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Marcus Valerius Martialis

Epigramme

Auswahl

 

2. Teil (Buch 5 - 9)

 
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5,13
XIII
1
Sum, fateor, semperque fui, Callistrate, pauper,
2
Sed non obscurus nec male notus eques,
3
Sed toto legor orbe frequens et dicitur 'Hic est',
4
Quodque cinis paucis, hoc mihi vita dedit.
5
At tua centenis incumbunt tecta columnis
6
Et libertinas arca flagellat opes,
7
Magnaque Niliacae servit tibi glaeba Syenes,
8
Tondet et innumeros Gallica Parma greges.
9
Hoc ego tuque sumus: sed quod sum, non potes esse:
10
Tu quod es, e populo quilibet esse potest.
   
1
Ich bin arm, ich gsteh's, und war's, Callistratus, immer,
2
Aber ein Ritter von nicht fremdem, noch übelem Ruf,
3
Aber es lieset die Welt mich viel und saget: "Das ist er."
4
Lebend genieß ich, was nicht vielen die Asche gewährt.
5
Dein Dach freilich, es wird von hundert Säulen getragen,
6
Freigelassener Schätz' engen den Kasten dir ein,
7
Und dir zinsen am Nil Syenes reiche Gefilde,
8
Herden in Unzahl schiert Galliens Parma für dich.
9
Dies bin ich, dies du: doch du kannst nicht werden, was ich bin:
10
Was du bist, das vermag jeder zu sein aus dem Volk
5,15
XV
1
Quintus nostrorum liber est, Auguste, iocorum,
2
Et queritur laesus carmine nemo meo,
3
Gaudet honorato sed multus nomine lector,
4
Cui victura meo munere fama datur.
5
'Quid tamen haec prosunt quamvis venerantia multos?'
6
Non prosint sane, me tamen ista iuvant.
   
1
Fürstlicher Herr, dies Buch ist meiner Scherze das fünfte,
2
Aber durch kein Gedicht fühlet sich einer verletzt,
3
Doch erfreuen darin geehrten Namens sich viele,
4
Welchen lebendigen Ruhm durch mein Geschenk ich erwarb.
5
"Wozu nützt es jedoch, wenn auch es viele verehret?"
6
Wohl, nicht nützt es, doch ich habe Vergnügen daran.
5,20
XX
1
Si tecum mihi, care Martialis,
2
Securis liceat frui diebus,
3
Si disponere tempus otiosum
4
Et verae pariter vacare vitae:
5
Nec nos atria, nec domos potentum,
6
Nec litis tetricas forumque triste
7
Nossemus, nec imagines superbas;
8
Sed gestatio, fabulae, libelli,
9
Campus, porticus, umbra, Virgo, thermae,
10
Haec essent loca semper, hi labores.
11
Nunc vivit necuter sibi, bonosque
12
Soles effugere atque abire sentit,
13
Qui nobis pereunt et inputantur.
14
Quisquam vivere cum sciat, moratur?
   
1
Wenn mit dir ich, mein teurer Martialis,
2
Unbekümmerter Tage mich erfreuen,
3
Wenn ich schalten mit meiner Muß' und mit dir
4
Mich hingeben dem wahren Leben könnte:
5
Wollten Atrien und Häuser Großer
6
Und verdrießliche Händel nimmer kennen,
7
Noch den traurigen Markt, noch stolze Bilder;
8
Sondern tragen uns lassen, Plaudern, Bücher,
9
Felder, Porticus, Schatten, Virgo, Thermen,
10
Dieses wären die Orte, dies die Arbeit.
11
Jetzt lebt keiner von unssich selbst und merket,
12
Dass verschwinden und fliehn die guten Tage,
13
Die, verloren auch, uns gerechnet werden.
14
Wird, wenn einer zu leben weiß, er säumen?
5,29
XXIX
1
Si quando leporem mittis mihi, Gellia, dicis:
2
'Formosus septem, Marce, diebus eris.'
3
Si non derides, si verum, lux mea, narras,
4
Edisti numquam, Gellia, tu leporem.
   
1
Wenn mir ein Hase von dir geschickt wird, Gellia, sagst du:
2
"Sieben Tage hindurch machet er, Marcus, dich schön."
3
Spottest du meiner nun nicht, mein Schatz, und sagst du die Wahrheit,
4
Gellia, nimmermehr hast du dann Hasen gespeist.
5,43
XLIII
1
Thais habet nigros, niveos Laecania dentes.
2
Quae ratio est? Emptos haec habet, illa suos.
   
1
Weiße Zähne besitzt Läcania, schwarze die Thais.
2
Woher kommt es? Sie trägt ihre, gekaufte die.
5,45
XLV
1
Dicis formosam, dicis te, Bassa, puellam.
2
Istud quae non est dicere, Bassa, solet.
   
1
Bassa, du nennst dich schön, nennst junges Mädchen dich immer.
2
Eine, die das nicht ist, Bassa, die saget es gern.
5,47
XLVII
1
Numquam se cenasse domi Philo iurat, et hoc est:
2
Non cenat, quotiens nemo vocavit eum.
   
1
Niemals hab' ich zu Hause gespeist, schwört Philo; so ist's auch:
2
Wenn ihn keiner zum Mahl ladet, so speiset er nicht.
5,54
LIV
1
2
Extemporalis factus est meus rhetor:
Calpurnium non scripsit, et salutavit.
Versmaß:   Hipponacteus (Hinkiambus)
   
1
2
Es redet jetzt mein Redner aus den Stehgreife:
Er grüßt Calpurnius, ohne dass er's abliest.
5,58
LVIII
1
Cras te victurum, cras dicis, Postume, semper.
2
Dic mihi, cras istud, Postume, quando venit?
3
Quam longe cras istud, ubi est? aut unde petendum?
4
Numquid apud Parthos Armeniosque latet?
5
Iam cras istud habet Priami vel Nestoris annos.
6
Cras istud quanti, dic mihi, possit emi?
7
Cras vives? hodie iam vivere, Postume, serum est:
8
Ille sapit, quisquis, Postume, vixit heri.
   
1
Morgen, versprichst du stets, zu leben, Postumus, morgen.
2
Sage mir, Postumus, wann kommet das Morgen einmal?
3
Wie weit ist's zu dem Morgen? wo ist's? von wannen zu holen?
4
Birgt's bei den Parthern vielleicht und den Armeniern sich?
5
Priamus' Jahre bereits und Nestors zählet das Morgen.
6
Sage mir, für wie viel kann man das Morgen erstehn?
7
Morgen willst du's, es ist zu spät schon, heute zu leben:
8
Der nur, Postumus, ist weise, der gestern gelebt.
5,59
LIX
1
Quod non argentum, quod non tibi mittimus aurum,
2
Hoc facimus causa, Stella diserte, tua.
3
Quisquis magna dedit, voluit sibi magna remitti;
4
Fictilibus nostris exoneratus eris.
   
1
Dass nicht Silbergerät, dass goldenes nicht ich dir schicke,
2
Deinetwegen allein, Stella, Beredter, geschieht's.
3
Jeder, der Großes geschenkt, will Großes wieder empfangen;
4
Durch mein irdnes Geschirr bist du entlediget des.
5,73
LXXIII
1
2
3
4
Non donem tibi cur meos libellos
Oranti totiens et exigenti,
Miraris, Theodore? Magna causa est:
Dones tu mihi ne tuos libellos.
Versmaß:  Phalaeceus (Hendekasyllabus)
   
1
2
3
4
Theodorus, du wunderst dich, warum ich
Meine Bücher, soviel du bitt'st und drängest,
Dir nicht schenke? Ich habe gute Gründe:
Dass nicht du auch mir deine Bücher schenkest.
5,81
LXXXI
1
Semper pauper eris, si pauper es, Aemiliane.
2
Dantur opes nullis nunc nisi divitibus.
   
1
Aemilianus, du wirst, wenn du arm bist, immer es bleiben.
2
Heute werden allein Reiche mit Schätzen beschenkt.
5,83
LXXXIII
1
Insequeris, fugio; fugis, insequor; haec mihi mens est:
2
Velle tuum nolo, Dindyme, nolle volo.
   
1
Folgst du, so flieh ich; du fliehst, und ich folge dir; weil, dass du wollest,
2
Ich nicht will, dass du nicht wollest, mein Dindymus, will.
 
6,17
XVII
1
2
3
4
Cinnam, Cinname, te iubes vocari.
Non est hic, rogo, Cinna, barbarismus?
Tu si Furius ante dictus esses,
Fur ista ratione dicereris.
   
1
2
3
4
Cinna, Cinnamus, lässest du dich nennen.
Ist nicht, Cinna, das, sprich, ein Barbarismus?
Wenn du Furius erst geheißen hättest,
Würdest Fur du auf die Art heißen müssen.
 
6,34
XXXIV
1
Basia da nobis, Diadumene, pressa. 'Quot?' inquis.
2
Oceani fluctus me numerare iubes
3
Et maris Aegaei sparsas per litora conchas
4
Et quae Cecropio monte vagantur apes,
5
Quaeque sonant pleno vocesque manusque theatro,
6
Cum populus subiti Caesaris ora videt.
7
Nolo quot arguto dedit exorata Catullo
8
Lesbia: pauca cupit, qui numerare potest.
   
1
Gib, Diadumenus, mir sich drängende Küsse. "Wie viele?"
2
Fragst du. So heißest du mich, zählen die Wellen der See
3
Und die Muscheln, zerstreut am Strand des Ägaischen Meeres,
4
Und die Bienen, die ziehn um den Kekropischen Berg,
5
Und die Stimmen und Händ', im Raum des Theaters erschallend,
6
Wenn dort plötzlich das Volk siehet des Kaisers Gesicht.
7
Die der beredte Catull von Lesbia heischte, genügen
8
Mir nicht: wenig begehrt, wer sie zu zählen vermag.
6,55
LV
1
2
3
4
5
Quod semper casiaque cinnamoque
Et nido niger alitis superbae
Fragras plumbea Nicerotiana,
Rides nos, Coracine, nil olentis:
Malo, quam bene olere, nil olere.
   
1
2
3
4
5
Weil von Casia und von Zimt du immer
Und vom Neste des stolzen Vogels triefest
Und nach Niceros' Bleigefäßen duftest,
Lachst du mich, Coracinus,aus, der nicht riecht,
Lieber will ich nach nichts, als lieblich riechen.
6,60
LX
1
Laudat, amat, cantat nostros mea Roma libellos,
2
Meque sinus omnes, me manus omnis habet.
3
Ecce rubet quidam, pallet, stupet, oscitat, odit.
4
Hoc volo: nunc nobis carmina nostra placent.
   
1
Meine Gedichte lobt und liebt und singet mein Roma,
2
Mich hält jegliche Hand, jeglicher Busen mich gern.
3
Rot wird einer und blaß und still und gähnet und hasst mich.
4
So ist's recht: es gefällt mir auch mein Büchelchen jetzt.
6,73
LXXIII
1
Non rudis indocta fecit me falce colonus:
2
Dispensatoris nobile cernis opus.
3
Nam Caeretani cultor ditissimus agri
4
Hos Hilarus colles et iuga laeta tenet.
5
Aspice, quam certo videar non ligneus ore
6
Nec devota focis inguinis arma geram,
7
Sed mihi perpetua numquam moritura cupresso
8
Phidiaca rigeat mentula digna manu.
9
Vicini, moneo, sanctum celebrate Priapum
10
Et bis septenis parcite iugeribus.
 
Eine hölzerne Priapusstatue
1
Nicht hat roh mich ein Ackrer gemacht mit bäurischer Sichel,
2
Sondern vom Hauswart selbst siehst du ein rühmliches Werk.
3
Denn es hat der Caeretischen Flur begütetster Pfleger,
4
Hilarus, hier in Hut Hügel und lachendes Feld.
5
Sieh, mit wie sichrem Gesicht ich nicht als hölzern erscheine
6
Und, nicht dem Herde geweiht, trage des Schoßes Geschoss,
7
Sondern mir, trotzend dem Tod, aus ewigem Holz der Zypresse,
8
Würdig des Phidias Hand, starret das männliche Glied.
9
Haltet, ich geb' euch den Rat, den Priapus heilig, ihr Nachbarn,
10
Und dass der vierzehn Joch Ackers ihr schonet, gedenkt!
6,77
LXXVII
1
Cum sis tam pauper, quam nec miserabilis Iros,
2
Tam iuvenis, quam nec Parthenopaeus erat,
3
Tam fortis, quam nec, cum vinceret, Artemidorus,
4
Quid te Cappadocum sex onus esse iuvat?
5
Rideris multoque magis traduceris, Afer,
6
Quam nudus medio si spatiere foro.
7
Non aliter monstratur Atlans cum compare ginno
8
Quaeque vehit similem belua nigra Libyn.
9
Invidiosa tibi quam sit lectica, requiris?
10
Non debes ferri mortuus hexaphoro.
6,77
LXXVII
1
Da so dürftig du bist, wie nicht der klägliche Iros,
2
Und noch so jung, wie nicht Parthenopäus es war,
3
Und so kräftig, wie nicht, als er siegete, Artemidorus,
4
Weshalb ladest du dich sechs Kappadokiern auf?
5
Viel mehr wirst du verlacht und machst zum Gespötte dich, Afer,
6
Als, lustwandeltest du nackt in der Mitte des Marktes.
7
So wird auf Atlas gezeigt mit dem gleich ihm zwergigen Maultier
8
Und auf den Libyer, schwarz, gleichwie das Tier, das ihn trägt.
9
Willst du wissen, wie sehr missgönnt dir werde die Sänfte?
10
Tragen dich lassen von sechs darfst auch als Toter du nicht.
6,82
LXXXII
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
Quidam me modo, Rufe, diligenter
Inspectum, velut emptor aut lanista,
Cum vultu digitoque subnotasset,
'Tune es, tune' ait 'ille Martialis,
Cuius nequitias iocosque novit,
Aurem qui modo non habet Batavam?'
Subrisi modice, levique nutu
Me quem dixerat esse non negavi.
'Cur ergo' inquit 'habes malas lacernas?'
Respondi: 'quia sum malus poeta'.
Hoc ne saepius accidat poetae,
Mittas, Rufe, mihi bonas lacernas.
Versmaß:  Phalaeceus (Hendekasyllabus)
   
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
Jüngst besah so genau mich einer, Rufus,
Wie Fechtmeister es machen, oder Käufer,
Und nachdem er geprüft Aug' und Finger,
Sprach er: "Bist du nicht jener Martialis,
Dessen Possen und Scherze voller Schallkheit
Jeder kennet, der kein böotisch Ohr hat?"
Und ich leugnete nicht, bescheiden lächelnd
Und leicht nickend, er habe Recht, ich sei es.
"Und so schlechte Lacernen trägst du?" fragt' er.
"Ich bin", sagt' ich, "auch nur ein schlechter Dichter."
Dass nicht öfter dem Dichter das begegne,
Schicke gute Lacernen mir, mein Rufus
6,87
LXXXVII
1
Di tibi dent et tu, Caesar, quaecumque mereris:
2
Di mihi dent et tu, quae volo, si merui.
   
1
Geben dir Götter und du, o Kaiser, was du verdienest,
2
Geben mir Götter und du, hab' ich's verdient, was ich will.
7,3
III
1
Cur non mitto meos tibi, Pontiliane, libellos?
2
Ne mihi tu mittas, Pontiliane, tuos.
   
1
Weshalb schick ich dir nicht mein Büchlein, Pontilianus?
2
Dass nicht, Pontilian, du mir die deinigen schickst.
7,16
XVI
1
Aera domi non sunt, superest hoc, Regule, solum,
2
Ut tua vendamus munera: numquid emis?
   
1
Kein Geld hab' ich im Haus, und mir bleibt nur, Regulus, übrig
2
Deiner Geschenke Verkauf: willst du sie kaufen vielleicht?
7,73
LXXIII
1
Esquiliis domus est, domus est tibi colle Dianae,
2
Et tua patricius culmina vicus habet;
3
Hinc viduae Cybeles, illinc sacraria Vestae,
4
Inde novum, veterem prospicis inde Iovem.
5
Dic, ubi conveniam, dic, qua te parte requiram:
6
Quisquis ubique habitat, Maxime, nusquam habitat.
   
1
Auf den Esquilien steht dein Haus und am Hügel Dianas,
2
In der Patrizierstraß' eines auch, das dir gehört.
3
Vestas Tempel ist hier, der der ledigen Cybele dorten,
4
Iupiters älterer hier, dorten der neue zu sehn.
5
Sage, wo findet man dich, sag an, wo soll ich dich suchen?
6
Maximus, überall wohnen und nirgends ist gleich.
7,77
LXXVII
1
Exigis, ut nostros donem tibi, Tucca, libellos.
2
Non faciam: nam vis vendere, non legere.
   
1
Meine Bücher verlangst du geschenkt. Das, Tucca, geschieht nicht.
2
Lesen willst du sie nicht, sondern verkauftest sie gern.
7,81
LXXXI
1
'Triginta toto mala sunt epigrammata libro.'
2
Si totidem bona sunt, Lause, bonus liber est.
   
1
Dreißig im ganzen Buch Epigramme sind schlecht, wie du äußerst:
2
Lausus, das Buch ist gut, hat es der guten so viel.
8,12
XII
1
Uxorem quare locupletem ducere nolim,
2
Quaeritis? Uxori nubere nolo meae.
3
Inferior matrona suo sit, Prisce, marito:
4
Non aliter fiunt femina virque pares.
   
1
Ihr wollt wissen, warum kein reiches Weib ich zur Frau mag?
2
Nicht behagt's mir, die Frau meiner Gemahlin zu sein.
3
Untergeordnet sei die Hausfrau, Priscus, dem Manne:
4
Anders stehen sich nicht Gatten und Gattinnen gleich.
8,13
XIII
1
Morio dictus erat: viginti milibus emi.
2
redde mihi nummos, Gargiliane: sapit.
   
1
Narr sein solt' er; ich hab ihn für zwanzig tausend gekaufet.
2
Zahl' mir mein Geld zurück, Gargilian, er hat Geist.
8,16
XVI
1
2
3
4
5
Pistor qui fueras diu, Cypere,
Causas nunc agis et ducena quaeris:
Sed consumis et usque mutuaris.
A pistore, Cypere, non recedis:
Et panem facis et facis farinam.
Versmaß:  Phalaeceus (Hendekasyllabus)
   
1
2
3
4
5
Du, der lange du Bäcker warst, Cyperus,
führst jetzt Sachen und nimmst dafür zweihundert;
Doch verzehrest du nur und borgest immer.
Niemals kommst du vom Bäcker los, Cyperus:
Du machst Brot und du machst zu Mehl es wieder.
8,20
XX
1
Cum facias versus nulla non luce ducenos,
2
Vare, nihil recitas. Non sapis, atque sapis.
   
1
Varus, du machst des Tags zwei hundert Verse; doch keine
2
Liesest du vor. Nicht klug bist du, und wieder auch klug.
8,23
XXIII
1
Esse tibi videor saevus nimiumque gulosus,
2
Qui propter cenam, Rustice, caedo cocum.
3
Si levis ista tibi flagrorum causa videtur,
4
Ex qua vis causa vapulet ergo cocus?
   
1
Grausam komm' ich dir vor und von allzu leckerer Zunge,
2
Rusticus, weil um des Mahls willen ich schlage den Koch.
3
Wenn zu geringe der Grund der Geißelhiebe dir scheinet,
4
Weshalb sollte denn sonstSchläge bekommen der Koch?
8,27
XXVII
1
Munera qui tibi dat locupleti, Gaure, senique,
2
Si sapis et sentis, hoc tibi ait 'Morere.'
   
1
Wer Geschenke dir schickt, der ein Greis du, Gaurus, und reich bist,
2
Sagt dir damit, wenn du klug wärst und es merktest: "Stirb!".
8,29
XXIX
1
Disticha qui scribit, puto, vult brevitate placere.
2
Quid prodest brevitas, dic mihi, si liber est?
   
1
Einer, der Distichen schreibt, will traun durch Kürze gefallen.
2
Sage, was Kürze frommt, füllest damit du ein Buch.
8,35
XXXV
1
Cum sitis similes paresque vita,
Uxor pessima, pessimus maritus,
Miror, non bene convenire vobis.
   
1
Da ihr ähnlich, ja gleich euch seid im Leben,
Du die schlechteste Frau, der schlechteste Mann du,
Nimmt mich's Wunder, dass nichtihr euch vertraget.
8,74
LXXIV
1
Oplomachus nunc es, fueras opthalmicus ante.
2
Fecisti medicus, quod facis oplomachus.
   
1
Früher ein Augenarzt, bist jetzt du Fechter geworden.
2
Was als Fechter du tust, hast auch als Arzt du getan.
8,69
LXIX
1
2
3
4
Miraris veteres, Vacerra, solos,
Nec laudas nisi mortuos poetas.
Ignoscas, petimus, Vacerra: tanti
Non est, ut placeam tibi, perire.
Versmaß:  Phalaeceus (Hendekasyllabus)
   
1
2
3
4
Nur die Alten bewunderst du, Vacerra,
Und nicht andre, denn tote Dichter lobst du.
Nimm's nicht übel, ich bitte dich, Vacerra,
Dir zu Liebe verlohnt sich's nicht zu sterben.
8,79
LXXIX
1
2
3
4
5
Omnes aut vetulas habes amicas
Aut turpes vetulisque foediores.
Has ducis comites trahisque tecum
Per convivia, porticus, theatra.
Sic formosa, Fabulla, sic puella es.
Versmaß:  Phalaeceus (Hendekasyllabus)
   
1
2
3
4
5
Deine Freundinnen sind entweder Alte,
Oder hässlich und ärger noch als Alte.
Diese führest und ziehst du immer mit dir
Zu den Portiken, Scmäusen une Theatern.
So erscheinest du schön, so jung, Fabulla.
9,10
X
1
Nubere vis Prisco: non miror, Paula: sapisti.
2
Ducere te non vult Priscus: et ille sapit.
   
1
Priscus möchtest du frein? Nicht wundert's, Paula, mich: klug ist's.
2
Nehmen will er dich nicht? Priscus ist ebenso klug.
9,14
XIV
1
Hunc, quem mensa tibi, quem cena paravit amicum,
2
Esse putas fidae pectus amicitiae?
3
Aprum amat et mullos et sumen et ostrea, non te.
4
Tam bene si cenem, noster amicus erit.
   
1
Glaubst du, er, den der Tisch, den das Mahl dir zum Freunde gemacht hat,
2
Trage der Freundschaft Herz redlich für dich in der Brust?
3
Rotbart, Eber und Austern und Saubrust liebet er, dich nicht.
4
Mein Freund würd' er sogleich, speiste ich ebenso gut.
9,15
XV
1
Inscripsit tumulis septem scelerata virorum
2
'Se fecisse' Chloe. Quid pote simplicius?
   
1
Chloe, die schändliche, schrieb auf das Grab der sieben Gemahle:
2
"Chloe hat es gemacht." Konnte sie ehrlicher sein?
9,78
LXXVIII
1
Funera post septem nupsit tibi Galla virorum,
2
Picentine: sequi vult, puto, Galla viros.
   
1
Galla vermählte sich dir, als sie sieben Männer begraben,
2
Picentinus, sie will folgen den Männern, scheint's.
9,88
LXXXVIII
1
Cum me captares, mittebas munera nobis:
2
Postquam cepisti, das mihi, Rufe, nihil.
3
Ut captum teneas, capto quoque munera mitte,
4
De cavea fugiat ne male pastus aper.
   
1
Als du fangen mich wollt'st, erhielt ich immer Geschenke:
2
Nun ich gefangen bin, sendest du, Rufus, mir nichts.
3
Dass der Gefangne dir bleibt, schick auch dem Gefangnen Geschenke!
4
Oder der Eber entflieht, übel gefüttert, dem Stall.
9,97
XCVII
1
Rumpitur invidia quidam, carissime Iuli,
2
Quod me Roma legit, rumpitur invidia.
3
Rumpitur invidia, quod turba semper in omni
4
Monstramur digito, rumpitur invidia.
5
Rumpitur invidia, tribuit quod Caesar uterque
6
Ius mihi natorum, rumpitur invidia.
7
Rumpitur invidia, quod rus mihi dulce sub urbe est
8
Parvaque in urbe domus, rumpitur invidia.
9
Rumpitur invidia, quod sum iucundus amicis,
10
Quod conviva frequens, rumpitur invidia.
11
Rumpitur invidia, quod amamur quodque probamur:
12
Rumpatur, quisquis rumpitur invidia.
   
1
Jemand berstet vor Neid, mein teuerster Iulius, berstet,
2
Weil ganz Roma mich gern lieset, er berstet vor Neid.
3
Berstet vor Neid, weil stets, wo ein Haufe Volkes versammelt,
4
Jeder mit Fingern auf mich zeiget, er berstet vor Neid.
5
Berstet vor Neid, weil mir durch die Huld der beiden Caesaren
6
Vaterrechte verliehn wurden, er berstet vor Neid.
7
Berstet vor Neid, weil mir vor der Stadt ein freundliches Gütchen
8
Und ein Häuschen in Rom eigen, er berstet vor Neid.
9
Berstet vor Neid, weil gern ich gesehen werde von Freunden,
10
Weil man zu Tische mich oft ladet, er berstet vor Neid.
11
Berstet vor Neid, weil jeder mich liebt und jeder mich lobet:
12
Berste denn immerhin jeder, der berstet vor Neid.
Bearbeitung: E.Gottwein Übersetzung: Dr.A.Berg (kursiv: Änderungen des Bearbeiters)
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