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PLATONS STAAT

ALS EINFÜHRUNG IN VOLKS-WIRTSCHAFTLICHE GRUNDBEGRIFFE

10. Wohlstand und Luxus: Die prosperierende Gesellschaft

Einleitung | Bedarf | Arbeitsteilung | Wachstum | Welthandel I | Welthandel II | Währung | Abschluss | Standard | Prosperität | Krieg | Schema
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Volkswirtschaftliche Begriffe
Luxus, Wohlstand, Prosperität, Überversorgung, Sättigung, Reichtum, Wirtschaftsboom, Krise

 

372e2-373d3: Der Luxus-Staat: πόλις τρυφῶσα  (φλεγμαίνουσα)
Εἶεν, ἦν δ' ἐγώ· μανθάνω. οὐ πόλιν, ὡς ἔοικε, σκοποῦμεν μόνον ὅπως γίγνεται, ἀλλὰ καὶ τρυφῶσαν πόλιν. ἴσως οὖν οὐδὲ κακῶς ἔχει· σκοποῦντες γὰρ καὶ τοιαύτην τάχ' ἂν κατίδοιμεν τήν τε δικαιοσύνην καὶ ἀδικίαν ὅπῃ ποτὲ ταῖς πόλεσιν ἐμφύονται. ἡ μὲν οὖν ἀληθινὴ πόλις δοκεῖ μοι εἶναι ἣν διεληλύθαμεν, ὥσπερ ὑγιής τις· εἰ δ' αὖ βούλεσθε, καὶ φλεγμαίνουσαν πόλιν θεωρήσωμεν· οὐδὲν ἀποκωλύει. ταῦτα γὰρ δή τισιν, ὡς δοκεῖ, οὐκ ἐξαρκέσει, οὐδὲ αὕτη ἡ δίαιτα, ἀλλὰ κλῖναί τε προσέσονται καὶ τράπεζαι καὶ τἆλλα σκεύη, καὶ ὄψα δὴ καὶ μύρα καὶ θυμιάματα καὶ ἑταῖραι καὶ πέμματα, καὶ ἕκαστα τούτων παντοδαπά. καὶ δὴ καὶ ἃ τὸ πρῶτον ἐλέγομεν οὐκέτι τἀναγκαῖα θετέον, οἰκίας τε καὶ ἱμάτια καὶ ὑποδήματα, ἀλλὰ τήν τε ζωγραφίαν κινητέον καὶ τὴν ποικιλίαν, καὶ χρυσὸν καὶ ἐλέφαντα καὶ πάντα τὰ τοιαῦτα κτητέον. ἦ γάρ;
(b) Ναί, ἔφη.
Οὐκοῦν μείζονά τε αὖ τὴν πόλιν δεῖ ποιεῖν· ἐκείνη γὰρ ἡ ὑγιεινὴ οὐκέτι ἱκανή, ἀλλ' ἤδη ὄγκου ἐμπληστέα καὶ πλήθους, ἃ οὐκέτι τοῦ ἀναγκαίου ἕνεκά ἐστιν ἐν ταῖς πόλεσιν, οἷον οἵ τε θηρευταὶ πάντες οἵ τε μιμηταί, πολλοὶ μὲν οἱ περὶ τὰ σχήματά τε καὶ χρώματα, πολλοὶ δὲ οἱ περὶ μουσικήν, ποιηταί τε καὶ τούτων ὑπηρέται, ῥαψῳδοί, ὑποκριταί, χορευταί, ἐργολάβοι, σκευῶν τε παντοδαπῶν δημιουργοί, τῶν τε ἄλλων (2) καὶ τῶν περὶ τὸν γυναικεῖον κόσμον. καὶ δὴ καὶ διακόνων πλειόνων δεησόμεθα· ἢ οὐ δοκεῖ δεήσειν παιδαγωγῶν, τιτθῶν, τροφῶν, κομμωτριῶν, κουρέων, καὶ αὖ ὀψοποιῶν τε καὶ μαγείρων; ἔτι δὲ καὶ συβωτῶν προσδεησόμεθα· τοῦτο γὰρ ἡμῖν ἐν τῇ προτέρᾳ πόλει οὐκ ἐνῆν - ἔδει γὰρ οὐδέν - ἐν δὲ ταύτῃ καὶ τούτου προσδεήσει. δεήσει δὲ καὶ τῶν ἄλλων βοσκημάτων παμπόλλων, εἴ τις αὐτὰ ἔδεται· ἦ γάρ;
Πῶς γὰρ οὔ;
(d) Οὐκοῦν καὶ ἰατρῶν ἐν χρείαις ἐσόμεθα πολὺ μᾶλλον οὕτω διαιτώμενοι ἢ ὡς τὸ πρότερον;
Πολύ γε.

 Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass Wirtschaftsentwicklung in Zyklen verläuft, einem Aufschwung ein Abschwung folgt  und der Kreislauf von vorn beginnt. Platon lässt seinen Staat linear wachsen, so dass sich die Frage nach dem τέλος viel zwingender stellt. Die Entwicklung läuft über die notwendige Deckung der Grundbedürfnisse hinaus zu Wohlstand und Luxus.

Es ist erstaunlich, wie wenig man heute unter den Begriffen "Luxus, Wohlstand, Überversorgung, Reichtum" in volkswirtschaftlichen Büchern findet. Das scheinen Größen zu sein, die man in der realen Wirtschaft kaum vorfindet oder kaum wahrhaben will. In der Tat hört das Wirtschaften ja auch da auf, wo man, weil man aus dem Vollen schöpfen kann, nicht mehr wirtschaften muss.

Platons Text lässt hinreichend deutlich erkennen, dass sich diese Entwicklung einerseits zwangläufig und schleichend aus der prinzipiellen Unersättlichkeit menschlicher Bedürfnisse ergibt, andererseits an einem bestimmten, aber nicht genau definierbaren Punkt die Gefahr lauert, ein gesundes Maß (μεσότης, ἐγκράτεια, σωφροσύνη) zu überschreiten, weil der Preis, den man für weiteres Wachstum zahlen muss, zu hoch wird.

Eine plausible Erklärung (wenn nicht eher eine Ausrede) für die theoretische Enthaltsamkeit mag darin liegen, dass wir uns den Wirtschaftsprozess zyklisch denken und dass sich Wohlstand nicht in Zahlen messen lässt, sondern ebenso wie Bedürfnis eine psychische Befindlichkeit ausdrückt. Ansonsten ist Wohlstand immer das erklärte (kaum hinterfragte) Ziel aller wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Aktivitäten; Wohlstandstheorien wollen den Weg zum Wohlstand zeigen. Restriktive ethische Implikationen, wie sie bei Platon, heute vielleicht in der Ökologiediskussion und im Zusammenhang mit einem "planetarischen" Verantwortungsbewusstsein auftreten, sind dem Begriff eigentlich fremd.

Was bei Platons Darstellung überzeugt, ist einmal die Klarheit, mit der er den Schritt in die Wohlstandsgesellschaft als eine freie Entscheidung darstellt. Eigentlich ist die Produktpalette der Luxusgüter nicht erforderlich; zum anderen die Zwangsläufigkeit, mit der diese Entscheidung ihren Preis fordert: Wer Strom aus der Dose will, muss akzeptieren, dass sich eine Technik und eine Industrie der Stromerzeugung etabliert.

Kehren wir zu unseren Konjunkturzyklen zurück: Bedarfsdeckung, Sättigung, Wohlstand und Prosperität sind für die Volkswirtschaftslehre nur im Rahmen der Konjunkturentwicklung eine krisenhafte Erscheinung: Der Weg zur Prosperität ist von einer starken Erhöhung der Nachfrage begleitet, die eine hohe Investitionstätigkeit der Unternehmen zur Folge hat. Die Produktionssteigerung aus diesen Investitionen erfolgt häufig zeitverzögert erst, wenn bereits eine gewisse Bedarfssättigung eingetreten ist, so dass die Konjunkturkurve drehen und eine Rezession beginnen kann.

Rose - Gäfgen, Sp. 1653
Der Aufschwung oder die Prosperität ist gekennzeichnet durch steigende Investitionstätigkeit, die ihrerseits eine Mehrbeschäftigung von Arbeitskräften zur Folge hat und eine Erhöhung auch der Konsumgüternachfrage bewirkt. Solange noch brachliegende Kapazitäten vorhanden sind, kann die Produktion der Nachfrageerhöhung folgen. Die Preise bleiben folglich konstant. Man bezeichnet diese erste Phase des Aufschwungs als Mengenkonjunktur. Die Mengenkonjunktur schlägt in die Preiskonjunktur um, wenn alle Produktionsfaktoren vollbeschäftigt sind. Das Angebot kann dann nicht mehr wesentlich erhöht werden, so dass die Preise steigen.
Die Krise, auch Zusammenbruch oder Stockung genannt, ist vor allem bedingt durch Überinvestition in der Kapitalgüterindustrie. Die wachsende Nachfrage des Aufschwungs verführt dazu, mit einer weiteren Beschleunigung der Nachfrage auch in der Zukunft zu rechnen, so dass die Investition über den langfristigen Bedarf hinaus erhöht wird. Verstärkend kommt hinzu, dass der lange Zeitraum zwischen Beginn und Beendigung der Investition (z.B. Bau von Produktionsanlagen) auch dann noch einen  Mangel an Kapitalgütern vortäuscht, wenn dieser aufgrund der begonnenen Investitionsvorhaben objektiv schon nicht mehr vorhanden ist.

Interessant ist auch die Frage, inwieweit Platons theoretisches Modell in diesem Punkt ein Stück Wirklichkeit gesellschaftlicher Entwicklung des 4. Jh. v. Chr. in Griechenland beschreibt.

C. Höcker, Griechische Antike, Köln (DuMont) 1999, S. 111ff. (Hervorhebungen vom Webmaster)
Der Kollektivismus der demokratischen Gesellschaften des 5. Jh. v. Chr. mit dem typischen Verzicht auf individuelle Repräsentation wurde nun abgelöst von personengebundenen Wohlstandsdemonstrationen: Lange Zeit verpönte Luxusgegenstände, großzügige Hausanlagen mit großen Räumen und prächtiger Ausstattung wie z. B. dekorativen Malereien, Mosaiken, Bädern und Heizungen kamen in Mode. Das Haus selbst, noch im 5. Jh. von bescheidener, funktionaler Gestalt, gewann zu Repräsentationszwecken an Bedeutung. Öffentlichkeit fand nun daheim statt, etwa beim Symposion im aufwendig eingerichteten, zugleich vom "Privat-Trakt" des Hauses strikt geschiedenen ándron. [...] Die Individualisierung der griechischen Polis-Gesellschaft zu Beginn des 4. Jh. v. Chr. schlägt sich unmittelbar im Hausbau nieder. Nun wird das Haus immer mehr zum Prestigeobjekt, das mittels seiner baulichen Gestaltung und seiner Einrichtung präzise Auskunft über Status und Vermögen seines Besitzers gibt. [...] Nicht selten weisen die Häuser nun nicht mehr nur ein ándron auf, sondern mehrere solcher klinenbestandenen Räume für Gelage und Symposien. Immer luxuriöser wird auch die Ausstattung: Mosaikböden, Wandverkleidungen aus kostbarem Marmor oder Wandmalereien in Freskotechnik, Heizungen und Bäder finden sich seit dem 4. Jh. v. Chr. als fester Bestandteil in Häusern [...]

 

(e) "Ach, ich verstehe!" sprach ich. " Wir betrachten nicht nur die Entstehung irgendeines, sondern die eines üppigen Staates. Vielleicht ist das gar nicht schlecht. Denn wenn wir diesen untersuchen, erkennen wir vielleicht, wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in den Staaten emporwachsen. Doch ist der wahre Staat, gleichsam der gesunde, nach meiner Meinung der, den wir eben dargelegt haben. Wenn ihr aber wollt, können wir auch den sich aufblähenden Staat betrachten; nichts hindert uns. (373a) Diese einfache Lebensart genügt offenbar vielen nicht, sondern da müssen Liegebetten her und Tische und andere Geräte, auch Zukost und Myrrhen und Weihrauch und Freundinnen und Kuchen und alles davon in mannigfacher Art. Und nicht mehr die Grundbedürfnisse, die wir anfangs feststellten, wie Haus und Gewand und Schuhwerk, gelten da, sondern auch die Malerei ist herbeizubringen und die Stickerei, auch Gold und Elfenbein und anderes solcher Art zu erwerben. Nicht?"
(b) "Ja!"
"Dann muss man den Staat wohl vergrößern; denn jener gesunde genügt nicht mehr, sondern er ist mit einer Masse von Leuten anzufüllen, die nicht mehr den notwendigen Bedürfnissen des Staates dienen; solcher Art sind die Jäger alle und die nachahmenden Künstler, wie es deren viele gibt, die sich um Formen und Farben, und viele, die sich um die Musenkunst bemühen, wie Dichter und deren Helfer, Rhapsoden und Schauspieler, Tänzer, Theaterdirektoren, Handwerker für allerlei Geräte, (c) besonders für den weiblichen Schmuck. Dazu brauchen wir aber noch viel mehr Hilfskräfte. Oder hältst du dann nicht Erzieher, Ammen, Wärterinnen, Zofen, Friseure, ferner Fleisch- und Mehlspeisköche für nötig? Aber auch Schweinehirten brauchen wir: so etwas gab es in unserem früheren Staate nicht; es war auch nicht notwendig; aber in diesem Staat wird man solches benötigen und dazu noch anderes Vieh aller Art, wenn es einer verzehren will. Nicht?"
"Unzweifelhaft!"
(d) "Dann werden wir auch wohl die Ärzte viel öfter brauchen bei einer solchen Lebensweise als früher?"
"Weitaus mehr!"
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Sententiae excerptae:
w44
Literatur:

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Einheit der Polis. Eine Studie über Platons Staat
Leiden/New York (Brill) 1988; Mnemos.Suppl.106, Leiden (Brill) 1988
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1561  Ballauff, T.
Idee der Paideia.. zu Plat.Höhlengleichnis u.Parmenides Lehrged
Bonn 1949
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1008  Balzert, M.
Das 'Trojanische Pferd der Moral'. Die Gyges-Geschichte bei Platon und Cicero.
in: AU 39, 3/1996, 49-68
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1017  Demandt, A.
Der Idealstaat. Die politischen Theorien der Antike
Köln 1993
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2280  Hoffmann, Ernst
Platon
Zürich, Artemis 1950
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579  Meyerhöfer, H.
Platons Politeia - Ciceros De re publica. Versuch eines Vergleichs
in: Anr 33/4,1987,218
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4480  Neumann, Peter
Die Rezeption von Platons Atlantis in der 'Utopia' des Thomas Morus
GRIN Verlag , 1,2011
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2332  Pöhlmann, R.v.
Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in der antiken Welt, I/II; 3. Aufl., durchges. u. um einen Anhang verm. v. Fr. Oertel. I-II
München (Beck) 1912; 3/1925
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Salin, E. Zenons Politeia. Xenophons Kyrupädie. Theopompos' Meropis
in: Platon u.die griechische Utopie, München 1921
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4481  Schölderle, Thomas
Utopia und Utopie: Thomas Morus, die Geschichte der Utopie und die Kontroverse um ihren Begriff
Baden-Baden : Nomos, 1,2011
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2642  Unruh, Peter
Sokrates und die Pflicht zum Rechtsgehorsam, eine Analyse von Platons "Kriton"
Baden-Baden: Nomos (Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie 26) 2000
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