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Marcus Valerius Martialis

Epigramme

Auswahl

 

1. Teil (Buch 1 - 4)

 
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1,1
I
1
2
3
4
5
6
Hic est quem legis ille, quem requiris,
Toto notus in orbe Martialis
Argutis epigrammaton libellis:
Cui, lector studiose, quod dedisti
Viventi decus atque sentienti,
Rari post cineres habent poetae.
Hier ist er, den du liesest, den du suchest,
Martialis, bekannt im ganzen Erdkreis
Durch scharf treffender Epigramme Bücher:
Und was, eifriger Leser, du ihm Ruhmes,
Als er lebete, gabst, und als er fühlte,
Haben wenige Dichter nach dem Tode.
Versmaß:  Phalaeceus (Hendekasyllabus)
Phalaeceus
1,10
X
1
Petit Gemellus nuptias Maronillae Zur Ehe wünscht Gemellus sich Maronillen
2
Et cupit et instat et precatur et donat. Und ist verliebt und drängt und flehet und schenket.
3
Adeone pulchra est? immo foedius nil est. Ist sie so schön? So hässlich ist, wie sie, keine.
4
Quid ergo in illa petitur et placet? Tussit. Was sucht an ihr und liebt er denn? Sie muss husten.
Versmaß:   Hipponacteus (Hinkiambus)
hippoacteus
1,16
XVI
1
Sunt bona, sunt quaedam mediocria, sunt mala plura, Mittelmäßig, auch gut ist einiges, schlecht nur das meiste,
2
Quae legis hic: aliter non fit, Avite, liber.
Was du hier liest: nicht wird anders, Avitus, ein Buch.
1,19
XIX
1
Si memini, fuerant tibi quattuor, Aelia, dentes: Täuscht mein Gedächtnis mich nicht, vier Zähne; Aelia, hatt'st du,
2
Expulit una duos tussis et una duos.
Als ein Husten dir zwei, zwei dir ein andrer entriss.
3
Iam secura potes totis tussire diebus: Jetzt kannst ohne Gefahr du ganze Tage durch husten:
4
Nil istic quod agat tertia tussis habet.
Nichts bleibt dorten hinfort fernerem Husten zu tun.
1,24
XXIV
1
Aspicis incomptis illum, Deciane, capillis, Siehest du ihn, Decian, mit ungekämmetem Haupthaar,
2
Cuius et ipse times triste supercilium,
Vor des finsteren Brau'n du auch dich fürchtest sogar,
3
Qui loquitur Curios adsertoresque Camillos? Der von Curiern spricht und Camillen, Romas Errettern?
4
Nolito fronti credere: nupsit heri.
Traue der Stirn nicht: Jüngst nahm er sich einen Gemahl.
1,28
XXVIII
1
Hesterno fetere mero qui credit Acerram, Wer von Acerra glaubt, er riecht nach gestrigem Weine,
2
Fallitur: in lucem semper Acerra bibit.
Irret sich: stets in den Tag trinket Acerra hinein.
1,29
XXIX
1
Fama refert nostros te, Fidentine, libellos Fidentinus, der Ruf sagt aus, dass meine Gedichte
2
Non aliter populo quam recitare tuos.
Du nicht anders dem Volk liesest, als wären sie dein.
3
Si mea vis dici, gratis tibi carmina mittam: Schenken will ich sie dir, wenn du mein willst nennen die Verse:
4
Si dici tua vis, hoc eme, ne mea sint.
Sollen sie mein nicht sein, kaufe sie, deine dann sind's.
1,33
XXIII
1
Amissum non flet cum sola est Gellia patrem, Gellia weint um des Vaters Verlust nicht, wenn sie allein ist,
2
Si quis adest, iussae prosiliunt lacrimae.
Siehet sie einer, sogleich stürzen die Tränen hervor.
3
Non luget quisquis laudari, Gellia, quaerit, Merk' es, Gellia, dir, der trauert nicht, der da Lob sucht,
4
Ille dolet vere, qui sine teste dolet.
Der fühlt wirklichen Schmerz, der ihn vor Zeugen verbirgt.
1,38
XXXVIII
1
Quem recitas meus est, o Fidentine, libellus: Fidentinus, das Buch, das du vorliesest, ist meines;
2
Sed male cum recitas, incipit esse tuus.
Aber es wird, da du schlecht liesest, das deinige jetzt.
1,47
XLVII
1
Nuper erat medicus, nunc est vispillo Diaulus: Früher ein Arzt, ist jetzt Diaulus Leichenbestatter:
2
Quod vispillo facit, fecerat et medicus.
Leichenbestatter, wie jetzt, war er auch früher als Arzt.
1,57
LVII
1
Qualem, Flacce, velim quaeris nolimve puellam? Was für ein Mädchen ich will und nicht will, fragest du, Flaccus?
2
Nolo nimis facilem difficilemque nimis.
Nicht die zu willige zieht, noch die zu spröde mich an.
3
Illud quod medium est atque inter utrumque probamus: Das, was die Mitte hält und dazwischen lieget, gefällt mir:
4
Nec volo quod cruciat, nec volo quod satiat.
Weder hab' ich, was quält, weder, was sättiget, gern.
1,63
LXIII
1
Ut recitem tibi nostra rogas epigrammata. Nolo. Celer, du bitt'st mich, mein Buch dir vorzulesen. Ich will nicht.
2
Non audire, Celer, sed recitare cupis.
Nicht, dass du hörst, wünschst du, gerne nur läsest du vor.
1,68
LXVI
1
Quidquid agit Rufus, nihil est nisi Naevia Rufo. Was auch Rufus beginnt, nur Naevia gibt es für RUfus.
2
Si gaudet, si flet, si tacet, hanc loquitur.
Weinet er, freuet er sich, schweigt er, so spricht er von ihr.
3
Cenat, propinat, poscit, negat, innuit: una est Speiset er, trinkt er uns zu, verlangt, verneinet, bejaht er:
4
Naevia; si non sit Naevia, mutus erit.
Alles ist Naevia; stumm wird er, wenn Naevia fehlt.
5
Scriberet hesterna patri cum luce salutem, Als er dem Vater zum Gruß am gestrigen Morgen geschrieben,
6
'Naevia lux' inquit 'Naevia lumen, have.'
Hieß es: "Dir Naevia, Stern, Naevia, Sonne, dir Gruß."
7
Haec legit et ridet demisso Naevia voltu. Naevia liest es und lacht, das Antlitz niedergesenket.
8
Naevia non una est: quid, vir inepte, furis?
Du bist Naevien nicht alles: was rasest du, Narr?
1,75
LXXV
1
Dimidium donare Lino quam credere totum Wer dir lieber, als dass er das Ganze dir leiht, die Hälfte
2
Qui mavolt, mavolt perdere dimidium.
Schenkt, Linus der büßt lieber die Hälfte nur ein.
1,79
LXXIX
1
Semper agis causas et res agis, Attale, semper: Immer treibst du Prozess' und immer treibst du Geschäfte:
2
Est, non est, quod agas, Attale, semper agis.
Gibt's, gibt's nicht, was du treibst, einiges treibest du stets.
3
Si res et causae desunt, agis, Attale, mulas. Fehlen Prozess' und Geschäfte, so treibst du, Attalus, Esel.
4
Attale, ne, quod agas, desit, agas animam.
Dass du ja nie nichts treibst, treibe die Seele dir aus!
1,91
XCI
1
Cum tua non edas, carpis mea carmina, Laeli. Während du nie ein Gedicht herausgibst, tadelst du meine.
2
Carpere vel noli nostra vel ede tua.
Willst du sie tadeln, so gib, Lälius, deine heraus.
1,95
XCV
1
Quod clamas semper, quod agentibus obstrepis, Aeli, Aelius, dass du so schreist, dass du überbrüllst die Parteien,
2
Non facis hoc gratis: accipis, ut taceas.
Nicht geschieht es umsonst: denn man bezahlt, dass du schweigst.
1,110
CX
1
Scribere me quereris, Velox, epigrammata longa. Dass Epigramme zu lang ich schreibe, klagest du, Velox,
2
Ipse nihil scribis: tu breviora facis.
Selber schreibest du nichts: kürzere machst du's in der Tat.
1,118
CXVIII
1
Cui legisse satis non est epigrammata centum, Wem es genug nicht war, Epigramme hundert zu lesen,
2
Nil illi satis est, Caediciane, mali.
Cädicanus, der hat nimmer des Schlechten genug.
2,3
III
1
Sexte, nihil debes, nil debes, Sexte, fatemur. Sextus, du bist nichts schuldig, du bist nichts schuldig, gesteh' ich.
2
Debet enim, si quis solvere, Sexte, potest.
Schuldig ist, Sextus, ja nur, wer zu bezahlen vermag.
2,7
VII
1
Declamas belle, causas agis, Attice, belle, Du sprichst, Atticus, schön, du führest schön die Prozesse,
2
Historias bellas, carmina bella facis,
Schreibest Geschichte schön, machest ein schönes Gedicht.
3
Componis belle mimos, epigrammata belle, Schön verfassest du auch Lustspiele, schön Epigramme,
4
Bellus grammaticus, bellus es astrologus,
Bist als Grammatiker schön, schön in der Astrologie,
5
Et belle cantas et saltas, Attice, belle, Nicht nur singest du schön, du tanzest, Atticus, schön auch,
6
Bellus es arte lyrae, bellus es arte pilae.
Spielest die Lyra schöln, spielest auch schön mit dem Ball.
7
Nil bene cum facias, facias tamen omnia belle, Willst du, da jegliches schön, da gar nichts aber du gut machst,
8
Vis dicam, quid sis? magnus es ardalio.
Wissen von mir, was du bist? Nur ein geschäftiger Narr.
2,10
X
1
Basia dimidio quod das mihi, Postume, labro, Dass du mit halbem Mund, o Postumus, Küsse mir reichest,
2
Laudo: licet demas hinc quoque dimidium.
Lob' ich: auch davon nimm immer die Hälfte noch ab.
3
Vis dare maius adhuc et inenarrabile munus? Willst du ein größres Geschenk und ein unaussprechliches geben,
4
Hoc tibi habe totum, Postume, dimidium.
O, so bahalt' auch die Hälfte noch, Postumus, ganz!
2,12
XII
1
Esse quid hoc dicam, quod olent tua basia murram Wie erklär ich es mir, dass stets nach Myrrhe dein Kuss riecht?
2
Quodque tibi est numquam non alienus odor?
Und dass ein fremder Geruch nimmer dir, Postumus, fehlt?
3
Hoc mihi suspectum est, quod oles bene, Postume, semper: Das erregt mir Verdacht, dass stets du, Postumus, wohlriechst:
4
Postume, non bene olet qui bene semper olet.
Wohl riecht keiner, wenn wohl, Postumus, immer er riecht.
2,13
XIII
1
Et iudex petit et petit patronus. Geld verlangt der Richter, Geld der Anwalt.
2
Solvas censeo, Sexte, creditori. Deinem Gläubiger zahl' es, rat' ich, Sextus!
Versmaß:  Phalaeceus (Hendekasyllabus)
2,20
XX
1
Carmina Paulus emit, recitat sua carmina Paulus. Paulus kauft sicht Gedicht' und liest sie vor als die Seinen.
2
Nam quod emas, possis iure vocare tuum.
Denn das, was man sich kauft, nennt man das Seine mit Recht
2,21
XXI
1
Basia das aliis, aliis das, Postume, dextram. Einigen gibst du die Hand, gibst andern, Postumus, Küsse.
2
Dicis 'Utrum mavis? elige.' Malo manum
"Wähle, was ziehest du vor?" sagst du. Ich wähle die Hand.
2,25
XXV
1
Das numquam, semper promittis, Galla, roganti. Nie gewährest du, stets, wenn ich bitte, Galla, versprichst du.
2
Si semper fallis, iam rogo, Galla, nega.
Täuschest du, Galla, mich stets, bitt' ich nun, schlage mir ab!
2,35
XXXV
1
Cum sint crura tibi similent quae cornua lunae, Da dir, Phöbus, die Schenkel gekrümmt, wie die Hörner des Monds sind,
2
In rhytio poteras, Phoebe, lavare pedes.
Hättest im Trinkhorn du baden die Füße gekonnt.
2,38
XXXVIII
1
Quid mihi reddat ager quaeris, Line, Nomentanus? Linus, du fragst, wie viel mein Feld in Nomentum mir einträgt?
2
Hoc mihi reddit ager: te, Line, non video.
So viel trägt es mir ein: Linus, ich sehe dich nicht.
2,56
LVI
1
Gentibus in Libycis uxor tua, Galle, male audit Gallus, im Libyschen Volk bezeiht man deine Gemahlin,
2
Immodicae foedo crimine avaritiae.
Dass sie der Habsucht fröhn', ohne zu kennen ein Maß.
3
Sed mera narrantur mendacia: non solet illa Reine Lügen jedoch sind das: gerade zu nehmen
4
Accipere omnino. Quid solet ergo? Dare.
Pfleget sie nicht. Was denn pfleget sie? Gallus, sie gibt!
2,58
LVIII
1
Pexatus pulchre rides mea, Zoile, trita. Wollreich, Zoilus, ist dein Kleid, mein kahles verlachst du.
2
Sunt haec trita quidem, Zoile, sed mea sunt.
Kahl ist's, Zoilus, zwar, aber mein eigenes ist's.
2,66
LXVI
1
Unus de toto peccaverat orbe comarum Nur ein Ringel versah's in dem ganzen Lockengebäude,
2
Anulus, incerta non bene fixus acu.
Welcher der Nadel entglitt, da sie zu locker gesteckt.
3
Hoc facinus Lalage speculo, quo viderat, ulta est, Lalage rächte die Tat, die gesehn im Spiegel sie hatte
4
Et cecidit saevis icta Plecusa comis.
Und Plecusa, entseelt, fiel dem ergrimmeten Haar.
5
Desine iam, Lalage, tristes ornare capillos, Lalage, ornde hinfort nie mehr die traurigen Locken,
6
Tangat et insanum nulla puella caput.
Leg' an das rasende Haupt nimmer ein Mädchen die Hand!
7
Hoc salamandra notet vel saeva novacula nudet, Zeichnen mög' es ein Molch, das ergrimmete Messer entblöß' es,
8
Ut digna speculo fiat imago tua.
Dass dein Spiegel von dir hab' ein gebührendes Bild!
2,67
LXVII
1
Occurris quocumque loco mihi, Postume, clamas Überall, wo du mir begegnest, Postumus rufst du
2
Protinus et prima est haec tua vox 'Quid agis?'
Stets, und dein erstes Wort ist es: "Was treibst du denn?"
3
Hoc, si me decies una conveneris hora, Träfst du mich zehnmal auch in einer Stunde, so sagst du's:
4
Dicis: habes puto tu, Postume, nil quod agas.
Du hast, wie es mir scheint, Postumus, nichts, was du treibst.
2,78
LXXVIII
1
Aestivo serves ubi piscem tempore, quaeris? Wo in der Sommerzeit du den Fisch bewahrest, so fragst du?
2
In thermis serva, Caeciliane, tuis.
Deinen Thermen vertrau, Cäcilianus, ihn an!
2,80
LXXX
1
Hostem cum fugeret, se Fannius ipse peremit. Als vor dem Feind er floh, hat Fannius selbst sich getötet.
2
Hic, rogo, non furor est, ne moriare, mori?
Ist es nicht toll, dass, um nicht sterben zu müssen, man stirbt?
2,87
LXXXVII
1
Dicis amore tui bellas ardere puellas, Reizende Mädchen glühn für dich in Liebe, so sagst du,
2
Qui faciem sub aqua, Sexte, natantis habes.
Sextus, und hast das Gesicht dessen, der quaket im Sumpf.
2,93
XCIII
Das letzte Epigramm des I(I). Buches
1
'Primus ubi est' inquis 'cum sit liber iste secundus?' '"Wo ist", sagst du, "das erste? es ist dies Buch ja das zweite",
2
Quid faciam, si plus ille pudoris habet?
Aber was soll ich tun, wenn sich das erste mehr schämt?
3
Tu tamen hunc fieri si mavis, Regule, primum, Regulus, willst du jedoch zum ersten lieber es machen,
4
Unum de titulo tollere iota potes.
Nimm von der Aufschrift dann nur ein Jota hinweg!
3,8
VIII
1
'Thaida Quintus amat.' Quam Thaida? 'Thaida luscam.' Thais ist Quintus' Schatz. Die mit einem Auge? die Thais?
2
Unum oculum Thais non habet, ille duos.
Thais ist eines Aug's, beider ihr Buhle beraubt.
3,9
IX
1
Versiculos in me narratur scribere Cinna. Cinna, so wird mir erzählt, soll Verslein gegen mich schreiben.
2
Non scribit, cuius carmina nemo legit.
Wessen Gedicht man nicht lieset, der schreibet auch keins.
3,11
XI
1
Si tua nec Thais nec lusca est, Quinte, puella, Wenn dein Mädchen nicht Thais, Quintus, und auch nicht einäugig,
2
Cur in te factum distichon esse putas?
Weshalb glaubst du, dass dir gelten das Distichon soll?
3
Sed similest aliquid? pro Laide Thaida dixi? Ähnlich wäre es wohl, wenn ich Thais sagte für Lais.
4
Dic mihi, quid simile est Thais et Hermione?
Sage, worin Thais ähnlich Hermione ist!
5
Tu tamen es Quintus: mutemus nomen amantis: Du bist Quintus jedoch: nun lass uns ändern den Namen:
6
Si non vult Quintus, Thaida Sextus amet.
Will nicht Quintus, so hab' Sextus die Thais denn lieb!
3,12
XII
1
Unguentum, fateor, bonum dedisti
Feine Salbe, gesteh' ich, reicht'st du gestern
2
Convivis here, sed nihil scidisti. Deinen Gästen, doch nichts zu essen gab es.
3
Res salsa est bene olere et esurire. Artig ist es, zu duften und zu hungern.
4
Qui non cenat et unguitur, Fabulle, Wer nicht speiset, Fabullus, und gesalbt wird,
5
Hic vere mihi mortuus videtur. Der erscheint mir wie eine wahre Leiche.
Versmaß:  Phalaeceus (Hendekasyllabus)
Vgl. Catull 13
3,17
XVII
1
Circumlata diu mensis scribilita secundis Als bei dem Nachtisch jüngst ein Gebäck man lange herumtrug,
2
Urebat nimio saeva calore manus;
War es so heiß, dass daran arg sich verbrannte die Hand;
3
Sed magis ardebat Sabidi gula: protinus ergo Aber es brannte noch mehr des Sabidius Gaumen: er blies drum
4
Sufflavit buccis terque quaterque suis.
Drei-, viermal mit dem Mund, ohne zu zaudern hinein.
5
Illa quidem tepuit digitosque admittere visa est, Kühl ward's freilich dadurch und schien die Finger zu dulden,
6
Sed nemo potuit tangere: merda fuit.
Aber berühren konnt's keiner: es wurde zu Kot.
3,38
XXXVIII
1
Quae te causa trahit vel quae fiducia Romam, Sextus, was für ein Grund, für Vertrauen zieht dich nach Rom hin?
2
Sexte? quid aut speras aut petis inde? refer.
Sage heraus, was hoffst oder begehrest du dort?
3
'Causas' inquis 'agam Cicerone disertior ipso "Sachen will ich beredt, wie selbst nicht Cicero führen",
4
Atque erit in triplici par mihi nemo foro.'
Sprichst du, "es tut auf den drei Foren mir keiner es gleich."
5
Egit Atestinus causas et Civis - utrumque Auch Atestinus hat und Civis Sachen geführet;
6
Noras - ; sed neutri pensio tota fuit.
Beide kennst du - ; doch bracht's keinem die Miete für's Jahr.
7
'Si nihil hinc veniet, pangentur carmina nobis: "Kommet mir daher nichts, so will ich dichten Gesänge,
8
Audieris, dices esse Maronis opus.'
Die du für Maros Werk, wenn du sie hörest, erklärst."
9
Insanis: omnes gelidis quicumque lacernis Du redest irre: wen dort du siehst in zerlumpten Lacernen
10
Sunt ibi, Nasones Vergiliosque vides.
Frieren, ein Naso ist jeglicher und ein Vergil.
11
'Atria magna colam.' Vix tres aut quattuor ista "Großen will ich mich weihn". Es ernährt kaum Dreie bis Viere
12
Res aluit, pallet cetera turba fame.
Dieses Geschäft, und es bleicht Hunger die übrige Schar.
13
'Quid faciam? suade: nam certum est vivere Romae.' "Rate! Was soll ich tun? denn in Rom zu bleiben beschloss ich".
14
Si bonus es, casu vivere, Sexte, potes.
Sextus, ein Zufall ist's, wenn du's als redlicher kannst.
3,43
XLIII
1
Mentiris iuvenem tinctis, Laetine, capillis, Durch gefärbtes Haar, Lätin, erlügst du den Jüngling,
2
Tam subito corvus, qui modo cycnus eras.
Du, der ein Schwan einst war, wurdest ein Rabe so schnell.
3
Non omnes fallis; scit te Proserpina canum: Alle täuschest du nicht; Proserpina weiß, dass du grau bist:
4
Personam capiti detrahet illa tuo.
Und bald wird von dem Haupt diese die Maske dir ziehn.
3,56
LVI
1
Sit cisterna mihi, quam vinea, malo Ravennae, Mehr als ein Weinberg gilt in Ravenna mir ein Zisternlein;
2
Cum possim multo vendere pluris aquam.
Denn viel höheren Preis zahlt man für Wasser mir dort.
3,61
LXI
1
Esse nihil dicis quidquid petis, inprobe Cinna: Frecher Cinna, du nennst das nichts, um was du auch bittest:
2
Si nil, Cinna, petis, nil tibi, Cinna, nego.
Bittest du, Cinna, um nichts, weiger' ich, Cinna, dir nichts.
3,63
LXIII
1
Cotile, bellus homo es: dicunt hoc, Cotile, multi. Dass du ein artiger Mann, das sagen, Cotilus, viele,
2
Audio: sed quid sit, dic mihi, bellus homo.
Hör' ich: Aber was ist, sag's mir, ein artiger Mann?
3
''Bellus homo est, flexos qui digerit ordine crines, "Artig heißet ein Mann, der in zierliche Locken das Haar legt,
4
Balsama qui semper, cinnama semper olet;
Welcher nach Balsam stets duftet, beständig nach Zimt;
5
Cantica qui Nili, qui Gaditana susurrat, Der die Lieder vom Nil, der gaditanische trällert,
6
Qui movet in varios bracchia volsa modos;
Der mit enthaartem Arm gaukelnde Wendungen macht;
7
Inter femineas tota qui luce cathedras Der zu den Füßen der Frau'n sich setzt und den Tag da verbringet,
8
Desidet atque aliqua semper in aure sonat,
Und in irgend ein Ohr immer zu flüstern was hat,
9
Qui legit hinc illinc missas scribitque tabellas; Der stets Brieflein schreibt und liest, die andere schickten,
10
Pallia vicini qui refugit cubiti;
Der vor des Nachbararms Mantel zu schützen sich sucht,
11
Qui scit, quam quis amet, qui per convivia currit, Der die Geliebten kennt von jeglichem, Schmäuse durcheilet,
12
Hirpini veteres qui bene novit avos.'
Welcher die Ahnen Hirpins sämtlich zu nennen vermag."
13
Quid narras? hoc est, hoc est homo, Cotile, bellus? Was schnackst, Cotilus, du? das ist ein artiger Mann, das?
14
Res pertricosa est, Cotile, bellus homo.
Ein gar närrisches Ding ist doch ein artiger Mann.
4,12
XII
1
Nulli, Thai, negas, sed si te non pudet istud, Keinem versagest du dich; doch schämst du, Thais, dich des nicht,
2
Hoc saltem pudeat, Thai, negare nihil.
Schäme dich wenigstens des, Thais, dass nichts du versagst!
4,21
XX
1
Nullos esse deos, inane caelum Dass im Himmel es keine Götter gebe,
2 Adfirmat Segius: probatque, quod se Zeigt uns Segius und beweist's, er sieht ja
3 Factum, dum negat haec, videt beatum. Sich, indem er sie leugnet, reich geworden.
Versmaß:  Phalaeceus (Hendekasyllabus)
4,24
XXIV
1
Omnes quas habuit, Fabiane, Lycoris amicas Sämtliche Freundinnen hat, Fabian, Lykoris bestattet,
2
Extulit: uxori fiat amica meae.
Möchte die Freundin auch meiner Gemahlin sie sein.
4,36
XXXVI
1
Cana est barba tibi, nigra est coma: tinguere barbam Grau ist, Olus, dein Bart, dein Haupthaar schwarz: und der Grund ist,
2
Non potes - haec causa est - et potes, Ole, comam.
Färben kannst du dir nicht, Olus, den Bart, doch das Haar.
4,41
XLI
1
Quid recitaturus circumdas vellera collo? Was umgibst du den Hals, um uns vorzulesen, mit Wolle?
2
Conveniunt nostris auribus ista magis.
Viel willkommener würd' unseren Ohren das sein.
4,56
LVI
1
Munera quod senibus viduisque ingentia mittis, Weil du gewaltig viel verschenkst an Witwen und Greise,
2
Vis te munificum, Gargiliane, vocem?
Soll freigebig ich dich nennen, o Gargilian?
3
Sordidius nihil est, nihil est te spurcius uno, Geiziger ist kein Mensch als du, nicht filziger einer,
4
Qui potes insidias dona vocare tuas:
Der du Geschenk frech nennst deine bestrickende List.
5
Sic avidis fallax indulget piscibus hamus, So wird gierigen Fischen geschenkt von der rückischen Angel,
6
callida sic stultas decipit esca feras.
So das törichte Wild listig vom Köder getäuscht.
7
Quid sit largiri, quid sit donare, docebo, Was freigebig sein, was schenken heißet, ich will dich's
8
Si nescis: dona, Gargiliane, mihi.
Wenn du es noch nicht weißt, lehren: beschenke du mich!
4,72
LXXII
1
Exigis, ut donem nostros tibi, Quinte, libellos. Quintus, du forderst mich auf, dir meine Bücher zu schenken.
2
Non habeo, sed habet bibliopola Tryphon.
Quintus, ich habe sie nicht, Tryphon verkauft sie jedoch.
3
'Aes dabo pro nugis et emam tua carmina sanus? "Geld gäb' ich für den Tand, bei Vernunft kauft' ich die Gedichte?
4
Non' inquis 'faciam tam fatue.' Nec ego.
Nimmer werd' ich so dumm handeln", so sagst du. Noch ich.
4,85
LXXXV
1
Nos bibimus vitro, tu murra, Pontice. Quare? Ponticus, weshalb trinken aus Glas wir, du aus Murrinen?
2
Prodat perspicuus ne duo vina calix.
Der durchsichtige Kelch zeigte sonst anderen Wein.
4,89
LXXXIX
Abschlussgedicht des 4. Buches

1

Ohe, iam satis est, ohe, libelle,
Halt, jetzt ist's zur Genüge, halt, o Büchlein,
2 Iam pervenimus usque ad umbilicos. Schon sind bis zu den Nabeln wir gekommen.
3 Tu procedere adhuc et ire quaeris, Du suchst weiter noch deinen Schritt zu setzen
4 Nec summa potes in schida teneri, Und willst nicht durch das letzte Blatt beschränkt sein,
5 Sic tamquam tibi res peracta non sit, Gleich als sei dein Geschäft noch nicht beendet,
6 Quae prima quoque pagina peracta est. Das beendet auch auf dem ersten Blatt ist.
7 Iam lector queriturque deficitque, Schon beklagt sich der Leser und ermüdet,
8 Iam librarius hoc et ipse dicit Dein Abschreiber sogar auch sagt bereits dir:
9 'Ohe, iam satis est, ohe, libelle.' "Halt, jetzt ist's zur Genüge, halt, o Büchlein!"
     
Versmaß:  Phalaeceus (Hendekasyllabus)
Bearbeitung: E.Gottwein
Übersetzung: Dr.A.Berg (kursiv: Änderungen des Bearbeiters)
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Sententiae excerptae:
w45
Literatur:
3030  Hofmann, J.B.
Lateinische Umgangssprache
Heidelberg, Winter, 1926, 3/1851 (3,1951; 4,1978)
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2988  Martial / Freya Stephan-Kühn
Martial. Epigramme. Textauswahl und Erläuterungen
Paderborn (Schöningh) 1976
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3295  Offermann, H.
Catull - Martial. Dichtung im Vergleich
in: Anr 32/4,1986,226 und Anr 32/5,1986,316
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2985  Richter, Alfred (Hg.)
Satura lanx. Eine Auswahl lateinischer Dichtung für die Mittel- und Oberstufe. Für den Schulgebrauch zusammengestellt und erläutert. (Phaedrus, Ovidius, Catullus, Tibullus, Sulpicia, Propertius, [Properz], Horatius [Horaz], Martialis, Petronius, Ausonius, Ennius, Pacuvius, Accius, Lucilius).
Frankfurt a.M...., Diesterweg, 2/1967
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2984  Richter, Will
Römische Dichter. Eine Auswahl für die Schule, hg. und eingeleitet. Text und Kommentar (Phaedrus, Ovidius, Catullus, Tibullus, Propertius (Properz), Martialis)
Frankfurt a.M., Hirschgraben 4/1970
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3333  Schmitz, Ch.
Drei entführte Frauen und ein verlassener Entführer. Martial, Epigramm 12,52
in: Gymn.112/2005, S.229-240
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1985  Szelest, H.
Martial - eigentlicher Schöpfer und hervorragendster Vertreter des römischen Epigramms
in: ANRW II.32.4 (1986) 2563-2623
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3334  Wenzel, M.
In den Händen der Ärzte. Zu Martial V 9
in: Gymn.112/2005, S.123-132
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