Lateinische Übungstexte
zu Senecas Briefen mit einer wörtlichen deutschen Übersetzung
und Anmerkungen.
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| Sen.epist.9 | |
Ausgangspunkt ist die Frage des Lucilius, ob Epikur zu Recht die Philosophen tadelt, die den Grundsatz vertreten: "Der Philosoph ist sich selbst genug, er braucht keine Freunde" Seneca antwortet: (Sen. epist. 9) |
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Seneca Lucilio suo salutem!
[...] Sapiens, etiam si contentus est se, tamen habere amicum
vult, si in nihil aliud, ut exerceat amicitiam, ne tam magna virtus
iaceat, non ad hoc, quod dicebat Epicurus in epistula,"ut habeat,
qui sibi aegro adsideat, succurrat in vincula coniecto vel inopi",
sed ut habeat aliquem, cui ipse aegro adsideat, quem ipse circumventum
hostili custodia liberet. Qui se spectat et propter hoc ad amicitiam
venit, male cogitat. Quemadmodum coepit, sic desinet: paravit
amicum adversum vincula laturum opem; cum primum crepuerit catena,
discedet. Hae sunt amicitiae, quas "temporarias" populus
appellat; qui utilitatis causa adsumptus est, tamdiu placebit,
quamdiu utilis fuerit. Hac re florentes amicorum turba circum
se det, circa eversos solitudo est, et inde amici fugiunt, ubi
probantur; hac re ista tot nefaria exempla sunt aliorum metu relinquentium,
aliorum metu prodentium. [...] |
Seneca grüßt
seinen Lucilius
Der Weise will, auch wenn er mit sich zufrieden ist, dennoch
einen Freund haben, wenn auch zu nichts anderem, als dass er die
Freundschaft pflege, damit nicht eine so große (Möglichkeit
zu sittlicher) Tugend brachliege, nicht dazu, was Epikur in einem
Brief sagte. "damit er (jemanden) habe, der ihm in der Krankheit
(w. ihm als Kranken) beistehe, (ihm) zu Hilfe komme, wenn er ins
Gefängnis geworfen worden sei oder hilflos sei", sondern
damit er jemanden habe, dem er selbst bei (dessen) Krankheit beistehe,
den er selbst im Falle von (dessen) Gefangennahme aus der feindlichen
Haft befreie. Wer (nur) sich sieht und deswegen zur Freundschaft
kommt, denkt schlecht. Wie es angefangen hat, so wird es enden:
er hat einen Freund gewonnen, der (ihm) gegen die Fesseln (= Gefangennahme)
Hilfe bringen soll; sobald die Kette klirrt, wird er weggehen.
Dies sind die Freundschaften, die das Volk "vorübergehende"
nennt; wer um des Nutzens willen (als Freund) gewonnen worden
ist, wird solange gefallen, wie(lange) er nützlich ist. Deshalb
umlagert die Erfolgreichen (w. die Blühenden) eine Schar
von Freunden, um die Gescheiterten ist (b. herrscht) Einsamkeit,
und deshalb fliehen die Freunde, wo sie auf die Probe gestellt
werden; deshalb gibt es jene (so) vielen Beispiele teils solcher,
die (einen Freund) aus Furcht im Stich lassen, teils solcher,
die (ihn) aus Furcht verraten. |
| contentus, a, um + Abl.: "zufrieden mit" - si in nihil aliud, ut..: "wenn auch zu nichts anderem, als dass.." - iacere: h.: "brachliegen" - non ad hoc, quod..: "nicht dazu, was.." - inops, inopis: "hilflos, arm" - circumventus, a, um - h.: "gefangengenommen" - hostili custodia: Abl. sep. zu liberare - qui se spectat: erg. im Dtsch. "nur" - opem ferre: "Hilfe bringen" - cum primum: "sobald" - crepare:"klirren" - temporarius, a, um: "vorübergehend" - hac re: "deshalb" - evertere, o, everti, eversus:"umstürzen, zerstören"; Pass: "scheitern, stürzen" - inde: h.: "deshalb" - probare: "auf die Probe stellen" - relinquere: h.: "im Stich lassen" - in quid: "zu welchem Zweck" - se impendere: "sich einsetzen" - negotiatio, onis, f: "Geschäft, Handel" | |
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