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1.) Cic.rep.6,9-12: Äußerer Rahmen
und Traumbegegnung mit Scipio Africanus maior
VI
9-12
[Die etwas barocke Übersetzung
stammt von Karl Atzert. Eine eigene Übersetzung
soll möglichst bald an ihre Stelle treten.] |
| Cum
in Africam venissem M'. Manilio consuli ad quartam legionem
tribunus, ut scitis, militum, nihil mihi fuit potius,
quam ut Masinissam convenirem regem, familiae nostrae
iustis de causis amicissimum. (6,9)
Ad quem ut veni, conplexus me senex conlacrimavit aliquantoque
post suspexit ad caelum et: Grates, inquit, tibi ago,
summe Sol, vobisque, reliqui Caelites, quod, ante quam
ex hac vita migro, conspicio in meo regno et his tectis
P. Cornelium Scipionem, cuius ego nomine ipso recreor;
itaque numquam ex animo meo discedit illius optimi atque
invictissimi viri memoria. Deinde ego illum de suo regno,
ille me de nostra re publica
percontatus est, multisque verbis ultro citroque habitis
ille nobis consumptus est dies. |
[Es sind
nun 20 Jahre her], da kam ich, dem Stabe des Konsuls
Manius
Manilius als Kriegstribun zugeteilt, zur vierten
Legion nach Afrika. Ihr wisst das ja noch. Nichts
lag mir damals so am Herzen, als dem König von
Numidien, Massinissa, meine Aufwartung zu machen,
der unserem Hause berechtigterweise so nah befreundet
war. Als ich eintrat, umfing mich der hochbetagte
Mann mit offenen Armen unter Freudentränen. Nach
einer Weile schaute er zum Himmel auf, und betend
sprach er: »Dank dir, erhabener Sonnengott, Dank euch
auch, ihr anderen himmlischen Geister, dass ich noch
einmal, ehe ich aus diesem Leben scheiden muss, hier
in meinem Reich und unter diesem meinem Dach den Publius
Cornelius Scipio schauen darf.. Sein bloßer
Name ja belebt mich schon! So wenig schwindet je aus
meinem Herzen di Erinnerung an jenen erlauchten unbesiegten
Helden, ich kann ihn nicht vergessen.« Darauf befragte
ich ihn nach seinem Reich, er mich nach unserer Republik.
Hin und her wechselte unser Gespräch, und so
verging uns jener Tag. |
| (6,10)
Post autem apparatu regio accepti sermonem in multam
noctem produximus, cum senex nihil nisi de Africano
loqueretur omniaque eius non facta solum, sed etiam
dicta meminisset. |
Es wartete unser
ein fürstliches Mahl, bei dem wir die Unterhaltung
bis tief in die Nacht fortführten. Immer sprach
der Greis vom alten Africanus nur, aller seiner Taten,
aller seiner Worte eingedenk. |
| Deinde, ut cubitum discessimus,
me et de via fessum, et qui ad multam noctem vigilassem,
artior quam solebat somnus complexus est. Hic mihi (credo
equidem ex hoc, quod eramus locuti; fit enim fere, ut
cogitationes sermonesque nostri pariant aliquid in somno
tale, quale de Homero scribit Ennius, de quo videlicet
saepissime vigilans solebat cogitare et loqui) Africanus
se ostendit ea forma, quae mihi ex imagine eius quam
ex ipso erat notior; quem ubi agnovi, equidem cohorrui,
sed ille: Ades, inquit, animo et omitte timorem, Scipio,
et, quae dicam, trade memoriae. |
Als wir uns
dann getrennt hatten, um zur Ruhe zu gehen, überfiel
mich, der ich von der Reise müde und bis weit in
die Nacht wach geblieben war, ein tieferer Schlaf als
sonst. Da hatte ich eine Erscheinung ‑ von Africanus
träumte ich und sah ihn mehr in der Gestalt, die
mir von seinem Bilde her bekannt war, ihn selber hatte
ich so im Leben nie gesehen. Wir hatten ja von ihm gesprochen,
daher wohl mein Traum. Es ist nämlich keine Seltenheit,
dass unsere Gedanken und Gespräche, wenn wir schlafen,
dergleichen im Traum hervorbringen, wie Ennius
von Homer es schreibt, über den er häufig
wachend nachgedacht und gesprochen hat. Als ich ihn
erkannte, erschrak ich. Er aber sprach zu mir: »Fasse
dich Scipio, lass ab von der Furcht, und was ich dir
künden werde, berichte der Nachwelt. |
| (6,11)
Videsne illam urbem, quae parere populo Romano coacta
per me renovat pristina bella nec potest quiescere?
(ostendebat autem Karthaginem de excelso et pleno stellarum
illustri et claro quodam loco) ad quam tu oppugnandam
nunc venis paene miles. Hanc hoc biennio consul evertes,
eritque cognomen id tibi per te partum, quod habes adhuc
a nobis hereditarium. Cum autem Karthaginem deleveris,
triumphum egeris censorque fueris et obieris legatus
Aegyptum, Syriam, Asiam, Graeciam, deligere iterum consul
absens bellumque maximum conficies, Numantiam excindes.
Sed cum eris curru in Capitolium invectus, offendes
rem publicam consiliis perturbatam nepotis mei. |
Siehst du die
Stadt dort ‑ ich war's, der sie dem Römervolke
sich zu fügen zwang ‑, den alten Krieg erneuert
sie, und Ruhe halten kann sie nicht.« ‑ Dabei zeigte
er auf Karthago
hin und schwebte in lichten Himmelshöhen, umflossen
ganz von hellem Sternenglanz. ‑ »Sie zu belagern kommst
du jetzt ‑ kaum erst Soldat ‑, zwei Jahre noch, so wirst
du Konsul werden und sie bis auf den Grund vernichten.
Dann wird auch dich man Africanus nennen, du hast den
Namen dir dann selbst verdient, den vorerst du nur trägst,
ererbt von mir. Hast du Karthago
dann zerstört, Triumph gefeiert, die Zensur erreicht,
Ägypten,
Syrien, Asien, Griechenland
in Staatsauftrag bereist, so wirst abwesend du zum zweiten
Male Konsul werden und den größten Krieg
beenden; Numantia,
die Feste, wirst du brechen. Nun fährst als Triumphator
du aufs hohe Kapitol und wirst in Aufruhr finden unsern
Staat, den meines Enkels Pläne tief bedrohen. Da
wirst du, Africanus, nun dein Licht aufleuchten lassen
deinem Vaterland, du musst's, musst zeugen von deines
Herzens tiefer, deines Geistes hoher, deiÂner Um‑ und
Einsicht ganzer Kraft. |
| (6,12)
Hic tu, Africane, ostendas oportebit patriae lumen animi,
ingenii consiliique tui. Sed eius temporis ancipitem
video quasi fatorum viam. Nam cum aetas tua septenos
octiens solis anfractus
reditusque converterit, duoque ii numeri, quorum uterque
plenus alter altera de causa habetur, circuitu naturali
summam tibi fatalem confecerint, in te unum atque in
tuum nomen se tota convertet civitas, te senatus, te
omnes boni, te socii, te Latini intuebuntur, tu eris
unus, in quo nitatur civitatis salus, ac, ne multa,
dictator rem publicam constituas oportet, si impias
pro pinquorum manus effugeris. Hic cum exclamasset Laelius
ingemuissentque vehementius ceteri, leniter arridens
Scipio: St! quaeso, inquit, ne me e somno excitetis,
et parumper audite cetera. |
Von dieser Stunde
aber ‑ so seh ich's voraus ‑ zeigt deine Schicksalsbahn
ihr doppeltes Gesicht. So stellt sich mir dein Horoskop:
Der Sonne Umlaufzeiten sind 8 x 7 dir bestimmt. Das
sind die beiÂden Zahlen, deren jede aus eigenem Grund
vollkommen heißt, doch ihr Produkt ergibt die
schicksalhaft im Kreislauf der Natur dir endgesetzte
Summe. Bauen wird alsdann auf dich allein, auf deinen
Namen nur die ganze Bürgerschaft, schauen wird
auf dich der Senat und was an Guten ist im Volk, wer
uns verbündet ist und wer Latiner Namen trägt;
du wirst der einzige sein, auf dem des Staates Wohlfahrt
ruht, kurz, Diktator musst du werden, musst festigen
den Staat, wenn's dir gelingt, verruchten Händen
derer zu entgehen, die dir die Anverwandten sind.« Da
schrie Laelius laut auf, und die anderen seufzten heftiger,
doch sanft lächelnd fuhr Scipio
fort: »St! Bitte, weckt mich nicht, aus meinem Schlaf,
ein Weilchen hört noch weiter!«
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