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Vorsokratische Philosophie

9. Von Thales zu Aristoteles 

archê-Denken und Ursachendenken

Originalbeitrag von Wal. Buchenberg

 

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9.0 Aristoteles überliefert von Thales zwei philosophische Aussagen: „Thales ... nennt das Wasser archê" und „Thales glaubte, dass alles von Göttern voll sei."

Aber weder stellen die bekannten Darstellungen der Geschichte der Philosophie einen befriedigenden Zusammenhang zwischen den beiden Aussagen von Thales her, noch machen sie hinreichend plausibel, warum Thales mit diesen beiden Philosophemen oder auch nur einem davon zu den Gründervätern der (westlichen) Philosophie zu rechnen sei.

9.0.1 Bewertung des Thales durch Hegel: Hegel nimmt zwar einerseits Aristoteles als glaubwürdige Quelle, andererseits ignoriert er einfach den von Aristoteles überlieferten Gedanken von Thales, dass „alles von Göttern voll sei". Hegel konstatierte: „Dass das Wasser das archê sei, ist die ganze Philosophie des Thales." Dabei fragt er sich und uns zu recht: „Inwiefern ist dies wichtig...?" Er gibt als Antwort:„Der Thaletische Satz, dass das Wasser das Absolute ... sei, ist philosophisch; die Philosophie beginnt damit, weil es damit zum Bewusstsein kommt, dass Eins das Wesen, das Wahrhafte ... ist." Thales setzte das Wesen, das Wahrhafte der ganzen Welt in eine Sache: Wasser. Das ist nach Hegel philosophisch. Damit sieht Hegel das Philosophische mehr in der Form dieser Aussage als in ihrem Inhalt. Welchen Unterschied hätte es gemacht, wenn Thales gesagt hätte „der Mist ist archê" oder wenn heute jemand sagt: „Geld regiert die Welt"? Auch in diesen beiden Sätzen wird die ganze Welt von einer einzelnen Sache abhängig gemacht. Auch durch solche Sätze wird „Eins als das Wesenhafte, das Wahrhafte" gesetzt, wie Hegel sagt. Niemand wird aber ernsthaft behaupten, dass es sich dabei um philosophische Aussagen handelt.

9.0.2 Bewertung des Thales durch Bertrand Russel und andere: Bertrand Russel begann ebenfalls seine Philosophiegeschichte mit Thales: „Die Philosophie und die exakte Wissenschaft begann mit Thales von Milet im 6. Jahrhundert vor Christus." Einerseits grenzte Russel ebenso wie Hegel den Thales'schen Satz über die Götter aus: „Eine weitere Feststellung aber, alle Dinge seien voll von Göttern, muss als fraglich betrachtet werden." „Die wichtigste Ansicht Thales' ist die Behauptung, die Welt sei aus Wasser entstanden." Andererseits führte er als Kriterium für den Anfang des philosophischen Denkens an: „Das Aufwerfen allgemeiner Fragen ist .... der Anfang der Philosophie und der Wissenschaft."

Tatsächlich hinterließ uns Thales nicht eine „allgemeine Frage", sondern eine Antwort mit einer Aussage, mit der gebildete Leute nur wenig anzufangen wissen, und von der ungebildete Leute sagen werden, sie sei falsch. Bertrand Russel schwankte zwischen beidem: Erst verengte er den Satz von Thales, das Wasser sei archê, in die Aussage, „die Welt sei aus Wasser entstanden", dann verbog er die Thales'sche Aussage über das Wasser bis zur Unkenntlichkeit in eine Aussage über Wasserstoff: „Wasserstoff, der die meisten Atome zum Aufbau des Wassers liefert (sic!), wird heute für das chemische Element gehalten, aus dem alle übrigen künstlich hergestellt werden können." „ Nachdem B. Russel so das Philosophem von Thales bis zur Unkenntlichkeit entstellt hatte, bezeichnete er es letztendlich nur noch als „achtbare wissenschaftliche Hypothese". Dann ist der Satz von Thales bestenfalls eine Aussage mit begrenzter Reichweite und schlimmstenfalls eine falsche Aussage. Macht das Thales zum Philosophen?

Hans Joachim Störig drückte sich in seiner „Kleinen Weltgeschichte der Philosophie" um eine Bewertung der philosophischen Aussagen des Thales, indem er erst die Autorenschaft des Thales in Frage stellt: „dass das Wasser der Urstoff sei, aus dem alles hervorgegangen ist - das wird neuerdings seinem Nachfolger zugeschrieben", um anschließend so zu tun, als sei mit der Infragestellung der Autorenschaft dieser Sätze auch ihr Inhalt erledigt. Störig erwähnte auch beim „Nachfolger" des Thales dieses Philosophem nicht und ersparte sich damit jede inhaltliche Diskussion.

Um die beiden Sätze von Thales und seine Stellung in der Philosophiegeschichte bewerten zu können, müssen wir zunächst zu klären versuchen, was Thales unter „archê" verstanden hat.

9.1 archê-Denken

9.1.0 In der lateinisch geprägten Philosophietradition wird archê gewöhnlich als „Prinzip" übersetzt, aber dieses Wort hat eine so lange und komplizierte Bedeutungsgeschichte, dass mit unserem heutigen Verständnis von „Prinzip", die Aussage „Wasser ist das Prinzip" überhaupt keinen Sinn macht.

Bei Hegel finden wir „archê" in mehrfacher Bedeutung: „Es ist das absolute Prius.", „das Absolute oder, wie die Alten sagten, das Prinzip...", „Urwesen", „ein Erstes, woraus das Andere hervorgehe..." Alle diese Bedeutungen werden von Hegel unterschiedslos und nebeneinander gebraucht.

Das Grimm‘sche Wörterbuch führt zwar noch die Bedeutung „Grundursache" neben „Grundregel" und „Grundsatz" an, aber die Textbeispiele, die dann angeführt werden, belegen „Prinzip" nur aus dem menschlich-ethischen Bereich. Menschen haben Prinzipien oder auch nicht, wie aber kann Wasser ein „Prinzip" sein?

9.1.1 archê bei Aristoteles: Aristoteles gibt uns im 5. Buch seiner „Metaphysik" eine ausführliche Darstellung, was in der griechischen Tradition unter dem Begriff „archê" zu verstehen sei:

„(1.) archê wird erstens das bei einer Sache genannt, von woher einer zuerst eine Bewegung beginnt; z.B. bei der Linie und dem Weg ist von der einen Seite dies, von der entgegengesetzten das andere archê. (2.) Ferner heißt archê dasjenige, von dem aus etwas am besten entstehen kann: So muss man z. B. beim Unterricht oft nicht vom Ersten und vom archê der Sache ausgehen, sondern von wo aus man am leichtesten lernen kann. (3.) Ferner heißt archê der immanente Teil, von welchem zuerst die Entstehung ausgeht; z.B. wie bei dem Schiff der Kiel oder bei dem Haus der Grund archê in diesem Sinne ist, so nehmen bei den Tieren einige das Gehirn, andere das Herz, andere irgendeinen anderen Teil dafür. (4.) Dann dasjenige, von welchem als nicht immanenten Teil die Entstehung eines Dinges anfängt und von welchem, dem natürlichen Verlauf gemäß, die Bewegung und Veränderung zuerst beginnt; so entsteht das Kind von Vater und Mutter, die Schlacht aus dem Streit. (5.) Ferner heißt archê dasjenige, nach dessen Entschlusse das Bewegte sich bewegt und das Sich-Verändernde sich verändert; in diesem Sinne werden die Ämter in den Staaten und die Regierungen der Herrscher, Könige und Tyrannen archai ... genannt, und (6.) auch die Künste und unter ihnen am meisten diejenigen, welche für andere Künste Anleitung geben. (7.) Ferner dasjenige, wovon man in der Erkenntnis des Gegenstandes ausgeht, denn auch dies wird archê des Gegenstandes genannt; z.B. die Voraussetzungen (Prämissen) der Beweise. (b) In gleich vielen Bedeutungen wird auch der Begriff Ursache gebraucht; denn alle Ursachen sind archai. (c) Allgemeines Merkmal der archai in allen Bedeutungen ist, dass es ein Erstes ist, wovon her etwas ist, wird oder erkannt wird."

9.1.2 Zur besseren Übersicht habe ich die Aussagen des Aristoteles nach Wirklichkeitsbereichen geordnet und in der folgenden Tabelle dargestellt.

 

Was bezeichnet Aristoteles als „archê"?

(geordnet nach Wirklichkeitsbereichen)

 

Sache

archê der Sache

Bedeutung von archê

Wirklichkeits-
bereich

Zeit-
verhältnis archê - Sache

inneres Verhältnis archê - Sache

Original- zählung

Kind

Eltern

Ursprung

natürliche, biologische Umwelt

früher

intern (Familie)

extern (Individuum)

4.a

Tier

Embryoorgan
(Herz, Hirn u.a.)

Ursprung

natürliche, biologische Umwelt

früher

intern

3.c

Staat

Amt, Herrscher
(Regierungsgewalt)

Ausgangspunkt

soziale Umwelt

früher

intern
(Gesellschaft)

extern (Individuum)

5.

Weg

Ausgangspunkt

Ausgangspunkt

natürliche, physikalische Umwelt

früher

intern

1.b

Schiffsbau,
Hausbau

Kiel,
Fundament

Anfangspunkt

handwerkliche menschl. Tätigkeit

früher

intern

3.a, b.

Schlacht

Streit

Ausgangspunkt

soziale Umwelt

früher

intern
(Gesellschaft)

extern (Gegner)

4.b

Kunst

?

?

soziale Umwelt

früher

intern
(Gesellschaft)

extern (Berater-Beratene)

6.

Unterrichtsthema

Einstieg

Ausgangspunkt

geistige, menschliche Tätigkeit

früher

intern

2.

Linie

 

Anfangspunkt

Ausgangspunkt

 

Mathematik

 

 

intern

1.a

Erkenntnis

Prämisse, Voraussetzung

Ausgangspunkt

geistige Tätigkeit, Logik

früher (!)

intern

7.a

 

Wenn man davon ausgeht, dass der Begriff „archê" innerhalb der natürlichen Umwelt früher verwendet wurde, bevor er auf die soziale Umwelt des Menschen und dann auf die Gedankenwelt metaphorisch übertragen wurde, kann man die Reihenfolge der Tabelle von oben nach unten auch als zeitliche Folge der Bedeutungsgeschichte des Wortes archê lesen, wobei durch Übertragung in immer neue Wirklichkeitsbereich immer neue und zusätzliche Bedeutungen des Wortes geschaffen worden sind. Wahrscheinlich ist, dass das Wort „archê" zuerst im biologisch-natürlichen Bereich verwendet wurde: Die Eltern sind hier die archê des Kindes, nach griechischer Vorstellung war ein Embryoorgan (das Herz oder das Hirn) die archê eines Tieres. In diesem Bereich bedeutet archê nicht nur der Beginn, sondern eigenschöpferischer Ursprung einer Sache. Übertragen auf den sozialen Bereich ist die Regierungsgewalt eines Staatengründers die alles bestimmende archê einer politischen Gemeinschaft, also nicht nur der Ausgangspunkt eines Staates, sondern auch der Wille, der die politischen Geschicke des Staates weiter steuert und dominiert.

Beim Weg und seinem Ausgangspunkt ist archê auf einen beliebigen Beginn verengt, der von beiden Enden beginnen kann. Wird der Weg abstrahiert zur Linie, dann sind die beiden Anfangspunkte die archê dieser Linie. Auch hier gibt es nicht einen, sondern zwei archê einer Sache. Metaphorisch übertragen auf den handwerklichen Bereich ist das Fundament die archê eines Gebäudes und der Kiel die archê eines Bootes. Eine letzte Abstraktionsstufe bedeutet die Anwendung von archê in der Gedankenwelt des Menschen: Prämisse als Voraussetzung oder archê einer Erkenntnis.

Als allen archê gemeinsam hob Aristoteles hervor, dass die archê ein Früheres ist gegenüber dem Folgenden: „Allgemeines Merkmal der archai in allen Bedeutungen ist, dass es ein Erstes ist, wovon her etwas ist, wird oder erkannt wird." In dieser Subsummierung gehen allerdings wichtige, und vielleicht die frühesten Bedeutungsmerkmale von archê verloren: dass die archê eine Sache im wesentlichen von innen heraus hervorbringt und dass archê die Sache (als Stammvater oder als Regierender) auch nach dieser Schöpfung noch bestimmt und dominiert.

 

9.1.3 Als vorläufiges Resultat halte ich fest:

Erstens: archê-Denken ist landwirtschaftlich-biologistisch: Die verändernden Kräfte liegen innerhalb einer Sache. In diesem Sinn hat der Satz: „Das Wasser ist archê der Welt" die Bedeutung, dass aus Wasser „alles entstanden ist" wie „alle Lebewesen aus nassem Samen entstanden sind". Alles ist aus Wasser als seinem innerem Wesen entsprungen, nicht durch eine Schöpfertat von außen.

Hier liegt auch der Zusammenhang zu dem anderen Satz von Thales, „alles sei voll von Göttern". Das frühe landwirtschaftlich-biologistisch geprägte Denken der Menschen verlegte alle schöpferische Kraft in die Natur und die Dinge selbst. „Alles ist voll von Göttern" heißt so viel wie: Allen Dingen wohnt eine verändernde Kraft inne oder - wie man sich später ausdrückte - eine „Seele". Laut Aristoteles sagte Thales auch, „der Magnetstein habe eine Seele, weil er das Eisen bewege." Zweitens: archê-Denken ist aristokratisch-genealogisch: Die Herkunft oder Abstammung einer Sache bestimmt ihr Wesen. archê-Denken fragt gewissermaßen nach dem „Stammvater" oder der Abstammung eines Dinges oder Menschen. In diesem Sinn sagt der Thales’sche Satz über das Wasser als archê, dass Wasser von allem das Lebenselement ist, „durch das alles lebt", weil Wasser „die Nahrung aller Lebewesen feucht (oder wasserartig) ist".

In der aristokratisch-genealogischen Denktradition haben aber alle gemeinsame Abkömmlinge dasselbe Wesen wie ihr Stammvater. Auch Aristoteles steht in dieser Tradition, wenn er sagt: „Auch ist anzunehmen, dass die Söhne besserer Väter besser sind. Denn der Adel ist eine Tugend des Geschlechts." Wenn aber alle Abkömmlinge einer Sache dasselbe Wesen haben, dann gibt es eigentlich keine Änderung, keinen Wandel. Es ist eine konservativ-statische Weltsicht. Das hat schon Aristoteles erkannt und kritisiert, der nicht nur über Thales sondern die griechischen Naturphilosophen insgesamt urteilt: „Darum nehmen sie auch kein Entstehen und Vergehen an, indem ja diese Wesenheit stets beharre." Und Hegel, für den „Form" gleich Vielfalt bedeutete, monierte: „Dem Thales'schen Wasser fehlt die Form."

Drittens: archê-Denken ist patriarchalisch: Das Ältere, Frühere dominiert das Spätere und Jüngere, wie die Eltern das Kind dominieren und der Herrscher einen Staat. Nach Aristoteles soll diese Denktradition, die das Wasser als archê der Welt ansah, auch die Götter, die Menschen und Welt beherrschen, zu Nachfahren des Wassers erklärt haben.

Dass uns heute der Satz von Thales: „Das Wasser ist archê" nichts mehr sagt, liegt daran, dass wir in anderen Denkkategorien zu denken gewohnt sind. Wir sind nicht mehr gewohnt bei einem Sachverhalt das Wesentliche in seiner Vergangenheit zu suchen, sondern suchen das Wesen einer Sache in ihren gegenwärtigen Eigenschaften. Und die Kräfte der Veränderung einer Sache suchen wir nicht unbedingt innerhalb dieser Sache, sondern außerhalb und nennen das dann „Ursache".

Allerdings enthält auch das deutsche Wort mit der Vorsilbe „Ur-" als „historischer Anlass einer Sache" noch Aspekte des griechischen „archê". Aber das Ursachendenken ist doch etwas wesentlich Neues und es hatte schon in der Zeit des Thales das „archê-Denken" zu überlagern und abzulösen begonnen. Aristoteles beendete seine Darstellung des archê-Denkens mit der Feststellung: „Alle Ursachen sind archê". Er setzte also den Begriff „Ursache" als bekannt und üblich voraus, so dass er damit den altertümlichen Begriff „archê" erläutern konnte.

Haben wir erst die aristotelische Vorstellung von „Ursache" näher erläutert, dann werden die Unterschiede zum archê-Denken noch deutlicher.

 

9.2 Das Ursachendenken

 

9.2.1 „Ursache" bei Aristoteles

Aristoteles beschreibt die Bedeutungen von „Ursache" wie folgt:

„Ursache wird (1.) in einer Bedeutung der immanente Stoff genannt, woraus etwas wird; so ist das Erz der Bildsäule, das Silber der Schale Ursache ... ; (2.) in einer anderen Bedeutung heißt Ursache die Form und das Musterbild ... z.B. Ursache der Oktave das Verhältnis von Zwei zu Eins und allgemeiner die Zahl, wie auch die in dem Begriff enthaltenen Bestandteile. (3.) Ferner heißt Ursache dasjenige, wovon her die Veränderung oder die Ruhe ihren ersten Anfang nimmt; so ist z.B. der Beratende Ursache, oder der Vater Ursache des Kindes, und überhaupt das Hervorbringende Ursache des Hervorgebrachten, das Verändernde Ursache des Veränderten. (4.) Ferner heißt etwas Ursache als Zweck, d.h. als dasjenige, worum willen etwas geschieht; in diesem Sinne ist die Gesundheit Ursache des Spazierengehens. Denn auf die Frage, weshalb jemand spazierengeht, antworten wir: um gesund zu werden, und glauben mit dieser Antwort die Ursache angegeben zu haben. ... In so vielen Bedeutungen werden ungefähr die Ursachen genannt. Da sie in mehreren Bedeutungen vorliegen, ergibt sich, dass dasselbe Ding mehrere Ursachen haben kann... So ist z.B. von der Bildsäule sowohl die Bildnerkunst als auch das Erz Ursache, ... das eine als Stoff, das andere als Ursprung der Bewegung... Alle bisher erwähnten Bedeutungen von Ursachen fallen sehr deutlich unter vier Hauptklassen. Denn die Buchstaben sind Ursachen für die Silben, der Stoff für das daraus Gefertigte, ... insofern sie das sind, woraus etwas wird... Der Same aber und der Arzt und der Beratende und überhaupt das Hervorbringende, diese alle sind Ursache in dem Sinne, dass von ihnen der Anfang der Bewegung oder der Ruhe ausgeht. Anderes endlich ist Ursache als der Zweck für das Übrige und als das Gute, denn dasjenige, worum willen etwas geschieht, soll ... der Zweck des übrigen sein. Ursachen sind also diese und so viele der Art nach."

Teilweise überschneidet sich diese Beschreibung von „Ursache" noch mit der Darstellung des Begriffs „archê". Das ist mindestens dort der Fall, wo Aristoteles gleichartige Beispiele wählt: Der Vater wird als Ursache des Kindes beschrieben, er könnte aber auch als archê des Kindes gelten. Ebenso könnte das Verhältnis von Zwei zu Eins als archê der Oktave gelten, jedenfalls innerhalb der pythagoreischen Denktradition, die die Existenz von Zahlen und Zahlenverhältnissen als zeitlich früher gegenüber der Existenz von Tönen und anderen Sachverhalten ansah.

 

9.2.2 Was ist bei Aristoteles neu?

Spätestens mit seinem vierten Satz, der Einführung des Begriffes „Zweck" als Ursache, verlässt Aristoteles aber das archê-Denken, das das Frühere einer Sache als bestimmend gegenüber dem Späteren sah. Ein Zweck ist etwas Späteres, das erst noch erreicht werden soll. Sobald ein Zweck als Ursache angesehen wird, haben wir den Bereich der natürlich-biologischen Umwelt verlassen und befinden uns im Bereich des menschlichen Handelns, genauer innerhalb der Sphäre der handwerklich-technischen Arbeit.

Wo Aristoteles über das Denken in der archê-Kategorie hinausgeht, hat er die menschliche Arbeitssphäre vor Augen, also einen vierfachen Komplex von handelndem Arbeiter (Person), Material (Stoff), Mittel (Werkzeug) und Zweck (Plan). Vergleiche folgende Tabelle:

Tabelle: Was nach Aristoteles als Ursache zusammenwirkt:

 

Erzeuger (Produzent)

als „Auslöser von Bewegung und Ruhe"

Zweck (Plan)

als Ziel

Stoff (Material)

als Mittel

Instrument (Werkzeug)

als Mittel

   

Buchstaben als Material der Silben

 
   

Material eines Produkts

 
   

Stoff eines Körpers

 

Arzt

Gesundheit des Patienten

 

ärztliche Mittel und Werkzeuge

Ratgeber

     

Philosoph

Gesundheit

 

Spazierengehen

 

„Ursache" erklärt laut Aristoteles eine eintretende Veränderung. Im biologistischen Denken liegt der Anstoß der Veränderung wesentlich innerhalb einer Sache. Im handwerklich-technischen Denken liegt sie außerhalb der Sache, die jetzt zum Objekt wird: „Ich meine z. B. so: Das Holz und das Erz sind nicht die Ursache dafür, dass sich jedes von beiden verändert, und nicht das Holz macht ein Bett oder das Erz eine Bildsäule (aus sich selbst), sondern etwas anderes ist Ursache der Veränderung. Diese Ursache nun suchen heißt das ... suchen, ... wovon der Anfang der Bewegung kommt." Dieser „anfängliche Anstoß zu Wandel oder Beharrung" kommt im handwerklich-technischen Denken im wesentlichen von einer handelnden bzw. arbeitenden Person. Diese menschliche Person, der einzelarbeitende Handwerker, hat ein Ziel oder einen Zweck vor Augen, nach dem er das Material bildet, das Holz zu einem Bett und das Erz zu einer Bildsäule umformt. Die geistige Vorwegnahme des künftigen Arbeitsergebnisses im Plan wird zum Zweck der Arbeit, das Material wird zum Mittel wie die Instrumente, die in der Arbeit eingesetzt werden. Für den Philosophen wird der Wunsch nach Gesundheit zum Zweck, den er durch Spazierengehen als Mittel erreicht, weil er nicht mehr körperlich arbeitet und sich daher anderweitige körperliche Bewegung verschaffen muss. Auch wo Aristoteles seine Beispiele nicht aus dem handwerklich-technischen Bereich sondern allgemein aus dem menschlichen Verhalten wählt, geht es ihm wesentlich immer um zweckbestimmtes Verhalten und daher bleibt sein Denkmuster das des Arbeitszusammenhanges eines einzelarbeitenden Handwerkers oder Künstlers. Bei der Darstellung der Philosophie des Aristoteles wird dieser Zusammenhang noch näher ausgeführt werden.

9.2.3 Vorläufiges Resultat: Das archê-Denken sah die verändernde Ursache einerseits im Früheren, andererseits in den Dingen selbst. Das aristotelische Ursachendenken legt erstens die verändernden Kräfte nicht in die Sache, sondern außerhalb der Sache in ein handelndes Subjekt, die Sache wird zum behandelten Objekt. Dieses Denken ist handwerklich-technologisch.

Zweitens wird die bestimmende Ursache einer Veränderung nicht mehr in der Vergangenheit gesucht, sondern das Handeln des tätigen Menschen ist zweckbestimmt, also zukunftsbestimmt. Das planende Denken, der Schöpfergeist, dominiert den Stoff, die Materie, denn der Stoff bleibt in der Form von Material und in der Form von Werkzeug oder Instrument dem gedachten und geplanten Zweck untergeordnet. Material und Instrument sind nur Mittel zum Zweck, der Zweck ist das Bestimmende. Daher ist das aristotelische Ursachendenken idealistisch.

Der zweckbestimmte Zusammenhang eines Einzelarbeiters oder Künstlers bildet als Ursachenzusammenhang die „materielle" Basis des aristotelischen Idealismus und aller nachfolgenden Welterklärung einschließlich der Philosophie eines Hegel. Die handwerkliche Schöpfung eines Kunstwerks oder die Herstellung eines Gegenstandes wird auf die Welt als Ganzes übertragen. Hinter den Veränderungen der Natur wird ein göttlicher Schöpfergeist gesehen, der die Natur so einrichtet, wie der Mensch ein Haus oder eine Stadt einrichtet. Die Natur ist in dieser technologischen Weltsicht nur noch Objekt des schaffenden Menschen, bzw. das Objekt eines davon abstrahierten Schöpfergottes, und nicht mehr selbst Quelle von Veränderung.

Erst dadurch, dass die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften die Kluft zwischen Biologie und Chemie mit ihren Veränderungen als interne Faktoren auf der einen Seite und Mechanik oder Physik mit ihren Veränderungen als externe Faktoren überbrückten, wurde entdeckt, dass die Ursachen von Veränderungen immer ein Zusammenwirken von internen und externen Faktoren ist.

Nach Darwin wirkt zum Beispiel die Vererbung als interner Faktor auf der Grundlage der Umweltbedingungen als externer Faktor. Oder Veränderungen im atomaren Bereich entstehen aufgrund von internen Atomstrukturen im Zusammenwirken mit bestimmten externen Bedingungen (z.B. Energiezufuhr). Erst auf der Basis moderner Erkenntnisse wurde dieser Jahrtausende lange Dualismus im menschlichen Denken von „materialistisch-inneren" und „idealistisch-externen" Ursachen überwindbar und eine Verschmelzung von biologistischem archê-Denken und handwerklich-technologischem Ursachendenken ermöglicht.

 

9.3 Denkweise und Mythologie

Dass diese beiden Denkweisen keine griechische Entdeckung sind, sondern viel länger in die Geschichte des menschlichen Denkens zurück reichen, beweisen die gegensätzlichen Kosmogonien, die von den großen Kulturkreisen hervorgebracht worden sind und die sich teils als biologistisch und teils als handwerklich-technologisch beschreiben lassen.

9.3.1 Mythos der sich selbst schaffenden Natur: So überlieferten die Phönizier: „Der Anfang der Dinge war ein Chaos, in welchem die Elemente unentwickelt untereinander lagen, und ein Luftgeist. Dieser schwängerte das Chaos und erzeugte mit ihm einen schleimigen Stoff, Mot, der die lebendigen Kräfte und Samen der Tiere in sich enthielt. Durch die Vermischung des Mot mit der Materie des Chaos und die daraus entstandene Gärung trennten sich die Elemente. Die Feuerteile stiegen in die Höhe und bildeten die Gestirne. Durch den Einfluss dieser auf die Luft wurden die Wolken erzeugt. Die Erde ward fruchtbar. Aus der durch das Mot in Fäulnis übergegangenen Mischung von Wasser und Erde entstanden die Tiere, unvollkommen und ohne Sinne. Diese erzeugten wieder andere Tiere, vollkommener und mit Sinnen begabt. Die Erschütterung des Donners beim Gewitter war es, welche die ersten Tiere, die in ihren Samenhüllen schliefen, zum Leben erwachen ließ."

Hier wird die Entstehung der Welt nur aus inneren Ursachen, ohne Zutun eines Schöpfergeistes geschildert.

9.3.2 Mischformen von Selbstschöpfung mit menschenähnlicher Beteiligung: Der folgende chinesische Mythos beteiligt zwar schon eine menschenähnliche Person an der Entstehung der Welt, aber noch ganz ohne technologische Mittel: „Vor langer, langer Zeit waren Himmel und Erde eins, das Universum war ein großes, schwarzes Chaos und sah wie ein riesiges Ei aus, in dem der Riese Pan Gu ruhte. Ohne jegliche Bewegung schlummerte er immerfort. Nach etwa 18000 Jahren erwachte Pan Gu aus seinem Schlaf. Nichts anderes sah er vor sich als Finsternis.... Allmählich wurde er unmutig, ja sogar ärgerlich. So tat er seine Hände auf, schwenkte seine eisernen Arme und holte zu einem wuchtigen Schlag aus. Mit einem Krach zerbarst das Ei! Das finstere Chaos, das mehrere hunderttausend Jahre lang bewegungslos war, wurde nun umgerührt. Die leichten, hellen Teile stiegen auf, breiteten sich aus und wurden allmählich zum blauen Himmel; die trüben, dunklen sanken in die Tiefe, häuften sich immer mehr auf und bildeten die Erde. Pan Gu stand in der Mitte dazwischen und holte tief Atem ... Himmel und Erde waren nun geteilt, aber Pan Gu fürchtete, sie könnten sich wieder zusammenschließen so stützte er mit seinen Händen den Himmel, während seine Füße auf der Erde ruhten. Außerdem wuchs er mächtig - um ein ganzes Klafter am Tag. Dementsprechend entfernten sich Himmel und Erde auch mit jedem Tag um dieses Maß mehr voneinander. So vergingen weitere 18000 Jahre. Der Himmel wurde höher und höher, die Erde dichter und dichter und Pan Gu wurde immer länger und länger. Welche Größe erreichte nun Pan Gu wirklich? Er wurde 90 000 Meilen lang. Er war ein Riese, der zum Himmel ragte. Durch Pan Gu wurden Himmel und Erde geteilt... aber dabei verbrauchte Pan Gu all seine Kräfte und verstarb aus Erschöpfung bald darauf. ... Aber bevor er starb, geschahen erstaunliche Dinge mit ihm: Sein Atem wurde zu Frühlingswinden, die die Lebewesen wachsen ließen, und brachte Gewölk hervor; seine Stimme verwandelte sich in rollenden Donner. Sein linkes Auge wurde zur strahlenden Sonne, das rechte Auge zu einem prächtigen Mond. Aus seinem Haar und Bart entwuchsen unzählige Sterne am Himmel. Seine Glieder und sein Leib verwandelten sich in die vier Pole - Ost, Süd, West und Nord - und in die fünf hoch in die Wolken ragenden heiligen Berge Chinas. Aus seinem Blut bildeten sich brausende Gewässer, aus seinen Adern Straßen und Wege, die sich miteinander verbanden und in alle Himmelsrichtungen führten. Seine Muskeln wurden zu fruchtbarem Ackerland, seine Zähne, sein Skelett und Knochenmark zu weißer Jade und unerschöpflichen Bodenschätzen. Aus seiner Körperbehaarung wurden Pflanzen, die überall auf der Erde wuchsen, sein Schweiß wurde zu Regen und Tau, die alle Dinge befeuchten."

Einen ähnlichen Mythos haben wir von dem Chaldäer Berosos. Hier treten nicht nur menschenähnliche Personen auf, sondern sie verwenden auch schon Messer als Werkzeug: „Der ursprüngliche Gott sei Bel und die Göttin Omoroka (das Meer)... Bel schnitt die Omoroka mitten durch, um aus ihren Teilen den Himmel und die Erde zu bilden. Hierauf schnitt er sich selbst den Kopf ab, und aus den Tropfen seines göttlichen Blutes entstand das Menschengeschlecht. Nach Schöpfung der Menschen verscheuchte Bel die Finsternis, schied Himmel und Erde und formte die Welt zu ihrer natürlichen Gestalt...."

9.3.3 Schöpfung durch einen Handwerkergott: In Schöpfungsmythen mit einem Handwerkergott - oder einer Handwerkergöttin, der/die mit Werkzeugen und nach Plan schafft, haben wir dagegen das handwerklich-technologische Ursachendenken voll ausgebildet. In dieser Stufe tritt auch ein Gottes-Individuum als „Einzelproduzent" an die Stelle der traditionellen patriarchalischen Götterfamilie. Das zeigt folgender chinesische Mythos: „Nachdem Himmel und Erde geteilt waren, durchwanderte die Göttin Nüwa die Lande... Aber sie fühlte sich allein. ... Die Göttin überlegte kurz, bückte sich und begann, mit beiden Händen gelben Lehm zu kneten und nach ihrer eigenen Gestalt kleine Figuren zu formen, die äußerst klug und geschickt waren, aufrecht gingen und sprechen konnten. Nüwa war darüber so erfreut, dass sie weitere viele solcher Figuren formte, sowohl männliche als auch weibliche..."

Der biblische Schöpfungsmythos ist eine Zusammenstellung aus mehreren verschiedenen Kosmogonien, die teils einen einzelarbeitenden Handwerkergott bei der Arbeit beschreiben: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase", teils zeigen sie einen orientalischen Herrscher, der sich schon so weit über körperliche Arbeit und über seine Untertanen erhoben hat, dass er nur noch zu befehlen braucht, um etwas in Gang zu setzen: „Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so."

Auf dieser Stufe ist der Arbeitszusammenhang scheinbar verschwunden. Aber er verschwindet nur dadurch, dass hier die natürliche Einheit der geistigen und körperlichen Betätigung in der Arbeit, also die Einheit von Planung und Ausführung, auf verschiedene Personen aufgeteilt wurde. Diese künstliche Aufteilung oder Trennung in geistige und körperliche Arbeiter bedarf in jedem Fall wieder der Verbindung durch einen despotischen, befehlenden Willen auf der einen Seite und der gehorchenden Willenlosigkeit auf der anderen Seite.

 


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Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums. Eine Geschichte der griechischen Epik, Lyrik, Prosa bis zur Mitte des fünften Jahrhunders
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Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen. Die Vorsokratiker und ihre Voraussetzungen. Tübinger Vorlesungen Bd. I
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1441  Schirnding, A.v.
Am Anfang war das Staunen. Über den Ursprung der Philosophie bei den Griechen
München (Kösel) 1978
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