Lateinische Übungstexte
zu Senecas Briefen mit einer wörtlichen deutschen Übersetzung
und Anmerkungen.
|
|||||||||||||||||
| Sen.epist.123,10ff | |
Verführerisches Gerede, das von philosophischer Lebensführung abhalten will. |
|
Seneca Lucilio suo salutem
"Virtus et philosophia et iustitia - verborum inanium crepitus
est: una felicitas est bene vitae facere; esse, bibere, frui patrimonio,
hoc est vivere, hoc est se mortalem esse meminisse. Fluunt dies
et inreparabilis vita decurrit: dubitamus? Quid iuvat sapere et
aetati non semper voluptates recepturae, dum potest, dum poscit,
ingerere frugalitatem, mortem praecurrere et, quidquid illa ablatura
est, iam sibi interimere? Non amicam habes, non puerum, qui amicae
moveat invidiam; cotidie sobrius prodis; sic cenas tamquam ephemeridem
patri adprobaturus: non est istud vivere, sed alienae vitae interesse.
Quanta dementia est heredis sui res procurare et sibi negare omnia,
ut tibi ex amico inimicum magna faciat hereditas: eo plus enim
gaudebit tua morte, quo plus acceperit. Istos tristes et superciliosos
alienae vitae censores, suae hostes, publicos paedagogos assis
ne feceris nec dubitaveris bonam vitam quam opinionem bonam malle!" |
Seneca grüßt
seinen Lucilius,
sittliche Vollkommenheit, Philosophie und Gerechtigkeit - das
ist Schall hohler (leerer) Worte: einzige Glückseligkeit
ist (bedeutet) es, sich das Leben angenehm zu machen; (zu) essen,
(zu) trinken, das Erbe (zu) genießen, das heißt (ist)
leben, das bedeutet, sich daran zu erinnern, dass man sterblich
ist. Es gehen die Tage dahin, und unwiederbringlich läuft
das Leben ab: wir zögern (zweifeln)? Was erfreut es, Verstand
zu haben und dem Lebensalter, das nicht immer Vergnügungen
aufnehmen (b. verkraften) wird, solange es dies kann, solange
es dies fordert (danach fordert), Genügsamkeit aufzunötigen,
dem Tod zuvorzukommen und, was auch immer jener wegnehmen wird,
sich schon (jetzt) zu versagen? Du hast keine Freundin, (hast)
keinen Knaben, der der Freundin Eifersucht erregen könnte;
täglich gehst du nüchtern an die Öffentlichkeit
(o. zeigst Du Dich); Du speist so wie einer, der täglich
dem Vater das Wirtschaftsbuch vorlegen wird: das bedeutet nicht
leben, sondern an fremdem Leben teilnehmen. Wie große Torheit
ist es, die Sache (Pl.) (o.das Vermögen) seines Erben zu
verwalten und sich (selbst) alles zu verweigern (b. zu versagen),
so dass Dir die große Erbschaft aus einem Freund ein Feind
macht: desto mehr nämlich wird er sich über Deinen Tod
freuen, je mehr er erbt (Fut.II.; empfängt). Um jene traurigen
und finsteren Kritiker fremden Lebens, Feinde ihres (eigenen)
Lebens, um die öffentlichen Erzieher schere Dich einen Dreck
und zögere nicht, das gute Leben dem guten Ruf vorzuziehen
(w. das gute Leben lieber als den guten Ruf zu wollen)! |
| virtus et philosophia et iustitia - ... est: fassen Sie diese Subjekte nach dem Gedankenstrich nochmals zusammen mit: " - das ist ..." - crepitus, us m.: "Schall" - bene facere vitae: "sich das leben angenehm machen"; (w. "dem Leben Gefälligkeiten erweisen") - esse (Inf.Präs. zu edo): "essen" - aetas, aetatis f.: "Lebensalter" - dum potest, dum poscit: erg. Sie jeweils voluptates recipere: Subj. der beiden Nebensätze ist aetas, - ingerere frugalitatem + dat.: "jem./einer Sache Genügsamkeit aufnötigen" - illa: sc. mors - sibi interimere h.: "sich versagen" - ephemeridem adprobare: "täglich das Wirtschaftsbuch vorlegen" - eo - quo: "desto - je" - superciliosus, a, um: "finster, streng" - assis non facere aliquem: "sich einen Dreck um jemanden scheren" - quas Ulixes: Odysseus (Ulixes, is m.) ließ seinen Gefährten Wachs in die Ohren stopfen und sich selbst an den Mastbaum seines Schiffes anbinden, als er an der Insel der Sirenen vorüberfuhr. - idem: n.Sg.; Subj. zu possunt ist: voces. | |
| [ Homepage | Inhalt | Klassen | Hellas 2000 | Stilistik | Latein | Lat.Textstellen | Griechisch | Griech.Textstellen | Varia | Mythologie | Ethik | Bibliographie | Links | Literaturabfrage | Forum zur Homepage | Spende | Passwort ] Feedback |
|