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8. Er (Nero)
war siebzehn Jahre alt. Sobald das Ableben des Claudius
offiziell verkündigt worden war, trat er zwischen der sechsten und
siebten Stunde aus dem Palast zu der wachhabenden Kohorte hinaus; weil nämlich
der ganze Tag ein Unglückstag war, erschien diese Stunde als der einzig
passende Moment der Machtergreifung - ; er wurde auf der Freitreppe des
Palastes als Kaiser begrüßt und ließ sich in einer Sänfte
ins Lager und, nachdem er dort in aller Eile die Garden zur Huldigung aufgefordert
hatte, zur Kurie tragen. Erst gegen Abend kehrte er zurück, überhäuft
mit Ehrenbezeigungen, von denen er nur eine, den Titel „Vater des Vaterlandes“,
seines Alters wegen abgelehnt hatte.
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(8,1) Septemdecim
natus annos, ut de Claudio palam factum est, inter horam sextam septimamque
processit ad excubitores, cum ob totius diei diritatem non aliud auspicandi
tempus accommodatius videretur; proque Palati gradibus
imperator consalutatus lectica in castra et inde raptim appellatis militibus
in curiam delatus est discessitque iam vesperi, ex immensis, quibus cumulabatur,
honoribus tantum patris patriae nomine recusato propter aetatem. |
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9. Den Anfang seiner Regierung machte
er zunächst mit der Schaustellung seiner Pietät, indem er den
Claudius
prachtvoll bestattete, ihm eine Lobrede hielt und ihn vergöttlichte.
Dem Gedächtnis seines Vaters Domitius
erwies er die größte Ehre. Seiner
Mutter überließ er die ganze Leitung der Staats- und häuslichen
Angelegenheiten. Auch gab er am ersten Tag seiner Regierung dem die Palastwache
kommandierenden Tribunen als Parole „Die beste Mutter!" und zeigte
sich in der Folge häufig mit ihr öffentlich in derselben Sänfte.
Nach Antium führte er eine
Kolonie zum Teil aus Veteranen der Garde und versetzte zugleich die reichsten
unter den Primipilaren dorthin, erbaute dort auch mit vielen Kosten einen
prachtvollen Hafen. |
(9,1) Orsus hinc a
pietatis ostentatione Claudium apparatissimo funere elatum laudavit et consecravit.
Memoriae Domiti patris honores maximos habuit. Matri summam omnium rerum
privatarum publicarumque permisit. Primo etiam imperii die signum excubanti
tribuno dedit "optimam matrem" ac deinceps eiusdem saepe lectica
per publicum simul vectus est. Antium coloniam deduxit ascriptis veteranis
e praetorio additisque per domicilii translationem ditissimis primipilarium;
ubi et portum operis sumptuosissimi fecit. |
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10. Um aber noch deutlicher zu beweisen,
wes Geistes Kind er sei, erklärte er öffentlich, dass er nach
den politischen Grundsätzen des Augustus
regieren werde, und ließ keine Gelegenheit unbenutzt, seine Freigebigkeit,
seine Milde, ja selbst seine Leutseligkeit ins Licht zu setzen. Allzu drückende
Steuern schaffte er teils ganz ab, teils verringerte er sie. Die Geldbelohnungen
für diejenigen, die eine Übertretung des Papischen Gesetzes anzeigten,
setzte er auf den vierten Teil herab. Unter das Volk verteilte er Mann für
Mann vierhundert Sesterze und setzte allen altadeligen, aber vermögenslosen
Senatoren jährliche Gehälter aus, die bei manchen sich auf fünfhunderttausend
Sesterze beliefen; gleicherweise bewilligte er den prätorianischen
Kohorten monatlich freies Brotkorn. |
(10,1) Atque ut certiorem
adhuc indolem ostenderet, ex Augusti praescripto imperaturum se professus,
neque liberalitatis neque clementiae, ne comitatis quidem exhibendae ullam
occasionem omisit. Graviora vectigalia aut abolevit aut minuit. Praemia
delatorum Papiae legis ad quartas redegit. Divisis populo viritim quadringenis
nummis senatorum nobilissimo cuique, sed a re familiari
destituto annua salaria et quibusdam quingena constituit item praetorianis
cohortibus frumentum menstruum gratuitum. |
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Als man ihn daran mahnte, unter ein Todesurteil,
wie herkömmlich, seine Unterschrift zu setzen, rief er aus: „Wie sehr
wünschte ich, nicht schreiben zu können!" Leute aus allen
Ständen grüßte er zuweilen, und zwar ohne Nomenklatur, mit
ihrem Namen. Den Senat, der ihm einmal eine Danksagung darbringen wollte,
wies er mit den Worten ab: „Wenn ich sie verdient haben werde!" Zu
seinen Leibesübungen auf dem Marsfeld gewährte er auch dem Volk
Zutritt, hielt auch öfters öffentliche Redeübungen und rezitierte
Gedichte, nicht nur bei sich zu Hause, sondern auch im Theater, und zwar
zu so großer Freude aller Anwesenden, dass ihm einmal wegen einer
solchen Rezitation ein Dankfest zuerkannt und die vorgelesenen Gedichtstücke
in goldener Schrift dem Jupiter Capitolinus geweiht wurden. |
(10,2) Et cum de supplicio cuiusdam
capite damnati, ut ex more subscriberet, admoneretur: "quam vellem,
" inquit, "nescire litteras". Omnes ordines subinde ac memoriter
salutavit. Agenti senatui gracias respondit: "Cum meruero". Ad
campestres exercitationes suas admisit et plebem declamavitque saepius publicae;
recitavit et carmina, non modo domi sed et in theatrum, tanta universorum
laetitia, ut ob recitationem supplicatio decreta sit eaque pars carminum
aureis litteris Iovi Capitolino dicata. |
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11. Schauspiele hat er sehr viele
verschiedenartige gegeben: Jugendspiele, Circusspiele, dramatische Vorstellungen
und ein Gladiatorenspiel. An den Jugendspielen ließ er selbst alte
Herren, die schon Konsuln gewesen, und alte Damen sich an der Aufführung
beteiligen. Für die Circusspiele gab er dem Ritterstand feste, abgesonderte
Sitzplätze, auch ließ er bei diesen Spielen Viergespanne von
Kamelen wettrennen. |
(11,1) Spectaculorum
plurima et varia genera edidit: iuvenales, circenses, scaenicos ludos,
gladiatorium munus. Iuvenalibus senes quoque consulares anusque matronas
recepit ad lusum. Circensibus loca equiti secreta a ceteris tribuit commisitque
etiam camelorum quadrigas. |
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An den für die ewige Dauer des Reiches veranstalteten
Spielen, die er „die größten" benannt wissen wollte, übernahmen
sehr viele Personen beiderlei Geschlechts aus den beiden Ständen Rollen
bei den Schauvorstellungen. Ein allbekannter römischer Ritter machte
auf dem Rücken eines Elefanten einen Ritt auf einem ausgespannten Seil.
Man spielte auch die Togata des Afranius,
die „Feuersbrunst" betitelt ist, und Nero
erlaubte den Schauspielern, den Hausrat des brennenden Gebäudes zu
plündern und zu behalten. Desgleichen wurden Tag für Tag Gaben aller
Art unter das Volk ausgeworfen: täglich tausend Vögel jeder Art, vielfältige
Esswaren, schriftliche Anweisungen auf Kleidungsstücke, Gold und Silber,
Edelsteine, Perlen, Gemälde, Sklaven, Zugvieh, selbst gezähmte wilde
Tiere, zuletzt auch Schiffe, Wohnungen, Grundstücke. |
(11,2) Ludis, quos pro aeternitate
imperii susceptos appellari "maximos" voluit, ex utroque ordine
et sexu plerique ludicras partes sustinuerunt; notissimus eques Romanus
elephanto supersidens per catadromum decucurrit; inducta Afrani togata,
quae Incendium inscribitur, concessumque, ut scaenici ardentis domus supellectilem
diriperent ac sibi haberent; sparsa et populo missilia omnium rerum per
omnes dies: singula cotidie milia avium cuiusque generis, multiplex penus,
tesserae
frumentariae, vestis, aurum, argentum, gemmae, margaritae, tabulae pictae,
mancipia, iumenta atque etiam mansuetae ferae, novissimae naves, insulae,
agri. |
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12. Diesen Spielen wohnte er auf
einem erhöhten Sitz des Proszeniums bei. Bei dem Fechterspiel, das
er in einem hölzernen Amphitheater gab, das er in der Region des Marsfeldes
binnen Jahresfrist hatte errichten lassen, ließ er keinen Gladiator
umbringen, nicht einmal einen von denen, die gerichtlich abgeurteilt waren.
Dagegen ließ er sogar vierhundert Senatoren und sechshundert Ritter,
unter denen gar manche von großem Vermögen und unbeflecktem Ruf
waren, im Schwertkampf auftreten; ja, aus denselben Ständen sah man
einige sich sogar als Tierkämpfer und als Angestellte der Arena zeigen.
Ferner gab er eine Seeschlacht, wobei Seeungeheuer im Meerwasser schwammen,
ebenso eine Art Waffentanz,
ausgeführt von einer Anzahl junger Leute, denen er am Ende ihrer Darbietung
jedem das Diplom als römischer Bürger schenkte.
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(12,1) Hos ludos
spectavit e proscaeni fastigio. Munere, quod in amphitheatro ligneo regione
Martii campi intra anni spatium fabricato dedit, neminem occidit, ne noxiorum
quidem. Exhibuit autem ad ferrum etiam quadringentos senatores sescentosque
equites Romanos et quosdam fortunae atque existimationis integrae, ex isdem
ordinibus confectores quoque ferarum et varia harenae ministeria. Exhibuit
et naumachiam marina aqua innantibus beluis; item pyrrichas quasdam e numero
epheborum, quibus post editam operam diplomata civitatis Romanae singulis
optulit. |
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Unter den Sujets dieser Tänze
kam auch eins vor, bei dem ein Stier die Pasiphae,
die in dem hölzernen Abbild einer Kuh verschlossen war, wirklich bestieg,
wie wenigstens viele Zuschauer glaubten. Ein Icarus
stürzte gleich beim Beginn seines Fluges von der Höhe herab neben
Neros
Loge nieder und bespritzte ihn mit seinem Blut; er pflegte nämlich
nur selten bei diesen Spielen den Vorsitz zu führen, sondern meistens,
in seiner Loge liegend, anfangs nur durch kleine Löcher, später
aus dem dazu völlig geöffneten Balkon zuzusehen. |
(12,2) Inter pyrricharum argumenta
taurus Pasiphaam ligneo iuvencae simulacro abditam iniit, ut multi spectantium
crediderunt; Icarus primo statim conatu iuxta cubiculum eius decidit ipsumque
cruore respersit. Nam perraro praesidere, ceterum accubans, parvis primum
foraminibus, deinde toto podio adaperto spectare consueverat. |
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Fr führte auch zuerst einen alle fünf
Jahre gefeierten Kunstwettstreit in Rom ein, der nach griechischer Sitte
die drei Bereiche der Musik, Gymnastik und Reitkunst umfasste und den er
"Neronia" nannte; zugleich erbaute er Thermen und ein Gymnasium,
zu dem er auch den Senat und die Ritterschaft durch Gewährung freien
Salböls einlud. Mir den gesamten Kunstwettstreit ließ er durchs
Los Vorsteher unter den Konsularen ernennen, denen er den erhöhten
Sitz der Prätoren verlieh. Dann begab er sich hinab in die Orchestra,
wo die Senatoren saßen, und empfing dort den ihm sogar von allen Mitkämpfern
einstimmig zugestandenen Siegeskranz der lateinischen Beredsamkeit und Dichtung,
um den sich mit ihm die ausgezeichnetsten Redner und Dichter beworben hatten;
die Siegerkrone für das Zitherspiel dagegen, die ihm von den Preisrichtern
gleichfalls übergeben wurde, nahm er nicht an, sondern verneigte sich
bloß verehrungsvoll vor ihr und hieß sie zu dem Standbild des
Augustus bringen. |
(12,3) Instituit et quinquennale
certamen primus omnium Romae more Graeco triplex, musicum gymnicum equestre,
quod appellavit Neronia; dedicatisque thermis atque gymnasio senatui quoque
et equiti oleum praebuit. Magistros toto certamini praeposuit consulares
sorte, sede praetorum. Deinde in orchestram senatumque descendit et orationis
quidem carminisque Latini coronam, de qua honestissimus quisque contenderat,
ipsorum consensu concessam sibi recepit, citharae autem a iudicibus ad se
delatam adoravit ferrique ad Augusti statuam iussit. |
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Bei dem gymnastischen Festspiel, das er in den
Saepten gab, legte er bei einem
großen Farrenopfer
zum erstenmal den Bart ab, den er in ein goldenes, mit den kostbarsten Perlen
besetztes Etui tun ließ und ihn so auf dem Capitol als Weihgeschenk
niederlegte. Zu den Vorstellungen der Athleten lud er auch die Vestalischen
Jungfrauen ein, weil auch zu Olympia
den Priesterinnen der Ceres gestattet
ist, ihnen zuzuschauen. |
(12,4) Gymnico, quod in Saeptis
edebat, inter buthysiae apparatum barbam primam posuit conditamque in auream
pyxidem et pretiosissimis margaritis adornatam Capitolio consecravit. Ad
athletarum spectaculum invitavit et virgines Vestales, quia Olympiae quoque
Cereris sacerdotibus spectare conceditur. |
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13. Nicht zu Unrecht darf ich unter
den von ihm gegebenen Schauspielen auch den Einzug des Königs Tiridates
in Rom anführen. Diesen König von Armenien hatte er durch große
Versprechungen dazu gebracht, nach Rom zu kommen. Da er ihn an dem Tag,
den er durch Edikt bekannt gemacht hatte, dem römischen Volk wegen
nebligen Wetters nicht zeigen konnte, führte er das Schauspiel später
an einem möglichst günstigen Tag auf. Vor allen an das Forum grenzenden
Tempeln waren Kohorten in voller Rüstung aufgestellt; er selbst thronte
auf dem kurulischen Sitz bei der Rednerbühne im Gewand eines Triumphators,
umgeben von Feldzeichen und Standarten. |
(13,1) Non immerito
inter spectacula ad eo edita et Tiridatis in urbem introitum rettulerim.
Quem Armeniae regem magnis pollicitationibus sollicitatum, cum destinato
per edictum die ostensurus populo propter nubilum distulisset, produxit
quo opportunissime potuit, dispositis circa Fori templa armatis cohortibus,
curuli residens apud rostra triumphantis habitu inter signa militaria
atque vexilla. |
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Darauf schritt der König die erhöhte
Estrade
zu ihm hinauf und ließ sich vor ihm auf die Knie nieder, worauf ihn
Nero
mit der Rechten aufhob, ihn mit einem Kuss begrüßte und nach
Anhörung seiner Bitte ihm die Tiara vom Haupt nahm und das Diadem an
ihre Stelle setzte, wahrend ein gewesener Prätor die Worte des sich
der kaiserlichen Gnade empfehlenden Königs laut der Menge verdolmetschte.
Dann führte er ihn ins Theater und ließ ihn, nachdem er aufs
neue sein Gnadengesuch empfangen hatte, neben sich zur Rechten Platz nehmen.
Dafür wurde er von der Versammlung als Imperator begrüßt,
worauf er einen Lorbeerkranz auf dem Capitol niederlegte und das Doppeltor
des Ianus schloss, gleich als ob
kein Krieg mehr vorhanden sei. |
(13,2) Et primo per devexum pulpitum
subeuntem admisit ad genua adlevatumque dextra exosculatus est, dein precanti
tiara deducta diadema inposuit, verba supplicis interpretata praetorio viro
multitudini pronuntiante; perductum inde in theatrum ac rursus supplicantem
iuxta se latere dextro conlocavit. Ob quae imperator consalutatus, laurea
in Capitolium lata, Ianum geminum clausit, tamquam nullo residuo bello. |
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Deutsche Übersetzung nach:
Stahr, A.
bearbeitet von E.Gottwein |
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