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Die Vorfrage nach der Sinnhaftigkeit
eines politischen Engagements
Stephan Hohmann (LK 12/2000-01) |
Accedere ad rem publicam - a re publica recedere
?
In der Einleitung zu seinem Werk "De re publica"
befasst sich Cicero mit der Frage, in wie fern es überhaupt
tugendhaft und sinnvoll ist, sich dem Staatsdienst zuzuwenden.
Er stützt sich dabei vor allem auf die Lehren der Stoa
und des Epikureismus, die zu diesem Thema entgegengesetzte Positionen
innehatten.
Epikur
Der Epikureismus ist, ebenso wie die Stoa, eine hellenistische
Philosophenschule. Charakteristisch für Epikur ist seine
"Philosophie der Freude", die die Lust zum höchsten
Lebensprinzip erhebt. Der Philosoph sagt selbst "Die Lust
ist Ursprung und Ziel des glücklichen Lebens." (Aus
dem Brief an Menoikeus) Zu dieser Erkenntnis kam er, nachdem
er bei Tieren und kleinen Kindern beobachtet hatte, wie sie
immer versuchten, den Zustand größtmöglicher
Annehmlichkeiten zu erreichen. Dabei hat diese Betonung der
Lust (hedone - ἡδονή) Epikur viele Missverständnisse
und Anfeindungen eingebracht. Gemeint ist keineswegs grobsinnliche
Lust oder gar Wollust, sondern vielmehr eine Freiheit von
Furcht und Schmerz. Epikur führt auch erstmals das
in der Neuzeit von Bentham verfeinerte hedonistische Lustkalkül
an, wonach Lust und Leid gegeneinander aufgerechnet werden und
bei jeder Handlung längerfristig die Lust überwiegen
muss. Daraus ergibt sich ein wichtiger Grundsatz Epikurs: „Am
Anfang steht die Vernunft" (Brief an Menoikeus), denn nur
durch vernünftiges Abwägen lassen sich die Auswirkungen
des eigenen Handelns in Bezug auf den Lustgewinn ermessen.
So kommt es, dass der Epikureismus klassisch lustbringende
Tätigkeiten wie sinnliche und kulinarische Genüsse
zwar nicht verdammt, seine Anhänger jedoch zur Mäßigung
anhält, da diese Lust an den Augenblick gebunden ist und
oft Schmerzen nach sich zieht. In letzter Konsequenz dieser
hedonistischen Position gelangt er schließlich zu Verhaltensregeln,
denen asketische Züge anhaften. Dabei ist für den
Epikureer die Askese allerdings kein Selbstzweck oder Ausdruck
von Protest gegen die Zivilisation, sondern nur ein Mittel zum
Selbstschutz. Eine ähnliche Konstellation werden wir auch
in seinem Verhältnis zum Staat entdecken. Dieser körperlichen
Enthaltsamkeit zur Vermeidung von Leid entspricht auch eine
ähnliche Askese auf seelischer Ebene. Epikur nennt sie
Ataraxie (ἀταραξία), die "Unerschütterlichkeit,
heitere Seelenruhe" (Metzlers Philosophielexikon). Der
epikureische Weise erreicht die Ataraxie und damit in einem
weiteren Schritt die Glückseligkeit (Eudaimonie - εὺδαιμονία)
durch Affektfreiheit und emotionale Selbstdisziplin. Hierin
entspricht der Epikureismus teilweise seinem großen Rivalen,
der Stoa. Aus diesem Streben nach Ataraxie und Eudaimonie erwächst
die epikureische Position gegenüber dem Staat und dem Staatsdienst:
Der Weise wird die Gesellschaft meiden und sich auf seine Individualität
besinnen, er wird versuchen, ungestört von äußeren
politischen Einflüssen seine seelische Balance zu finden
und eine passive, höchstens beobachtende Rolle in der Gesellschaft
einnehmen. Epikur findet hierfür die berühmte Formel
"Lebe im Verborgenen!" („láthe biósas"
- λάθε βιώσας, Fragment 551). Als leuchtendes Vorbild für
diese kontemplative Lebensweise dienen die Götter, die
seiner Lehre zufolge in dem Vakuum zwischen den Himmelkörpern
(Intermundien, Metakosmien) wohnen, von dort aus aber keinen
Einfluss auf das Weltgeschehen nehmen.
Unterstützt wird der Weise in seiner Zurückhaltung
in Bezug auf politisches Engagement auch von der epikureischen
Naturphilosophie und Weltanschauung, die Demokrits Atomismus
wieder aufnimmt und weiterentwickelt: In einem deterministischen
Universum, geprägt und bestimmt von Atomen, die sich menschlichem
Zugriff entziehen, ist menschliches Handeln nachrangig. Zeitgleich
mit der Entwicklung der hellenistischen Philosophenschulen erlebt
die Polis, einst geistiger und kultureller Lebensmittelpunkt
des griechischen Bürgers, ihren allmählichen Niedergang.
Für den Politen wird es unmöglich, "sich noch
im alten Sinne als Athener, Thebaner, Korinther zu fühlen,
d.h. sein Wesen durch solche Bestimmungen für ausgeschöpft
zu halten" (Nebel, Griechischer Ursprung, S. 357).
In einem solchen politischen Klima finden die Epikureer großen
Zulauf. Dabei ist Epikureismus jedoch keineswegs mit staatsfeindlichen,
anarchistischen Tendenzen gleichzusetzen. Wie die Askese für
seine Anhänger kein Selbstzweck ist, sondern dem Bewahren
der Ataraxie dient, so ist auch der Verzicht auf politische
Aktivität nicht per se Punkt der Lehre, sondern
stellt einzig und allein den Versuch dar, sich die „Meeresstille
der Seele" (γαλήνη ψυχῆς) nicht von stürmischer Tagespolitik
stören zu lassen. Es handelt sich also auch hier nur um
Selbstschutz des Weisen vor ungewollten Einflüssen. Einige
dieser schlechten Einflüsse hat Epikur dann auch explizit
benannt: An erster Stelle steht hier die repressive Gewalt des
Staates, sich äußernd in der Strafe bzw. Strafandrohung,
und allgemein die nachteilige Wirkung, die das politische Leben
auf persönliche Freundschaften ausübe.
Dabei ist Epikur sich durchaus bewusst, dass der Weise des
Staates zu seiner eigenen Sicherheit bedarf. Diese staatliche
Ordnung nutzt er aus, um geschützt in der Polis, zu deren
Funktionieren er dennoch nicht aktiv beiträgt, das Leben
zu genießen. Eine solch individualistische Lebenseinstellung
hat folgerichtig immer wieder Anfeindungen, vor allem aus dem
Lager der Stoa, provoziert, und doch ist sie nur die konsequente
Umsetzung des Strebens nach Glück.
Im Übrigen pflegten die Epikureer trotz alledem sehr
reiche soziale Kontakte, ein Rückzug aus der Politik bedeutete
also keineswegs Eigenbrötlerei und weltabgewandte Einsiedelei.
Ganz im Gegenteil, die Geborgenheit und zwischenmenschliche
Interaktion, die der Staat ihnen nicht geben konnte, pflegten
sie umso mehr in innigen persönlichen Freundschaften, und
der sonst so nüchterne und gefasste Epikur (oder einer
seiner Anhänger) findet dafür geradezu pathetische
Worte: "Die Freundschaft umtanzt den Erdkreis, uns allen
verkündend, dass wir erwachen sollen zu Seligkeit."
(Vatikanische Spruchsammlung 52).
Stoa
Dem hedonistischen Epikureismus diametral gegenüber steht
sein großer Antipode und Rivale, die Stoa. Für das
zurückgezogene Streben nach gelöster Glückseligkeit
Epikurs ist hier kein Platz, stattdessen rangiert der Begriff
der "Pflicht" an oberster Stelle.
Der Mensch ist den Tieren durch ein nur ihm allein eigentümliches
Gut, die Vernunft, überlegen, schreibt der Stoiker Seneca
(ep. 76, 9ff.). Erst wenn "seine Vernunft ausgebildet und
aufrecht ist und den Tendenzen seiner Natur entspricht",
sei der Mensch gut und tugendhaft, so Seneca weiter. Tugendhaft
bedeutet, dass die Seele im Einklang mit dem Logos (λόγος),
der Weltvernunft, steht. Der Logos ist die erste Ursache oder
Urkraft, welche die träge Masse der Materie formt und wandelt,
so die verschiedenen Dinge erschafft und den Kosmos vernunftgemäß
und zweckbewusst gestaltet. Die stoische Ethik orientiert sich
an diesem Logos, wenn sie ein natürliches Vernunftgesetz
fordert, an dem sich alle Menschen, aber auch die menschlichen
Gemeinschaften mit ihrem positiven Recht, auszurichten haben.
Dieses Urgesetz ist "die gerade Vernunft, die mit der Natur
eins ist, ergossen in alle Menschen, immer sich gleich, ewig,
zur Pflichterfüllung […] aufrufend. […] Kein Senat und
kein Volk kann von diesem Gesetz entbinden…" (Pohlenz,
Stoa und Stoiker, S. 137). Wie aber ist der klassisch antike
Gedanke persönlicher Freiheit und Selbstentfaltung mit
einem solchen strikte Unterordnung fordernden Prinzip vereinbar?
Die Stoiker versuchen, eine Lösung zu finden, indem sie
den Begriff der Freiheit enger fassen: Freiheit, das ist für
sie keine blanke Willkür und unbedachte Beliebigkeit, sondern
naturgemäßes Sein aus sich selbst heraus, d.h. Leben
entsprechend den Anlagen des Logos, die jeder Mensch von Natur
aus in sich trägt. Ein jeder, dessen Logos wach und gesund
ist, entscheidet sich also in vollkommener Freiwilligkeit für
das, was seinem Wesen und der Natur zukommt und folgt so dem
Vernunftgesetz. Andere, deren Einsicht in den Logos zum Beispiel
durch schlechte äußere Einflüsse getrübt
ist, folgen einfach der Ethik der Stoa und können so sicher
sein, im Einklang mit ihrer Natur zu leben. Zenon war damit
als Gründer der Stoa der erste, der den Begriff der sittlichen
Pflicht (Kathekon - τὸ καθῆκον) in die abendländische
Philosophie einführte.
Was also ist „zukommend" und „naturgemäß",
somit dem Logos entsprechend? Wir wollen das Vernunftgesetz
vor allem im Hinblick auf die Ausgangsfrage nach politischer
Beteiligung untersuchen. Die Stoa postuliert, wie auch Aristoteles,
dass der Mensch ein zur Gemeinschaft geschaffenes Wesen, ein
zoon politikon (ζῷον πολιτικόν), ist. Ausgehend von der
angeborenen instinktiven Zuneigung zwischen Mutter und Kind
erweitere sich der Kreis des Gemeinschaftstriebes schrittweise,
bis schließlich auf der Basis dieser Zuneigung eine ganze
Gesellschaft und ein staatliches Zusammenleben entstünde.
Dieser Sieg des gemeinschaftlichen Nutzens über den Eigennutz
ist nur den Menschen möglich, Tiere seien zu komplexen
sozialen Strukturen nicht fähig, sagt die Stoa. Denn nur
weil die Vernunft, die den Menschen über das Tierreich
erhebe, uns erlaube, den Selbsterhaltungstrieb zu zügeln,
könnten wir der Gemeinschaft nützen und sogar Altruismus
zu unserem eigenen Nachteil, aber zum Vorteil unserer Mitmenschen,
üben. Der Selbsterhaltungstrieb dagegen verlange, mit Artgenossen
um Vorteile aller Art zu konkurrieren und ihnen zu schaden,
wann immer es möglich ist. Ein organisiertes Zusammenleben
ist so offenbar unmöglich. Demgegenüber verlange der
Logos von jedem Menschen, sofern es ihm irgendwie möglich
sei, das Gemeinwohl über das Wohlergehen des Einzelnen
und das Engagement für die Gesellschaft über die persönlichen
Geschäfte zu stellen. Seneca zitiert in seinem Werk „De
otio" den Stoiker Chrysipp, wenn er schreibt: „Der Weise
wir sich am politischen Leben beteiligen, wenn ihn nicht irgendetwas
daran hindert".
Der Logos bestimmt den Menschen also zum politischen Wesen,
und zusammen mit der erwähnten Verbindung von Logos und
stoischem Kathekon entsteht hier die unausweichliche
Verpflichtung für einen Stoiker, wenn möglich in den
Staatsdienst einzutreten, oder, sollte ihm das versagt bleiben,
zumindest in anderer Form der Gemeinschaft zu dienen, zum Beispiel
durch staatstheoretische Erörterungen. Eine völlige
oder auch nur teilweise Abstinenz vom staatlichen Leben ist
damit für die Anhänger der Stoa undenkbar, weil ethisch
verwerflich, eine solche Pflichtverletzung entspricht nicht
der menschlichen Natur, wie sie von der stoischen Lehre gesehen
wird.
In der Gegenüberstellung dieser beiden philosophischen
Strömungen wird auch anschaulich, warum die Stoa einen
so deutlich stärkeren Einfluss auf die römische Geisteswelt,
z.B. durch Seneca und auch Cicero, nehmen konnte als der Epikureismus:
Für die meisten Römer, anders als in Griechenland,
blieb Philosophie immer nur ein gebildeter Zeitvertreib, der
sich gut in ihr übriges Leben einfügen musste und
in Mußestunden eine würdevolle Zerstreuung
(otium cum dignitate) bieten konnte. Dazu ist aber eine
Weltanschauung, die sämtliche Ideale eines gebildeten Römers,
wie konstruktives Mitgestalten des Gemeinwesens und Präsentation
in der Öffentlichkeit, verdammt, denkbar ungeeignet, da
sie sich nicht als eines unter vielen Hobbys einordnen lässt.
Ganz im Gegenteil die Stoa: Sie harmoniert wunderbar mit den
tradierten Vorstellungen der römischen virtus und
konnte sich so in Rom behaupten, indem sie dem alten Tugendideal
einen kulturellen, philosophischen Unterbau. Die Römer,
kulturell gegenüber den Griechen lange Zeit im Nachteil,
konnten so ihr Wesen als pflichtbewusstes, aber in den Augen
der Griechen "barbarisches" Militärvolk auch
ethisch und theoretisch konsistent fassen und legitimieren.
Quellen:
- Max Pohlenz, Stoa und Stoiker, Zürich (Artemis-Verlag)
2/1964
- Gerhard Nebel, Griechischer Ursprung I, Wuppertal (Marées-Verlag)1948
- Johannes Mewaldt, Epikur – Philosophie der Freude, Stuttgart
(Kröner) 1973
- F. Jürss, R. Müller, E. G. Schmidt, Griechische
Atomisten, Berlin (deb-Verlag) 1984
- P. Prechtel, F. Burkard (Hg.), Metzlers Philosophie-Lexikon,
Stuttgart (Metzler-Verlag) 1996
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