|
Die Verfassungsdiskussion im 1. Buch von Ciceros
de re publica
Rebecca Zeller (LK 12 / 2000-01) |
Gliederung:
|
- AllgemeineEinführung
- Definition der "res publica"
- Grundformen: Vor- und Nachteile
- Demokratie
- Aristokratie
- Monarchie
- Entartungen und Kreislauf der Verfassungen
- Mischverfassung
- Benutzte Literatur
|
|
|
-
Allgemeine Einführung:
| De re publica wurde von Cicero
im Mai 54 v.Chr. angefangen und gegen Mai des
Jahres 51 beendet. Während seiner Arbeit
hielt er sich in Cumae auf seinem Landgut auf.
Der dargestellte Dialog findet 129 v.Chr. statt,
da Cicero bemüht war, die bedeutenden Umwälzungen,
die sich ereignet hatten, nicht zu berühren,
sondern den römischen Staat zur Zeit des
Scipio
darzustellen. Cicero wollte nicht wie Platon
das Bild eines Idealstaates entwerfen, sondern
einen der Wirklichkeit angenäherten Staat
schildern, wie er etwa um die Zeit des Dialoges
existierte hatte.
Dennoch ist gerade Platon
das Vorbild Ciceros. Seinem Staat wollte er ein
römisches Gegenstück zur Seite stellen,
dessen ethisches Fundament, nämlich die Forderung
nach Recht, Gerechtigkeit und Freiheit als Grundlage
eines Staates, gleich war, aber dessen überbau
spezifisch römisch war, in der freien und
originalen Gestaltung des Stoffes durch die Persönlichkeit
Ciceros.
Die Grundlagen für seine Betrachtungen hat
Cicero aus vielen griechischen Quellen; er zitiert
Platon,
Aristoteles, Demetrios von Phaleron, Epikur und
Kolotes, die Stoiker Panaitios,
Chrysippos, Zenon, Ariston von Chios und Diogenes,
den Babylonier, Polybios und Karneades, Herakleides
von Pontos und die Akademiker Speusippos, Xenokrates,
Polemnon und Arkesilaos.
In seiner Verfassungsdiskussion nimmt er die
Lehre des Aristoteles über den Verfassungskreislauf
mit seinen Entartungen auf.
Vor Cicero hatte es noch keinen literarischen
Niederschlag dieser Diskussion über die anthropologischen
und soziologischen Fragen nach der Entstehung
und Entwicklung des Gemeinschaftslebens in lateinischer
Sprache gegeben. |
-
Definition der res publica:
| Die res publica ist bei Cicero
der Zusammenschluss einer größeren
Menschenzahl, eine Interessengemeinschaft auf
der Grundlage von Rechtsvereinbarungen. Die
Notwendigkeit dazu liege im natürlichen
Streben des Menschen nach Gemeinschaft mit anderen
Menschen.
Diese Gemeinschaften suchten sich dann Orte,
wo sie fest siedelten – so entstehe ein oppidum
oder eine urbs. Diese brauche aber eine planvolle
Leitung, um Bestand zu haben.
Entweder müsse diese planvolle Leitung
in der Hand
- eines Einzelnen liegen (Monarchie)
- einiger Auserwählter (Aristokratie)
- der großen Masse (Demokratie)
Diese 3 Grundformen beleuchtet Cicero durch
den Mund Scipios: |
-
Grundformen:
Grundlage einer guten Staatsführung
sei, dass es keine Ungerechtigkeit gebe und dass
keine leidenschaftlichen Begierden aufkämen.
-
Demokratie
- Vorteile
In der Demokratie ist die Freiheit des
Einzelnen gegeben, da sie jedem gleich
zuteil wird, indem alle das gleiche Stimmrecht
haben. Aber dennoch spielt bei der Ämterbesetzung
oft das Alter der Familie oder ihre Vermögenslage
eine große Rolle.
In der Demokratie ist es wichtig, dass
allen Bürgern die selbe Rechtslage
zusteht, da ja schon das Geld nicht
gleich verteilt ist und da jeder andere
geistige Veranlagungen hat. Um sich
die vollkommene Freiheit der Demokratie
zu bewahren, muss das Volk sich - relativ
- einträchtig bemühen, diese
zu erhalten.
-
Nachteile
Bei einer Volksherrschaft birgt gerade
die Gleichheit eine Ungleichheit in
sich, da keine Abstufungen nach dem
Rang der Persönlichkeit des Einzelnen
vorgenommen werden können.
Als Beispiel werden die Athener
angeführt, die keine Abstufungen
nach dem persönlichen Wert des
Einzelnen vornehmen.
-
Aristokratie
- Vorteile
Wenn ein freies Volk die Männer wählen
kann, die den Staat lenken sollen, wird
man die besten wählen. Allerdings
hat nur eine kleine Minderheit die zur
Staatsführung geeigneten Tugenden,
die auch nur von einer anderen einsichtigen
und vorausblickenden Minderheit erkannt
werden. Daher ist oft der Glaube verbreitet,
die dem Adel zugehörigen oder die
Reichen seien die Besten. Jedoch nichts
ist schlimmer, als dass die Wohlhabendsten
für die Besten gehalten werden.
Wenn dieses Missverständnis jedoch
nicht zustande kommt, wären die
Besten an der Macht, würden weise
Gesetze geben und auch selbst vorbildlich
danach leben.
-
Nachteile
Bei einer Optimatenherrschaft kann die
Masse des Volkes kaum an der gemeinsamen
Freiheit teilhaben, da sie bei den Beratungsgesprächen
ausgeschlossen ist und ihr keine Machtbefugnis
gegeben ist.
Als Beispiel sind die Massilier angeführt,
deren Volk, auch wenn die Optimaten
eine gute Herrschaft ausüben, ohne
Mitspracherecht ist und somit beinahe
geknechtet.
-
Monarchie
- Vorteile:
In der Monarchie ist es von größter
Wichtigkeit, dass der Herrschende weise
und milde ist.
Vor allem in Kriegszeiten ist es wichtig
sich einem Einzelnen zu unterstellen,
um das Existieren des Staates zu gewährleisten
und für einen reibungslosen Ablauf
zu sorgen. Die Monarchie ist diejenige
Staatsform, die von Scipio
am meisten unter diesen 3 nicht ganz
perfekten gebilligt wird.
-
Nachteile
Bei einem Königtum haben alle anderen
zu wenig Anteil am gemeinsamen Recht
und der staatlichen Planung, da die
Macht und Befehlsgewalt in den Händen
eines Einzelnen liegt.
Als Beispiel wird Cyrus angeführt,
der ein weiser und gerechter König
der Perser gewesen sei, aber dennoch,
auch wenn seine Herrschaft gerecht und
weise war, war sie immer noch die Herrschaft
eines Einzelnen.
-
Vorzüge der jeweiligen Staatsform:
- In der Monarchie ist, da der König
an einen Patriarchen erinnert, der König
für seine Untertanen da, wie der
Patriarch für seine Kinder. Dabei
hat der Herrscher oder Vater vor allem
das Wohl der Untergebenen im Auge und
nicht seinen persönlichen Nutzen.
Die Untertanen im Gegenzug erkennen die
politische Klugheit an, mit der der König
sein Volk lenkt, da sie ihn als verantwortungsvollen
und umsichtigen Mann erleben und auch
schätzen können.
- Die Optimaten treten auf und behaupten,
sie könnten diese Aufgabe besser
erfüllen, da sich politische Umsicht
besser auf mehrere Personen verteile.
- Die Volksherrschaft dagegen aber gewährt
dem Volk die absolute und uneingeschränkte
Freiheit.
- Cicero ordnet den Verfassungsformen
bestimmte Leitwerte zu, wodurch sich eine
Parallele zur platonischen Trias in Platons
πολιτεία (Staat) ergibt.
| |
Königtum |
Aristokratie |
Volksherrschaft |
| Cicero |
caritas |
consilium |
libertas |
| Platon |
φιλία |
φρόνησις |
ἐλευθερία |
-
Allgemeine Kritik
Jede dieser Verfassungen
kann in eine schlechte Form umschlagen,
in ein entartetes Gegenstück, da sie
instabil sind und jede der Verfassungen
gewisse Nachteile hat, die den Interessen
mancher Gruppen wiedersprechen.
-
Beste Verfassung der 3 Grundarten
Die Monarchie
hält Scipio
für die Beste dieser 3 vorgestellten, aber
nicht perfekten und instabilen Verfassungsformen.
Dies versucht er an Beispielen und mit Zeugen
zu belegen.
Sein erstes Beispiel
ist aus der Mythologie, aus der Götterwelt,
die jeder Kritik erhaben ist und über der
Welt der Menschen steht.
In der Monarchie
kommt der König der Rolle eines Vaters gleich.
Er zieht hier eine Parallele zu Zeus. Zeus
sei der Vater aller Götter und Menschen
– ein einzelner Herrscher über alle. über
diese göttliche - und somit nur schwer anfechtbare
- Ebene definieren sich die Könige und fühlen
sich bestätigt. Scipio
räumt ein, dass dies vielleicht nur aus
der Mythologie stammt und daher von Herrschern
auch instrumentalisiert werden könne, aber
er will sich doch auf diejenigen Menschen
berufen, die von der Annahme ausgehen, dass
das Weltall durch den Geist eines einzigen
regiert wird. (Wie etwa die Stoiker dachten)
Als nächstes
ist Scipio
bemüht, Zeugen zu finden, die für die Monarchie
sprechen.
Rom wurde lange
von Königen regiert und diese ära ist noch
nicht allzu lange zu Ende. Da Scipio
die Römer nicht – wie die Griechen sie sahen
- als Barbaren ansieht, kann er auf ihre
Meinung vertrauen und ihm scheint das Königtum
gut, da so viele angesehene Vorfahren in
Einverständnis mit dieser Staatsform gelebt
hatten.
Die Vorfahren
haben die Könige - zu Recht, wie Scipio
meint - vergöttlicht, da diese durch ihre
Herrschaft, durch ihre Weisheit und durch
ihre Gerechtigkeit den alten Römern ihre
Ehre, ihre Würde und ihren Glauben gegeben
hätten.
Diese Staatsform
sei durch einen einzigen, nämlich Tarquinius
Superbus verdorben worden; wären die König
auch weiterhin in altbewährter Art tugendhafte
gewesen, wäre dieses System nicht zusammengebrochen.
Auch vergleicht
er die Staatsform der Monarchie mit den
Empfindungen eines stoischen Menschen: geräte
jemand Tugendhaftes in Rage, würde er nicht
den Zorn siegen lassen, sondern die Vernunft
über diese oder andere leidenschaftliche
Gefühlswallungen stellen. Genauso stünde
der König als staatliche Vernunft über den
Untertanen.
Seinen Gesprächspartner,
und somit alle ähnlichdenkenden römischen
Männer, will Scipioüberzeugen,
indem er die patriarchalische Herrschaft
von diesem in seinem eigenen Haus anspricht.
Um Beweise oder
Parallelen aufzuzeigen arbeitet Cicero oft
mit den stoischen Lehren, die er für sich
entdeckt hat und zu schätzen weiß.
Das Königtum
explizit wird von Cicero gelobt, da er an
die alte römische Vorstellung anknüpft,
ein Diktator auf gewisse Zeit ernannt soll
die Staatsordnung wieder herstellen:
|
Dictator rem publicam
constituas oportebit
Dictator rei publicae constituendae |
|
Dies ist nach
den Vorstellungen Ciceros zum Zeitpunkt,
als er den Dialog verfasste, nötig,
da gerade in dieser Zeit Spannungen in der
Republik deutlich wurden. In der Vergangenheit
hatten Männer versucht, die Macht an
sich zu reißen, bis schließlich
das Triumvirat 53 v. Chr. auseinanderbrach
und endgültig die Auseinandersetzung
zwischen dem Senat und einem Einzelnen,
nämlich Caesar, deutlich wurde.
Insgesamt war
dieses Zeitalter politisch unruhig und in
diesem Klima wünschte sich Cicero den
Friedensstifter.
-
Formale Betrachtung
Scipio
hält zu jeder Staatsform eine Rede,
wobei deutlich wird, dass die Reden für
die Demokratie und für die Aristokratie
sich von der für die Monarchie, welche
Cicero ja persönlich bevorzugt, unterscheiden:
einmal schon die Art der Argumentation:
Für die
Demokratie und die Aristokratie bleibt seine
Argumentation im allgemeinen, politischen
Rahmen und in der verfassungspolitischen
Sphäre. Diese beiden Reden sind im
Bezug auf den formalen Aufbau und ihre Gedankenführung
homogen.
In der Rede für
die Monarchie jedoch bringt er andersartige
Argumente, aus der Götterwelt, aus
der familia und aus der nationalen Geschichte,
die für Cicero eine ungeheuere Beweiskraft
gehabt haben muss, da die altrömische
Geschichte quasi ein geheiligter Bezirk
war.
Naheliegend ist
daher, dass Cicero die Reden über Demokratie
und Aristokratie von einem Autor übernommen
hat und die Rede für die von ihm favorisierte
Monarchie selbst geschrieben hat, wie Friedrich
Solmsen ausführt.
Das gemeinsame
Moment an diesen Reden über die einzelnen
Staatsformen ist, dass sie alle auf das
selbe Ziel hinweisen, indem sie jeweils
auf positive und negative Seiten geprüft
wurden, nämlich die ideale Mischverfassung.
Die Verteidigungen
eines γένος diskreditiert jeweils die anderen,
daher entsteht die Schlussfolgerung, dass
keine dieser Verfassungsgattungen perfekt
ist. Daraus wiederum resultiert das Endziel,
nämlich die Verfassung, die die Mängel
aller anderen Verfassungen vermeidet, aber
ihre Vorteile in sich vereint.
|
-
Entartungen und Verfassungskreislauf
- Diese Verfassungen sind nicht nur in sich
nicht perfekt, sondern jede von ihnen kann in
eine andere noch schlimmere Verfassungsart übergehen:
- Die Monarchie in die Tyrannis, die Gewaltherrschaft
eines einzelnen.
- Die Aristokratie in die Oligarchie, die
Herrschaft einer klüngelhaften Gesinnunsgruppe.
- Die Demokratie in die Ochlokratie, die
Willkürherrschaft einer entfesselten
Masse.
Dieser Kreislauf der Verfassungsentartungen
geht auf Aristoteles zurück. An dieser
Stelle zeigt sich ganz deutlich, wie Cicero
sich mit den griechischen Philosophen auseinandergesetzt
hat.
- Erklärung und Gründe:
- Monarchie in Tyrannis:
Fängt der König an, ungerecht
zu werden, so entsteht eine Tyrannis.
Dies sei die abscheulichste Staatsform,
die der besten am nächsten stehe.
Haben die Optimaten diesen ungerechten Gewaltherrscher
beseitigt, so entsteht eine Scheinmonarchie;
es herrscht ein Staatsrat bestehend aus
führenden Männern, die das Wohl
des Volkes im Auge haben.
Unter diesen wäre aber auch die Möglichkeit
wahrscheinlich, dass einer nach der Alleinherrschaft
strebt und sich als Tyrann
aufspielt.
Verjagt jedoch das Volk den Tyrannen,
so geht dies soweit gut, wenn nicht zu viele
Leidenschaften entfesselt werden, und das
Volk nach dem Sieg auch in Eintracht weiterlebt.
Da man aber von dem Trunk namens Freiheit
gekostet hat und oft nicht das rechte Maß
erkennen kann, führt dies zu einem
so hohen Maße an Freiheit, dass das
Ehrgefühl und der Respekt vor Anderen
abhanden kommt. Gerade durch diese Freiheit
ist das Volk verweichlicht und kann sich
an keine Anordnungen mehr halten. In diesem
Klima der vollkommenen Freiheit bildet sich
der Typus des Tyrannen
heraus. So verfällt dann ein extrem
in das Andere, nämlich Freiheit in
Knechtschaft.
- Laut Aristoteles gibt es einen schematischen
Ablauf, nach dem die eine in die andere Verfassungsform
übergeht.
Die jeweils gute Form der Grundformen wird durch
Umbruch in die schlechte Form der Grunderfassung
übergehen und durch Weiterentwickelung
in eine andere der Grundformen:
So
wechselten sich die Staatsformen ab,
wie in einem Ballspiel und keiner sei
eine längere Dauer beschieden. |
 |
Cicero zieht daraus die Konsequenz, dass die
einzig gute Verfassung die Mischverfassung
sei:
|
-
Mischverfassung
| Die Mischverfassung besteht
aus den aufgeführten 3 Staatsformen in
gleichmäßiger Verteilung.
Die Mischverfassung will die Mängel der
Einzelverfassungen vermeiden und ihre Vorteile
in sich vereinen.
-
Die erste Kraft ist eine monarchische
Spitze,
-
die zweite Kraft, eine der ersten Ebene
untergeordnete, ist der Einfluss der politischen
Führungsschicht und schließlich
-
die dritte Kraft im Staate ist die große
Masse, die in gewissen Aufgabengebieten
ihr Urteil und ihre politische Meinungsäußerung
abgeben muss.
Diese Verfassung beinhaltet ein hohes Maß
an Ausgeglichenheit und eine große Sicherheit
und Stabilität.
Ein Umsturz ist nur schwer möglich, da
ja alle Formen bereits vorhanden sind.
Laut Scipio,
oder Cicero, ist diese Idealverfassung mit der
römischen zur Zeit des Gespräches
identisch, da die römische Verfassung alle
diese Elemente enthalte. |
-
Benutzte Literatur:
| Pöschl,
Viktor |
Römischer
Staat und griechisches Staatsdenken bei Cicero;
wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1974 |
| Ziegler,
Konrad |
Staatstheoretische
Schriften; 2. unveränderte Auflage, wissenschaftliche
Buchgesellschaft Darmstadt 1979 |
| Sommer,
Walther |
Übersetzung
von: M. T. Cicero „de re publica", Stuttgart
(reclam) 1971 |
| Schwamborn,
Herbert |
Cicero,
Marcus Tullius: „de re publica", Text und
Erläuterungen, Paderborn (Schöningh)
o.J. |
| Solmsen,
Friedrich |
Die Theorie
der Staatsformen bei Cicero (Kompositionelle Beobachtungen),
in: Wege der Forschung; römisches Staatsdenken
herausgegeben von
Richard Klein |
|
|
|
|