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Herodot 3,80-84: Die Verfassungsdebatte

1. Einleitung

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Situation

Als Großkönig Kambyses auf seinem Feldzug in Ägypten abwesend war, nutzten zwei Mitglieder der Priesterkaste der Mager die Gelegenheit: Nachdem sie Smerdis, den Bruder des Kambyses beseitigt hatten, setzte sich einer von ihnen, der Smerdis ähnlich sah, auf den persischen Thron und regierte als "Falscher Smerdis". Im Jahre 522 v. Chr. entthronte Dareios diesen "Falschen Smerdis" mit sechs weiteren Mitverschwörern aus dem persischen Adel.

Das so entstandene Machtvakuum eröffnet die Fiktion der "Stunde Null": Scheinbar voraussetzungslos ("utopisch") kann man diskutieren,  welche Regierungsform man etablieren sollte. Die Stunde der Theoretiker oder zumindest der theoretisierenden Pragmatiker hat geschlagen.

So hat es den Anschein, wenn man sich dazu verführen lässt, die Debatte inhaltlich und formal als einen in sich geschlossenen Textabschnitt aus ihrem Zusammenhang herauszulösen. Der Charakter des lockeren Einschubes lässt sich sicher nicht hinweg diskutieren, doch muss man auch seine Funktion im Erzählzusammenhang bedenken. Ein neues Großthema hat begonnen: Die Darstellung der Regierung des Kambyses (II 1 - III 60) ist abgeschlossen; es folgt die Regierung des Dareios (III 61 - VII 4). Funktional geht es also darum, an der Art, wie er die Macht an sich gebracht hat, ein Charakterbild zu entwerfen: Er ist der raffinierte und gewiefte Taktiker und Pragmatiker, der es versteht, eine historische Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen und bedenkenlos für seine Zwecke auszunutzen. 

Teilnehmer an der Debatte waren die sieben Befreier. Beiträge liefern (entsprechend der Dreizahl der gewürdigten Staatsformen):

Demokratie
Aristokratie
Monarchie

Bei aller scheinbarer Offenheit der Debatte war durch die Geschichte der Perser faktisch die Entscheidung für die Monarchie zwingend. Das Plädoyer für sie steht deswegen auch am Schluss. Nicht weil von ihm eine besondere Überzeugungskraft ausginge: vielleicht für die Debattanten; objektiv aber ist das Gegenteil der Fall. Am überzeugendsten, muss für alle griechische Ohren das Plädoyer für die Demokratie klingen. Für sie schlägt natürlich auch Herodots Herz. Doch damit, dass für die Perser das Beste gerade nicht möglich wird, charakterisiert Herodot nicht nur Dareios, sondern einmal mehr den tiefgreifenden Unterschied zwischen Ost und West, der sich später in den Perserkriegen entladen wird. 

Aufbau und Argumentationsfolge

Kompositionsschema zur Verfassungsdiskussion

Drei Verfassungen und drei Redner. Das ergibt ein klares Grundschema: Jeder Redner spricht jeweils für und jeweils gegen eine bestimmte Verfassung. Dadurch dass die beiden letzten auf ihre Vorredner Bezug nehmen, kann eine zweite oder dritte Stoßrichtung entstehen. Dies ist besonders bei Dareios der Fall. 
Die Beiträge sind nicht gleich gewichtet. Otanes, der Vertreter des griechischen (athenischen) Demokratieverständnisses und Dareios, der Vertreter der persischen Monarchie und des orientalischen Despotismus wird größeres Gewicht zugemessen. Megabyzos erscheint argumentationsarm und vertritt die  propagandistischen Parolen des  Adels . Erst Dareios unterscheidet explizit zwischen der Bestform und entsprechend einer zugehörigen Entartungsform. Bei den beiden ersten Rednern ist diese Unterscheidung nur immanent vorhanden, dadurch dass das PRO immer auf die Bestform und das CONTRA auf die Entartungsform zielt. 
Es lohnt, dieses Grundschema im Laufe der Lektüre zu differenzieren und mit den vorgetragenen Argumenten anzureichern. 

Gestaltung und Quellen

Dass die Debatte so in Persien wirklich geführt worden sei, ist trotz der ausdrücklichen Versicherung Herodots mehr als unwahrscheinlich. In Persien stand die von Kyros begründete Monarchie als bestmögliche Staatsform nie zur Diskussion.

Jacoby (Sp. 429) geht unter Hinweis auf Hdt.3,87 (καὶ γὰρ ἐπ' ἀμφότερα λέγεται ὑπὸ Περσέων - auch von den Persern wird kontrovers debattiert) von persischen Logoi als Quellen aus, doch atmen sowohl Form  als auch die Argumentationsgang der Debatte unverkennbar griechischen Geist und werden zu Recht am ehesten dem Umfeld der Sophistik zugeordnet. Sie setzen einen Stand der demokratischen Reformen in Griechenland voraus, wie er etwa 480 v.Chr. erreicht war. Das wusste auch Herodot. Dass er sie den Persern zuordnete, hat literarischen Charakter. Abgesehen von den genannten Charakterisierungen ist  ein Verfremdungseffekt beabsichtigt, der den Leser aufhören lässt.

Literatur

Apfel, H. Die Verfassungsdebatte bei Herodot (3,80-82), Diss. Erlangen 1958
Bringmann, K. Die Verfassungsdebatte bei Herodot 3, 80-82. Darius' Aufstieg zur Königsherrschaft, Hermes 104, 1976, 266 ff.
Demandt, A. Der Idealstaat. Die politischen Theorien der Antike, Köln - Weimar - Wien (Böhlau) 2000, S.48-49 (u.ö.)
Jacoby, F. Griechische Historiker, (Sonderdruck aus RE Suppl. II 205-520) Stuttgart (Druckenmüller) 1956, Sp. 429 f.
Ryffel, H. ΜΕΤΑΒΟΛΗ ΠΟΛΙΤΕΙΩΝ. Der Wandel der Staatsverfassungen, in: Noctes Atticae 2, Bern 1949
Wüst, K. Politisches Denken bei Herodot, Diss. München (Würzburg) 1935

 

 

 

 

 

Sententiae excerptae:
w41
Literatur:

2 Funde
115  Bringmann, K.
Verfassungsdebatte bei Herodot 3,80-82 und Dareios' Aufstieg..
in: Herm.104/1976,266
abe  |  zvab  |  look
30  Huber, A.
Verfassungsdebatte bei Herodot (III 80-82) als ein Beitrag zur politischen Bildung
in: Anreg.3/1977 S.163ff.
abe  |  zvab  |  look

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