| [7] |
Atque ego in summo oratore fingendo talem informabo,
qualis fortasse nemo fuit. non enim quaero, quis fuerit, sed quid sit illud,
quo nihil possit esse praestantius, quod in perpetuitate dicendi non saepe
atque haud scio an nunquam, in aliqua autem parte eluceat aliquando, idem
apud alios densius apud alios fortasse rarius. |
(7) Wenn ich nun einen großen Redner zeichnen
soll, so wird dies ein Bild werden, dem vielleicht nie einer geglichen hat.
Denn die Frage ist nicht, wer der
Vorzüglichste gewesen sei, sondern,
was das Vorzüglichste ist:
Etwas, das im ganzen Verlauf einer Rede nicht oft und wahrscheinlich nie,
doch aber zuweilen in einzelnen Teilen und zwar bei einem Redner stärker,
bei einem anderen vielleicht schwächer hervortritt. |
| [8] |
sed ego sic statuo, nihil esse in ullo genere
tam pulchrum, quo non pulchrius id sit, unde illud, ut ex ore aliquo quasi
imago, exprimatur. quod neque oculis neque auribus neque ullo sensu percipi
potest, cogitatione tamen et mente complectimur. itaque et Phidiae simulacris,
quibus nihil in illo genere perfectius videmus, et iis picturis, quas nominavi,
cogitare tamen possumus pulchriora. |
(8) Allein ich bin der Meinung, es sei nichts
in irgend einer Art so schön, dass nicht das, wovon jenes, wie das
Portrait eines Gesichtes, nur der Abdruck ist, noch schöner wäre,
was aber weder den Augen noch den Ohren noch irgend einem Sinne vernehmbar
sich uns nur in Gedanken und in der Seele darstellt. So sind die Bilder
des Pheidias und die angeführten Gemälde zwar das Schönste,
was man in dieser Art sieht, aber
denken kann man doch noch etwas Schöneres.
|
| [9] |
nec vero ille artifex, cum faceret Iovis formam
aut Minervae, contemplabatur aliquem, e quo similitudinem duceret, sed ipsius
in mente insidebat species pulchritudinis eximia quaedam, quam intuens in
eaque defixus ad illius similitudinem artem et manum dirigebat. ut igitur
in formis et figuris est aliquid perfectum et excellens, cuius ad cogitatam
speciem imitando referuntur ea, quae sub oculos ipsa non cadunt, sic perfectae
eloquentiae speciem animo videmus, effigiem auribus quaerimus. |
(9) Auch hatte jener Künstler, als er seinen
Zeus oder seine Athena bildete, nicht etwa jemanden vor sich, dem er sein
Werk ähnlich zu machen suchte, sondern in seiner Seele lag das herrliche
Urbild einer Schönheit, auf das er unverwandt hinschaute und nach dessen
Zügen er Kunst und Hand richtete. So wie es nun bei Formen und Gestalten
ein Vollkommenes und Vortreffliches gibt, worauf als eine bloß in
der Vorstellung vorhandene Erscheinung durch Nachahmung wirkliche Gegenstände
unseres Auges bezogen werden, so suchen wir jetzt von der unserer Seele
vorschwebenden Gestalt der vollkommenen Beredsamkeit ein Abbild für
das Gehör. |
| [10] |
has rerum formas appellat ἰδέας ille
non intellegendi solum sed etiam dicendi gravissimus auctor et magister
Plato easque gigni negat et ait semper esse ac ratione et intellegentia
contineri; cetera nasci, occidere, fluere, labi nec diutius esse uno
et eodem statu. quicquid est igitur, de quo ratione et via disputetur, id
est ad ultimam sui generis formam speciemque redigendum. |
(10) Der erhabene Denker und nicht minder erhabene
Meister und Lehrer der Beredsamkeit, Platon, nennt diese Formen der Dinge
Ideen und sagt von ihnen, dass sie nicht entstehen, sondern immer da seien
und unserem geistigen Wesen innewohnen, während bei allen anderen Dingen
Geburt und Tod, Flüchtigkeit und Zerfall und ein steter Wechsel des
Zustandes stattfinde. Wo man also irgend einen Gegenstand wissenschaftlich
und methodisch untersuchen will, so muss man ihn auf die ursprüngliche
Form und Gestalt seines Wesens zurückführen. |
| [11] |
Ac video hanc primam ingressionem meam non ex
oratoriis disputationibus ductam, sed e media philosophia repetitam et eam
quidem cum antiquam tum subobscuram aut reprehensionis aliquid aut certe
admirationis habituram. nam aut mirabuntur, quid haec pertineant ad ea,
quae quaerimus ‑ quibus satis faciet res ipsa cognita, ut non sine
causa alte repetita videatur ‑ aut reprehendent, quod inusitatas
vias indagemus, tritas relinquamus. |
(11) Ich sehe aber, dass mein Eingang, der,
nicht aus rednerischen Schulübungen genommen, sondern mitten aus dem
Gebiet der Philosophie geschöpft ist und von alten und ziemlich dunklen
Dingen handelt, einigen Tadel oder wenigstens Befremden erregen wird. Man
wird es befremdlich finden, wie dies zu unserer Untersuchung gehören
solle, obgleich sich bei näherer Betrachtung der Sache vollkommen aufklärt,
dass ich nicht ohne Grund so weit ausgeholt habe; man wird es tadelnswert
finden, dass ich ungewöhnliche Wege aufspüre und die betretenen
verlasse. |
| [12] |
ego autem et me saepe nova videri dicere intellego,
cum pervetera dicam, sed inaudita plerisque, et fateor me oratorem, si modo
sim aut etiam quicumque sim, non ex rhetorum officinis, sed ex Academiae
spatiis exstitisse. illa enim sunt curricula multiplicium variorumque sermonum,
in quibus Platonis primum sunt impressa vestigia. sed et huius et aliorum
philosophorum disputationibus et exagitatus maxume orator est et adiutus
‑ omnis enim ubertas et quasi silva dicendi ducta ab illis est ‑
nec satis tamen instructus ad forensis causas, quas, ut illi ipsi dicere
solebant, agrestioribus Musis reliquerunt. |
(12) Aber ich weiß auch, dass man oft
meint, ich sage etwas Neues, wenn ich etwas Altes sage, das aber die meisten
noch nie gehört haben; und dann gestehe ich, dass ich, wenn ich ein
Redner bin oder was ich als Redner bin, es nicht in den Werkstätten
der Rhetoren sondern in den Gängen der Akademie geworden bin. Dort,
wo zuerst Platons Fußstapfen eingedrückt sind, war der Ort, sich
in den vielseitigsten und mannigfaltigsten Unterhaltungen zu ergehen;
und es sind hauptsächlich seine und anderer Philosophen Forschungen,
wodurch das Rednertalent geweckt und unterstützt wurde. Von ihnen leitet
sich der ganze Reichtum ‑ ich möchte sagen, das Baumaterial ‑
der Beredsamkeit her: nur dass dieser Vorrat für die Fehden des Forums
noch nicht zureichend war, die jene, nach der Art sich auszudrücken,
den gröberen Musen überlassen hatten. |
| [13] |
sic eloquentia haec forensis spreta a philosophis
et repudiata multis quidem illa adiumentis magnisque caruit, sed tamen ornata
verbis atque sententiis iactationem habuit in populo nec paucorum iudicium
reprehensionemque pertimuit: ita et doctis eloquentia popularis et
disertis elegans doctrina defuit. |
(13) So entging nun zwar dieser Beredsamkeit
des Forums dadurch, dass sie von den Philosophen verschmäht und verstoßen
wurde, eine mannigfache und beträchtliche Unterstützung; indessen
verschafften ihr die Schönheiten der Sprache und der Gedanken, womit
sie sich schmückte, so viel Beifall beim Volk, dass sie gegen das Urteil
und den Tadel der Wenigen gleichgültig wurde. Auf diese Weise hatte
man Gelehrte, denen die Beredsamkeit, und Redner, denen die Gelehrsamkeit
abging. |
| [14] |
Positum sit igitur in primis, quod post magis
intellegetur, sine philosophia non posse effici, quem quaerimus, eloquentem,
non ut in ea tamen omnia sint, sed ut sic adiuvet, ut palaestra histrionem;
parva enim magnis saepe rectissime conferuntur. nam nec latius atque copiosius
de magnis variisque rebus sine philosophia potest quisquam dicere [15]
‑ si quidem etiam in Phaedro Platonis hoc Periclen praestitisse ceteris
dicit oratoribus Socrates, quod is Anaxagorae physici fuerit auditor. a
quo censet eum cum alia praeclara quaedam et magnifica didicisse, tum uberem
et fecundum fuisse gnarumque, quod est eloquentiae maxumum, quibus orationis
modis quaeque animorum partes pellerentur. quod idem de Demosthene existimari
potest, cuius ex epistulis intellegi licet, quam frequens fuerit Platonis
auditor ‑ [16] nec
vero sine philosophorum disciplina genus et speciem cuiusque rei cernere
neque eam definiundo explicare
nec tribuere in partis possumus nec iudicare, quae vera quae falsa sint,
neque cernere consequentia, repugnantia videre, ambigua distinguere. quid
dicam de natura rerum, cuius cognitio magnam orationis suppeditat copiam?
<iam> de vita, de officiis, de virtute, de moribus sine multa earum
ipsarum rerum disciplina aut dici aut intellegi posse <putas>? |
(14) Wir setzen als Grundsatz voraus, dass ohne
Philosophie (wie sich nachher noch deutlicher zeigen wird) der Redner, den
wir im Sinn haben, nicht gebildet werden kann. Wir meinen damit nicht, dass
sie alles allein tun müsse, sondern dass sie ihn unterstütze,
wie die Turnschule den Schauspieler. Ein Vergleich des Kleinen mit dem Großen
ist doch wohl oft ganz zweckmäßig. Ohne Philosophie ist man also
nicht imstande, über wichtige und mannigfaltiger Ansichten fähige
Gegenstände mit fruchtbarer Ausführlichkeit zu sprechen, (15)
‑ wenn jedenfalls auch schon Sokrates
im Phaidros des Platon (cap.120) die Überlegenheit, die Perikles
über andere Redner behauptete, aus dem Umstand erklärt, dass er
Zuhörer des Naturphilosophen Anaxagoras war, und der Meinung ist, Perikles
habe diesem neben manchen anderen schönen und schätzbaren Kenntnissen
nicht nur reichtum und Gedankenfülle, sondern auch die für die
Beredsamkeit so äußerst wichtige Geschicklichkeit zu verdanken
gehabt, je nachdem er eine Art des Vortrags wählte, jegliche Saiten
des menschlichen Herzens zu rühren. Das selbe kann auch von Demosthenes
gelten, aus dessen Briefen erhellt, wie fleißig er Platon gehört
hat ‑ (16) aber auch nicht ist man imstande von jedem Ding Gattung
und Art zu unterscheiden, Begriffsbestimmungen zu geben, Einteilungen zu
machen, Wahrheit und Falschheit zu untersuchen, Folgerungen abzuleiten,
Widersprüche zu entdecken, Zweideutigkeiten auseinander zu setzen.
Was soll ich von der ganzen Natur sagen, deren Kenntnis dem Redner so reichen
Stoff liefert? Und wie kann man <ferner> über Lebensverhältnisse,
über Pflichten, über Tugend und Sitten sprechen oder urteilen,
wenn wir von diesen Dingen keine rechte wissenschaftliche Einsicht haben?
|
| [17] |
Ad has tot tantasque res adhibenda sunt ornamenta
innumerabilia. quae sola tum quidem tradebantur ab iis, qui dicendi numerabantur
magistri; quo fit, ut veram illam et absolutam eloquentiam nemo consequatur,
quod alia intellegendi alia dicendi disciplina est et ab aliis rerum ab
aliis verborum doctrina quaeritur. |
(17) Neben diesen so mannigfaltigen und wichtigen
Kenntnissen braucht man noch unzähligen Redeschmuck, den man sonst
nur aus den Händen der eigentlich so genannten Lehrer der Beredsamkeit
erhielt. Daher kommt es, dass niemand zum Besitz jener wahren und vollkommenen
Beredsamkeit gelangt, weil die Wissenschaft des Denkens und des Redens getrennt
sind und man bei den einen den Sachunterricht, bei den anderen den Wortunterricht
suchen muss. |
| [18] |
itaque M. Antonius, cui vel primas eloquentiae
patrum nostrorum tribuebat aetas, vir natura peracutus et prudens, in eo
libro, quem unum reliquit, disertos ait se vidisse multos, eloquentem omnino
neminem. insidebat videlicet in eius mente species eloquentiae, quam cernebat
animo, re ipsa non videbat. vir autem acerrimo ingenio ‑ sic enim fuit
‑ multa et in se et in aliis desiderans neminem plane, qui recte appellari
eloquens posset, videbat. |
(18) Aus diesem Grund sagt einer der bestdenkenden
und unterrichtetsten Männer, dem man in unserer Väter Zeit unbedingt
den ersten Rang in der Beredsamkeit eingeräumt hat, Marcus Antonius,
in jener einzigen Schrift, die er hinterlassen hat, er habe manchen geübten
Sprecher kennen gelernt, aber keinen Redner. Natürlich schwebte seiner
Seele ein Rednerbild vor, wovon ihm bloß die geistige Anschauung,
nicht aber die wirkliche Erscheinung geworden war. Als ein Mann von durchdringendem
Geist - denn das war er - nahm er an sich und andern so viele
Mängel wahr, dass er schlechterdings keinen fand, der den Namen eines
wahren Redners verdient hätte. |
| [19] |
quodsi ille nec se nec L. Crassum eloquentem
putavit, habuit profecto comprehensam animo quandam formam eloquentiae,
cui, quoniam nihil deerat, eos, quibus aliquid aut plura deerant, in eam
formam non poterat includere. investigemus hunc igitur, Brute, si possumus,
quem nunquam vidit Antonius aut qui omnino nullus unquam fuit. quem si imitari
atque exprimere non possumus, quod idem ille vix deo concessum esse dicebat,
at qualis esse debeat poterimus fortasse dicere. |
(19) Wenn er nun weder sich noch L. Crassus
für einen Redner hielt, so musste er sich notwendiger Weise ein gewisses
Bild von Beredsamkeit denken, ein Bild, unter dem, da es selbst ohne Mangel
war, er diejenigen nicht begreifen konnte, die einen oder mehrere Mängel
hatten. Der Redner also, Brutus, wie ihn Antonius nie gesehen hat, oder
wie er überhaupt nie vorhanden gewesen ist, lass uns, wenn wir können,
aufspüren! Denn wenn der selbe auch als Gegenstand der Nachahmung unerreichbar
ist, wie denn jener meint, dass dies bloß einem Gott vergönnt
sein möchte, so wird uns wenigstens eine Beschreibung seiner wesentlichen
Eigenschaften möglich sein. (Üb. nach D.E.A.
Mebold) |