente omnia adversariorum dicta meminisset.
|
Nachdem nun Hortensius
sehr jung seine Laufbahn auf dem Forum begonnen hatte, wurde er nun bald
bei wichtigeren Rechtsfällen herangezogen. Obgleich aus der Periode von
Cotta und Sulpicius, die
zehn Jahre älter waren als er, während noch Crassus und Antonius, dann
Philippus, dann Iulius der Reihe nach blühten, wurde er bald diesen Männern
im Ruhme der Beredsamkeit an die Seite gestellt. Fürs erste hatte er ein
so großes Gedächtnis, wie ich bei keinem je gefunden habe, so dass er
alles, was er bei sich entworfen hatte, ohne Schrift, mit den selben Worten,
wie er es gedacht hatte, wiedergeben konnte. Dieses Hilfsmittel kam ihm
so trefflich zustatten, dass er nicht nur seine Gedanken und Aufsätze,
sondern auch alle Worte der Gegner, ohne dass ihm jemand berichtete, im
Gedächtnis behielt. |
| [302] |
ardebat autem cupiditate sic, ut in nullo umquam
flagrantius studium viderim. nullum enim patiebatur esse diem, quin aut
in foro diceret aut meditaretur extra forum. saepissume autem eodem die
utrumque faciebat. adtuleratque minime volgare genus dicendi; duas quidem
res quas nemo alius: partitiones, quibus de rebus dicturus esset, et conlectiones,
memor et quae essent dicta contra quaeque ipse dixisset. |
Dabei hatte er eine solche Leidenschaft für
die Sache, dass ich noch bei keinem einen brennenderen Eifer gesehen habe.
Denn er ließ keinen Tag hingehen, wo er nicht auf dem Forum sprach oder
sich außerhalb des Forums übte. Sehr oft tat er beides an einem Tag. Er
brachte aber eine keineswegs gemeine Art von Beredsamkeit mit: Die Einteilung
der Sachen, über die er sprechen wollte und ihre Zusammensetzung, indem
er sich stets an das, was der Gegner gesagt und was er selbst gesagt hatte,
erinnerte. |
| [303] |
erat in verborum splendore elegans, compositione
aptus, facultate copiosus; eaque erat cum summo ingenio tum exercitationibus
maxumis consecutus. rem complectebatur memoriter, dividebat acute, nec praetermittebat
fere quicquam, quod esset in causa aut ad confirmandum aut ad refellendum.
vox canora et suavis, motus et gestus etiam plus artis habebat, quam erat
oratori satis. hoc igitur florescente Crassus est mortuus, Cotta pulsus,
iudicia intermissa bello, nos in forum venimus. |
Mit einem glänzenden Ausdruck verband er feinen
Geschmack, in seiner Verbindung der Teile war Einklang, in seiner Darstellungsgabe
Reichtum. Und diese Vorzüge hatte er teils durch seinen ausgezeichneten
Geist, teils durch außerordentliche Übung erworben. Seinen Gegenstand
fasste er ins Gedächtnis, zerteilte ihn scharf und überging nicht leicht
etwas, was zur Bestätigung oder Widerlegung eines Falles gehörte. Seine
Stimme war melodisch und angenehm. In seiner Bewegung und Haltung lag noch
mehr Kunst, als der Redner eigentlich braucht. Zur Zeit seines Aufblühens
starb Crassus, Cotta wurde vertrieben, die Gerichte unter dem Krieg ausgesetzt,
und ich begann meine Laufbahn auf dem Forum. |
| [304] |
Erat Hortensius in bello primo anno miles, altero
tribunus militum, Sulpicius legatus; aberat etiam M. Antonius; exercebatur
una lege iudicium Varia, ceteris propter bellum intermissis; cui frequens
aderam, quamquam pro se ipsi dicebant oratores non illi quidem principes,
L.Memmius et Q. Pompeius, sed oratores tamen teste diserto uterque Philippo,
cuius in testimonio contentio et vim accusatoris habebat et copiam. |
Hortensius war im Krieg das erste Jahr als Soldat,
das zweite Jahr als Legionstribun, Sulpicius als Legat; auch Marcus
Antonius war abwesend; vor Gericht trieb man sich allein mit dem Varischen
Gesetz um; die übrigen hatte man wegen des Krieges ausgesetzt. Ich war
eifrig dabei, obgleich die Redner, die ur sich selbst verteidigten, Lucius
Memmius und Quintus Pompeius, nicht eben die ersten Redner, aber doch Redner
waren, die einen beredten Zeugen an Philippus hatten, der seinem Zeugnis
durch die Macht der Darstellung den Ausdruck und die Wirkung einer Anklage
zu geben wusste. |
| [305] |
Reliqui, qui tum principes numerabantur, in
magistratibus erant cotidieque fere a nobis in contionibus
audiebantur. erat enim tribunus plebis tum C.Curio, quamquam is quidem silebat,
ut erat semel a contione
universa relictus; Q.Metellus Celer non ille quidem orator, sed tamen non
infans; diserti autem Q.Varius, C.Carbo, Cn.Pomponius, et hi quidem habitabant
in rostris; C. etiam Iulius aedilis curulis cotidie fere accuratas contiones
habebat. sed me cupidissumum audiendi primus dolor percussit, Cotta cum
est expulsus. reliquos frequenter audiens acerrumo studio tenebar cotidieque
et scribens et legens et commentans oratoriis tantum exercitationibus contentus
non eram. iam consequente anno Q.Varius sua lege damnatus excesserat.
|
Die übrigen, die damals unter die ersten gezählt
wurden, begleiteten Staatsämter und wurden von mir fast täglich in den
Volksversammlungen gehört. Gaius Curio war damals
Volkstribun, obwohl er schwieg, seit ihm einmal die ganze Volksversammlung
davongelaufen war. Quintus Metellus Celer war kein Redner, aber auch nicht
ohne die Gabe der Rede; beredte Männer waren Quintus Varius, Gaius Carbo,
Gnaeus Pomponius, und diese waren auf der Rednerbühne zu Hause. Auch der
kurulische Aedil Gaius Iulius hielt fast täglich seine wohlgesetzten Vorträge
an das Volk. Der erste Schmerz traf mich, als Cotta vertrieben wurde, wie
ich eben voller Begierde war, ihn zu hören. Indem ich aber vom lebhaftesten
Eifer beseelt war, die anderen fleißig zu hören, täglich zu schreiben,
zu lesen, zu studieren, ließ ich es doch bei den bloßen Redeübungen nicht
bewenden. Schon im folgenden Jahr war Quintus Varius durch sein eigenes
Gesetz verdammt abgegangen. |
| [306] |
ego autem iuris civilis studio multum
operae dabam Q.Scaevolae P. f., qui quamquam nemini <se> ad docendum
dabat, tamen consulentibus respondendo studiosos audiendi docebat. atque
huic anno proxumus Sulla consule et Pompeio fuit. tum P.Sulpici in tribunatu
cotidie contionantis totum genus dicendi penitus cognovimus; eodemque tempore,
cum princeps Academiae Philo cum Atheniensium optumatibus Mithridatico bello
domo profugisset Romamque venisset, totum ei me tradidi admirabili quodam
ad philosophiam studio concitatus; in quo hoc etiam commorabar adtentius
‑ etsi rerum ipsarum varietas et magnitudo summa me delectatione
retinebat ‑ , sed tamen sublata iam esse in perpetuum ratio iudiciorum
videbatur. |
Aus Neigung zur Rechtswissenschaft hielt ich
mich fest an Quintus Scaevola, den Sohn des Publius, der sich zwar nicht
förmlich zum Lehrer hergab, aber durch die Gutachten, die er erteilte,
für die Wissbegierigen belehrend war. Das nächste Jahr, das folgt, war
das Konsulatsjahr
des Sulla und des Pompeius. Damals lernte ich die ganze Redeweise des Publius
Sulpicius, der in seinem Tribunat täglich vor dem Volk Reden hielt, genau
kennen. Als in der selben Zeit Philo, der Vorsteher der Akademie, mit den
vornehmsten Athenern wegen des Mithridatischen
Krieges von Hause flüchtig geworden und nach Rom gekommen war, widmete
ich mich ganz diesem Mann und fühlte mich von einer wunderbaren Liebe zur
Philosophie ergriffen. Bei dieser Wissenschaft verweilte ich mit so starker
Aufmerksamkeit, als mich nicht nur die Mannigfaltigkeit und Größe ihrer
Wahrheiten ungemein fesselte, sondern auch bereits die Gerichtsverfassung
für immer aufgehoben schien. |
| |
[307] occiderat Sulpicius
illo anno tresque proxumo trium aetatum oratores erant crudelissume interfecti,
Q.Catulus M.Antonius C.Iulius. eodem anno etiam Moloni Rhodio Romae dedimus
operam et actori summo causarum et magistro. haec etsi videntur esse a proposita
ratione diversa, tamen idcirco a me proferuntur, ut nostrum cursum perspicere,
quoniam voluisti, Brute, possis ‑ nam Attico haec nota sunt ‑
et videre, quem ad modum simus in spatio Q.Hortensium ipsius vestigiis
persecuti. |
In diesem Jahr war Sulpicius umgekommen und
im folgenden Jahr wurden drei Redner aus drei Perioden , Quintus Catulus,
Marcus Antonius und Gaius Iulius grausam ermordet. In dem selben Jahr genoss
ich in Rom auch den Unterricht des Rhodiers Molon, eines ausgezeichneten
Sachwalters und Lehrers. So wenig das Gesagte zur Sache zu gehören
scheint, so führe ich es an, Brutus, damit du, wie du gewünscht
(denn dem Atticus
sind es bekannte Dinge), meinen ganzen Lauf überschauen und sehen kannst,
wie ich auf meiner Bahn dem Hortensius in seinen Fußstapfen gefolgt
bin. |
| [308] |
triennium fere fuit urbs sine armis; sed oratorum
aut interitu aut discessu aut fuga ‑ nam aberant etiam adulescentes M.Crassus
et Lentuli duo ‑ primas in causis agebat Hortensius, magis magisque cotidie
probabatur Antistius, Piso saepe dicebat, minus saepe Pomponius, raro Carbo,
semel aut iterum Philippus. at vero ego hoc tempore omni noctes et dies
in omnium doctrinarum meditatione versabar. |
Ungefähr drei Jahre1 )
war Waffenruhe in der Stadt; aber nach dem Untergang, der Entfernung oder
der Flucht der Redner (denn auch die Jünglinge Marcus Crassus und die beiden
Lentulus waren abwesend) spielte nun Hortensius die erste Rolle vor Gericht;
Antistius verschaffte sich täglich mehr und mehr Anerkennung; Piso sprach
oft; weniger oft Pomponius, selten Carbo; ein- oder zweimal Philippus.
Ich beschäftigte mich in dieser ganzen Zeit Tag und Nacht mit dem Studium
aller Wissenschaften. |
| [309] |
eram cum Stoico Diodoto, qui, cum habitavisset
apud me <me>cumque vixisset, nuper est domi meae mortuus. a quo cum in
aliis rebus tum studiosissime in dialectica exercebar, quae quasi contracta
et astricta eloquentia putanda est; sine qua etiam tu, Brute, iudicavisti
te illam iustam eloquentiam, quam dialecticam esse dilatatam putant, consequi
non posse. huic ego doctori et eius artibus variis atque multis ita eram
tamen deditus ut ab exercitationibus oratoriis nullus dies vacuus esset.
|
Ich war zusammen mit dem Stoiker Diodotus, der
bei mir wohnte, mit mir lebte und kürzlich in meinem Haus starb. Bei diesem
übte ich mich, um anderer Dinge nicht zu gedenken, mit angestrengtem Fleiß
in der Dialektik, die man als eine ins Kurze gezogene, gedrängte Redekunst
zu betrachten hat, ohne die auch nach deinem Urteil, Brutus, die eigentümliche
Beredsamkeit, gleichsam eine erweiterte Dialektik, nicht erreichbar ist.
Diesem Lehrer und seinen vielen und mannigfaltigen Talenten huldigte ich,
jedoch ohne einen Tag die Redeübungen
einzustellen. |
| [310] |
commentabar declamitans ‑ sic enim nunc loquuntur
‑ saepe cum M.Pisone et cum Q.Pompeio aut cum aliquo cotidie, idque faciebam
multum etiam Latine, sed Graece saepius, vel quod Graeca oratio plura ornamenta
suppeditans consuetudinem similiter Latine dicendi adferebat, vel quod a
Graecis summis doctoribus, nisi Graece dicerem, neque corrigi possem neque
doceri. |
Ich hielt als Studien meine Deklamationen (wie
man jetzt sagt), oft mit Marcus Piso und mit Quintus Pompeius oder mit irgend
jemandem, alle Tage; dies tat ich vielmals in lateinischer, noch häufiger
in griechischer Sprache: teils weil das Griechische mehr Redeschmuck liefert,
und die Nachbildung der lateinischen Sprache dadurch befördert wurde, teils
weil mich die größten griechischen Lehrer, wenn ich nicht griechisch redete,
weder verbessern noch belehren konnten. |
| [311] |
tumultus interim recuperanda re publica et crudelis
interitus oratorum trium, Scaevolae, Carbonis, Antisti, reditus Cottae,
Curionis, Crassi, Lentulorum, Pompei; leges et iudicia constituta, recuperata
res publica; ex numero autem oratorum Pomponius, Censorinus, Murena sublati.
tum primum nos ad causas et privatas et publicas adire coepimus, non ut
in foro disceremus, quod plerique fecerunt, sed ut, quantum nos efficere
potuissemus, docti in forum veniremus. |
Indessen erfolgte jener Sturm, um die Ordnung
im Staat herzustellen; der grausame Untergang von drei Rednern: Scaevola,
Carbo, Antistius2 ).
Cotta, Curius, Crassus, die Lentuler, Pompeius kehrten zurück3 );
Recht und Gesetz wurden wieder eingeführt, die Republik hergestellt; aus
der Zahl der Redner treten Pomponius, Censorinus, Murena ab. Damals war
es, dass ich Staats- und Privatsachen zu übernehmen anfing; nicht dass
ich, wie es gewöhnlich geschieht, auf dem Forum lernen wollte, sondern
weil ich mich mit möglichster Anstrengung ausgebildet hatte, um auf dem
Forum aufzutreten. |
| [312] |
eodem tempore Moloni dedimus operam; dictatore
enim Sulla legatus ad senatum de Rhodiorum praemiis venerat. itaque prima
causa publica pro Sex. Roscio dicta tantum commendationis
habuit, ut non ulla esset, quae non digna nostro patrocinio videretur. deinceps
inde multae, quas nos diligenter elaboratas et tamquam elucubratas adferebamus.
|
Zur selben Zeit widmete ich mich dem Molon,
der unter Sullas Diktatur wegen der Belohnung der Rhodier als Gesandter
an den Senat gekommen war. Die erste öffentliche Verteidigungsrede nun,
die ich für Sextus Roscius hielt, verschaffte mir so viel Empfehlung, dass
keine Sache jetzt mehr für meine Anwaltschaft zu wichtig schien. Weiterhin
folgten viel Rechtshändel, die ich ebenso sorgfältig durchgedacht und
mit nächtlichem Fleiß bearbeitet hatte. |
| [313] |
Nunc quoniam totum me non naevo aliquo aut crepundiis
sed corpore omni videris velle cognoscere, complectar nonnulla etiam, quae
fortasse videantur minus necessaria. erat eo tempore in nobis summa gracilitas
et infirmitas corporis, procerum et tenue collum: qui habitus et quae figura
non procul abesse putatur a vitae periculo, si accedit labor et laterum
magna contentio. eoque magis hoc eos, quibus eram carus, commovebat, quod
omnia sine remissione, sine varietate, vi summa vocis et totius corporis
contentione dicebam. |
Weil du mich aber doch wohl ganz, nicht an einem
Muttermal oder an einem Spielzeug, sondern der ganzen Person nach kennen
lernen willst, so werde ich noch einige Umstände zusammenfassen, die vielleicht
weniger wesentlich scheinen. Ich hatte damals einen sehr hageren und schwachen
Körper, einen langen und dünnen Hals - kurz, eine Aussehen und eine Körperbildung,
die, wie man sonst glaubt, Lebensgefahr nicht ferne liegt, zumal wenn Arbeit
und große Anstrengung der Brust dazukommt. Diejenigen, denen ich lieb war,
wurden durch diesen Umstand um so mehr beunruhigt, weil ich alles, ohne
den Ton herabzustimmen oder zu wechseln, mit der ganzen Kraft der Stimme
und mit Anstrengung des ganzen Körpers sprach. |
| [314] |
itaque cum me et amici et medici hortarentur,
ut causas agere desisterem, quodvis potius periculum mihi adeundum quam
a sperata dicendi gloria discedendum putavi. sed cum censerem remissione
et moderatione vocis et commutato genere dicendi me et periculum vitare
posse et temperatius dicere, ut consuetudinem dicendi mutarem, ea causa
mihi in Asiam proficiscendi fuit. itaque, cum essem biennium versatus in
causis et iam in foro celebratum meum nomen esset, Roma sum profectus.
|
Als mir nun Freunde und Ärzte rieten, ich solle
das Geschäft eines Sachwalters aufgeben, so wollte ich mich lieber jeder
Gefahr aussetzen als dem erhofften Ruhm des Redners entsagen. Weil ich aber
glaubte, ich könne durch Herabstimmen und Mäßigung der Stimme nicht nur
die Lebensgefahr vermeiden, sondern auch sanfter reden, so lag in der Absicht,
meine Manier zu ändern, die Veranlassung meiner Reise
nach Asien 4 ).
Nachdem ich mich bereits zwei Jahre mit Rechtssachen beschäftigt hatte
und mein Name auf dem Forum schon gefeiert war, reiste ich von Rom ab. |
| [315] |
Cum venissem Athenas, sex menses cum Antiocho
veteris Academiae nobilissumo et prudentissumo philosopho fui studiumque
philosophiae numquam intermissum a primaque adulescentia cultum et semper
auctum hoc rursus summo auctore et doctore renovavi. eodem tamen tempore
Athenis apud Demetrium Syrum, veterem et non ignobilem dicendi magistrum,
studiose exerceri solebam. post a me Asia tota peragrata est cum summis
quidem oratoribus, quibuscum exercebar ipsis lubentibus; quorum erat princeps
Menippus Stratonicensis meo iudicio tota Asia illis temporibus dissertissimus;
et, si nihil habere molestiarum nec ineptiarum Atticorum est, hic orator
in illis numerari recte potest. |
In Athen angelangt blieb ich sechs Monate bei
Antiochos, dem berühmtesten und geschicktesten Philosophen der alten Akademie;
und hier, unter diesem großen Meister und Lehrer erneuerte ich mein Studium
der Philosophie, das ich nie ausgesetzt, von meiner ersten Jugend an gepflegt
und immer erweitert hatte. Zu der selben Zeit übrigens übte ich mich zu
Athen jedoch auch bei dem Syrer Demetrios, einem alten und nicht unberühmten
Redelehrer, mit allem Eifer. Meine Wanderung ging hierauf durch ganz Asien,
wo ich mich in der Gesellschaft der größten Redner, die dazu gerne bereit
waren, übte. Unter diesen war Menippos aus Stratonicea der erste und nach
meinem Urteil damals in ganz Asien der beredteste; ja, wenn es Charakter
der Attiker ist, nichts Übertriebenes, nichts Geschmackloses zu haben,
so kann dieser Redner mit Recht ihnen beigezählt werden. |
| [316] |
adsiduissime autem mecum fuit Dionysius Magnes;
erat etiam Aeschylus Cnidius, Adramyttenus Xenocles. hi tum in Asia rhetorum
principes numerabantur. quibus non contentus Rhodum veni meque ad eundem,
quem Romae audiveram, Molonem adplicavi cum actorem in veris causis scriptoremque
praestantem tum in notandis animadvertendisque vitiis
et instituendo docendoque prudentissimum. is dedit operam, si modo id consequi
potuit, ut nimis redundantis nos et supra fluentis iuvenili quadam dicendi
impunitate et licentia reprimeret et quasi extra ripas diffluentis coerceret.
ita recepi me biennio post non modo exercitatior sed prope mutatus. nam
et contentio nimia vocis resederat et quasi deferverat oratio lateribusque
vires et corpori mediocris habitus accesserat. |
Mein unzertrennlicher Begleiter aber war Dionysios
aus Magnesia. Auch Aischylos aus Cnidus, Xenokles aus Adramyttium fanden
sich zu mir. Diese zählten in Asien damals unter die ersten in der Redekunst.
Nicht zufrieden damit begab ich mich nach Rhodus und schloss mich dem selben
Molon an, den ich in Rom gehört hatte, der nicht allein als Sachwalter
und Verfasser von Schriftstücken in wirklichen Rechtssachen vortrefflich
war, sondern auch im Beobachten und Rügen von Fehlern, im Unterrichten
und Belehren sehr geschickt war. Seine Bemühung war, wenn sie anders gelungen
ist, dahin gerichtet, die schwelgerische Üppigkeit, die in jugendlich kecker
Ungebundenheit ausschweifte, zu zügeln und den gleichsam über die Ufer
tretenden Strom einzudämmen. Nach zwei Jahren begab ich mich zurück5 );
nicht bloß geübter, sondern beinahe umgeschaffen. Die übertriebene Heftigkeit
meiner Stimme hatte sich gelegt, meine Rede war - ich möchte sagen - ausgegoren
und meine Brust hatte an Kraft, so wie mein Körper an fester Haltung, mäßig
gewonnen. |
| [317] |
Duo tum excellebant oratores, qui me imitandi
cupiditate incitarent, Cotta et Hortensius; quorum alter remissus et lenis
et propriis verbis comprendens solute et facile sententiam, alter ornatus,
acer et non talis, qualem tu eum, Brute, iam deflorescentem cognovisti,
sed verborum et actionis genere commotior. itaque cum Hortensio mihi magis
arbitrabar rem esse, quod et dicendi ardore eram propior et aetate coniunctior.
etenim videram in isdem causis, ut pro M.Canuleio, pro Cn.Dolabella consulari,
cum Cotta princeps adhibitus esset, priores tamen agere partis Hortensium.
acrem enim oratorem, incensum et agentem et canorum concursus hominum forique
strepitus desiderat. |
Zwei Redner zeichneten sich damals aus, die
meinen Wetteifer anregten, Cotta und Hortensius; von diesen kleidete der
eine seine Gedanken ruhig und sanft in das ungezwungene und leichte Gewand
eigentlicher Worte, der andere war schmuckreich, lebhaft, und nicht so,
wie du, Brutus, ihn schon im Verblühen gekannt hast, sondern im Ausdruck
und im Vortrag voll Affekt. Daher glaubte ich es mehr mit Hortensius
zu tun zu haben, weil ich ihm teil im Feuer der Rede ähnlicher , teils
im Alter näher war. Ich hatte nämlich auch bemerkt, dass bin den selben
Prozessen, wie z.B. für Marcus Canuleius, für den Konsular Gnaeus Dolabella,
obgleich Cotta als der erste aufgestellt war, doch Hortensius die Hauptrolle
spielte. Denn der Zustrom des Volkes und der Lärm des Forums erfordert
einen lebhaften, feurigen Redner, der Vortrag und ein helles Organ hat.
|
| |
[318] unum igitur
annum, cum redissemus ex Asia, causas nobilis egimus, cum quaesturam nos,
consulatum Cotta, aedilitatem peteret Hortensius. interim me quaestorem
Siciliensis excepit annus, Cotta ex consulatu est profectus in Galliam,
princeps et erat et habebatur Hortensius. cum autem anno post ex Sicilia
me recepissem, iam videbatur illud in me, quicquid esset, esse perfectum
et habere maturitatem quandam suam. nimis multa videor de me, ipse praesertim;
sed omni huic sermoni propositum est, non ut ingenium et eloquentiam meam
perspicias, unde longe absum, sed ut laborem et industriam. |
Nach meiner Rückkehr aus Asien führt ich das
erste Jahr berühmte Rechtssachen, damals, als ich mich um die Quaestur,
Cotta sich um das Konsulat und Hortensius sich um das Amt des Aedilen bewarb.
Inzwischen trat ich mein Quaestorenjahr in Sizilien an6 ).
Cotta reiste von seinem Konsulat weg nach Gallien. Hortensius galt als Meister
und war es. Als ich mich nach einem Jahr aus Sizilien zurückbegeben hatte,
schien das, was irgend an mir sein mochte, ausgebildet zu sein und gewissermaßen
seine Reife zu haben. Doch ist es wohl de Redens allzu viel von mir, besonders
da ich selber rede: indessen liegt es in der Absicht meiner Erzählung,
dich nicht meinen Geist und meine Beredsamkeit sehen zu lassen, wovon ich
weit entfernt bin, sondern nur mein Schaffen und mein Streben. |
| [319] |
cum igitur essem in plurumis causis et in principibus
patronis quinquennium fere versatus, tum in patrocinio Siciliensi maxume
in certamen veni designatus aedilis cum designato consule Hortensio. |
Nachdem ich nun in einem Zeitraum von etwa fünf
Jahren als einer der ersten Sachwalter eine Menge Rechtshändel geführt
hatte, bekam ich als designierter Aedil7 )
mit dem designierten Konsul Hortensius die merkwürdige Fehde durch
die sizilische Anwaltschaft. |
|
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