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Die Catilinarische Verschwörung
De Catilinae coniuratione
ΣΑΛΛΟΥΣΤΙΟΥ ΚΑΤΙΛΙÎΑΣ
5,9-13
Archäologie: Abriss der römischen
Sittengeschichte |
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Erster Exkurs: Archäologie (5,9-13)
- Sallusts Anschauung von der Entartung Roms wird geschichtlich
begründet.
- Gründung und Erweiterung erscheinen als Phasen
einer moralischen Selbstentfaltung (antimonarchischer
Abschnitt über die Königszeit und blutlose
Gestaltung der älteren Republik)
- Die Zeit der boni mores und des iustum
imperium: Die neubegründete republikanische
Freiheit weckt gewaltiges Ruhmesverlangen. Der Staat
befindet sich in einem wahren Zustand der Vollkommenheit.
Die römischen Tugenden der concordia,
pietas, aequitas, fides kennzeichnen das
Verhalten gegenüber Staat und Göttern.
- Nach der Machtentfaltung tritt die Wende ein (10-13):
keine unberechenbare Fortuna, sondern das moralische
Versagen Roms: fortuna simul cum moribus immutatur.
Von Muße und Reichtum geht die Gefahr aus;
Herrschsucht (ambitio) und Habsucht
(avaritia) kommen auf und bringen wie
eine Seuche alle Laster aus sich hervor. Das Gemeinwesen
entartet, das Reich wird unerträglich grausam.
- Mit dem Gewaltregiment Sullas
beginnt das hemmungslose Rauben und das maßlose
Begehren. Jetzt wird das Heer hineingezogen; somit
völlige Umkehrung der idealen Frühzeit.
Es herrschen die römischen Laster: luxuria,
avaritia, superbia, libido.
- Dieses Geschichtsbild ist in folgenden Punkten von
Poseidonios
beeinflusst (Klingner):
- Verherrlichung von Altrom,
- Epochenansatz auf 146,
- Begründung der Wende durch den Wegfall äußerer
Feinde;
- entspricht aber auch römischer Lebensweisheit:
- der alte Censor Appius
Claudius: man könne dem römischen
Volk besser Arbeit als Muße anvertrauen;
- der Hannibalbesieger P.Cornelius
Scipio wollte in Karthago
den Wetzstein für Rom erhalten;
- Cato
warnte wiederholt vor Lässigkeit, Übermut,
Verwilderung
- Sallust wertet im Gegensatz zu Poseidonios
Sullas
Regierung nicht als Neubeginn, sondern als letzte
Verderbnis. Er gibt keine Andeutung einer möglichen
Besserung.
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| Zusammenfassung
zu J.Vogt
(39-71) |
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| V 9 |
(9) Weil mich nun der Zusammenhang
auf die Sitten des Volkes gebracht hat, scheint mich der Gegenstand
meiner Darstellung selbst aufzufordern, in der Geschichte zurückzugreifen
und in Kürze von den Gewohnheiten der Vorfahren im Krieg und
Frieden zu sprechen: in welcher Weise sie mit dem Staat umgegangen
sind, in welcher Größe sie ihn hinterlassen haben, wie
er allmählich umgestaltet wurde und so aus dem herrlichsten
und besten so schlecht und hässlich geworden ist. |
(5,9)
Res ipsa hortari videtur, quoniam de moribus civitatis tempus admonuit,
supra repetere ac paucis instituta maiorum domi militiaeque, quo
modo rem publicam habuerint quantamque reliquerint, ut paulatim
inmutata ex pulcherruma [atque optuma] pessuma ac flagitiosissuma
facta sit, disserere. |
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| VI |
(1) Die Stadt Rom gründeten
und bewohnten, wie meine Quellen lauten, zuerst Trojaner, die unter
Aeneas'
Führung heimatflüchtig ohne bleibende Stätte umhergeirrt
waren, und mit ihnen Aboriginer,
ein Bauernvolk ohne Gesetze, ohne Obrigkeit, ganz frei und unabhängig.
(2) Nachdem diese sich in einer Stadt vereinigt hatten, verschmolzen
sie trotz verschiedener Abstammung, ungleicher Sprache und abweichender
Lebensgewohnheiten unglaublich leicht miteinander: So war binnen
kurzem aus einer zerstreuten und nicht sesshaften Masse eine einträchtige
Bürgerschaft geworden. (3) Seitdem ihr Staat aber an Bürgerzahl,
Gesittung und Gebiet gewachsen war und ganz glücklich und mächtig
schien, erregte ihr Wohlhabenheit, wie es bei allem menschlichen
Besitz zu sein pflegt, scheelsüchtigen Hass. (4) Daher griffen
die benachbarten Könige und Völker sie mit Krieg an. Nur
wenige von den Freunden leisteten Hilfe; denn die anderen mieden
in furchtsamer Bestürzung die Gefahren. (5) Aber die Römer
waren, daheim wie im Felde unermüdlich, rasch zur Hand, rüsteten,
ermutigten einander, zogen den Feinden entgegen, schützten
Freiheit, Vaterland, Eltern mit den Waffen. Als sie sich dann die
Gefahren durch Tapferkeit vom Halse geschafft hatten, brachten sie
ihren Freunden und Bundesgenossen Hilfe und erwarben sich dadurch
Freunde, dass sie Dienste mehr erwiesen als empfingen. (6) Sie hatten
eine gesetzlich geordnete Staatsgewalt, für die Staatsgewalt
den Königstitel. Auserwählte, deren Körper durch
die Last der Jahre geschwächt, deren Geist aber durch gewonnene
Einsicht gekräftigt war, berieten das Gemeinwesen. Sie wurden
- vielleicht wegen des Alters, vielleicht wegen der Ähnlichkeit
der Fürsorge - Väter genannt. Nachher, als sich das Königtum,
das ursprünglich zur Wahrung der Freiheit und Mehrung des Reiches
gedient hatte, in Willkür und Gewaltherrschaft verkehrt hatte,
änderten sie das Herkommen und legten sich eine jährlich
wechselnde Obrigkeit zu und jeweils zwei Personen als Amtsinhaber.
So, glaubten sie, könne ein Mensch am wenigsten der Versuchung
erliegen, willkürliche Ungesetzlichkeiten zu üben.
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(6,1)
Urbem Romam, sicuti ego accepi, condidere atque habuere initio Troiani,
qui Aenea duce profugi sedibus incertis vagabantur, et cum his Aborigines,
genus hominum agreste, sine legibus, sine imperio, liberum atque
solutum. (6,2) hi postquam
in una moenia convenere, dispari genere, dissimili lingua, alius
alio more viventes, incredibile memoratu est quam facile coaluerint:
ita brevi multitudo divorsa atque vaga concordia civitas facta erat.
(6,3) sed postquam
res eorum civibus, moribus, agris aucta satis prospera satisque
pollens videbatur, sicuti pleraque mortalium habentur, invidia ex
opulentia orta est. (6,4)
igitur reges populique finitumi bello temptare, pauci ex amicis
auxilio esse: nam ceteri metu perculsi a periculis aberant. (6,5)
at Romani domi militiaeque intenti festinare, parare, alius alium
hortari, hostibus obviam ire, libertatem, patriam parentisque armis
tegere. post ubi pericula virtute propulerant, sociis atque amicis
auxilia portabant, magisque dandis quam accipiundis beneficiis amicitias
parabant. (6,6) imperium
legitumum, nomen imperi regium habebant. delecti, quibus corpus
annis infirmum, ingenium sapientia validum erat, rei publicae consultabant:
hi vel aetate vel curae similitudine patres appellabantur. (6,7)
post ubi regium imperium, quod initio conservandae libertatis atque
augendae rei publicae fuerat, in superbiam dominationemque se convortit,
inmutato more annua imperia binosque imperatores sibi fecere: eo
modo minume posse putabant per licentiam insolescere animum humanum.
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| VII |
(1) In der nun folgenden
Zeit begannen die Einzelnen mehr emporzustreben und ihre Talente
mehr zu gebrauchen. (2) Denn Königen flößen Gute
mehr Argwohn ein als Schlechte, und ihnen macht die Tüchtigkeit
eines anderen immer Angst. (3) Kaum glaubhaft klingt es, wie großes
Wachstum in kurzer Zeit das Volk nach erlangter Freiheit gewann.
Vom so lebendigem Verlangen nach Ruhm war man erfüllt. (4)
Die jungen Leute erlernten, sobald sie nur stark genug zum Krieg
waren, sogleich im Feld unter Strapazen durch Übung den Kriegsdienst
und sie hatten ihre Lust an blanken Waffen und Kriegsrossen, nicht
an Buhldirnen und Gelagen. (5) Natürlich war ihnen, wenn sie
dann Männer geworden waren, keine Anstrengung ungewohnt, kein
Platz unzugänglich und unübersteigbar, kein Feind in Waffen
schrecklich: Unerschrockenheit hatte alles überwunden. (6)
Unter ihnen selbst bestand dabei der lebhafteste Wetteifer um Ruhm.
Jeder suchte zum Beispiel vor den anderen einen Feind niederzustrecken,
eine Mauer zu ersteigen, die Augen, während er eine solche
Tat vollbrachte, auf sich zu ziehen. Darin sahen sie den Reichtum,
darin guten Ruf und hohen Adel. Geizig um Ruhm, waren sie freigebig
mit Geld; Ruhm wünschten sie haufenweise, von Reichtum nur,
was recht war. (7) Ich könnte berichten, an welchen Stätten
das römische Volk in kleiner Zahl zahlreiche Truppen aus dem
Feld schlug, welche durch ihre natürliche Lage geschützten
Städte es im Sturm einnahm; aber das würde mich zu sehr
von meinem Thema ablenken. |
(7,1)
Sed ea tempestate coepere se quisque magis extollere magisque ingenium
in promptu habere. (7,2)
nam regibus boni quam mali suspectiores sunt, semperque iis aliena
virtus formidulosa est. (7,3)
sed civitas incredibile memoratu est, adepta libertate quantum brevi
creverit: tanta cupido gloriae incesserat. (7,4)
iam primum iuventus, simul ac belli patiens erat, in castris per
laborem usum militiae discebat, magisque in decoris armis et militaribus
equis quam in scortis atque conviviis lubidinem habebant. (7,5)
igitur talibus viris non labor insolitus, non locus ullus asper
aut arduos erat, non armatus hostis formidulosus: virtus omnia domuerat.
(7,6) sed gloriae maxumum
certamen inter ipsos erat: se quisque hostem ferire, murum ascendere,
conspici, dum tale facinus faceret, properabat. eas divitias, eam
bonam famam magnamque nobilitatem putabant. laudis avidi, pecuniae
liberales erant; gloriam ingentem, divitias honestas volebant. (7,7)
memorare possum, quibus in locis maxumas hostium copias populus
Romanus parva manu fuderit, quas urbis natura munitas pugnando ceperit,
ni ea res longius nos ab incepto traheret. |
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| VIII |
(8) Doch sagen muss ich:
das Glück übt überall seine Willkür. Es stellt
alle Ereignisse nach Laune, nicht nach Recht in Licht oder Schatten.
(2) Die Taten der Athener waren nach meiner Schätzung ganz
groß und herrlich, jedoch beträchtlich geringer als sie
in der Überlieferung erscheinen; (3) aber weil unter ihnen
geistreiche Geschichtsschreiber auftraten, werden die Taten der
Athener als die größten auf der ganzen Erde gepriesen.
(4) So gilt die Tüchtigkeit derer, die Taten vollbracht haben,
nur für so groß, als ausgezeichnete Geister sie
durch Worte herauszuheben vermochten. (5) Solch Glück jedoch
war dem römischen Volk nie beschieden, weil der Gescheiteste
immer auch der am meisten Beschäftigtste war; Geistesarbeit
ohne körperlichen Einsatz betrieb niemand; je tüchtiger
einer war, um so mehr stellte er das Handeln über das Reden
und wollte lieber seine Taten von anderen gelobt hören, als
selbst die anderer zu erzählen. |
(8,1)
Sed profecto fortuna in omni re dominatur; ea res cunctas ex lubidine
magis quam ex vero celebrat obscuratque. (8,2)
Atheniensium res gestae, sicuti ego aestumo, satis amplae
magnificaeque fuere, verum aliquanto minores tamen quam fama feruntur.
(8,3) sed quia provenere
ibi scriptorum magna ingenia, per terrarum orbem Atheniensium facta
pro maxumis celebrantur. (8,4)
ita eorum, qui fecere, virtus tanta habetur, quantum eam verbis
potuere extollere praeclara ingenia. (8,5)
at populo Romano numquam ea copia fuit, quia prudentissumus quisque
maxume negotiosus erat, ingenium nemo sine corpore exercebat, optumus
quisque facere quam dicere, sua ab aliis bene facta laudari quam
ipse aliorum narrare malebat. |
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| IX |
(1) Um den Faden wieder aufzunehmen:
Im Frieden und im Krieg pflegte man gute Sitten; es herrschte die
größte Eintracht, ganz wenig Habsucht. Recht und Pflicht
wurden bei den Leuten nicht infolge von Gesetzeszwang, sondern aus
natürlicher Neigung treu erfüllt. (2) Zank, Streit, Hader
übten sie gegen Feinde, Bürger stritten mit Bürgern
nur um den Vorzug der Tüchtigkeit. Prachtliebend bei den Götterfesten
waren sie im häuslichen Leben sparsam, gegen Freunde treu.
(3) Durch diese beiden Vorzüge, Kampfbereitschaft im Krieg
und Gerechtigkeit, wenn der Frieden eingetreten war, förderten
sie das eigene Wohl und das Wohl des Staates. (4) Dafür habe
ich folgende schlagende Beweise: im Krieg musste öfter über
solche Strafe verhängt werden, die gegen Verbot gegen einen
Feind gekämpft und die auf das Kommando zum Rückzug zu
langsam den Kampf abgebrochen hatten, als gegen solche, die es gewagt
hatten, die Reihen zu verlassen und, wenn sie geschlagen waren,
von der Stelle zu weichen. (5) Im Frieden aber gründete man
die Herrschaft auf Wohltaten, nicht auf Furcht , und verzieh lieber
nach erlittener Kränkung, als dass man strafte. |
(9,1)
Igitur domi militiaeque boni mores colebantur; concordia maxuma,
minuma avaritia erat; ius bonumque apud eos non legibus magis quam
natura valebat. (9,2)
iurgia, discordias, simultates cum hostibus exercebant, cives cum
civibus de virtute certabant. in suppliciis deorum magnifici, domi
parci, in amicos fideles erant. (9,3)
duabus his artibus, audacia in bello, ubi pax evenerat, aequitate,
seque remque publicam curabant. (9,4)
quarum rerum ego maxuma documenta haec habeo, quod in bello saepius
vindicatum est in eos, qui contra imperium in hostem pugnaverant
quique tardius revocati proelio excesserant, quam qui signa relinquere
aut pulsi loco cedere ausi erant; (9,5)
in pace vero quod beneficiis magis quam metu imperium agitabant
et accepta iniuria ignoscere quam persequi malebant. |
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| X |
(1) Als aber durch Kraftanstrengung
und Gerechtigkeit der Staat gewachsen, mächtige Könige
durch Krieg bezwungen, wilde Stämme und große Völker
durch Gewalt unterworfen, Karthago,
die Nebenbuhlerin der römischen Herrschaft, von Grund auf zerstört,
die Zugänge zu allen Ländern und Meeren erzwungen waren,
da begann das Schicksal, tückische Gewalt zu übern und
alles durcheinander zu werfen. (2) Denjenigen, die Mühen, Gefahren,
Angst und Not ohne Beschwer ertragen hatten, war Ruhe und Reichtum,
sonst wünschenswert, jetzt Leid und Last. (3) So wurde die
Begierde zunächst nach Geld, dann nach Herrschaft, immer mächtiger.
Dies war der Keim zu allen Übeln; (4) denn Habsucht zerstört
Treue, Redlichkeit und alle anderen Tugenden, sie lehrt dafür
Frevelmut, Unmenschlichkeit, Gottvergessenheit, alles für Geld
zu tun. (5) Der Ehrgeiz hat schon viele dahin gebracht falsch zu
werden, etwas anderes in der Brust verschlossen als offen auf der
Zunge zu tragen, Freundschaft und Feindschaft nicht nach ihrem Wesen,
sondern nach der Vorteilhaftigkeit abzuwägen, ein ehrliches
Gesicht, nicht ein ehrliches Herz zu haben. (6) Diese Leidenschaften
wuchsen anfänglich allmählich empor und wurden manchmal
bestraft; dann aber, als sich die Ansteckung wie eine Pest ausbreitete,
da änderte sich schnell der Volksgeist, da wurde die Herrschaft
aus der gerechtesten und wohltätigsten unmenschlich und unerträglich.
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(10,1)
Sed ubi labore atque iustitia res publica crevit, reges magni bello
domiti, nationes ferae et populi ingentes vi subacti, Carthago aemula
imperi Romani ab stirpe interiit, cuncta maria terraeque patebant,
saevire fortuna ac miscere omnia coepit. (10,2)
qui labores, pericula, dubias atque asperas res facile toleraverant,
iis otium divitiaeque, optanda alias, oneri miseriaeque fuere. (10,3)
igitur primo pecuniae, deinde imperi cupido crevit: ea quasi materies
omnium malorum fuere. (10,4)
namque avaritia fidem, probitatem, ceterasque artis bonas subvortit;
pro his superbiam, crudelitatem, deos neglegere, omnia venalia habere
edocuit. (10,5) ambitio
multos mortalis falsos fieri subegit, aliud clausum in pectore,
aliud in lingua promptum
habere, amicitias inimicitiasque non ex re, sed ex commodo aestumare,
magisque voltum quam ingenium bonum habere. (10,6)
haec primo paulatim crescere, interdum vindicari; post ubi contagio
quasi pestilentia invasit, civitas inmutata, imperium ex iustissumo
atque optumo crudele intolerandumque factum. |
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| XI |
(11) Anfangs indes trieb
der Ehrgeiz die Leute mehr als die Habsucht, weil jenes Laster
der Tugend noch etwas näher steht. Denn Ruhm, Ehre und Macht
wünschen sich der Tüchtige und der Untaugliche in gleicher
Weise; aber jener müht sich auf dem rechten Weg, dieser ringt,
weil ihm gute Fertigkeiten abgehen, mit Täuschung und Winkelzügen.
(3) Das Wesen der Habsucht besteht dagegen im Bemühen um Geld,
dessen Besitz kein Weiser je für ein Glück gehalten hat.
Wie ein böser Gifttrank entnervt sie Leib und Seele des Mannes,
findet nie ein Ziel, eine Befriedigung und wird weder durch Überfluss
noch durch Mangel gemindert. (4) Seitdem später jedoch
Lucius Sulla den Staat durch Waffengewalt an sich gebracht und
nach löblichen Anfängen einen schlimmen Ausgang genommen
hatte, raubten und plünderten alle; da wünschte einer
ein Haus, dort einer Grundbesitz; die Sieger kannten keine Schranke
und keine Pflicht der Mäßigung, verübten abscheuliche
und unmenschliche Taten an Mitbürgern. (5) Dazu trug bei, dass
Lucius Sulla, dem Heer, das er nach Asien geführt hatte,
um sich seiner Treue zu versichern, gegen die althergebrachte Sitte
große Üppigkeit und übermäßig große
Zwanglosigkeit gewährt hatte. Die schönen, zum Genuss
verleitenden Gegenden hatten leichthin die trotzigen Herzen der
Soldaten im Nichtstun dahinschmelzen lassen. (6) Dort zuerst
lernte ein römisches Heer buhlen und saufen, begann Bildsäulen,
Gemälde und getriebene Gefäße zu bewundern, sie
aus Privat- und öffentlichem Besitz zu rauben, Tempel zu plündern,
an allem Geweihten und Ungeweihten zu freveln. (7) Natürlich
ließen diese Soldaten, nachdem sei einen Sieg errungen hatten,
den Besiegten nichts. (8) Glück macht ja sogar die Herzen der
Weisen schwach. Wie hätten sich jene, die sittlich verdorben
waren, im Sieg mäßigen können? |
(11,1)
Sed primo magis ambitio quam avaritia animos hominum exercebat,
quod tamen vitium
propius virtutem erat. (11,2)
nam gloriam, honorem, imperium bonus et ignavos aeque sibi exoptant;
sed ille vera via nititur, huic quia bonae artes desunt, dolis atque
fallaciis contendit. (11,3)
avaritia pecuniae studium habet, quam nemo sapiens concupivit: ea
quasi venenis malis inbuta corpus animumque virilem effeminat, semper
infinita, insatiabilis est, neque copia neque inopia minuitur. (11,4)
sed postquam L. Sulla armis recepta re publica bonis initiis malos
eventus habuit, rapere omnes, trahere, domum alius, alius agros
cupere, neque modum neque modestiam victores habere, foeda crudeliaque
in civis facinora facere. (11,5)
huc adcedebat, quod L. Sulla exercitum, quem in Asia ductaverat,
quo sibi fidum faceret, contra morem maiorum luxuriose nimisque
liberaliter habuerat. loca amoena, voluptaria facile in otio ferocis
militum animos molliverant: (11,6)
ibi primum insuevit exercitus populi Romani amare, potare, signa
tabulas, pictas, vasa caelata mirari, ea privatim et publice rapere,
delubra spoliare, sacra profanaque omnia polluere. (11,7)
igitur ii milites, postquam victoriam adepti sunt, nihil relicui
victis fecere. (11,8)
quippe secundae res sapientium animos fatigant: ne illi conruptis
moribus victoriae temperarent. |
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| XII |
(1) Seit der Reichtum Ehre
brachte und sich in seinem Gefolge Ruhm, Herrschaft und Macht einstellte,
begann die sittliche Kraft zu erlahmen, Armut für Schande,
Redlichkeit für Bösartigkeit zu gelten. (2) Also rissen
infolge des Reichtums unter der Jugend Üppigkeit und Habsucht
samt Frevelmut ein: überall Raffen und Prassen, Unzufriedenheit
mit dem eigenen, Gier nach fremdem Gut, Gleichgültigkeit gegen
Schamhaftigkeit und Keuschheit gegen alles Göttliche und Menschliche,
kein Gewissen, keine Selbstbeherrschung. (3) Es lohnt sich, wenn
man Häuser und Landwohnungen sieht, die weitläufig wie
Städte aufgeführt sind, die Göttertempel zu besichtigen,
die unsere Vorfahren, höchst gottesfürchtige Menschen,
erbaut haben. (4) In der Tat, diese Alten sahen Frömmigkeit
als den schönsten Schmuck der Tempel, Ruhm für die höchste
Zier ihrer Privathäuser und entzogen Besiegten nichts als die
Freiheit, Unrecht zu tun; (5) dagegen haben unsere Zeitgenossen,
ganz nichtsnutzige Leute, in höchst ruchloser Weise alles,
was die wackersten Männer trotz des Rechts des Siegers den
Feinden gelassen hatten, den Untertanen genommen, gerade als ob
die Ausübung von Herrschaft erst im Zufügen von Unrecht
bestehe. |
(12,1)
Postquam divitiae honori esse coepere et eas gloria imperium, potentia
sequebatur, hebescere virtus, paupertas probro haberi, innocentia
pro malevolentia duci coepit. (12,2)
igitur ex divitiis iuventutem luxuria atque avaritia cum superbia
invasere: rapere consumere, sua parvi pendere, aliena cupere, pudorem
pudicitiam, divina atque humana promiscua, nihil pensi neque moderati
habere. (12,3) operae
pretium est, quom domos atque villas cognoveris in urbium modum
exaedificatas, visere templa deorum, quae nostri maiores, religiosissumi
mortales, fecere. (12,4)
verum illi delubra deorum pietate, domos suas gloria decorabant,
neque victis quicquam praeter iniuriae licentiam eripiebant. (12,5)
at hi contra, ignavissumi homines, per summum scelus omnia ea sociis
adimere, quae fortissumi viri victores reliquerant: proinde quasi
iniuriam facere, id demum esset imperio uti. |
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| XIII |
(1) Soll ich denn wohl erwähnen,
was nur denen, die es gesehen haben, glaublich ist, dass von manchen
Privatleuten Berge geebnet und Meere überbaut worden sind?
(2) Solche meine ich, betrachten den Reichtum wie ein Spielzeug.
Während sie ihn in Ehren hätten besitzen können,
beeilten sie sich, ihn schmählich zu vertun. (3) Aber ebenso
stark war die Lust an Hurerei, Schlemmerei und allem anderen Sinnenkitzel
geworden. Männer ließen sich wie Weiber gebrauchen, Weiber
hielten ihre Keuschheit feil. Der Leckerbissen wegen suchte man
alles aus Land und Wasser hervor; man schlief, ehe sich das Bedürfnis
danach einstellte; man wartete nicht die Zeit des Hungers und des
Durstes, der Kühle und der Ermattung ab, sondern beschleunigte
künstlich ihr Eintreten. (4) Dies trieb die jungen Leute, wenn
ihr Vermögen zu Ende war, zu Verbrechen: (5) der von Lastern
befallene Sinn konne nicht leicht auf die Sinnenlust verzichten.
Man frönte nur um so zügelloser dem Geldmachen und dem
Verprassen. |
(13,1)
nam quid ea memorem, quae nisi iis, qui videre, nemini credibilia
sunt, a privatis compluribus subvorsos montis, maria constrata esse?
(13,2) quibus mihi
videntur ludibrio fuisse divitiae: quippe quas honeste habere licebat,
abuti per turpitudinem properabant. (13,3)
sed lubido stupri, ganeae ceterique cultus non minor incesserat:
viri muliebria pati, mulieres pudicitiam in propatulo habere; vescendi
causa terra marique omnia exquirere; dormire prius quam somni cupido
esset; non famem aut sitim, neque frigus neque lassitudinem opperiri,
sed ea omnia luxu antecapere. (13,4)
haec iuventutem, ubi familiares
opes defecerant, ad facinora incendebant: (13,5)
animus inbutus malis artibus haud facile lubidinibus carebat; eo
profusius omnibus modis quaestui atque sumptui deditus erat. |
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