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Wenn ich, mein lieber Bruder Quintus,
wie ich oftmals tue, die alten Zeiten überdenke und mir vergegenwärtige,
so pflegen mir die Männer sehr glücklich zu erscheinen, welchen
bei der besten Verfassung des Staates im Genuss hoher Ehrenämter und
eines großen Tatenruhmes einen solchen Lebenslauf zu behaupten erlaubt
war, dass sie entweder ihren Ämtern ohne Gefahr obliegen oder in ihrer
Zurückgezogenheit von den Staatsgeschäften mit Würde leben
konnten. Auch ich hatte gehofft, es würde mir einst mit Fug und Recht
und nach dem Urteil fast aller eine Zeit, in der ich wieder Ruhe finden
und mich in den Schoß der herrlichen Wissenschaften, die wir beide
lieben, zurückziehen könnte, gegönnt werden, wenn die unendliche
Arbeit der gerichtlichen Verhandlungen und die Bewerbung um Staatsämter
mit dem Ablauf der Ehrenstellen zugleich auch mit der Neige des Alters das
Ziel erreicht hätte. |
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Doch diese Hoffnung meiner Gedanken und Pläne
wurde teils durch die unglücklichen Zeitverhältnisse des Staates, teils
durch mannigfache eigene Unfälle vereitelt. Denn in der Zeit, welche mir
die vollste Ruhe und Zufriedenheit zu versprechen schien, türmte sich eine
gewaltige Wucht von Widerwärtigkeiten auf, und die wildesten Stürme erhoben
sich, und nicht wurde mir der so sehr gewünschte und erstrebte Genuss der
Muße zuteil, um die Wissenschaften, denen wir von Kindheit an ergeben waren,
zu betreiben und unter uns zu pflegen. |
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Denn mein erstes Lebensalter fiel gerade in den
Umsturz der alten Verfassung; und mein Konsulat führte mich mitten in den
Kampf und die Gefahr des ganzen Staates, und die ganze Zeit nach dem Konsulat
habe ich den Fluten entgegenstellen müssen, die, durch mich von der Vernichtung
des Staates abgewehrt, gegen mich selbst zurückströmen sollten. Aber ungeachtet
dieser misslichen Verhältnisse und bedrängten Zeiten will ich mich dennoch
unseren wissenschaftlichen Bestrebungen widmen und; soviel mir die Ränke
der Feinde, die Verteidigungen der Freunde und die Staatsgeschäfte Muße
übriglassen, vorzugsweise zum Schreiben anwenden. |
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Deinen Anforderungen aber, mein Bruder, und deinen
Bitten werde ich nicht unterlassen Genüge zu leisten. Denn niemand kann
durch Ansehen und Willen mehr über mich vermögen als du. Ich muss nun zu
einem Ereignis früherer Zeiten zurückkehren, das zwar meinem Gedächtnis
nicht ganz vollständig gegenwärtig ist, wohl aber, wie ich glaube, geeignet
ist für die Erfüllung deines Wunsches, damit du die Ansicht der beredtesten
und berühmtesten Männer über die ganze Redekunst erfährst. |
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Du hast ja oft den Wunsch gegen mich ausgesprochen,
weil die Schrift, die mir in meinem Knaben- oder Jünglingsalter aus meinen
Heften unvollendet und nur in rohen Umrissen entschlüpfte, kaum meines jetzigen
Alters und der Erfahrung, die ich aus der Führung so vieler und so wichtiger
Verhandlungen gewonnen habe, würdig ist, ich möchte über dieselben Gegenstände
etwas Gefeilteres und Vollendeteres veröffentlichen. Auch pflegst du zuweilen
in unseren Unterhaltungen darin von mir abzuweichen, dass, während nach
meinem Urteil die Beredsamkeit auf den wissenschaftlichen Kenntnissen der
einsichtsvollsten Männer beruht, du hingegen der Ansicht bist, sie müsse
von der gründlichen Gelehrsamkeit getrennt und als das Erzeugnis einer gewissen
natürlichen Geistesanlage und Übung angesehen werden. |
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Wenn ich nun, wie ich oftmals tat, auf die Männer
von der höchsten Geistesbegabung meinen Blick richtete, so drängte sich
mir die Frage auf, warum wohl alle anderen Fächer eine größere Anzahl bewunderungswürdiger
Männer aufzuweisen hätten als die Beredsamkeit. Denn wohin man auch seine
Aufmerksamkeit und seine Gedanken wenden mag, so wird man sehr viele ausgezeichnete
Männer in jeder Art von Künsten und Wissenschaften sehen, und zwar nicht
bloß in den gewöhnlichen, sondern beinahe in den wichtigsten. |
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Wer sollte, wenn er bei der Wissenschaft berühmter
Männer den Nutzen oder die Größe ihrer Taten zum Maßstab nehmen will, nicht
dem Feldherrn vor dem Redner den Vorzug geben; und doch, wer möchte bezweifeln,
dass wir der vortrefflichsten Heerführer aus unserem Staat allein beinahe
unzählige, in der Beredsamkeit aber hervorragende Männer kaum wenige anführen
können? |
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Ferner, Männer, die mit Klugheit und Weisheit
einen Staat zu lenken und zu leiten verstanden, haben viele zu unserer,
mehr noch zu unserer Väter und auch unserer Vorfahren Zeit gelebt, während
gute Redner sehr lange gar nicht, erträgliche kaum in den einzelnen Zeitaltern
einzeln gefunden wurden. Und damit man nicht etwa meine, die Redekunst müsse
mehr mit anderen Wissenschaften, die auf tieferen Kenntnissen und vielseitiger
Gelehrsamkeit beruhen, als mit dem Ruhm eines Feldherrn oder mit der Klugheit
eines guten Senators verglichen werden, so möge man seinen Geist auf eben
diese Zweige der Wissenschaft richten und betrachten, welche Männer sich
in denselben ausgezeichnet haben und wie viele, und man wird so am leichtesten
beurteilen, wie gering die Anzahl der Redner ist und zu jeder Zeit war. |
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Es ist dir ja nicht unbekannt, dass die Wissenschaft,
welche die Griechen Philosophie nennen, von den gelehrtesten Männern als
die Erzeugerin und Mutter aller anderen gepriesenen Wissenschaften betrachtet
wird; und doch ist es schwer, alle die Männer aufzuzählen, die sich in derselben
durch den größten Umfang ihres Wissens und die größte Vielseitigkeit und
Fülle ihrer Bestrebungen auszeichneten, die sich nicht etwa mit einem einzelnen
abgesonderten Gegenstand beschäftigen, sondern soviel als möglich alles
mit ihrer wissenschaftlichen Erforschung und Erörterung umfassten. |
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Was die Mathematiker anlangt, wer weiß da nicht,
was für dunkle Gegenstände, welch eine entlegene, vielseitige und tiefe
Wissenschaft sie bearbeiten? Und doch sind unter ihnen so viele vollkommene
Meister aufgetreten, dass sich fast niemand dieser Wissenschaft mit großem
Eifer befleißigt zu haben scheint, ohne seinen Zweck zu erreichen. Wer hat
sich der Musik, wer der heutigen Literaturkunde gründlich gewidmet, ohne
den ganzen beinahe unbegrenzten Umfang und Stoff jener Künste mit seiner
wissenschaftlichen Forschung zu umfassen? |
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Mit Recht glaube ich behaupten zu dürfen, dass
unter allen denen, die ihre Bemühungen auf diese edlen Künste und Wissenschaften
gerichtet haben, die Menge ausgezeichneter Dichter sich als die geringste
erweist. Und obwohl unter diesen nur sehr selten ein hervorragender Geist
auftritt, so wird man doch, wenn man nach der Menge der Unsrigen und der
Griechen eine sorgfältige Vergleichung anstellen will, weit weniger gute
Redner als gute Dichter finden. |
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Um soviel wunderbarer muss dies erscheinen, weil
die Kenntnisse in den anderen Wissenschaften meistens aus tiefen und verborgenen
Quellen geschöpft werden, die Redekunst hingegen ganz vor aller Augen liegt
und sich in der gewöhnlichen Erfahrung und in der Menschen Sitte und Rede
bewegt. Während daher in den anderen Wissenschaften gerade das, was sich
am weitesten von der Unerfahrenen Einsicht und Denkart entfernt, am meisten
hervorragt, so ist es in der Beredsamkeit gerade der größte Fehler, wenn
man von der gebräuchlichen Redeweise und dem gemeinen Menschenverstand abweicht. |
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Auch das lässt sich nicht mit Recht anführen,
dass die Mehrzahl sich der anderen Wissenschaften befleißige oder durch
größeres Vergnügen oder reichere Hoffnung oder glänzendere Belohnungen zur
Erlernung derselben aufgemuntert werde. Und um Griechenland zu übergehen,
das in der Beredsamkeit immer den Vorrang behaupten wollte, und jene Erfinderin
aller Wissenschaften, die Stadt Athen, wo die höchste Redekunst erfunden
und zur Vollkommenheit gebracht worden ist, in unserem Staat selbst wurde
nie irgendeinem Gegenstand größerer Fleiß und Eifer zugewandt als der Beredsamkeit.
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Denn nachdem unsere Herrschaft über alle Völker
begründet war und die Dauer des Friedens das ruhige Leben befestigt hatte,
fand sich nicht leicht ein ruhmbegieriger Jüngling, der nicht der Ansicht
gewesen wäre, mit allem Eifer nach Beredsamkeit streben zu müssen. Anfänglich
zwar bei dem gänzlichen Mangel an wissenschaftlicher Bildung, da man weder
von einem geregelten Verfahren der Übung noch von einer Kunstregel eine
Ahnung hatte, brachte man es nur so weit, als es durch Naturanlage und Nachdenken
möglich war. Später aber, als man die griechischen Redner hörte, ihre Schriften
kennen lernte und Lehrmeister anwandte, entbrannten unsere Landsleute von
einem unglaublichen Eifer für die Beredsamkeit. |
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Aufmunterung fanden sie in der Wichtigkeit, Mannigfaltigkeit
und Menge der Rechtsverhandlungen jeglicher Art, so dass zu der gelehrten
Bildung, die jeder durch eigenen Fleiß gewonnen hatte, häufige Übung hinzutrat,
welche die Vorschriften aller Lehrmeister übertrifft. Es waren auch diesen
Bestrebungen die größten Belohnungen, wie auch jetzt noch, in Beziehung
auf Einfluss, Macht und Würde ausgesetzt. Die geistigen Anlagen unserer
Landsleute aber zeichnen sich, wie wir aus vielen Umständen schließen können,
sehr vor denen der übrigen Menschen unter allen Völkern aus. Erwägt man
diese Gründe, wen dürfte es da nicht mit Recht befremden, dass sich in der
ganzen Geschichte aller Lebensalter, Zeiten und Staaten eine so geringe
Anzahl von Rednern findet? Aber freilich ist es ein schwierigeres Werk,
als die Menschen wähnen, und aus dem gemeinsamen Zusammenwirken mehrerer
Wissenschaften und Bestrebungen hervorgegangen. |
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Denn bei der großen Menge der Lernenden, bei
der ungewöhnlichen Anzahl der Lehrmeister, bei den vorzüglichen Geistesanlagen
unserer Landsleute, bei der unendlichen Mannigfaltigkeit der Rechtshändel,
bei den ansehnlichen Belohnungen, die der Beredsamkeit ausgesetzt sind,
wie könnte man da wohl einen anderen Grund für diese Erscheinung annehmen
als die unglaubliche Größe und Schwierigkeit der Sache? |
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Es ist nämlich nötig, dass man sich eine umfassende
Sachkenntnis aneigne, ohne welche die Geläufigkeit der Worte nichtig und
lächerlich ist, dass man den Vortrag selbst nicht allein durch die Wahl,
sondern auch durch die Anordnung der Worte passend gestalte, dass man alle
Gemütsbewegungen, welche die Natur dem Menschengeschlecht erteilt hat, gründlich
erforsche, weil die ganze Kraft und Kunst der Rede sich in der Beruhigung
oder Aufregung der Gemüter unserer Zuhörer zeigen muss. Hinzutreten muss
gleichfalls eine Art des Witzes und der Laune, eine des freien Mannes würdige
Gelehrsamkeit, Schlagfertigkeit und Kürze im Antworten und Herausfordern,
verbunden mit feiner Anmut und feinem Geschmack. |
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Außerdem muss man die ganze Geschichte kennen
und mit einem Vorrat von Beispielen versehen sein; auch darf man nicht die
Kenntnis der Gesetze und des bürgerlichen Rechtes vernachlässigen. Und was
soll ich über den äußeren Vortrag selbst weitläufig reden, der nach der
Bewegung des Körpers, nach den Gebärden, nach den Mienen, nach der Bildung
und Abwechselung der Stimme abgemessen sein muss? Wie schwierig dieser für
sich allein ist, zeigt die leichtfertige Kunst der Schauspieler und die
Bühne. Denn so eifrig sich hier auch alle bemühen, der Gestaltung des Mundes,
der Stimme und der Bewegung den angemessenen Ausdruck zu verleihen, so weiß
doch jeder, wie gering die Zahl derer ist und war, deren Spiel wir geduldig
zusehen können. Was soll ich von der Schatzkammer aller Dinge, dem Gedächtnis,
sagen, welches zur Aufbewahrung der erfundenen und durchdachten Sachen und
Worte angewendet werden muss, wenn wir nicht sehen wollen, dass alles, mag
es sich auch noch so schön in dem Redner finden, verloren gehe? |
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Darum wollen wir uns nicht mehr wundern, warum
die Anzahl guter Redner so gering ist, da die Beredsamkeit aus der Gesamtheit
der Dinge besteht, die selbst einzeln für sich mit Glück zu bearbeiten eine
sehr schwierige Aufgabe ist, und lieber wollen wir unsere Kinder und alle,
deren Ruhm und Würde uns am Herzen liegt, auffordern, die Größe der Sache
im Geist zu beherzigen und die Überzeugung zu hegen, dass sie andere Vorschriften,
andere Lehrmeister, andere Übungen anwenden müssen, als man im allgemeinen
anwendet, wenn sie das Ziel, das sie erstreben, erreichen wollen. |
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Und nach meiner Ansicht wenigstens wird niemand
ein in jeder Hinsicht vollkommener Redner sein können, wenn er sich nicht
Kenntnisse von allen wichtigen Gegenständen und Wissenschaften angeeignet
hat. Denn aus der Erkenntnis der Sachen muss die Rede erblühen und hervorströmen.
Hat der Redner die Sachen nicht gründlich erfasst und erkannt, so ist sein
Vortrag nur ein leeres und ich möchte sagen kindisches Gerede. |
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Nicht jedoch will ich den Rednern, zumal den
unsrigen, deren Zeit von den Geschäften des Staatslebens so sehr in Anspruch
genommen wird, eine so große Last aufbürden, dass ich ihnen nicht vergönnen
sollte, einiges nicht zu wissen; wiewohl der Begriff des Redners und sein
Beruf, selbst gut reden, das auf sich zu nehmen und zu verheißen scheint,
dass er über jeden Gegenstand, der ihm vorgelegt wird, mit Geschmack und
Fülle reden könne. |
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Aber weil ich nicht zweifle, dass dies gar vielen
als eine unermessliche und unbegrenzte Aufgabe erscheint, und weil, wie
ich sehe, die Griechen, die doch nicht allein mit geistigen Anlagen und
Gelehrsamkeit reichlich ausgestattet sind, sondern auch an Muße Überfluss
haben und sehr großen Eifer besitzen, eine Teilung der Wissenschaften vorgenommen
und einzelne von ihnen sich nicht dem ganzen Gebiet derselben zugewandt,
sondern von den übrigen Arten der Vorträge den Teil der Beredsamkeit, welcher
sich mit den öffentlichen Verhandlungen in den Gerichten und beratschlagenden
Versammlungen beschäftigt, ausgesondert und den Redner auf diese einzige
Art von Vorträgen beschränkt haben, so will ich in diesen Büchern nicht
mehr umfassen, als was dieser Art nach gründlicher Untersuchung und Erörterung
der Sache von den größten Männern fast einstimmig zugeteilt worden ist. |
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Und ich werde nicht, von der Wiege unserer ersten
Schulbildung ausholend, eine Reihenfolge von Vorschriften geben, sondern
das mitteilen, was, wie ich vernommen, einst die beredtesten und durch jede
Würde hervorragenden Männern unseres Volkes in einer Unterredung abgehandelt
haben; nicht als ob ich das verachte, was griechische Redekünstler und Lehrer
hinterlassen haben, sondern da dies offen vorliegt und allen zugänglich
ist und durch meine Auslegung nicht anschaulicher entwickelt und deutlicher
ausgedrückt werden kann, so wirst du mir, lieber Bruder, wie ich glaube,
gestatten, dass ich das bewährte Urteil derer, denen die Unsrigen den höchsten
Ruhm in der Beredsamkeit zuerkannt haben, dem der Griechen vorziehe. |
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Zu der Zeit also, da der Konsul Philippus die
Sache der Vornehmen mit großer Leidenschaft angriff und das für
das Ansehen des Senats übernommene Tribunat des Drusus schon kraftlos
und schwach zu werden schien, begab sich Lucius
Crassus – so wurde mir, wie ich mich erinnere, erzählt – während
der Tage der Römischen Spiele zu seiner Erholung auf sein Tusculanum;
dahin kamen auch sein gewesener Schwiegervater Quintus Mucius und Marcus
Antonius, ein Mann, der des Crassus
Ansichten in der Verwaltung des Staates teilte und mit ihm in der vertrautesten
Freundschaft lebte. |
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Mit dem Crassus
selbst waren zwei junge Männer gegangen, welche vertraute Freunde des
Drusus waren und an denen die Älteren damals zwei wichtige Stützen
ihrer Interessen zu erhalten hofften, Gaius
Cotta, der sich damals um das Volkstribunat bewarb, und Publius
Sulpicius, der sich, wie man glaubte, demnächst um dieses Amt bewerben
wollte. |
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Diese unterhielten sich am ersten Tag über
die damaligen Zeitumstände und über die ganze Lage des Staates,
weshalb sie gekommen waren, angelegentlich miteinander bis zur Neige des
Tages. In diesem Gespräch, er zählte Cotta,
hätten jene drei Konsularen vieles ahnungsvoll beklagt und erwähnt,
so dass in der Folge kein Unfall den Staat betroffen habe, den sie nicht
so lange vorher hätten drohen sehen. |
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Nach Beendigung des ganzen Gespräches aber
habe Crassus
eine solche Freundlichkeit gezeigt, dass, als sie sich nach dem Bad zu Tisch
gelagert hatten, alle Traurigkeit der vorigen Unterredung verschwand und
der Mann einen solchen Frohsinn und so viel heiteren Scherz und Laune äußerte,
dass der Tag unter ihnen in der Curie hingebracht zu sein schien, das Gastmahl
aber einem tusculanischen Mahl glich. |
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Am folgenden Tag, erzählte er, als die Bejahrteren
genug der Ruhe gepflogen hatten, habe man einen Lustgang vorgenommen, und
nachdem man zwei- oder dreimal auf und abgegangen sei, habe Scaevola
gesagt: "Warum, Crassus,
ahmen wir nicht Sokrates
im Phaidros nach? Deine Platane hier gibt mir diesen Gedanken ein; sie breitet
zur Beschattung dieses Ortes ihre Aste nicht weniger aus als jene, deren
Schatten Sokrates nachging,
die mir nicht so sehr durch das Bächlein selbst, das dort beschrieben
wird, als. durch die Rede des Platon gewachsen zu sein scheint. Und was
jener trotz seiner sehr abgehärteten Füße tat, dass er sich
auf das Gras niederwarf und so jenes sprach, was die Philosophen wie Göttersprüche
rühmen, das darf sicherlich meinen Füßen noch weit eher
zugute gehalten werden." |
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Darauf habe Crassus
erwidert: "Nicht so! Wir können es ja bequemer haben!" und
habe Polster herbeibringen lassen, und alle hätten sich auf die Sitze,
die unter der Platane waren, niedergelassen. Hier also leitete Crassus,
wie Cotta
oftmals erzählte, um den Gemütern aller eine Erholung von der
gestrigen Unterredung zu gewähren, das Gespräch auf die wissenschaftliche
Erlernung der Beredsamkeit. |
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Er begann mit der Erklärung, Sulpicius
und Cotta
bedürften nicht seiner Aufmunterung, sondern beiden müsse man
vielmehr Lob erteilen, weil sie sich schon eine solche Geschicklichkeit
im Reden angeeignet hätten, dass sie nicht allein ihren Altersgenossen
vorgezogen, sondern sogar den Älteren gleichgestellt würden. "Und
wahrlich", so fuhr er fort, "es erscheint mir nichts so vortrefflich
als die Kunst, durch die Rede die Aufmerksamkeit der Menschen in den Versammlungen
zu fesseln, ihre Gemüter zu gewinnen, ihre Neigungen zu leiten, wohin
man will, und wovon man will, abzulenken. Sie ist die einzige, welche bei
jedem freien Volk und besonders in friedlichen und ruhigen Staaten vorzüglich
immer geblüht und immer geherrscht hat. |
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Denn was ist so bewunderungswürdig, als wenn
aus einer unendlich großen Menge von Menschen einer auftritt, der das, was
allen die Natur verliehen hat, entweder allein oder nur mit wenigen ausüben
kann? Oder was ist für Geist und Ohr so anziehend wie eine mit weisen Gedanken:
und gewichtigen Worten geschmückte und fein ausgebildete Rede? Aber was
macht einen so mächtigen und erhabenen Eindruck, als wenn die Bewegungen
des Volkes, die Bedenklichkeiten der Richter, die Würde des Senates durch
eines Mannes Rede gelenkt wird? |
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Was ist ferner so königlich, so freigebig, so
großmütig, als Hilfe zu leisten den Flehenden, aufzurichten die Niedergeschlagenen,
Rettung vom Untergang zu gewähren, von Gefahren zu befreien, die Menschen
im Staat zurückzuhalten? Was ist aber so notwendig, als zu jeder Zeit Waffen
zu besitzen, mit denen man sich entweder selbst decken kann oder die Schlechten
zum Kampf herausfordern oder, angegriffen, sich rächen? Und nun weiter,
um nicht immer an Forum, Gerichtsstühle, Rednerbühne und Curie zu denken,
was kann in der Muße erfreulicher oder dem menschlichen Wesen entsprechender
sein als eine geistreiche und in keinerlei Weise ungebildete Unterredung?
Denn darin gerade besteht unser größter Vorzug vor den rohen Tieren, dass
wir uns mit einander unterreden und unsere Empfindungen durch Worte ausdrücken
können. |
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Wer sollte daher dieses nicht mit Recht bewundern
und das nicht seiner eifrigsten Bemühungen wertachten, dass er darin die
Menschen selbst überrage, worin gerade die Menschen sich am meisten vor
den Tieren auszeichnen? Um nun aber auf das Wichtigste zu kommen, welche
andere Macht konnte die zerstreuten Menschen an einem Ort zusammenscharen
oder von der wilden und rohen Lebensweise zu der jetzigen menschlichen und
bürgerlichen Bildung leiten oder nach Gründung der Staaten Gesetze, Gerichte
und Rechte anordnen? |
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Und um nicht noch mehr Vorteile, deren es fast
unzählige gibt, aufzusuchen, will ich es kurz zusammenfassen. Ich urteile
nämlich so: Auf der weisen Mäßigung des vollkommenen Redners beruht vorzüglich
nicht allein seine eigene Würde, sondern auch die Wohlfahrt der meisten
einzelnen und des ganzen Staates. Darum, junge Freunde, fahrt so fort, wie
ihr tut, und legt euch mit allem Eifer auf die Wissenschaft, der ihr euch
widmet, damit ihr euch Ruhm, den Freunden Nutzen und dem Staat Vorteil gewähren
könnt." |
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Hierauf sagte Scaevola
mit seiner gewohnten Freundlichkeit: "Im übrigen stimme ich dem
Crassus
bei; ich würde ja sonst die Kunst oder den Ruhm meines Schwiegervaters
Gaius Laelius oder meines Schwiegersohnes hier schmälern; aber in zwei
Punkten, Crassus,
möchte ich doch Bedenken tragen, dir beizupflichten: Einmal, dass du
behauptest, die Staaten seien in ihrem Entstehen von Rednern gegründet
und oft erhalten worden; dann, dass du meinst, der Redner sei, auch abgesehen
von Forum, Volksversammlung, Gerichten und Senat, in jeder Art von Vorträgen
und höherer Bildung ein Meister. |
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Denn wer möchte dir das einräumen, dass anfänglich
das auf Bergen und Wäldern zerstreute Menschengeschlecht sich nicht durch
kluger Männer Ratschläge eher als durch bezaubernde Vorträge beredter Männer
habe bewegen lassen, sich in Städten und Mauern einzuschließen? Oder aber,
dass die übrigen nützlichen Einrichtungen bei der Gründung und Erhaltung
der Staaten nicht von weisen und tapferen, sondern von beredten und schön
redenden Männern getroffen seien? |
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Meinst du wirklich, Romulus habe durch Beredsamkeit
und nicht vielmehr durch seine vorzügliche Klugheit und Weisheit die Hirten
und die zusammengelaufenen Fremdlinge vereinigt oder mit den Sabinern Ehen
geknüpft oder der benachbarten Völker Angriffe zurückgedrängt? Wie? Ist
in Numa Pompilius, ist in Servius Tullius, ist in den übrigen Königen, die
so viele vortreffliche Einrichtungen für die Staatsverfassung gemacht haben,
eine Spur von Beredsamkeit sichtbar? Wie? Nach der Vertreibung der Könige
– wiewohl wir die Vertreibung selbst durch den Geist und nicht durch die
Zunge des Lucius Brutus zustande gebracht sehen – doch hernach, sehen wir
da nicht überall eine Fülle kluger Ratschläge und einen Mangel an Worten? |
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Ja, wenn ich mich auf Beispiele unserer und anderer
Staaten berufen wollte, so könnte ich mehr Nachteile als Vorteile anführen,
die dem Gemeinwesen durch die beredtesten Männer gebracht sind; doch
um anderes zu übergehen, so waren, wie ich glaube, unter allen Rednern,
die ich gehört habe, wenn ich euch beide, Crassus,
ausnehme, die größten die beiden Sempronier, Tiberius und Gaius,
deren Vater, ein verständiger und achtungswürdiger Mann, aber
keineswegs beredt, die Wohlfahrt des Staates sowohl zu anderen Zeiten oft
als ganz besonders während seiner Zensur förderte. Und dieser
hat nicht durch eine sorgfältige Fülle der Rede, sondern durch
einen Wink und ein Wort die Freigelassenen in die städtischen Zünfte
versetzt. Hätte er dies nicht getan, so würden wir den Staat,
den wir jetzt kaum noch behaupten können, schon längst gar nicht
mehr haben. Aber seine beredten und mit allen Gaben der Natur und allen
Hilfsmitteln der Gelehrsamkeit zum Reden ausgerüsteten Söhne haben,
da sie doch den Staat durch die Klugheit ihres Vaters und durch die Waffen
ihres Großvaters in der höchsten Blüte überkommen hatten,
durch diese deine Lenkerin der Staaten, wie du die Beredsamkeit nennst,
das Vermögen des Staates zerrüttet. |
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Wie? Die alten Gesetze und die Sitte der Vorfahren;
wie? die Vogelschau, der ich und du, Crassus,
zur großen Wohlfahrt des Staates vorstehen; wie? der Gottesdienst
und die heiligen Gebräuche; wie? unsere bürgerlichen Rechte, die
schon lange in unserer Familie ohne allen Ruhm der Beredsamkeit heimisch
sind – ist dieses alles von den Rednern erfunden oder erkannt oder überhaupt
behandelt? |
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Es ist mir noch erinnerlich, wie Servius
Galba, ein unvergleichlicher Redner, und Marcus Aemilius Porcina und
selbst Gaius Carbo, den du in den ersten Jahren deiner Jugend niederschmettertest,
unkundig der Gesetze, unsicher in den Einrichtungen der Vorfahren und unwissend
im bürgerlichen Recht waren. Und unser Zeitalter ist, wenn ich dich
ausnehme, Crassus,
der du mehr aus eigener Neigung, als weil es der eigentliche Beruf des Redners
erforderte, das bürgerliche Recht von mir gelernt hast, des Rechtes
so unkundig, dass man sich zuweilen schämen muss. |
|
Was aber den Punkt am Schluss deiner Rede betrifft,
wo du dir gleichsam mit deinem Recht herausgenommen hast zu behaupten, der
Redner könne sich in jeder Art von Vorträgen und wissenschaftlichen Erörterungen
mit der größten Fülle bewegen, so würde ich dies, wenn ich mich hier nicht
auf deinem Gebiet befände, nicht ertragen und vielen geraten haben, sie
möchten gegen dich gerichtlichen Einspruch einlegen oder dich auffordern,
die Sache auf dem Weg des Rechtes auszumachen, weil du so ohne weiteres
in fremde Besitzungen eingedrungen seiest. |
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Es würden nämlich mit dir rechten zuerst
alle Pythagoreer und Demokritier, sowie auch die übrigen Naturphilosophen
ihren Besitz in Anspruch nehmen, Männer, die sich durch eine schöne
und nachdrucksvolle Rede auszeichnen, und du dürftest dich mit diesen
nicht in einen Rechtsstreit unter Berufung auf ein gerichtliches Unterpfand
einlassen. Bedrängen würden dich außerdem die Scharen der
Philosophen, gleich von Sokrates
an, ihrem Urheber und Stifter, und erweisen, dass du nichts von den Gütern
im Leben, nichts von den Übeln, nichts von den Gemütsbewegungen,
nichts von den Sitten der Menschen, nichts von ihrer Lebensweise gelernt,
nichts überhaupt untersucht habest, nichts wissest; und nach dem Gesamtangriff
aller auf dich würden auch noch die einzelnen Schulen besonders einen
Rechtsstreit gegen dich erheben. |
|
Zusetzen würde dir die Akademie und dich nötigen,
zu bekennen, dass du das nicht wissest, was du gesagt habest. Unsere Stoiker
vollends würden dich in den Schlingen ihrer gelehrten Streitigkeiten und
Fragen verstrickt halten. Die Peripatetiker aber würden dartun, die Stützen
der Rede und die Mittel zu ihrer Verschönerung, die du für ein Eigentum
der Redner hältst, müssten von ihnen entlehnt werden, und zeigen, dass Aristoteles
und Theophrastos nicht nur bessere, sondern auch mehr Vorschriften über
diese Gegenstände niedergeschrieben hätten als alle Lehrmeister der Beredsamkeit. |
|
Ich übergehe die Mathematiker, Grammatiker
und Musiker, mit deren Wissenschaften diese eure Redekunst auch nicht in
der geringsten Gemeinschaft und Berührung steht. Deshalb, meine ich,
Crassus,
darf man nicht so Großes und so vieles verheißen. Groß
genug ist das, was du leisten kannst, dass vor Gericht jedes Mal die Sache,
die du verteidigst, besser und beifallswerter zu sein scheint, dass in den
Volksversammlungen und bei den Abstimmungen dein Vortrag auf die Überzeugung
der Menschen den größten Einfluss hat, endlich dass du den Einsichtsvollen
beredt, den Unverständigen auch wahr zu reden scheinst. Leistest du
noch mehr, so leistet dieses, wie ich glaube, nicht der Redner, sondern
Crassus
durch seine eigene und nicht durch die den Rednern gemeinsame Geschicklichkeit." |
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Hierauf erwiderte jener: "Ich weiß
recht wohl, Scaevola,
dass dieses unter den Griechen besprochen und verhandelt zu werden pflegt.
Ich habe ja die größten Männer gehört, da ich als Quästor
aus Makedonien nach Athen gekommen war, wo die Akademie, wie man damals
sagte, dadurch in Blüte stand, dass derselben Charmadas, Kleitomachos
und Aischines vorstanden. Auch Metrodoros war da, der mit jenen zugleich
den berühmten Karneades selbst sehr fleißig gehört hatte,
der alle im Vortrag und Scharfsinn und Fülle der Rede überragte,
und in großem Ansehen standen der Schüler deines Panaitios, Mnesarchos,
und Diodoros, der Schüler des Peripatetikers Kritolaos. |
| |
Außerdem lebten noch viele andere Männer hier,
die in der Philosophie berühmt und angesehen waren. Alle diese nun wollten,
wie ich sah, fast einstimmig den Redner von dem Steuer der Staaten verdrängen
und von aller Gelehrsamkeit .und höherer Wissenschaft ausschließen und nur
in die Gerichte und in unbedeutende Volksversammlungen, wie in eine Stampfmühle,
verstoßen und einsperren. |
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Aber ich konnte weder jenen beipflichten noch
dem Erfinder und Urheber dieser gelehrten Streitigkeiten, Platon, der sich
in seinen Vorträgen durch Gediegenheit und Beredsamkeit vor allen bei weitem
auszeichnet. Ich las seinen ‘Gorgias’ damals zu Athen mit Charmadas sehr
fleißig, und ich musste in diesem Buch den Platon besonders deshalb bewundern,
weil er mir, indem er die Redner verspottete, selbst der größte Redner zu
schein schien. Wortgezänk quält schon lange die armen Griechen, die nach
Streit begieriger sind als nach der Wahrheit. |
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Denn gesetzt, es wolle einer den für einen Redner
halten, der nur mit Rechtsangelegenheiten und in den Gerichten entweder
vor dem Volk oder im Senat mit Fülle reden könne, so muss er doch selbst
diesem vieles einräumen und zugestehen. Ohne gründliche Behandlung aller
öffentlichen Angelegenheiten, ohne die Kenntnis der Gesetze, der Sitte und
des Rechtes, ohne die Bekanntschaft mit dem Wesen und den Sitten der Menschen
kann ja niemand selbst in diesen Dingen sich mit genügender Einsicht und
Geschicklichkeit bewegen. Wer sich aber diese Kenntnisse angeeignet hat,
ohne die niemand auch nur das Geringfügigste in den Rechtssachen wahren
kann, wie wird dem die Wissenschaft der wichtigsten Sachen fern sein können?
Verlangt man aber auch vom Redner weiter nichts als einen wohlgeordneten,
geschmückten und reichhaltigen Vortrag, so frage ich, wie er selbst dieses
ohne die Wissenschaft erreichen kann, die ihr ihm nicht einräumt. Denn Tüchtigkeit
im Reden kann nur stattfinden, wenn der Redner den Gegenstand, über den
er sprechen will, erfasst hat. |
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Hat also jener Naturphilosoph Demokritos einen
schönen Vortrag gehabt, wie man sagt und mir scheint, so gehörte der Stoff,
über den er sprach, dem Naturphilosophen an, der Schmuck der Worte aber
muss als ein Eigentum des Redners angesehen werden. Und wenn Platon über
Gegenstände, die von bürgerlichen Streitigkeiten weit entfernt sind, unvergleichlich
schön gesprochen hat, was ich zugebe, wenn gleichfalls Aristoteles, wenn
Theophrastos, wenn Karneades die von ihnen behandelten Gegenstände in einer
beredten, anmutigen und geschmückten Sprache darlegen, so mögen die Gegenstände
ihrer Vorträge anderen Wissensgebieten angehören, der Vortrag selbst ist
sicherlich Eigentum dieser Kunst allein, die wir in unserem Gespräch untersuchen. |
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Wir sehen ja, dass einige über dieselben Gegenstände
trocken und dürftig gesprochen haben, wie zum Beispiel Chrysippos, dessen
großen Scharfsinn man rühmt und der darum, dass er diese Geschicklichkeit
im Reden aus einer fremden Kunst nicht besaß, nicht minder der Philosophie
Genüge geleistet hat. Was findet also für ein Unterschied statt? Oder wie
wirst du die Reichhaltigkeit und Fülle der eben genannten Männer von der
Dürftigkeit derer unterscheiden, welche diese Mannigfaltigkeit und Zierlichkeit
der Rede nicht haben? Eines wird in der Tat sein, was diejenigen, welche
gut reden, als ihr Eigentum mit sich bringen: eine wohlgeordnete, geschmückte
und durch Kunst und Feile mit mannigfaltiger Abwechslung versehene Rede.
Wenn aber einer solchen Rede nicht ein Stoff zugrunde liegt, der von dem
Redner erfasst und erkannt ist, so muss sie notwendigerweise entweder ganz
bedeutungslos sein oder der Gegenstand allgemeinen Spottes und Gelächters
werden. |
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Denn was ist so unsinnig wie ein leerer Schall
von Worten, wenn sie auch noch so schön und zierlich sind, wenn kein Gedanke
und keine Wissenschaft zugrunde liegt? Man nehme nun aus irgendeiner Wissenschaft
einen Stoff, gleichviel von welcher Art, so wird der Redner denselben, wenn
er sich zuvor von der Sache seines Schutzbefohlenen hat belehren lassen,
besser und geschmückter vortragen als selbst der Erfinder und Kenner dieser
Sache. |
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Denn wenn jemand behaupten sollte, es gebe gewisse
den Rednern eigentümliche Gedanken und Verhandlungen und eine durch die
Schranken des Gerichtes begrenzte Wissenschaft von bestimmten Gegenständen,
so will ich allerdings gestehen, dass unsere Redeweise sich häufiger mit
diesen beschäftige, aber doch befindet sich selbst in diesen Gegenständen
sehr vieles, was die sogenannten Redekünstler weder lehren noch kennen. |
|
Denn wer weiß nicht, dass die größte Stärke des
Redners sich darin zeigt, dass er die Gemüter der Menschen zum Zorn oder
zum Hass oder zum Schmerz anreizt und von diesen Leidenschaften wieder zur
Sanftmut und zum Mitleid zurückführt? Wer die Gemütsarten der Menschen und
das ganze Wesen der menschlichen Natur und die Ursachen, durch die die Gemüter
entweder angereizt oder beschwichtigt werden, nicht von Grund aus erkannt
hat, wird durch seine Rede das nicht erreichen können, was er will. |
| |
Und dieser ganze Gegenstand wird als ein Eigentum
der Philosophen betrachtet, und der Redner wird, wenn er meinem Rat folgen
will, dies nie bestreiten. Aber wenn er diesen die Kenntnis der Sachen einräumt,
weil sie hierauf allein das Ziel ihrer Bestrebungen gerichtet haben, so
wird er die Behandlung des Vortrages, der ohne jene Kenntnis ganz bedeutungslos
ist, für sich in Anspruch nehmen. Denn das ist, wie ich schon oft bemerkte,
das Eigentum des Redners: der würdevolle, geschmückte und den Empfindungen
und Gedanken der Menschen angemessene Vortrag. |
|
Dass über diese Gegenstände Aristoteles
und Theophrastos geschrieben haben, gestehe ich zu. Aber sieh zu, Scaevola,
ob nicht dieses ganz für mich spricht! Denn ich entlehne nicht von
jenen, was der Redner mit jenen gemein hat; diese aber räumen ein,
dass das, was sie über diese Gegenstände abhandeln, den Rednern
angehöre. Daher benennen sie ihre übrigen Bücher mit dem
Namen ihrer Wissenschaft, diese hingegen überschreiben und benennen
sie die rednerische. |
| |
Allerdings, wenn in der Rede, wie es sehr oft
der Fall ist, Veranlassungen eintreten, jene Gemeinsätze über die unsterblichen
Götter, über Frömmigkeit, über Eintracht, über Freundschaft, über das gemeinsame
Recht der Bürger, der Menschen und Völker, über Billigkeit, über Besonnenheit,
über Seelengröße, über jede Art der Tugend zu behandeln, so werden, glaube
ich, alle Gymnasien und alle Schulen der Philosophen laut erklären, dieses
alles sei ihr Eigentum, gar nichts hiervon gehe den Redner an. |
|
Wenn ich nun diesen auch zugeben will, dass sie
diese Gegenstände in ihren Winkeln, um sich die Zeit zu vertreiben, erörtern,
so werde ich doch das dem Redner zuerteilen und zuerkennen, dass, während
jene diese Gegenstände in einer mageren und kraftlosen Sprache abhandeln,
dieser die nämlichen mit aller Anmut und Würde entwickelt. Dies verhandelte
ich damals zu Athen mit den Philosophen selbst. Denn dazu nötigte mich unser
Marcus Marcellus, der jetzt kurulischer Ädil ist und unfehlbar, wenn er
nicht jetzt die Spiele besorgte, unserer Unterredung hier beiwohnen würde;
auch schon damals hatte er sich als angehender Jüngling diesen gelehrten
Beschäftigungen mit bewunderungswürdigem Eifer ergeben. |
|
Ferner in betreff der Gesetzgebung, des Krieges
und Friedens, der Bundesgenossen, der Staatsgefälle, der nach Verschiedenheit
der Stände und Alter angeordneten Rechte der Bürger mögen
die Griechen, wenn sie wollen, behaupten, Lykurgos oder Solon – wiewohl
diese wenigstens meines Erachtens unter die Zahl der Redner gerechnet werden
müssen – hätten von diesen Gegenständen eine bessere Kenntnis
gehabt als Hypereides oder Demosthenes, Männer, die in der Beredsamkeit
schon ganz vollkommen und fein ausgebildet sind; oder mögen die Unsrigen
den Decemvirn, den Verfassern der zwölf Gesetzestafeln, welche einsichtsvolle
Männer sein mussten, in dieser Beziehung den Vorzug geben vor dem Servius
Galba und deinem Schwiegervater Gaius Laelius, die sich bekanntlich
durch Rednerruhm auszeichneten. |
|
Denn ich will nicht leugnen, dass es gewisse
Wissenschaften gibt, die das Eigentum derer sind, die der Erforschung und
Behandlung derselben ihren ganzen Eifer zuwenden; aber ich behaupte: Der
erst ist ein vollendeter und vollkommener Redner, der über alle Gegenstände
mit Fülle und Mannigfaltigkeit zu reden versteht. Allerdings liegt oft in
den Sachen, die nach dem Geständnis aller den Rednern eigentümlich angehören,
etwas, was nicht aus der gerichtlichen Erfahrung, die ihr den Rednern allein
einräumt, sondern aus einer tieferen Wissenschaft geschöpft und entlehnt
werden muss. |
| |
Denn ich frage, ob man wohl entweder gegen einen
Feldherrn oder für einen Feldherrn reden könne ohne Erfahrung im Kriegswesen,
oft auch ohne Kenntnis der Gegenden zu Wasser und zu Land, ob vor dem Volk
über Genehmigung oder Verwerfung von Gesetzesvorschlägen, ob im Senat über
alle Zweige der Staatsverwaltung ohne die tiefste Einsicht und Kenntnis
der bürgerlichen Angelegenheiten, ob die Rede zur Entflammung oder auch
Dämpfung der Empfindungen und Bewegungen des Gemütes – und das ist ja das
eigentliche Gebiet des Redners – zur Anwendung gebracht werden könne ohne
die sorgfältigste Erforschung aller Lehrsätze, welche die Philosophen über
die Gemütsarten und Sitten des Menschengeschlechts entwickeln. |
|
Und vielleicht dürfte ich euch hiervon nicht
ganz überzeugen; doch ich will keinen Anstand nehmen, meine Ansicht mitzuteilen.
Die Physik und Mathematik selbst, sowie das, was du kurz zuvor als das Eigentum
anderer Wissenschaften aufstelltest, gehört der Kenntnis derer an, die sie
zu ihrem Berufsgeschäft machen; will aber jemand eben diese Wissenschaften
durch den Vortrag beleuchten, so muss er zu der Geschicklichkeit des Redners
seine Zuflucht nehmen. |
|
Denn wenn bekanntlich jener Baumeister Philon,
der den Athenern ein Zeughaus baute, dem Volk auf sehr beredte Weise von
seinem Werk Rechenschaft ablegte, so darf man nicht glauben, er sei eher
durch die Kunst des Baumeisters als durch die des Redners beredt gewesen.
Und wenn unser Marcus
Antonius für den Hermodoros über den Bau von Schiffswerften
hätte reden müssen, so würde er, sobald er von diesem über
die Sache belehrt worden wäre, einen geschmückten und reichhaltigen
Vortrag über eine fremde Kunst gehalten haben. Und ferner, wenn Asklepiades,
der mein Arzt und Freund war, alle andern Ärzte an Beredsamkeit übertraf,
so machte er gerade darin, dass er so geschmackvoll redete, nicht von seiner
Arzneikunde Gebrauch, wohl aber von der Beredsamkeit. |
|
Und das hat einen ziemlichen Schein von Wahrheit,
ist jedoch nicht wahr, was Sokrates
zu sagen pflegte, alle seien in dem, was sie wissen, hinlänglich beredt;
wahrer ist das: Niemand kann in dem beredt sein, was er nicht weiß;
aber wenn er es auch noch so gut weiß und nicht versteht, die Rede
zu bilden und zu glätten, so kann er selbst das, wovon er Kenntnis
hat, nicht beredt vortragen. |
| |
Will man also den Begriff des Redners im allgemeinen
und besonderen bestimmen und zusammenfassen, so wird meines Erachtens der
Redner eines so ehrenvollen Namens würdig sein, der über jeden vorfallenden
Gegenstand, der durch die Rede entwickelt werden soll, mit Sachkenntnis,
in guter Ordnung, mit Geschmack und aus dem Gedächtnis, zugleich auch mit
einer gewissen Würde des äußeren Vortrages reden kann. |
|
Sollte aber manchem der von mir gebrauchte Ausdruck
über jeden vorfallenden Gegenstand allzu unbestimmt erscheinen, so mag er
hiervon abschneiden und wegnehmen, soviel ihn gut dünkt; doch das werde
ich festhalten: Mag der Redner auch den Stoff der anderen Künste und Wissenschaften
nicht kennen und nur das verstehen, was zu den Rechtserörterungen und zur
gerichtlichen Übung erforderlich ist, so wird er doch, wenn er über jene
Gegenstände reden soll, sobald er sich bei denen Rats erholt hat, die das,
was jeder Sache eigentümlich angehört, kennen, als Redner weit besser darüber
reden als selbst jene, die diese Gegenstände berufsmäßig treiben. |
|
Wenn zum Beispiel unser Sulpicius
hier über das Kriegswesen reden soll, so wird er bei unserem Verwandten
Gaius Marius Erkundigungen einziehen und, wenn er sie erhalten hat, einen
solchen Vortrag halten, dass selbst Gaius Marius glauben dürfte, dieser
habe davon fast eine bessere Kenntnis als er selbst. Soll er aber über
das bürgerliche Recht reden, so würde er sich mit dir besprechen
und dich, den einsichtsvollsten und erfahrensten Mann, in eben den Dingen,
die er von dir erlernt hat, an Redekunst übertreffen. |
|
Und kommt ein Fall vor, wo er über die Natur,
über die Laster der Menschen, über die Begierden, über Mäßigung und Enthaltsamkeit,
über Schmerz, und Tod sprechen soll, so dürfte er sich vielleicht, wenn
es ihn gut dünkte – wiewohl dieses wenigstens der Redner kennen muss –,
mit dem Sextus Pompeius besprechen, einem in der Philosophie unterrichteten
Mann, und in der Tat, es wird ihm gelingen, über jeden Gegenstand, den er
von irgend jemand erlernt hat, weit geschmückter zu reden als selbst jener,
der ihn belehrt hat. |
|
Aber wenn ihm ein Rat etwas gilt, so wollen wir,
weil die Philosophie in drei Teile zerfällt, in die dunkle Naturwissenschaft,
die scharfsinnige Dialektik und die Lehre von dem Leben und den Sitten,
die beiden ersten aufgeben und unserer Trägheit zugute halten; wollen wir
aber den dritten, der immer den Rednern angehört hat, nicht behaupten, so
werden wir dem Redner nichts zurücklassen, worin er sich groß zeigen könnte. |
|
Darum muss dieser ganze Teil, der von dem Leben
und den Sitten handelt, von dem Redner gründlich erlernt werden; das übrige
wird er, wenn er es auch nicht erlernt hat, doch, sobald es einmal nötig
ist, durch die Rede auszuschmücken verstehen, wenn ihm nur zuvor der Stoff
dazu überliefert und eingehändigt worden ist. Denn wenn, wie es unter den
Gelehrten bekannt ist, ein in der Sternkunde unerfahrener Mann, Aratos,
den Himmel und die Gestirne in den schönsten und herrlichsten Versen besungen,
wenn ein Mann, der sehr fern vom Land lebte, Nikandros aus Kolophon, über
die Landwirtschaft vermöge dichterischer Befähigung, nicht aber wegen seiner
Kenntnis im Landbau, vortrefflich geschrieben hat, warum sollte dann nicht
der Redner über solche Gegenstände sehr beredt reden, die er für eine gewisse
Sache und Zeit erlernt hat? |
|
Dem Redner ist ja der Dichter nahe verwandt,
durch das Versmaß ein wenig mehr gebunden, in dem Gebrauch der Worte hingegen
freier, in vielen Arten des Schmuckes aber Teilnehmer und fast gleich, darin
wenigstens ohne Zweifel ihm beinahe gleich, dass er sein Gebiet durch keine
Schranken so umgrenzt und einschließt, dass es ihm nicht freistehen sollte,
sich mit der nämlichen Gewandtheit und Fülle des Ausdruckes zu ergehen,
wo er Lust hat. |
|
Ich muss nämlich hier auf deine frühere
Äußerung, Scaevola,
zurückkommen. Warum sagtest du, du würdest, wenn du dich nicht
auf meinem Gebiet befändest, meine Behauptung nicht ertragen haben,
dass der Redner in jeder Art des Vortrages, in jedem Zweig menschlicher
Bildung vollkommen sein müsse? Niemals fürwahr würde ich
eine solche Behauptung ausgesprochen haben, wenn ich mich selbst für
das Vorbild, das ich aufstellte, hielte. |
|
Aber was Gaius Lucilius oft zu sagen pflegte,
der dir ein wenig grollte und gerade deshalb mir weniger, als er es wünschte,
befreundet, aber doch ein gelehrter und sehr fein gebildeter Mann war, dasselbe
ist auch mein Urteil, dass nämlich niemand unter die Zahl der Redner gerechnet
werden dürfe, der nicht in allen, eines freien Mannes würdigen Wissenschaften
ausgebildet sei. Denn wenn wir von ihnen selbst auch beim Reden keinen Gebrauch
machen, so ist es doch sichtbar und stellt sich heraus, ob wir derselben
unkundig sind oder sie gelernt haben. |
|
So wie zum Beispiel die Ballspieler beim Spiel
selbst die der Ringschule eigentümliche Kunst nicht anwenden, aber schon
ihre Bewegung anzeigt, ob sie die Ringkunst erlernt haben oder nicht kennen,
und so wie die Bildhauer, wenn sie auch für den Augenblick von der Malerei
gar keinen Gebrauch machen, doch nicht undeutlich zu erkennen geben, ob
sie zu malen verstehen oder nicht, so offenbart es sich bei unseren Reden
vor Gericht, in den Volksversammlungen und im Senat, auch wenn in ihnen
andere Wissenschaften nicht ausdrücklich zur Anwendung kommen, doch leicht,
ob der Redner sich nur in den gewöhnlichen Redeübungen herumgetummelt hat
oder ob er mit allen edlen Wissenschaften ausgerüstet als Redner auftritt."
|
|
Hierauf erwiderte Scaevola
lachend: "Ich will nicht weiter mit dir streiten, Crassus.
Deine Gegenrede selbst hast du ja mit einem gewissen Kunstgriff zustande
gebracht, indem du einerseits mir in dem, was ich dem Redner abgesprochen
wissen wollte, beipflichtetest, andererseits eben dieses, Gott weiß
wie, wieder umdrehtest und dem Redner als Eigentum zuerteiltest. |
|
Als ich als Prätor nach Rhodos kam und jenem
ausgezeichneten Lehrer eurer Wissenschaft, Apollonios, das, was ich von
Panaitios vernommen hatte, mitteilte, verspottete er nach seiner Gewohnheit
die Philosophie und setzte sie herab und sagte vieles weniger mit würdevollem
Ernst als auf witzige Weise. Dein Vortrag hingegen hatte nicht die Absicht,
irgendeine Kunst oder Wissenschaft herabzusetzen, sondern alle als Begleiterinnen
und Gehilfinnen des Redners darzustellen. |
|
Sollte nun ja ein einziger Mensch sie alle umfasst
und zugleich hiermit jene Geschicklichkeit einer wohl geschmückten Rede
verbunden haben, so muss ich ihn für einen hervorragenden und bewunderungswürdigen
Mann erklären; aber ein solcher würde, wenn es einen gäbe oder auch je gegeben
hätte oder auch nur geben könnte, fürwahr kein anderer sein als du. Du hast
ja nach meinem und aller Urteil allen anderen Rednern – unsere jungen Freunde
mögen mir dieses Geständnis nicht übel nehmen – kaum irgendeinen Ruhm übriggelassen. |
| |
Doch wenn es dir an keiner Kenntnis der gerichtlichen
und bürgerlichen Angelegenheiten gebricht und du doch die Wissenschaft nicht
umfasst hast, die du dem Redner beigesellst, so las uns sehen, ob du ihm
nicht mehr zuteilst, als es die Sache und Wirklichkeit zulässt." |
|
Da sagte Crassus:
"Bedenke doch, dass ich nicht über meine, sondern des Redners
Geschicklichkeit gesprochen habe. Denn was habe ich gelernt oder was konnte
ich wissen, der ich eher zum Handeln als zum Lernen kam, den auf dem Forum,
in der Bewerbung um obrigkeitliche Ämter, in Staatsgeschäften,
in Rechtshändeln meiner Freunde die Sache selbst eher aufgerieben hat,
als ich eine Ahnung von der Wichtigkeit dieser Sachen haben konnte? |
|
Wenn ich dir nun auch so schon Großes zu leisten
scheine, dem es, wenn auch nicht gerade an Anlagen, wie du meinst, doch
sicherlich an Gelehrsamkeit und an Muße und wahrlich auch an jener feurigen
Lernbegierde gemangelt hat – was meinst du, wenn zu jemandes besseren Anlagen
auch noch die Wissenschaften, die ich nicht berührt habe, hinzukämen, wie
herrlich und wie groß würde ein solcher Redner sein?" |
|
Hierauf sagte Antonius:
"Du überzeugst mich, Crassus,
von der Wahrheit deiner Behauptungen, und ich zweifle nicht, dass derjenige
im Reden weit reicher ausgestattet sein wird, der die Beschaffenheit und
das Wesen aller Dinge und Wissenschaften umfasst. |
| |
Aber erstens ist dieses schwer auszuführen, zumal
bei unserer Lebensweise und unseren Beschäftigungen; und dann muss man besorgen,
dass wir dadurch von unserer Redeübung und Redeweise, wie sie sich für das
Volk und die Gerichte eignet, abgezogen werden. Denn einen anderen Vortrag
scheinen mir die Männer zu haben, deren du kurz zuvor gedacht hast, so geschmackvoll
und so gewichtig sie auch über das Wesen der Dinge und über menschliche
Angelegenheiten reden mögen. Ihre Redeweise ist glänzend und blühend, aber
sie passt mehr für die Schule und Schulübungen als für unseren gemischten
Bürgerschwarm und die Gerichte |
|
Ich meinerseits habe mich freilich erst spät
und nur oberflächlich mit der griechischen Literatur befasst; aber da ich
als Prokonsul auf meiner Reise nach Kilikien und Athen kam und daselbst
wegen widriger Winde mehrere Tage verweilte, so hatte ich doch täglich die
gelehrtesten Männer um mich, meistens dieselben, die du eben nanntest. Und
da es, ich weiß nicht wie, unter ihnen ruchbar geworden war, dass ich wichtigere
Rechtsverhandlungen, so wie du, zu führen pflegte, so versuchte jeder von
ihnen, so gut er konnte, sich über den Beruf und das Verfahren des Redners
auszusprechen. |
|
Einige von ihnen sowie eben jener Mnesarchos
sagten, diejenigen, die wir Redner nennten, seien nichts anderes als Handlanger
mit geläufiger und geübter Zunge; ein wahrer Redner sei niemand, wenn er
nicht ein Weiser sei, und die Beredsamkeit selbst sei, weil sie in der Wissenschaft
des guten Vortrages bestehe, eine Tugend, und wer eine Tugend besitzt, besitze
alle, und diese seien untereinander völlig gleich; folglich, wer beredt
sei, der besitze alle Tugenden und sei ein Weiser. Doch diese Erörterung
war spitzfindig und saftlos und widersprach zu sehr unserer Auffassungsweise. |
|
Charmadas aber sprach weit reichhaltiger über
dieselben Gegenstände, jedoch nicht, um seine eigene Ansicht auszusprechen;
das ist ja die hergebrachte Weise der Akademie, in ihren Untersuchungen
allen nur immer das Widerspiel zu halten; aber doch deutete er ganz deutlich
an, diejenigen, die man Redekünstler nenne und die die Regeln der Beredsamkeit
lehrten, wüssten gar nichts, und niemand könne sich Geschicklichkeit im
Reden aneignen, wenn er nicht die Erfindungen der Philosophen gelernt habe. |
|
Dagegen sprachen beredte und in Staatsgeschäften
und Rechtshandlungen bewanderte Männer, unter denen sich auch der befand,
der neulich zu Rom war, Menedemos, mein Gastfreund. Da dieser behauptete,
es gebe eine Wissenschaft, die sich mit Erforschung von Kunstregeln über
die Einrichtung und Verwaltung der Staaten beschäftige, da erhob sich der
immer schlagfertige Mann, der eine reiche Gelehrsamkeit und eine unglaubliche
Mannigfaltigkeit und Fülle von Kenntnissen besaß, und zeigte, dass alle
Teile eben dieser Staatswissenschaft von der Philosophie entlehnt werden
müssten und dass über Verordnungen des Staates in betreff der unsterblichen
Götter, der Jugenderziehung, der Gerechtigkeit, der Geduld, der Besonnenheit,
des Maßes in allem und über alle anderen Dinge, ohne welche die Staaten
entweder gar nicht bestehen oder nicht wohl gesittet sein könnten, sich
nirgends in ihren Bücher eine Vorschrift finden lasse. |
| |
Wenn nun diese Redekünstler eine so große Menge
der wichtigsten Gegenstände in ihrer Wissenschaft umfassen, so fragte er,
warum ihre Bücher von Regeln über Eingänge, über Schlussreden und dergleichen
Possen (so nannte er es) vollgefüllt seien, über Einrichtung der Staaten
hingegen, über Abfassung von Gesetzen, über Billigkeit, Gerechtigkeit und
Treue, über Bezähmung der Begierden, über Bildung der Sitten des Menschengeschlechtes
sich kein Buchstabe in ihren Büchern finde. |
|
Ihre Regeln selbst pflegte er dadurch zu verspotten,
dass er zeigte, dass sich nicht nur in jener Staatsklugheit, die sie sich
anmaßten, unerfahren seien, sondern auch von der Beredsamkeit selbst keine
schulgerechte Kenntnis hätten. Die Hauptsache für den Redner nämlich, meinte
er, bestehe darin, dass er denjenigen, vor denen er auftrete, so erscheine,
wie er es selbst wünsche; dies werde durch die Würde des Lebens bewirkt,
von der jene Lehrer der Beredsamkeit in ihren Vorschriften nichts hinterlassen
hätten; und dass seine Zuhörer in ihrem Inneren so gestimmt würden, wie
sie der Redner gestimmt wissen wolle; auch dies sei auf keine Weise möglich,
wenn nicht der Redner gelernt habe, auf welche und auf wie vielerlei Weise,
und durch welche Art des Vortrages die Gemüter der Menschen nach allen Richtungen
gelenkt würden; das seien aber Geheimnisse, die ganz in der Tiefe der Philosophie
versteckt und verborgen lägen, wovon jene Redekünstler sich nicht einmal
eine oberflächliche Kenntnis angeeignet hätten. |
|
Diese Behauptungen suchte Menedemus mehr durch
Beispiele als durch Beweise zu widerlegen. Er trug nämlich aus dem Gedächtnis
viele herrliche Stellen aus den Reden des Demosthenes vor und zeigte so,
dass dieser dadurch, dass er verstand, die Gemüter der Richter oder des
Volkes nach allen Richtungen zu lenken, kundgegeben habe, wie gut er die
Mittel gekannt habe, durch die er das erreichen könne, was nach jenes Behauptung
niemand ohne Philosophie wissen könne. |
|
Diesem antwortete jener, er leugne nicht, dass
Demosthenes die ausgezeichnetste Staatsklugheit und Rednergeschicklichkeit
besessen habe; aber sei es, dass er dies durch seine geistige Begabung vermocht
habe oder dass er, wie bekannt, ein fleißiger Zuhörer des Platon gewesen
sei, es frage sich nicht, was jener vermocht habe, sondern was diese lehrten. |
|
Oft ließ er sich auch in seinem Vortrag zu der
Behauptung hinreißen, es gebe überhaupt keine Kunst der Rede. Zuerst suchte
er dies durch Beweise zu zeigen; wir seien nämlich von Natur so geschaffen,
dass wir uns durch einnehmende Worte und flehentliche Bitten bei denen einschmeicheln
könnten, die wir um etwas bitten müssten, unsere Gegner durch Drohungen
schrecken, eine vorgefallene Begebenheit auseinandersetzen, das, was wir
beabsichtigten, durch Gründe beweisen und die dagegen gemachten Einwendungen
widerlegen, zuletzt etwas durch Bitten abwenden und beklagen; und in diesen
Dingen bestehe die ganze Geschicklichkeit der Redner; zweitens, die Gewohnheit
und Übung schärfe das Vermögen der Einsicht und rege die Geläufigkeit des
Ausdrucks an. Darauf aber stützte er sich auch auf eine Menge von Beispielen.
|
| |
Zuerst nämlich, sagte er, sei gleichsam absichtlich
kein Schriftsteller der Kunst auch nur in mäßigem Grade beredt gewesen,
wobei er von Korax und Tisias, mir unbekannten Leuten, ausholte, die bekanntlich
die Erfinder und Gründer dieser Wissenschaft gewesen seien; von den beredtesten
Männern aber, die diese Dinge weder gelernt noch überhaupt zu wissen sich
die Mühe genommen hätten, nannte er unzählige; unter ihnen – sei es nun,
um meiner zu spotten, oder dass er so glaubte und so gehört hatte – führte
er auch mich an, der ich jene Dinge nicht gelernt hätte und doch, wie er
sagte, einiges im Reden leistete. In dem einen stimme ich ihm gern bei,
dass ich nichts gelernt hätte; in dem andern aber, meinte ich, wolle er
mich verspotten oder befinde sich selbst im Irrtum. |
|
Eine Wissenschaft aber, behauptete er, sei nur
das, was auf erkannten und gründlich erforschten, nach einem Endpunkt hinzielenden
und niemals trügenden Lehrsätzen beruhe. Alles das aber, was von den Rednern
behandelt werde, sei zweifelhaft und unsicher, weil es von denen gesagt
werde, die dieses alles nicht deutlich wüssten, und von denen angehört werde,
denen nicht wissenschaftlich begründete Ansichten, sondern auf kurze Zeit
falsche oder wenigstens dunkle Meinungen vorgetragen werden müssten. |
|
Wozu viele Worte? Er schien mich damals zu überzeugen,
dass es keine Kunst der Beredsamkeit gebe und dass niemand mit Einsicht
und Fülle reden könne, wenn er sich nicht mit den Vorträgen
der gelehrtesten Philosophen bekannt gemacht habe. Hierbei pflegte Charmadas
mit großer Bewunderung deine Anlagen, Crassus,
zu loben und zu sagen, an mir habe er einen sehr gefälligen Zuhörer,
an dir einen sehr kampflustigen Gegner gefunden. |
|
Und so habe ich, durch dieselbe Meinung verleitet,
in einer kleinen Schrift, die mir wider Willen und Wissen entschlüpft und
in die Hände der Menschen gekommen ist, die Äußerung niedergeschrieben,
der beredten Männer hätte ich einige gekannt, einen Redner aber noch nicht.
Unter einem beredten verstand ich nämlich denjenigen, welcher mit hinlänglichem
Scharfsinn und Deutlichkeit vor gewöhnlichen Leuten dem gemeinen Menschenverstand
gemäß reden könne; unter einem Redner aber denjenigen, welche, auf eine
bewunderungswürdigere und prächtigere Weise alles, was er wolle, erheben
und ausschmücken könne und alle Hilfsquellen für alle Gegenstände, die sich
auf die Rede beziehen, mit seinem Geist und Gedächtnis umfasse. Wenn dies
auch für uns schwierig ist, weil wir, bevor wir zum Lernen schreiten, von
Amtsbewerbungen und Gerichtshändeln erdrückt werden, so dürfte es doch in
dem Wesen der Sache begründet sein. |
|
Fürwahr, wenn ich meinem Vorgefühl
trauen darf und die trefflichen Anlagen betrachte, mit denen unsere Landsleute
ausgerüstet sind, so gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass einst einer
sein wird, der, wenn er sich mit eifrigerem Fleiß, als wir haben und
hatten, mit erhöhter Anstrengung und Tätigkeit bei größerer
Muße und reiferer Fähigkeit zum Lernen auf das Hören, Lesen
und Schreiben legen wird, sich zu einem solchen Redner, wie wir ihn suchen,
ausbilden wird, der mit Recht nicht allein beredt, sondern auch ein Redner
genannt werden kann. Doch nach meinem Urteil ist ein solcher entweder schon
unser Crassus
hier, oder sollte ein anderer ihm an Anlagen gleichkommen und mehr als er
gehört, gelesen und geschrieben haben, so wird er ihm nur ein weniges
hinzufügen können." |
| |
Hier ergriff Sulpicius
das Wort: "Gegen meine und des Cotta
Hoffnung, aber nach unser beider sehnlichstem Wunsch hat es sich gefügt,
Crassus,
dass ihr auf diese Unterredung verfielt. Denn als wir hierher kamen, erschien
es uns schon erfreulich genug, wenn wir bei eurem Gespräch über
andere Gegenstände doch etwas der Erinnerung Würdiges aus eurer
Unterredung erhaschen könnten; dass ihr euch aber fast bis zum Kern
der Untersuchung über diese ganze Wissenschaft – oder soll ich sagen:
Kunst, oder Fertigkeit? – vertiefen würdet, das glaubten wir kaum wünschen
zu dürfen. |
|
Denn ich, der ich von Jugend an euch beiden von
ganzem Herzen zugetan war, ja zu Crassus
die innigste Liebe hegte, konnte, obwohl ich nirgends von seiner Seite wich,
ihm doch nie ein Wort über den kunstmäßigen Lehrgang der
Beredsamkeit entlocken, sooft ich auch teils selbst ihm meinen Wunsch mitgeteilt,
teils ihn durch den Drusus angegangen hatte. In dieser Hinsicht hast du,
Antonius, ich
will die Wahrheit sagen, nie meine Erkundigungen oder Fragen unbefriedigt
gelassen, und sehr oft belehrtest du mich über die Beobachtungen, die
du beim Reden zu machen pflegtest. |
|
Jetzt nun, da ihr beide den Zugang gerade zu
den Gegenständen, die wir zu wissen wünschen, eröffnet habt
und Crassus
zu dieser Unterredung Veranlassung gegeben hat, erweist uns die Gefälligkeit,
eure Ansichten über die gesamte Beredsamkeit gründlich auseinanderzusetzen!
Sind wir so glücklich, dieses von euch zu erlangen, so werde ich, Crassus,
dieser Schule und deinem Tusculanum von Herzen Dank wissen, und dein Gymnasium
hier in der Nähe der Stadt jener Akademie und jenem Lyceum bei weitem
vorziehen." |
|
Hierauf erwiderte jener: "Nein, Sulpicius,
wir wollen lieber den Antonius
darum bitten, der deinen Wunsch erfüllen kann und auch gewohnt ist,
dieses zu tun, wie ich dich sagen höre. Denn von mir muss ich gestehen,
dass ich zu jeder Zeit diese ganze Art der Unterhaltung vermieden und dir
deine Wünsche und Bitten sehr oft abgeschlagen habe, wie du kurz zuvor
sagtest. Doch dies tat ich nicht aus Übermut oder Unfreundlichkeit,
auch nicht aus Mangel an gutem Willen, deiner lobenswerten und edlen Wissbegierde
zu willfahren, zumal da ich dich vor allen gerade zur Beredsamkeit geboren
und geschickt erkannt hatte, sondern in der Tat nur aus Unvertrautheit mit
einem solchen wissenschaftlichen Vortrag und aus Unkunde der Gegenstände,
die kunstmäßig gelehrt werden." |
|
Hierauf Cotta:
"Nachdem wir nun einmal das, was uns als das Schwerste erschien, erreicht
haben, dass du dich nämlich, Crassus,
überhaupt in ein Gespräch über diese Gegenstände einließest,
so würde es, was nun das Weitere betrifft, unsere Schuld sein, wenn
wir dich eher entließen, als bis du alle unsere Fragen beantwortet
hättest." |
| |
"Über diese Gegenstände, mein’
ich", sagte Crassus,
"kann doch nur die bei dem Antritt von Erbschaften gewöhnliche
Formel gelten: Worin ich es wissen und können werde." Hierauf
jener: "Ja freilich, denn wer von uns sollte unverschämt sein,
dass er das zu wissen und zu können verlange, sollte, was du nicht
kannst und weißt." "Nun gut", sagte Crassus;
"unter der Bedingung, dass es mir freisteht zu erklären, ich könne
etwas nicht, was ich nicht kann, und zu gestehen, ich wisse etwas nicht,
was ich nicht weiß, möget ihr mich nach eurem Gutdünken
ausfragen!" |
| |
"Nun gut", sagte Sulpicius,
"so fragen wir denn zuerst nach deiner Ansicht in betreff des Gegenstandes,
über den sich eben Antonius
ausgesprochen hat, ob du nämlich der Meinung seiest, dass es eine Wissenschaft
der Beredsamkeit gebe." "Wie?" erwiderte Crassus,
"ihr wollt mir jetzt, wie einem müßigen und geschwätzigen,
vielleicht auch gelehrten und unterrichteten Griechen eine so nichtige Frage
vorlegen, über die ich nach meinem Ermessen reden soll? Wann, glaubt
ihr, habe ich mich um dergleichen Dinge bekümmert und darüber
nachgedacht? Wisst ihr denn nicht, dass ich vielmehr zu jeder Zeit die Unverschämtheit
der Menschen verspottet habe, welche, wenn sie sich in ihrem Hörsaal
bei einer zahlreichen Versammlung von Zuhörern niedergelassen haben,
die Anwesenden auffordern, ihnen irgendeine Frage zur Beantwortung vorzulegen. |
|
Dies soll zuerst Gorgias aus Leontinoi getan
haben, der etwas sehr Großes zu übernehmen und zu verheißen schien, da er
sich auf alles, worüber jemand zu hören wünschte, gefasst erklärte. In der
Folge aber ward dies allgemeine Sitte und ist es noch heutzutage, so dass
es keinen so großen, so unerwarteten, so neuen Gegenstand gibt, über den
sie nicht alles, was darüber gesagt werden könne, zu sagen sich anheischig
machen. |
|
Hätte ich nun geglaubt, du, Cotta,
oder du, Sulpicius,
hättet über dergleichen Dinge hören wollen, so hätte
ich einen Griechen hierher gebracht, der euch mit derartigen Vorträgen
unterhalten konnte, und dies ist auch jetzt nicht schwer auszuführen.
Es lebt nämlich bei dem jungen Marcus Piso, der sich bereits dieser
Wissenschaft widmet, einem Mann von ausgezeichneter Begabung und der mir,
sehr ergeben ist, der Peripatetiker Staseas, der mir sehr befreundet ist
und sich nach dem einstimmigen Urteil der Sachkundigen in seinem Fach unter
allen am meisten auszeichnet." |
|
"Was nennst du uns da für einen Staseas",
versetzte Mucius, "was für einen Peripatetiker? Du musst dich,
mein Crassus,
diesen jungen Männern willfährig zeigen, welche sich nicht nach
eines Griechen alltäglicher Geschwätzigkeit ohne Erfahrung und
einem alten Schullied sehnen, sondern eines Mannes Ansicht zu erforschen
suchen, der unter allen der weiseste und beredteste ist, der nicht in dürftigen
Schriften, sondern in den wichtigsten Rechtsverhandlungen und in diesem
Sitz der Weltherrschaft und des Ruhmes durch seine Einsicht und Beredsamkeit
die erste Stelle einnimmt, in dessen Fußstapfen sie zu treten wünschen.
|
| |
Ich habe dich zwar immer für einen unvergleichlichen
Redner gehalten, aber nie habe ich deiner Beredsamkeit ein größeres Lob
erteilt als deiner Menschenfreundlichkeit, und diese musst du gerade jetzt
an den Tag legen und nicht die Erörterung ablehnen, welche die beiden jungen
Männer von so ausgezeichneten Geistesgaben von dir übernommen zu sehen wünschen." |
|
"Gut", erwiderte er, "ich bin ja eifrig bemüht,
ihnen Folge zu leisten, und ich werde nicht Anstand nehmen, in der Kürze
nach meiner Weise über jeden einzelnen Punkt meine Ansicht vorzutragen.
Was nun die erste Frage anlangt – deinen Rat nämlich, Scaevola, unbeachtet
zu lassen, halte ich für unzulässig –, so ist meine Antwort diese: Ich glaube,
es gibt entweder gar keine oder nur eine sehr unvollkommene Wissenschaft
der Beredsamkeit und der ganze Streit hierüber unter den Gelehrten beruht
auf einem Wortgezänk. |
|
Denn wenn der Begriff der Wissenschaft so bestimmt
wird, wie ihn kurz zuvor Antonius
auseinandergesetzt hat, dass sie aus gründlich erforschten und deutlich
erkannten Sätzen bestehe, welche von der Willkür der Meinungen
entfernt und mit gründlichem Wissen erfasst sind, so bin ich der Ansicht:
Es gibt für den Redner schlechterdings keine Wissenschaft. Denn alle
Arten unserer gerichtlichen Vorträge sind schwankend und der gewöhnlichen
Fassungskraft der Menge anbequemt. |
|
Wenn aber die Beobachtungen, die man in der Erfahrung
und Ausübung der Rede macht, von einsichtsvollen und erfahrenen Männern
bemerkt und aufgezeichnet, durch Worte bestimmt, nach den Gattungen erläutert
und in gewisse Abteilungen gebracht worden sind – und dies, begreife ich,
konnte geschehen –, so sehe ich nicht ein, warum man dieses nicht, wenn
auch nicht nach jener strengen Begriffsbestimmung, so doch nach unserer
gewöhnlichen Ansicht für Wissenschaft halten dürfe. Aber was es auch sein
mag, Wissenschaft oder etwas der Wissenschaft Ähnliches, sicherlich darf
man es nicht vernachlässigen; nur muss man einsehen, dass es noch andere
Dinge gibt, welche zur Erreichung der Beredsamkeit von größerer Wichtigkeit
sind." |
|
Hierauf sagte Antonius,
er stimme dem Crassus
vollkommen bei, dass er weder der Wissenschaft einen so hohen Wert beilege,
wie die zu tun pflegten, welche die ganze Bedeutung der Beredsamkeit auf
die Wissenschaft gründeten, noch auch hinwiederum sie gänzlich
verwerfe, wie die meisten Philosophen täten. "Aber", fuhr
er fort, "ich glaube, Crassus,
du würdest den Anwesenden einen Gefallen erweisen, wenn du auseinandersetzen
wolltest, welche Hilfsmittel der Beredsamkeit du für noch nützlicher
hältst als die Wissenschaft selbst." |
| |
"Gut", sagte er, "ich will es tun, weil ich nun
einmal den Anfang gemacht habe; nur muss ich euch bitten, diese meine Torheiten
nicht auszuplaudern. Doch werde ich mir selbst ein Maß setzen, damit ich
nicht wie ein Lehrmeister und Kunstkenner aufzutreten scheine, sondern wie
ein schlichter Römer, der sich durch die gerichtliche Übung einige Bildung
angeeignet hat und nicht ganz unwissend ist und der nicht aus eigenem Antrieb
etwas verheißen hätte, wenn er nicht zufällig in euer Gespräch geraten wäre. |
|
Sooft ich mich sonst um ein Staatsamt bewarb,
pflegte ich, wenn ich mich durch Händedruck bei den Leuten beliebt
machen wollte, den Scaevola
von mir zu entlassen, indem ich zu ihm sagte: ‘Ich will jetzt eine Torheit
begehen’; darunter verstand ich die einschmeichelnde Art der Bewerbung,
die ohne Torheit auf gehörige Weise nicht ausgeführt werden kann;
er aber sei unter allen der einzige Mensch, in dessen Gegenwart ich mich
am wenigsten töricht zu benehmen wünschte. Und diesen gerade hat
jetzt das Geschick zum Zeugen und Zuschauer meiner Torheiten gemacht. Denn
was ist törichter, als über das Reden zu reden, da das Reden an
und für sich zu jeder Zeit töricht ist, außer wenn es notwendig
ist?" "Nun, fahre nur fort, lieber Crassus",
sagte Mucius, denn die Schuld, die du befürchtest, will ich auf mich
nehmen." |
|
"Meine Ansicht ist also", sagte Crassus,
"diese: Zuerst hat die natürliche Anlage den größten
Einfluss auf die Beredsamkeit, und in der Tat, jenen Schriftstellern fehlte
es nicht an einer wissenschaftlichen Lehrweise, wohl aber an Naturanlagen.
Denn das Gemüt und der Geist müssen eine schnelle Beweglichkeit
besitzen, so dass sie in der Erfindung Scharfsinn und in der Entwicklung
und Ausschmückung Reichhaltigkeit zeigen und das dem Gedächtnis
Anvertraute fest und treu behalten. |
| |
Und sollte jemand meinen, diese Eigenschaften
könnten durch Kunst erlangt werden – das ist aber falsch; denn man könnte
schon ganz zufrieden sein, wenn sie durch die Kunst nur angeregt oder geweckt
werden könnten; einpflanzen wenigstens und schenken kann die Kunst sie nicht;
es sind ja lauter Naturgaben –, was will er dann von den Eigenschaften sagen,
die gewiss mit dem Menschen selbst geboren werden? Ich meine eine bewegliche
Zunge, eine klangvolle Stimme, eine starke Brust, Leibeskräfte und eine
gewisse Bildung und Gestaltung des ganzen Gesichtes und Körpers. |
|
Nicht jedoch sage ich dieses so, als ob die Kunst
nicht manche Menschen verfeinern könne; denn ich weiß recht wohl, dass das
Gute durch Bildung noch besser werden und das minder Gute doch einigermaßen
sich zu schleifen und verbessern lässt; aber es gibt einige, die so sehr
mit der Zunge stottern oder eine so klanglose Stimme oder so rohe und bäurische
Gesichtszüge und Körperbewegungen haben, dass sie, so sehr sie sich auch
durch geistige Anlagen und wissenschaftliche Bildung auszeichnen mögen,
doch nicht zu den Rednern gezählt werden können. Andere hingegen sind in
eben diesen Eigenschaften so gewandt, mit den Gaben der Natur so ausgerüstet,
dass sie zu Rednern nicht geboren, sondern von einem Gott gebildet zu sein
scheinen. |
| |
Einer großen Last und einer wichtigen Verpflichtung
unterzieht sich derjenige, der von sich bekennt, er allein müsse, während
alle anderen schweigen, in einer großen Versammlung von Menschen über die
wichtigsten Angelegenheiten gehört werden. Denn unter allen Anwesenden ist
nicht leicht einer, der die Fehler am Redner nicht schärfer und genauer
bemerken sollte als das Richtige. Was es daher auch sein mag, woran man
Anstoß nimmt, verdunkelt auch das, was lobenswürdig ist. |
|
Dies jedoch sage ich nicht in der Absicht, um
junge Männer, denen es vielleicht an einer Naturgabe gebricht, gänzlich
von der Beschäftigung mit der Beredsamkeit abzuschrecken. Denn wer weiß
nicht, dass dem Gaius Caelius145, meinem Altersgenossen, einem Emporkömmling,
selbst die Mittelmäßigkeit im Reden, soweit er sie erreichen konnte, zu
Erlangung hoher Ehren förderlich gewesen ist? Wer sieht nicht ein, dass
euer Altersgenosse Quintus Varius146, ein ungestalter und hässlicher Mensch,
selbst durch die geringe Redegewandtheit, die er besitzt, zu großem Einfluss
im Staat gelangt ist? |
|
Aber weil der Redner der Gegenstand unserer Untersuchung
ist, so müssen wir in unserem Vortrag das Musterbild eines ganz fehlerfreien
und in jeder Beziehung vollendeten Redners entwerfen. Denn wenn auch die
Menge von Streitsachen, die Mannigfaltigkeit der Rechtsverhandlungen, der
gemischte und ungebildete Volkshaufe auf unserem Forum selbst den fehlerhaftesten
Rednern einen Platz einräumt, so dürfen wir darum doch nicht den eigentlichen
Gegenstand unserer Untersuchung aus den Augen lassen. Und so verhält es
sich auch mit den Künsten, bei denen es nicht auf einen unentbehrlichen
Nutzen abgesehen ist, sondern auf eine freie Ergötzung des Gemütes. Wie
sorgfältig und, ich möchte sagen, wie mäkelnd ist hier unser Urteil! Denn
es sind keine Rechtsverhandlungen und Streitigkeiten, welche die Menschen
zwingen könnten, wie auf dem Forum nicht gute Redner, so auch im Theater
schlechte Schauspieler zu dulden. |
|
Der Redner muss daher sorgfältig darauf sehen,
nicht dass er diejenigen befriedige, die er befriedigen muss, sondern dass
er denen bewundernswürdig erscheine, denen ein freies Urteil zusteht. Und
wollt ihr es wissen, so will ich vor vertrauten Freunden mit klaren Worten
meine Ansicht aussprechen, die ich bis jetzt immer verschwiegen habe und
zu verschweigen für gut hielt. Mir erscheinen selbst diejenigen, welche
sehr gut reden und dieses mit großer Leichtigkeit und sehr geschmackvoll
leisten können, dennoch beinahe unverschämt, wenn sie nicht mit Schüchternheit
auftreten und beim Beginn der Rede Verlegenheit verraten. |
|
Doch kann dieser Fall eigentlich nicht eintreten;
denn je tüchtiger einer im Reden ist, um so mehr befürchtet er die Schwierigkeit
des Redens, den schwankenden Erfolg der Rede und die Erwartung der Menschen.
Wer aber nichts zustande bringen und zu Tage fördern kann, was der Sache,
was des Rednernamens, was der Aufmerksamkeit der Menschen würdig ist, den
halte ich, wenn er sich auch beim Vortrag beunruhigt fühlt, dennoch für
unverschämt. Denn nicht dadurch, dass man sich schämt, sondern dadurch,
dass man das nicht tut, was nicht geziemend ist, müssen wir dem Vorwurf
der Unverschämtheit entgehen. |
| |
Wer sich aber nicht schämt, wie ich es bei gar
vielen sehe, den halte ich nicht allein des Tadels, sondern auch der Strafe
für würdig. Ich wenigstens pflege es an euch zu bemerken und mache auch
an mir selbst sehr oft die Erfahrung, dass ich am Anfang der Rede erblasse
und in meinem ganzen Inneren und an allen Gliedern erzittere. Als ganz junger
Mensch aber verlor ich zu Anfang einer Anklage147 so alle Fassung, dass
ich dem Quintus Maximus von Herzen dafür dankbar war, dass er sogleich die
Richterversammlung entließ, sobald er mich von Furcht entkräftet und geschwächt
sah." |
|
Hier drückten alle ihren Beifall aus, indem
sie sich zunickten und miteinander redeten. Denn Crassus
besaß eine wunderbare Schüchternheit, die jedoch seinem Vortrag
nicht nachteilig, sondern vielmehr dadurch, dass sie seine innere Gediegenheit
empfahl, vorteilhaft war. Hierauf sagte Antonius:
"Oft habe ich, wie du sagst, die Bemerkung gemacht, Crassus,
dass du und andere ausgezeichnete Redner, wiewohl dir meines Erachtens nie
einer gleich kam, euch beim Beginn der Rede beunruhigt fühltet. |
|
Und wenn ich die Ursache hiervon aufsuchte, wie
es zugehe, dass, je mehr Gediegenheit ein Redner besitze, er desto furchtsamer
sei, so fand ich folgende zwei Ursachen. Einmal nämlich wissen diejenigen,
welche die Erfahrung und der Lauf der Dinge belehrt haben, dass zuweilen
den ausgezeichnetsten Rednern der Erfolg der Rede nicht hinlänglich nach
Wunsch entspricht; deshalb fürchten sie nicht mit Unrecht, sooft sie reden,
dass, was sich zuweilen ereignen kann, sich gerade jetzt ereignen möchte. |
|
Die andere Ursache, über die ich oft zu klagen
pflege, ist diese: Wenn in anderen Künsten bewährte und erprobte Männer
zuweilen etwas minder gut gemacht haben, als sie sonst pflegen, so nimmt
man an, sie hätten ihre Geschicklichkeit entweder nicht zeigen wollen oder
wegen Unpässlichkeit nicht zeigen können. ‘Roscius’, sagt man, ‘hatte heute
keine Lust zu spielen’; oder: ‘Er hat sich den Magen etwas verdorben.’ Bemerkt
man aber an dem Redner einen Fehler, so hält man es gleich für einen Fehler
der Dummheit. |
|
Dummheit findet aber keine Entschuldigung, weil
man von niemandem annehmen kann, er habe sich dumm gezeigt, entweder weil
er sich den Magen verdorben oder weil er es so gewollt habe. Einem um so
strengeren Gericht sind wir daher beim Reden unterworfen. Denn sooft wir
reden, sooft wird über uns gerichtet; und während wir von dem, der einmal
im Gebärdenspiel gefehlt hat, nicht sofort urteilen, er verstehe vom Gebärdenspiel
nichts, so steht der Redner, an dem man etwas Tadelnswertes fand, entweder
für immer oder doch auf lange Zeit in dem Ruf des Stumpfsinnes. |
| |
Was aber deine Behauptung betrifft, der Redner
müsse sehr viele Eigenschaften von Natur besitzen, wenn ihm der Lehrmeister
förderlich sein solle, so stimme ich dir gerne bei, und in dieser Hinsicht
habe ich jenem ausgezeichneten Lehrer Apollonios aus Alabanda meinen vollen
Beifall geschenkt, der, obwohl er für Bezahlung Unterricht gab, doch nicht
zuließ, dass junge Leute, die sich nach seinem Urteil nicht zu Rednern ausbilden
konnten, sich vergeblich bei ihm abmühten, sondern vielmehr sie entließ
und zu dem Fach, für das er gerade jeden geeignet hielt, anzutreiben und
zu ermuntern pflegte. |
|
Denn bei der Erlernung anderer Fächer genügt
es, nur einem Menschen ähnlich zu sein und das, was gelehrt oder auch, wenn
einer vielleicht langsameren Geistes ist, eingebläut wird, mit dem Geist
auffassen und mit dem Gedächtnis aufbewahren zu können. Nicht verlangt man
Beweglichkeit der Zunge, nicht Geläufigkeit der Worte, nicht endlich das,
was wir uns nicht anbilden können, Gesichtsbildung, Mienen, Stimme. |
|
Bei dem Redner hingegen muss man den Scharfsinn
der Dialektiker, die Gedanken der Philosophen, die Worte fast der Dichter,
das Gedächtnis der Rechtsgelehrten, die Stimme der Tragödienspieler, das
Gebärdenspiel beinahe der größten Schauspieler fordern. Aus diesem Grund
lässt sich unter den Menschen nichts seltener finden als ein vollendeter
Redner. Denn während in anderen Künsten schon einzelne Geschicklichkeiten,
die ein Künstler sich in einem einzelnen Fach nur in mäßigem Grad angeeignet
hat, Beifall finden, so können sie bei dem Redner nur dann Anspruch auf
Beifall machen, wenn sie sich alle in höchster Vollkommenheit in ihm vereinigt
finden." |
|
Hierauf sagte Crassus:
"Gleichwohl bedenke, um wie viel mehr Sorgfalt man in einer geringfügigen
und leichtfertigen Kunst anwendet als in dieser, die anerkannt die wichtigste
ist. Denn oft höre ich den Roscius sagen, er habe noch keinen Schüler
finden können, der ihn befriedige, nicht als wenn nicht einige Beifall
verdienten, sondern weil er selbst auch nicht den geringsten Fehler ertragen
könne. Denn nichts fällt so in die Augen und haftet so fest im
Gedächtnis wie das, was uns anstößig gewesen ist. |
|
Um also nach dem Vorbild dieses Schauspielers
das Verdienst des Redners zu bemessen – seht ihr, wie er sich in allem als
der echte Meister kundgibt, wie er in allem die höchste Anmut zeigt, in
allem den Anstand beobachtet und wie er es versteht, alle zu rühren und
zu ergötzen? Und so hat er es schon lange dahin gebracht, dass jeder, der
sich in einer Kunst auszeichnet, ein Roscius in seiner Art genannt wird.
Wenn ich nun diese höchste Vollendung von dem Redner verlange, von der ich
selbst weit entfernt bin, so handele ich unverschämt; für mich nämlich wünsche
ich Nachsicht, ich selbst aber habe mit anderen keine Nachsicht; denn wer
nichts vermag, wer Fehler macht, wer endlich keinen Anstand hat, den, glaub’
ich, muss man, wie Apollonius verlangte, zu dem Fach verweisen, das er zu
treiben fähig ist." |
| |
"Nun", sagte Sulpicius,
"so gibst du wohl mir oder dem Cotta
hier den Rat, das bürgerliche Recht oder den Kriegsdienst zu erlernen?
Denn wer möchte imstande sein, jene Höhe allseitiger Vollendung
zu erreichen?" Hierauf erwiderte jener: "Ja, wahrlich gerade deshalb
habe ich dieses alles auseinandergesetzt, weil ich in euch ausgezeichnete
und herrliche Anlagen zur Beredsamkeit erkannte, und ich hatte in meinem
Vortrag die Absicht, nicht so sehr diejenigen abzuschrecken, welche keine
natürlichen Anlagen besitzen, als vielmehr euch, die ihr sie besitzt,
anzuspornen, und wiewohl ich in jedem von euch die schönsten Geistesgaben
und den größten Eifer finde, so sind doch die Vorzüge, welche
im Äußeren liegen, worüber ich vielleicht mehr gesagt habe,
als die Griechen zu sagen pflegen, in dir, Sulpicius,
ganz unvergleichlich. |
|
Denn ich glaube keinen Redner gehört zu haben,
der hinsichtlich der Bewegung und selbst der ganzen Haltung und Bildung
des Körpers besser ausgestattet gewesen wäre und der eine vollere und lieblichere
Stimme gehabt hätte. Diejenigen aber, denen diese Gaben in geringerem Maß
von der Natur zugeteilt sind, können es doch dahin bringen, dass sie sich
derer, die sie haben, mit Besonnenheit und Einsicht bedienen und dass sie
den Anstand nicht verletzen. Denn davor hat man sich ganz besonders zu hüten,
und gerade über diesen einen Punkt ist es am wenigsten leicht, Vorschriften
zu erteilen, nicht nur für mich, der ich wie ein schlichter Hausvater über
diese Gegenstände rede, sondern auch selbst für jenen Roscius, den ich oft
sagen höre, das Haupterfordernis der Kunst sei der Anstand, doch der sei
gerade das, was sich durch Kunst nicht lehren lasse. |
|
Aber, wenn’s beliebt, lasst uns das Gespräch
auf einen andern Gegenstand lenken und uns einmal wieder nach unserer Weise
unterhalten und nicht mehr die Sprache der Redekünstler führen!"
"Mitnichten", fiel Cotta
ein. "Denn jetzt gerade, weil du uns nun bei dieser Wissenschaft festhalten
willst und uns nicht ein anderes Fach ergreifen heißt, müssen
wir dich recht dringend bitten, dass du uns belehrst. Wie viel oder wie
wenig du als Redner zu leisten verstehst, soll uns nicht kümmern; denn
gar zu gierig sind wir nicht, wir begnügen uns gern mit deiner mittelmäßigen
Beredsamkeit und wünschen weiter nichts von dir uns anzueignen als
die Kleinigkeit, die du dir im Reden angeeignet hast. Weil du nun sagst,
dass uns die Gaben, die von der Natur zu erstreben sind, nicht gänzlich
fehlen, so ersuchen wir dich, uns auseinanderzusetzen, was wir uns sonst
noch nach deiner Meinung aneignen müssen." |
|
"Was anderes meinst du", erwiderte
Crassus
lächelnd, "als Eifer und begeisterte Liebe, ohne die überhaupt
im Leben nie jemand etwas Ausgezeichnetes erreichen wird, wenigstens in
dem nicht, wonach du strebst? Doch ich weiß recht gut, dass ihr hierzu
der Ermunterung nicht bedürft; denn daraus, dass ihr sogar mir beschwerlich
fallt, sehe ich, dass ihr nur zu sehr vor Begierde entbrannt seid. |
|
Aber wahrlich, der Eifer, nach einem Ziel zu
gelangen, hilft nichts, wenn man nicht auch den Weg kennt, der nach dem
Ziel führt und leitet. Weil ihr mir nun insofern eine minder drückende Last
auferlegt, als ihr von mir nicht über die Redekunst selbst, sondern nur
über meine Geschicklichkeit, wie gering sie auch immerhin sein mag, belehrt
zu werden wünscht, so will ich euch mein gewöhnliches Verfahren auseinandersetzen,
das weder tiefe Geheimnisse enthält noch mit großen Schwierigkeiten verbunden
ist noch sich durch Großartigkeit und Erhabenheit auszeichnet, wie ich es
einst zu befolgen pflegte, als es mir in meiner Jugend noch erlaubt war,
dieser Wissenschaft obzuliegen." |
| |
Da rief Sulpicius
aus: "O Cotta,
welch ein Freudentag für uns! Denn was ich nie, weder durch Bitten
noch durch Nachstellungen noch durch Ausspähungen, bewerkstelligen
konnte, es möchte mir vergönnt sein, die Vorbereitungen und Überlegungen,
die Crassus
bei der Ausarbeitung seiner Reden anwendet, nicht etwa zu sehen, nein, nur
aus Mitteilungen seines Schreibers und Vorlesers Diphilus151 zu erraten
– das, hoffe ich, haben wir jetzt erreicht, und alsbald werden wir, was
wir so lange gewünscht haben, aus seinem eigenen Mund erfahren." |
|
Hierauf sagte Crassus:
"Nun, ich glaube aber, Sulpicius,
du wirst, wenn du gehört hast, was ich sagen werde, es nicht so sehr
bewundern als vielmehr der Ansicht sein, du habest damals, als du es zu
hören wünschtest, keinen Grund gehabt, danach zu verlangen. Denn
ich werde nichts Tiefes sagen, nichts eurer Erwartung Würdiges, nichts,
was ihr noch nicht gehört hättet oder irgendeinem neu wäre.
Fürs erste nämlich will ich nicht leugnen, dass ich, wie es einem
Menschen von edler Geburt und Erziehung zukommt, jene allgemeinen und altbekannten
Regeln erlernt habe: |
|
Erstlich, es sei Pflicht des Redners, überzeugend
zu reden; zweitens, jede Rede beschäftige sich entweder mit einer Aufgabe
über einen allgemeinen Gegenstand ohne Bezeichnung der Personen und Zeiten
oder mit einem Gegenstand, der auf bestimmten Personen und Zeiten beruht. |
|
In beiden Fällen pflege man bei jedem vorkommenden
Gegenstand des Streites zu fragen, ob er geschehen sei oder, wenn er geschehen
ist, von welcher Beschaffenheit er sei, oder auch, welchen Namen er habe,
oder, was einige hinzufügen, ob er mit Recht geschehen zu sein scheine. |
|
Streitigkeiten entständen aber auch aus der Auslegung
schriftlicher Urkunden, in denen etwas zweideutig oder widersprechend oder
so niedergeschrieben sei, dass die Worte der Schriftstelle der Absicht des
Verfassers widerstreiten. Für alle diese Fälle aber seien besondere Beweisgründe
vorhanden. |
|
Verhandlungen aber, welche sich auf keine allgemeinen
Aufgaben beziehen, kämen teils in den Gerichten, teils bei Beratungen vor;
auch gebe es eine dritte Art, die sich mit dem Lob oder dem Tadel der Menschen
beschäftige; und es seien gewisse Beweisquellen vorhanden, von denen wir
bei gerichtlichen Verhandlungen Gebrauch machen, in denen es sich um die
Billigkeit handele, andere für die Beratungen, die sämtlich den Vorteil
derer bezwecken, denen wir Rat erteilten, andere gleichfalls für die Lobreden,
in denen alles auf die Würde der Personen bezogen werde. |
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Die ganze Stärke und Geschicklichkeit des Redners
ferner lasse sich in folgende fünf Teile zerlegen: Zuerst müsse er erfinden,
was er sagen wolle; zweitens, das Erfundene nicht allein nach einer äußerlichen
Reihenfolge, sondern nach dem inneren Gewicht und nach richtiger Abschätzung
verteilen und zusammenstellen; drittens, dieses vermittelst der Rede einkleiden
und ausschmücken; hierauf es im Gedächtnis aufbewahren; zuletzt es mit Würde
und Anmut vortragen. |
|
Auch das hatte ich erkannt und gelernt: Bevor
wir von der Sache selbst redeten, müssten wir die Gemüter der Zuhörer uns
geneigt machen; sodann die Sache erzählen; hierauf die Streitfragen feststellen;
dann das, was wir bezweckten, mit Gründen beweisen; hernach die Einwürfe
widerlegen; am Schluss der Rede aber das, was für unsere Sache spreche,
in ein helles Licht stellen und erheben, sowie das, was für die Sache unserer
Gegner spreche, schwächen und entkräften. |
|
Auch hatte ich gehört, was man über den Schmuck
der Rede selbst lehrte. Zuerst wird hier vorgeschrieben, dass wir rein und
echt lateinisch reden; zweitens, klar und deutlich; drittens und viertens,
der Würde der Gegenstände angemessen und mit Anstand. Und mit den Regeln,
die man für diese Gegenstände noch im einzelnen gab, hatte ich mich bekannt
gemacht. |
|
Ja, selbst für das, was ganz besonders von Naturgaben
abhängig ist, sah ich Kunstregeln aufgestellt. Und so hatte ich denn auch
über den äußeren Vortrag und über das Gedächtnis einige kurze Regeln, die
aber mit großen Übungen verbunden waren, gekostet. Mit diesen Gegenständen
etwa beschäftigt sich nun der ganze Unterricht jener Redekünstler. Wollte
ich sagen, derselbe sei von gar keinem Nutzen, so würde ich lügen. Denn
er enthält einige gute Hinweise für den Redner, wohin er jedes einzelne
beziehen soll und worauf er sein Augenmerk zu richten hat, um nicht von
dem vorgesteckten Ziel zu sehr abzuirren. |
| |
Doch es leuchtet mir ein, dass alle Regeln nicht
einen solchen Einfluss haben, dass Redner durch ihre Befolgung den Ruhm
der Beredsamkeit erlangt hätten, sondern dass dasjenige, was beredte Männer
von selbst leisteten, von einigen beobachtet und in eine gewisse Ordnung
gebracht worden und demzufolge nicht die Beredsamkeit aus der Kunst, sondern
die Kunst aus der Beredsamkeit entstanden ist. Indes verwerfe ich, wie gesagt,
die Kunst nicht. Denn wenn sie auch nicht gerade unentbehrlich für die Beredsamkeit
ist, so, gereicht doch ihre Erlernung einem Menschen von guter Erziehung
zur Zierde. |
|
Auch müsst ihr gewisse Vorübungen anstellen,
wiewohl ihr ja schon längst in vollem Lauf seid; doch die müssen es tun,
die die Laufbahn erst betreten und das, was auf dem Forum wie auf einem
Schlachtfeld ausgeführt werden muss, schon jetzt gleichsam durch spielende
Vorübungen im voraus erlernen und einüben können." |
|
"Gerade diese Vorübungen", fiel
Sulpicius
ein, "möchten wir gern kennenlernen; doch auch jene Kunstregeln,
die du nur kurz durchlaufen hast, wünschen wir zu hören, obwohl
sie uns nicht ganz neu sind. Doch hiervon bald nachher; für jetzt ersuchen
wir dich um deine Ansicht über diese Vorübung." |
|
"Fürwahr, ich billige das", sagte
Crassus,
"was ihr zu tun pflegt, dass ihr über irgendeinen angenommenen
Fall, der den Verhandlungen ganz ähnlich ist, die in den Gerichten
vorkommen, soviel als möglich in derselben Weise, als wenn ein wirklicher
Fall verhandelt würde, redet; aber gar viele üben hierbei nur
ihre Stimme, und auch diese nicht verständig, und ihre Lunge und regen
die Schnelligkeit der Zunge an und freuen sich an einer großen Menge
von Worten. Sie lassen sich hierin durch die oft gehörte Äußerung
täuschen, durch Reden lerne man reden. |
|
Denn ebenso richtig verhält sich auch die Behauptung,
verkehrt rede lerne man am leichtesten durch verkehrt Reden. Obschon es
also bei eben diesen Übungen nützlich ist, auch aus dem Stegreif oft Vorträge
zu halten, so ist es doch nützlicher, sich Zeit zum Nachdenken zu nehmen
und mit gehöriger Vorbereitung und Sorgfalt zu reden. Die Hauptsache aber
ist, was – ich will die Wahrheit sagen – wir am wenigsten tun – denn es
erfordert große Anstrengung, die wir gewöhnlich scheuen -: soviel als möglich
zu schreiben. Der Griffel ist der beste und vorzüglichste Bildner und Lehrmeister
der Rede und nicht mit Unrecht. Denn wenn vor einer aus dem Stegreif gehaltenen
und durch Zufall veranlassten Rede eine mit Überlegung und Nachdenken ausgearbeitete
Rede leicht den Vorzug hat, so wird in der Tat selbst vor dieser eine mit
Sorgfalt schriftlich abgefasste Rede den Vorrang haben. |
| |
Denn alle Beweisgründe, die nur irgend in dem
von uns behandelten Gegenstand liegen, mögen sie durch Anleitung der Kunst
oder durch die Geisteskraft und Einsicht des Redners gefunden werden, stellen
sich uns beim Schreiben dar und fallen uns ein, wenn wir darüber nachforschen
und mit aller Schärfe des Geistes nachdenken, und alle Gedanken und Worte,
die den jedesmaligen Stoff am besten beleuchten, müssen notwendig in gehöriger
Ordnung unter die Spitze des Griffels treten, und selbst die Stellung und
Fügung der Worte vollendet sich beim Schreiben durch einen ebenmäßigen Wohllaut
der Rede, nicht wie bei den Dichtern, sondern wie er sich für den Redner
eignet. 152. |
|
Das ist das, was lauten Beifall und Bewunderung
der Redner hervorruft, und niemand wird dies erreichen, wenn er nicht lange
und viel geschrieben hat, mag er sich auch noch so eifrig in diesen Reden
aus dem Stegreif geübt haben. Wer hingegen von der Übung im Schreiben zum
Reden kommt, bringt die Fertigkeit mit, dass, wenn er auch aus dem Stegreif
redet, doch das Gesagte dem Geschriebenen ähnlich zu sein scheint, und sollte
er selbst einmal bei einem Vortrag eine schriftliche Ausarbeitung mitgebracht
haben, so wird doch, wenn er diese verlässt, die folgende Rede sich in ähnlicher
Form anschließen. |
|
So wie ein in rasche Bewegung gesetztes Schiff
auch dann noch, wenn die Ruderer es anhalten, seine Bewegung und seinen
Lauf behält, obwohl die Gewalt und der Schlag der Ruder aufgehört hat, ebenso
behauptet die Rede bei einem zusammenhängenden Vortrag auch dann noch, wenn
die schriftliche Ausarbeitung fehlt, einen gleichen Lauf, indem sie unter
dem Einfluss des Geschriebenen in einer diesem ähnlichen Redeweise fortströmt. |
|
Bei den täglichen Vorübungen pflegte ich in meiner
frühen Jugend besonders das Verfahren zu wählen, das, wie ich wusste, mein
bekannter Widersacher Gaius Carbo zu beobachten pflegte. Ich legte mir nämlich
recht inhaltschwere Dichterstellen vor oder las eine Rede, bis ich sie im
Gedächtnis behalten konnte, und trug dann denselben Gegenstand, den ich
gelesen hatte, mit anderen, möglichst gewählten Worten wieder vor. Doch
später bemerkte ich, dieses Verfahren sei mit dem Übelstand verbunden, dass
die für den jedesmaligen Gegenstand geeignetsten, schönsten und besten Ausdrücke
entweder Ennius, wenn ich mich nach dessen Versen übte, oder Gracchus, wenn
ich mir etwa eine Rede von diesem zum Vorbild gewählt hatte, vorweggenommen
hatten; auf solche Weise nütze mir eine solche Übung nichts, wenn ich mich
derselben Worte bediene, ja schade mir sogar, wenn anderer, da ich mich
gewöhnte, minder geeignete zu gebrauchen. |
|
Hierauf hielt ich es für zweckmäßig – und dieses
Verfahren wandte ich in der reiferen Jugend an –, griechische Reden der
größten Redner in freier Übersetzung wiederzugeben. Beim Lesen derselben
hatte ich den Gewinn, dass, wenn ich das im Griechischen Gelesene lateinisch
wiedergab, ich mich nicht allein der besten und doch gebräuchlichen Worte
bedienen, sondern auch gewisse Worte durch Nachbildung ausdrücken konnte,
die den Unsrigen neu erscheinen mochten, wenn sie nur passend waren. |
| |
Ferner die Bewegungen und Übungen der Stimme,
des Atems und des ganzen Körpers und der Zunge selbst bedürfen nicht so
sehr der Kunstregeln als vielmehr der Anstrengung. Hierbei muss man sorgfältig
darauf achten, wen wir nachahmen, wem wir ähnlich sein wollen. Nicht allein
auf die Redner müssen wir unseren Blick richten, sondern auch auf die Schauspieler,
damit wir nicht durch eine schlechte Angewöhnung hässliche und verunstaltende
Gebärden annehmen. |
|
Auch muss man das Gedächtnis üben durch wörtliches
Auswendiglernen von möglichst vielen eigenen und fremden Schriftstellen.
Und bei dieser Übung missfällt es mir eben nicht, wenn man sich daran gewöhnt
hat, auch das in der Gedächtniskunst gelehrte Verfahren anzuwenden, seine
Gedanken an gewisse Orte und Bilder zu knüpfen. Hierauf muss die Rede aus
diesen häuslichen und in der Schule vorgenommenen Übungen hinausgeführt
werden mitten in den Heereszug, in den Staub, in das Kriegsgeschrei, in
das Feldlager und in die Schlachtreihen des Forums; von allen Dingen muss
man sich Erfahrung einsammeln und seine Geisteskräfte versuchen und die
eingeschlossenen Vorübungen an das helle Licht der Wirklichkeit hervorziehen. |
|
Man muss auch Dichter lesen, sich mit der Geschichte
bekannt machen und Lehrer und Schriftsteller in allen edlen Wissenschaften
lesen und durcharbeiten und zur Übung loben, erklären, verbessern, tadeln,
widerlegen, ferner über jeden Gegenstand für und wider streiten und, was
sich uns als Billigungswert kundtut, auswählen. |
|
Gründlich muss man das bürgerliche Recht erlernen,
sich mit den Gesetzen bekannt machen, das ganze Altertum erforschen, vom
Gewohnheitsrecht des Senats, von der Verfassung des Staates, von den Rechten
der Bundesgenossen, von den Bündnissen und Verträgen und von allem, worauf
die Wohlfahrt des Staates beruht, sich Kunde verschaffen und aus dem ganzen
Umfang der feinen Bildung gefällige, anmutige und sinnreiche Witzworte sammeln,
mit denen, wie mit Salz, der ganze Vortrag durchwürzt werde. So habe ich
denn nun alle meine Ansichten vor euch ausgeschüttet, Ansichten, die euch
vielleicht jeder schlichte Hausvater, den ihr in irgendeiner Gesellschaft
aufgreifen mochtet, auf eure Fragen in gleicher Weise mitgeteilt haben würde." |
|
Als Crassus
dieses gesagt hatte, trat Stillschweigen ein. Aber obwohl den Anwesenden
die vorgelegte Frage zur Genüge beantwortet zu sein schien, so meinten
sie doch, er habe seinen Vortrag weit schneller beendet, als sie es wünschten.
Hierauf sagte Scaevola:
"Warum, Cotta,
schweigst du? Fällt euch nichts ein, worüber ihr außerdem
noch den Crassus
befragen möchtet?" |
| |
"Ja, in der Tat", erwiderte dieser,
"eben daran denke ich. Denn seine Worte strömten so rasch dahin,
und sein Vortrag entflog so schnell, dass ich ihre Gewalt und ihren Schwung
zwar wahrnehmen, aber ihre Spuren und ihren Weg kaum sehen konnte, und als
ob ich in ein reich begütertes Haus eingetreten wäre, in dem herrliche
Decken nicht ausgebreitet, das Silbergeschirr nicht aufgesetzt, Gemälde
und Bildsäulen nicht frei aufgestellt, sondern alle diese vielen und
prachtvollen Schätze aufgeschichtet und verpackt wären, so habe
ich in dem Vortrag des Crassus
die Reichtümer und Kostbarkeiten seines Geistes gleichsam durch Hüllen
und Decken erblickt; aber als ich sie näher zu betrachten wünschte,
war es mir kaum vergönnt, einen Blick auf sie zu werfen. Und so kann
ich zwar nicht sagen, dass ich gar nicht wisse, was er besitze, aber auch
nicht, dass ich sie genau erkannt und gesehen habe." |
|
"Warum tust du nun nicht dasselbe",
sagte Scaevola, "was
du tun würdest, wenn du in ein mit Kostbarkeiten angefülltes Haus
oder Landgut kämest? Wenn hier alles, wie du sagst, beiseite gelegt
wäre und du sehr verlangtest, es zu sehen, so würdest du nicht
Anstand nehmen, den Besitzer zu ersuchen, er möchte es hervortragen
lassen, zumal wenn er dir befreundet ist; bitte denn nun auch auf gleiche
Weise den Crassus,
jene Menge seiner Kostbarkeiten, die wir an einem Ort aufgeschichtet gleichsam
durch ein Gitterfenster im Vorbeigehen obenhin erblickt haben, ans Licht
zu bringen und jedes einzelne an seinem gehörigen Platz aufzustellen!" |
|
"Nein", erwiderte Cotta,
"dich will ich vielmehr bitten, Scaevola;
denn mich und den Sulpicius
hier hält die Schüchternheit ab, den ehrwürdigsten Mann,
der solche Vorträge immer verachtete, um das zu befragen, was ihm vielleicht
als die Anfangsgründe der Schulbildung erscheinen dürfte; du also,
Scaevola, erweise
uns die Liebe und setze es ins Werk, dass Crassus
das, was er in seinem Vortrag zusammengedrängt und sehr eng aufeinandergehäuft
hat, vor uns ausbreite und entfalte." |
|
"In der Tat", erwiderte Mucius, "vorhin
wünschte ich dies mehr euret- als meinetwegen; denn mein Verlangen
nach einem solchen Vortrag von Crassus
war nicht so groß wie der Genus, den mir seine Reden bei den Rechtsverhandlungen
gewähren; jetzt aber, Crassus,
bitte ich dich selbst auch um meinetwillen, da wir ja so viel Muße
haben, wie uns seit langer Zeit nicht zuteil geworden ist, es dich nicht
verdrießen zu lassen, das begonnene Gebäude völlig auszuführen.
Denn der Umriss des ganzen Baues ist, wie ich sehe, besser und größer,
als ich vermutet hatte, und ich erteile ihm meinen ganzen Beifall." |
|
"Ja wahrlich", sagte Crassus,
"ich kann mich nicht genug wundern, dass auch du, Scaevola,
nach dem verlangst,, was weder ich so gut verstehe wie die, welche es lehren,
noch auch von der Art ist, dass es, wenn ich es auch noch so gut verstände,
deiner Weisheit würdig sein und von dir angehört zu werden verdienen
dürfte." "Meinst du?" erwiderte jener. "Wenn du
auch glaubst, es eigne sich nicht für mein Alter, jene gewöhnlichen
und allbekannten Regeln zu hören, dürfen wir denn auch jene Kenntnisse
vernachlässigen, die sich der Redner, wie du sagtest, über die
Gemütsarten der Menschen, über ihre Sitten, über die Mittel
aneignen müsse, durch die die Gemüter der Menschen erregt und
gedämpft werden können, über die Geschichte, über das
Altertum, über die Verwaltung des Staates, endlich über unser
bürgerliches Recht selbst? Allerdings wusste ich, dass diese ganze
Wissenschaft und Fülle von Kenntnissen von deiner Einsicht umfasst
wird; aber es war mir bis jetzt. unbekannt geblieben, dass zu den Hilfsmitteln
des Redners ein, so herrliches Rüstzeug von Kenntnissen gehöre."
|
| |
"Kannst du nun", sagte Crassus,
"um andere unzählige und unermessliche Kenntnisse zu übergehen
und auf dein bürgerliches Recht selbst zu kommen, solche für Redner
halten, denen einst Scaevola,
obwohl er nach dem Marsfeld eilte, viele Stunden bald lachend, bald zürnend
mit Spannung auf den Ausgang ihrer Sache zuhörte. Ich meine den Hypsaeus,
der damals mit gewaltiger Stimme und vielen Worten dem Prätor Marcus
Crassus
anlag, es möchte dem, den er verteidigte, gestattet sein, seine Rechtssache
zu verlieren, und den Gnaeus Octavius, einen Konsular, der sich in einer
nicht minder langen Rede dagegen verwahrte, dass der Gegner seine Rechtssache
verliere und der, den er verteidigte, von dem schimpflichen Urteil über
seine Vormundschaft und von allem Verdruss durch die Unwissenheit seines
Gegners befreit werde." |
|
"Ja wahrlich", versetzte Scaevola,
"− ich erinnere mich nämlich, dass Mucius mir den Vorfall erzählte
–, solche Menschen möchte ich nicht des Rednernamens, ja nicht einmal
des Forums würdig achten." "Und doch", erwiderte Crassus,
"gebrach es diesen Anwälten nicht an Rednergabe, auch nicht an
Kunst oder Fülle der Rede, sondern an der Kenntnis des bürgerlichen
Rechtes. Denn der eine verlangte bei seiner gesetzlichen Klage mehr, als
das Gesetz in den zwölf Tafeln gestattete, und musste, sobald er dies
erhielt, seine Sache verlieren; der andere hielt es für unbillig, dass
von ihm in der Klage mehr gefordert werde als sie gestatte, und begriff
nicht, dass, wenn man die Klage so anstellte, der Gegner seine Sache verlieren
würde." |
|
"Wie? Stellte nicht erst vor einigen Tagen,
als ich unter dem Vorsitz des Stadtprätors Quintus Pompeius, meines Freundes,
auf dem Tribunal zu Gericht saß, ein Mann, der zu den Beredten gezählt wird,
die Forderung, dem Beklagten möchte die alte und gebräuchliche Einrede gestattet
werden, dass nur das Geld klagbar sei, dessen Zahlungstag gekommen sei,
und er sah nicht ein, dass diese Bestimmung zum Vorteil des Klägers getroffen
sei, damit, wenn der ableugnende Schuldner dem Richter bewiesen hätte, das
Geld sei eher eingeklagt worden, als es fällig geworden wäre, der Kläger,
wenn er die Klage erneuere, nicht durch die Einrede abgewiesen würde, dass
über die Sache bereits ein richterliches Urteil gefällt worden sei. |
|
Was kann nun Schimpflicheres getan oder gesagt
werden, als wenn ein Mann, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die
Streitigkeiten und Rechtshändel seiner Freunde wahrzunehmen, den Notleidenden
Hilfe zu leisten, die Kranken zu heilen, die Niedergeschlagenen aufzurichten,
in den kleinsten und geringfügigsten Dingen solche Fehler begeht, dass er
einigen bedauernswert, anderen lächerlich erscheint? |
|
Meinen Verwandten Publius
Crassus mit dem Beinamen der Reiche, einen in vielen anderen Beziehungen
geschmackvollen und reichbegabten Mann, muss ich besonders wegen einer Äußerung
erheben und loben, die er oft gegen Publius Scaevola, der sein Bruder war,
machte, dass nämlich weder dieser im bürgerlichen Recht dieser
Wissenschaft Genüge leisten könne, wenn er nicht die Beredsamkeit
zu Hilfe nähme – ein Lob, das sich sein Sohn, der mit mir Konsul war,
erworben hat –, noch er eher die Sachen seiner Freunde zu führen und
zu verhandeln angefangen habe, als er das bürgerliche Recht erlernt
habe. |
| |
Wie aber urteilt jener Marcus Cato? Besaß er
nicht ausgezeichnete Beredsamkeit, wie es nur immer nach den damaligen Zeitverhältnissen
in unserem Staat möglich war, und die genaueste Kenntnis des bürgerlichen
Rechtes? Mit einiger Zurückhaltung habe ich bis jetzt über diesen Gegenstand
gesprochen, weil ein in der Beredsamkeit so ausgezeichneter Mann gegenwärtig
ist, den ich als. Redner vor allen anderen bewundere, und doch hat dieser
das bürgerliche Recht immer verachtet. |
|
Doch weil ihr nun einmal meine Ansicht und Meinung
wissen wollt, so will ich nichts verhehlen und euch nach Kräften meine
Gedanken über jeden einzelnen Gegenstand auseinandersetzen. Des Antonius
unglaubliche und fast einzige und unvergleichliche Geisteskraft scheint,
auch wenn sie von dieser Kenntnis des Rechtes entblößt ist, sich
leicht durch die übrigen Waffen der Einsicht schützen und verteidigen
zu können. Darum wollen wir mit ihm eine Ausnahme machen; aber alle
anderen werde ich ohne Bedenken durch meine Stimme zuerst der Trägheit,
dann aber auch der Unverschämtheit schuldig erklären. |
|
Denn sich auf dem Forum umherzutreiben, Tag für
Tag in den Gerichten und auf den Tribünen der Prätoren zu sitzen, sich gerichtlichen
Untersuchungen über wichtige Privatangelegenheiten zu unterziehen, in denen
oft nicht über eine Tatsache, sondern über Recht und Billigkeit gestritten
wird, sich in den Rechtssachen der Centumvirn breitzumachen, in denen die
Rechte in betreff der Verjährungen, Vormundschaften Geschlechts- und Blutsverwandtschaften,
der Anspülungen und Umspülungen, der Schuldverpflichtungen und Eigentumserwerbungen,
der Wände und Fenster, des Tropfenfalles, der Testamente und unzähliger
anderer Dinge verhandelt werden, wenn man überhaupt nicht weiß, was Eigentum,
was fremdes Gut, was das sei, wodurch einer Bürger oder Fremder, Sklave
oder Freier ist – das zeugt von einer außerordentlichen Unverschämtheit. |
|
Wahrlich eine lächerliche Anmaßung ist es, wenn
man in der Leitung kleiner Fahrzeuge unerfahren zu sein eingesteht, sich
aber rühmt, gelernt zu haben, wie ein Fünfruderer oder ein noch größeres
Schiff zu lenken sei! Wenn du dich in einer Privatzusammenkunft bei einem
geringfügigen Vergleich mit deinem Gegner hintergehen lässt und Urkunden
deines Klienten versiegelst, in denen etwas geschrieben steht, wodurch dieser
übervorteilt wird, da sollte ich dir irgendeinen wichtigeren Rechtshandel
anvertrauen? Eher fürwahr dürfte der, welcher ein Schiffchen von zwei Rudern
im Hafen verunglücken lässt, in dem Schwarzen Meer das Schiff der Argonauten
lenken. |
|
Wie? Wenn es nicht einmal unbedeutende Gegenstände
sind, sondern oft die wichtigsten, in denen über das bürgerliche Recht gestritten
wird, welche Stirn muss denn der Anwalt haben, welcher solche Verhandlungen
ohne alle Kenntnis des Rechtes zu übernehmen sich unterfängt? Welche Verhandlung
konnte zum Beispiel wichtiger sein als die über jenen Krieger, über dessen
Tod eine falsche Nachricht vom Heer nach Hause gekommen war? Sein Vater,
dieser Nachricht Glauben schenkend, änderte seinen letzten Willen und setzte
irgendeinen anderen Menschen nach seinem Gefallen zum Erben ein; darauf
starb er selbst. Sein Sohn kam nun nach Hause zurück und machte die Sache
bei den Centumvirn anhängig, indem er gesetzliche Klage wegen der väterlichen
Erbschaft erhob. Bei dieser Verhandlung kam die Frage aus dem bürgerlichen
Recht zur Untersuchung, ob ein Sohn, den der Vater in seinem Letzten Willen
weder als Erben noch als Enterbten namentlich bezeichnet habe, von der Erbschaft
ausgeschlossen werden könne. |
| |
Wie? In der Sache, in welcher die Centumvirn
zwischen den Marcellern und den patrizischen Claudiern zu Gericht saßen,
indem die Marceller behaupteten, die Erbschaft des Sohnes eines Freigelassenen
sei ihnen nach Familienverwandtschaft, die patrizischen Claudier hingegen,
dieselbe Erbschaft sei ihnen nach Stammverwandtschaft zugefallen, mussten
da die Redner nicht über das gesamte Recht der Familien- und der Stammverwandtschaften
sprechen? |
|
Wie ferner folgender Fall, der, wie ich vernehme,
gleichfalls vor dem Gericht der Centumvirn behandelt wurde? Ein aus seinem
Vaterland Verbannter war nach Rom gekommen, wo er das Recht, als Verbannter
zu leben, erhielt, wenn er sich einen römischen Bürger zum Schutzherrn gewählt
hatte; darauf war er ohne Testament gestorben. Wurde nicht in dieser Verhandlung
das recht dunkle und unbekannte Schutzherrnrecht von dem Anwalt vor Gericht
erläutert und beleuchtet? |
|
Wie? Als ich neulich die Sache, des Gaius Sergius
Orata gegen unseren Antonius
hier vor einem Privatgericht verteidigte, war da nicht meine ganze Verteidigung
auf das Recht gegründet? Da nämlich Marcus Marius Gratidianus
dem Orata ein Haus verkauft hatte, ohne in dem Kaufbrief anzugeben, dass
auf einem Teil dieses Hauses eine Zwangspflicht hafte, so behauptete ich
in meiner Verteidigung, der Verkäufer sei verpflichtet, für alle
Lasten, die zur Zeit der feierlichen Eigentumsübergabe auf dem Haus
gelegen hätten, wenn er darum gewusst und sie nicht angezeigt hätte,
Ersatz zu leisten. |
|
In einer solchen Rechtssache beging neulich mein
Freund Marcus Buculeius, ein Mann, der nach meinem Urteil nicht ohne Einsicht
ist, nach seinem eigenen aber sehr weise und der auch der Rechtswissenschaft
nicht abhold ist, auf ähnliche Weise ein Versehen. Als er nämlich dem Lucius
Fufius sein Haus verkaufte, sagte er in dem Kaufbrief für die Aussicht der
Fenster, wie sie damals war, gut. Nun fing man an einem Teil der Stadt,
der kaum von jenem Haus aus erblickt werden konnte, ein Gebäude aufzuführen
an. Sogleich erhob Fufius eine Klage gegen Buculeius, weil er der Ansicht
war, wenn nur irgendein Teilchen des Himmels verbaut würde, wäre es auch
noch so weit entfernt, so würde seine Aussicht verändert. |
|
Was geschah ferner in der berühmten Rechtssache
des Manius Curius und des Marcus Coponius, die unlängst vor den Centumvirn
verhandelt wurde? Wie strömten die Menschen zusammen, wie erwartungsvoll
hörte man die Verteidigung an! Quintus Scaevola,
mein Alters- und Amtsgenosse, ein Mann, der in der Kenntnis der Rechtswissenschaft
alle übertrifft, sich durch Scharfsinn und Einsicht auszeichnet, seine
Reden mit der größten Sorgfalt und Genauigkeit ausarbeitet und,
wie ich zu sagen pflege, unter den Rechtsgelehrten der größte
Redner und unter den Rednern der größte Rechtsgelehrte ist, dieser
also verteidigte die Rechte der Testamente nach dem Buchstaben der geschriebenen
Worte und behauptete, dass, wenn nicht der nach dem Tod des Vaters erwartete
und geborene Sohn, bevor er zur Mündigkeit gelangt, gestorben wäre,
der nicht Erbe sein könne, der erst nach der Geburt und dem Tod des
erwarteten Sohnes zum Erben eingesetzt worden sei. Ich hingegen behauptete
in meiner Verteidigung, der Erblasser habe damals die Absicht gehabt, dass,
wenn kein Sohn da wäre, der zur Mündigkeit gelangte, Manius Curius
Erbe sein solle. Beriefen wir beide uns bei dieser Verhandlung nicht unaufhörlich
auf Rechtserklärungen, auf Beispiele, auf Testamentsformeln, das heißt
auf Beweise aus dem Innersten des bürgerlichen Rechtes? |
| |
Mehr Beispiele von höchst wichtigen Rechtsverhandlungen
will ich jetzt nicht anführen, denn es gibt deren unzählige; doch erwähnen
muss ich noch, dass oft Fälle vorkommen, in denen unser Leben und unsere
ganze bürgerliche Wohlfahrt auf dem Recht beruht. Zum Beispiel Gaius Mancinus,
ein vornehmer, sehr rechtschaffener Mann und Konsular, den der Bundespriester
wegen des verhassten numantinischen Bündnisses nach einem Senatsbeschluss
den Numantinern ausgeliefert hatte, war hierauf, da ihn diese nicht angenommen
hatten, wieder nach Hause zurückgekommen und hatte kein Bedenken getragen,
sich in die Senatsversammlung zu begeben. Der Volkstribun Publius Rutilius,
des Marcus Sohn, aber ließ ihn wieder hinausführen, indem er behauptete,
er sei kein Bürger; denn es sei ein auf alter Überlieferung beruhendes Herkommen,
dass dem, den sein Vater oder das Volk verkauft oder der Bundespriester
ausgeliefert habe, der Wiedereintritt in seine frühere Gerechtsame nicht
gestattet sei. |
|
Können wir wohl unter allen bürgerlichen Angelegenheiten
eine wichtigere Verhandlung und Rechtsstreit finden, als einen solchen,
in welchem es sich um den Stand, um das Bürgerrecht, um die Freiheit, um
das Leben eines Konsularen handelt? Zumal da diese Sache nicht auf einem
Verbrechen, das er ableugnen konnte, sondern auf dem bürgerlichen Recht
beruhte. Eine ähnliche, wenn auch einen niedrigeren Stand betreffende Frage
ist die, welche bei unseren Vorfahren aufgeworfen worden ist, ob nämlich
ein Mensch aus einem verbündeten Staat, der bei uns als Sklave gedient,
sich aber die Freiheit erworben hat und später in seine Heimat zurückgekehrt
ist, bei der Rückkunft zu den Seinigen in seinen früheren Stand wieder eintrete,
dagegen aber bei uns des Bürgerrechtes verlustig gehe. |
|
Wie? Wenn es die Freiheit eines Menschen gilt
– und ein wichtigerer Gegenstand kann schwerlich vor die richterliche Entscheidung
kommen –, muss nicht da der Streit nach dem bürgerlichen Recht geführt
werden, wenn es sich fragt, ob der, welcher mit Erlaubnis seines Herrn seinen
Namen bei dem Censor in die öffentliche Schätzungsliste einschreiben
ließ, von Stund an seine Freiheit erlangt habe oder erst nach beendigtem
Sühnopfer? Was soll ich ferner von dem Fall sagen, der sich zur Zeit
unserer Väter ereignet hat? Ein Familienvater, der aus Spanien
nach Rom gekommen war, hatte seine Frau in der Provinz schwanger zurückgelassen
und in Rom eine andere geheiratet, ohne der ersteren einen Scheidebrief
zuzuschicken; darauf war er ohne Testament verstorben, nachdem ihm jede
der beiden Frauen einen Sohn geboren hatte. War es hier ein geringfügiger
Gegenstand, der zum Streit Veranlassung gab, da es sich um die bürgerliche
Wohlfahrt zweier Bürger handelte, des von der letzten Frau geborenen
Sohnes und dessen Mutter, die, wenn das Urteil dahin ausfiel, dass die Ehescheidung
von der früheren Frau durch eine gewisse Formel und nicht durch eine
neue Heirat erfolge, als Beischläferin betrachtet werden musste? |
|
Wenn nun einer diese und ähnliche Rechte seines
Staates nicht kennt und doch sich in die Brust werfend und hochmütig mit
kecker und dreister Stirn und Miene, bald da-, bald dorthin seine Blicke
werfend, in Begleitung einer großen Schar auf dem ganzen Forum umherschwärmt,
seinen Klienten Schutz, seinen Freunden Hilfe und fast allen Bürgern das
Licht seines Geistes und seiner Klugheit anbietend und vorhaltend – muss
man da ein solches Benehmen nicht für ganz abscheulich halten? |
|
Und weil ich nun von der Unverschämtheit
dieser Leute gesprochen habe, so lasst mich auch ihre Lässigkeit und
Trägheit züchtigen! Denn wäre auch diese Rechtsgelehrsamkeit
weitläufig und schwierig, so müsste doch die Größe
ihres Nutzens die Menschen antreiben, sich der Anstrengung des Erlernens
zu unterziehen. – Aber, o unsterbliche Götter, ich würde mich
in der Gegenwart Scaevolas
nicht so äußern, wenn er nicht sich selbst zu äußern
pflegte, dass ihm die Erlernung keiner andern Wissenschaft leichter erscheine.
|
| |
Gar viele freilich haben hierüber aus gewissen
Gründen eine andere Ansicht. Erstlich nämlich hielten in früheren Zeiten
die Männer, die im Besitz dieser Wissenschaft waren, zur Behauptung und
Vermehrung ihrer Macht es nicht für gut, dass ihre Wissenschaft veröffentlicht
würde; denn nachdem Gnaeus Flavius zuerst die Rechtsformeln öffentlich ausgestellt
hatte und dadurch das Rechtsverfahren zur allgemeinen Kenntnis gekommen
war, fehlte es doch an Männern, die jenen Stoff kunstgerecht nach Klassen
verteilt und angeordnet hätten. Denn von keinem Gegenstand lässt sich ein
wissenschaftliches Lehrgebäude aufstellen, wenn nicht der, der die Dinge,
die er wissenschaftlich anordnen will, kennt, zuvor jene Wissenschaft sich
angeeignet hat, durch die er einen noch nicht kunstgerecht geordneten Stoff
in eine kunstgerechte Form bringen kann. Ich sehe, während ich mich kurz
fassen wollte, habe ich mich etwas zu dunkel ausgedrückt; doch ich will
den Versuch machen und mich, wo möglich, deutlicher erklären. |
|
Fast alles, was jetzt in Kunstregeln zusammengefasst
ist, war einst zerstreut und ohne Zusammenhang, so zum Beispiel in der Tonkunst
die Takte, die Töne, die Gesangweisen, in der Geometrie die Linien, die
Figuren, die Zwischenräume, die Größen, in der Astronomie die Umdrehung
des Himmels, der Aufgang und Untergang und die Bewegung der Gestirne, in
der Sprachwissenschaft die Behandlung der Dichter, die Kenntnis der Geschichte,
die Erklärung der Worte, die Betonung bei der Aussprache, endlich in unserer
Redekunst selbst die Erfindung, die Ausschmückung, die Anordnung, das Gedächtnis,
der Vortrag. Diese Dinge zeigten sich einst als allgemein unbekannt und
weit und breit zerstreut. |
|
Man nehme nun von außen her aus einem anderen
wissenschaftlichen Gebiet, das sich die Philosophen ganz aneignen, eine
gewisse Kunst zu Hilfe, um den zerstreuten und zerstückelten Stoff zusammenzufügen
und planmäßig zu verbinden. Man setze also als Endzweck im bürgerlichen
Recht die Erhaltung der Gleichmäßigkeit des Rechtes in den Angelegenheiten
und Verhandlungen der Bürger, wie sie durch die Gesetze und die Gewohnheit
bestimmt ist. |
|
Hierauf muss man die Gattungen bezeichnen und
sie auf eine gewisse kleine Anzahl zurückführen. Gattung aber ist das, was
zwei oder mehr Dinge umfasst, welche eine gemeinschaftliche Ähnlichkeit
untereinander haben, aber der Art nach unterschieden sind; Arten aber sind
die Dinge, die den Gattungen, von denen sie herrühren, untergeordnet sind.
Auch die Bedeutung sämtlicher Namen, welche die Gattungen und Arten haben,
muss man durch Begriffsbestimmungen erklären. Die Begriffsbestimmung ist
nämlich eine kurze und scharf begrenzte Erklärung der Merkmale des Gegenstandes,
von dem wir einen bestimmten Begriff geben wollen. |
|
Meiner Erörterung würde ich Beispiele hinzufügen,
wenn ich nicht wüsste, vor welchen Männern mein Vortrag gehalten werde.
So aber will ich, was ich gesagt habe, kurz zusammenfassen. Sollte es mir
nämlich vergönnt sein, meinen schon längst gefassten Vorsatz auszuführen,
oder irgend ein anderer, wenn ich daran gehindert würde, mir hierin zuvorkommen
oder nach meinem Tod das Werk zustande bringen, dass erstlich das ganze
bürgerliche Recht in seine Gattungen, deren Anzahl nur sehr klein ist, eingeteilt,
dann die Gattungen in gewisse Glieder zerlegt, endlich die eigentümliche
Bedeutung jedes einzelnen durch Begriffsbestimmungen erklärt wird, so werdet
ihr ein vollständiges Lehrgebäude haben, das mehr umfassend und reichhaltig
als schwierig und dunkel sein wird. Indes jedoch, bis dieser zerstreut liegende
Stoff zu einem Ganzen verbunden ist, kann man sich mit einer hinreichenden
Kenntnis des bürgerlichen Rechtes ausrüsten, wenn man sie auch nur überall
stückweise aufliest und sammelt. |
| |
Seht ihr nicht, dass der römische Ritter
Gaius Aculeo, der in meinem Haus wohnt und von jeher gewohnt hat, ein Mann,
der an Scharfsinn seinesgleichen sucht, aber sonst in den Wissenschaften
gar nicht unterrichtet ist, das bürgerliche Recht so gründlich
versteht, dass ihm, wenn ihr unseren Scaevola
hier ausnehmt, keiner der größten Rechtskenner vorgezogen wird? |
|
Alles liegt ja hier vor Augen und beruht auf
der täglichen Erfahrung, auf dem Verkehr mit Menschen und auf den gerichtlichen
Verhandlungen und ist in nicht eben vielen und bändereichen Schriftwerken
enthalten. Denn dieselben Gegenstände sind erstlich von mehreren behandelt
und herausgegeben und dann mit Veränderung weniger Worte auch von denselben
Schriftstellern öfter wiederholt. |
|
Hierzu kommt aber auch noch etwas, wodurch die
Auffassung und Erlernung des bürgerlichen Rechtes erleichtert wird,
worüber freilich gar viele ganz anderer Ansicht sind, nämlich
die außerordentliche Annehmlichkeit und Ergötzlichkeit, die in
der Erlernung dieser Wissenschaft liegt. Denn findet einer an der Beschäftigung
mit der Altertumskunde Gefallen, so bieten ihm sowohl das ganze bürgerliche
Recht als auch die Bücher der Oberpriester und die Gesetze der zwölf
Tafeln ein reiches Abbild des Altertums, weil man die vor alters gebrauchten
Ausdrücke kennenlernt und gewisse gerichtliche Verhandlungen die Gewohnheit
und Lebensart unserer Altvordern klar an den Tag legen. Oder hat einer eine
Vorliebe für die Staatswissenschaft, die nach Scaevolas
Ansicht nicht dem Redner, sondern einer Wissenschaft anderer Art angehört,
so wird er sie ganz in den zwölf Tafeln enthalten finden, in denen
alle nützlichen Einrichtungen des Staates bestimmt und eingeteilt sind.
Oder findet einer an jener allmächtigen und preiswürdigen Philosophie
Gefallen, so hat er – ich will es dreist heraussagen – in dem, was in dem
bürgerlichen Recht und in den Gesetzen enthalten ist, die Quellen aller
seiner Untersuchungen. |
|
Denn aus diesen erkennen wir einerseits, dass
man die sittliche Würde vor allem erstreben müsse, weil ja die Tugend und
die ehrenwerte Tätigkeit durch Ehren und Belohnungen geschmückt wird, andererseits,
dass die Laster und Verbrechen der Menschen mit Geldbußen, Beschimpfungen,
Kerker, Schlägen, Verbannung, Tod bestraft werden, und wir lernen nicht
aus endlosen und mit Wortkämpfen angefüllten Streitschriften, sondern durch
das Ansehen und den Wink der Gesetze unsere Sinnlichkeit bezähmen, alle
Begierden zügeln, das Unsrige bewahren, von fremdem Gut Sinn, Augen und
Hände fernhalten. |
|
Mag auch die ganze Welt sich unwillig über mich
äußern, ich will sagen, was ich denke: Wahrlich; die Büchersammlungen aller
Philosophen scheint mir das einzige Büchlein der Zwölftafelgesetze, wenn
man auf die Quellen und die Hauptplätze der Gesetze sieht, an Gewicht des
Ansehens und an Reichhaltigkeit des Nutzens zu übertreffen. |
| |
Und wenn wir uns, wie es durchaus unsere Pflicht
ist, unseres Vaterlandes freuen – und dies Gefühl ist so mächtig und so
natürlich, dass der weiseste Mann jenes Ithaka, das wie ein Vogelnest an
rauhen Felsen klebt, der Unsterblichkeit vorzog –, mit welcher Liebe müssen
wir denn gegen ein solches Vaterland entflammt sein, welches unter allen
Ländern der erste Wohnsitz der Tugend, der Herrschaft und der Würde ist?
Von ihm müssen uns vor allem sein Geist, seine Sitten und seine Verfassung
bekannt sein, teils weil es unser aller Mutter ist, teils weil wir anerkennen
müssen, dass seine Weisheit sich in der Feststellung des Rechtes wie in
der Gründung der so großen Macht unserer Herrschaft gleich groß erwiesen
hat. |
|
Auch insofern werdet ihr aus der Erkenntnis des
Rechtes Freude und Vergnügen schöpfen, als ihr die großen
Vorzüge unserer Vorfahren in der Staatsklugheit vor anderen Völkern
dann am leichtesten einsehen werdet, wenn ihr unsere Gesetze mit denen eines
Lykurgos und Solon vergleichen wollt. Denn es ist unglaublich, wie das bürgerliche
Recht überall außer bei uns ungeordnet und, ich möchte fast
sagen, lächerlich ist; worüber ich mich oft in meinen täglichen
Unterhaltungen so auszusprechen pflege, dass ich unseren Landsleuten in
der Staatsklugheit vor allen anderen und besonders vor den Griechen den
Vorzug gebe. Aus diesen Gründen, Scaevola,
hatte ich behauptet, dass denen, die vollkommene Redner sein wollen, die
Kenntnis des bürgerlichen Rechtes notwendig sei. |
|
Ferner, wer weiß nicht, wie viel Ehre, Gunst
und Ansehen diese Kenntnis an und für sich denen gewährt, die in dem Besitz
derselben sind? Bei den Griechen freilich leisten Menschen aus dem geringsten
Stand – sie heißen bei ihnen Pragmatiker (Geschäftsführer) – für einen geringen
Lohn den Rednern in den Gerichten ihre Dienste; aber in unserem Staat findet
gerade das Gegenteil statt. Denn die angesehensten und berühmtesten Männer,
wie jener, der wegen seiner Kenntnis im bürgerlichen Recht so von dem größten
Dichter gepriesen wird:
| Trefflich verständiger und sehr kundiger Aelius Sextus, |
und außerdem viele andere brachten es, nachdem sie sich durch ihre Geistesgaben
Ansehen erworben hatten, bei der Erteilung von Rechtsbescheiden dahin, dass
sie durch ihre Rechtsaussprüche mehr noch als durch ihre Geistesgaben zu
hoher Geltung gelangten. |
|
Um dem Alter aber den Zuspruch der Menschen und
ansehnliche Auszeichnung zu sichern, kann es wohl eine ehrenvollere Zuflucht
geben als die Auslegung des Rechtes? Ich wenigstens habe mir schon von meinem
Jünglingsalter an die Zuflucht bereitet, nicht allein zum Gebrauch bei den
gerichtlichen Verhandlungen, sondern auch zur Zierde und Ehre des Alters,
damit, wenn mich meine Kräfte – und diese Zeit nähert sich schon ziemlich
– zu verlassen anfingen, ich mein Haus vor jener traurigen Einsamkeit bewahrte.
Denn was ist schöner, als wenn ein Greis, der Ehrenstellen und Ämter des
Staates verwaltet hat, mit vollem Recht von sich sagen kann, was bei Ennius
jener pythische Apollon sagt, er sei es, bei dem sich, wenn auch nicht Völker
und Könige, doch alle seine Mitbürger Rats erholen:
In ihren Sachen ratlos kommen sie zu mir,
Doch sichern Rates voll entlas ich sie, dass sie
Nicht trüben unbesonnen ihres Heiles Wohl. |
|
|
Denn das Haus eines Rechtsgelehrten ist ohne
Zweifel ein Orakel der ganzen Bürgerschaft; wovon unseres Quintus Mucius
Tür und Vorhalle zeugt, die ungeachtet seiner sehr schwachen Gesundheit
und seines schon angegriffenen Alters täglich von einer großen Menge der
Bürger und der angesehensten Männer besucht wird. |
| |
Ferner bedarf das keiner weitläufigen Auseinandersetzung,
warum ich der Ansicht bin, dass auch die öffentlichen Rechte, die dem Staat
und dem Reich eigentümlich sind, sowie auch die Denkmäler der Geschichte
und die Beispiele des Altertums dem Redner bekannt sein müssen. Denn so
wie bei den Verhandlungen von Privatangelegenheiten und vor Gericht die
Rede oft aus dem bürgerlichen Recht geschöpft werden muss und deshalb, wie
ich zuvor bemerkte, dem Redner die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes notwendig
ist, so müssen in den öffentlichen Verhandlungen vor Gericht, in den Volksversammlungen,
im Senat die ganze neue und ältere Geschichte, die Ansprüche des Staatsrechtes,
die Staatswissenschaft den Rednern, die sich mit den öffentlichen Angelegenheiten
beschäftigen, gleichsam als Redestoff zu Gebote stehen. |
| |
Denn nicht ist es ein alltäglicher Sachwalter
und Schreier oder Rechtsschwätzer, den wir in unserem Gespräch aufsuchen,
sondern ein Mann, der zuerst in der Kunst ein Meister ist, deren Erfindung,
wenn auch die Natur dem Menschen dazu große Fähigkeiten verlieh, doch einem
Gott zugeschrieben wird, so dass selbst das, was Eigentum des Menschen war,
nicht durch uns gewonnen, sondern durch göttliche Eingebung zu uns gebracht
erschien; ein Mann, der zweitens nicht so sehr durch den Heroldstab als
vielmehr durch den Namen des Redners, mit dem er geschmückt ist, selbst
unter den Schwertern der Feinde sich unverletzt bewegen kann; ein Mann,
der ferner Tücke und Ränke des Missetäters durch die Rede dem Hass der Bürger
bloßstellen und durch Strafen zügeln sowie auch durch den Schutz seines
Geistes die Unschuld von der Strafe der Gerichte befreien und auch ein erschlaffendes
und strauchelndes Volk entweder zum Ehrgefühl erwecken oder vom Irrtum abführen
oder gegen Übeltäter entflammen oder die gereizte Stimmung desselben gegen
Gute besänftigen kann; ein Mann, der endlich jede Gemütsstimmung, wie sie
Zeit und Umstände erfordern, in den Menschen durch die Rede entweder hervorrufen
oder stillen kann. |
|
Wer nun meint, diese Kunst sei von denen, welche
über die Redekunst geschrieben haben, entwickelt worden oder könne von mir
in so kurzer Zeit entwickelt werden, der irrt sich sehr und begreift nicht
meine Unkenntnis, ja kaum die Größe der Sachen. Ich glaubte, weil ihr es
ja so wünschtet, euch die Quellen, aus denen ihr schöpfen könnt, und die
Pfade selbst bezeichnen zu müssen, aber nicht so, um selbst euer Führer
auf denselben zu sein, was unendlich schwierig und nicht notwendig ist,
sondern nur, um euch den Weg nach den Quellen zu weisen und, wie man zu
tun pflegt, einen Fingerzeig zu geben." |
|
"Ich aber sollte meinen", versetzte
Mucius, "du habest der Lernbegierde dieser jungen Männer, wenn
sie anders lernbegierig sind, reichlich Genüge geleistet. Denn so wie
man von Sokrates erzählt,
er habe zu sagen gepflegt, seine Arbeit sei vollendet, wenn jemand durch
seine Ermahnung hinlänglich zu dem Streben angefeuert sei, die Tugend
kennen zu lernen und in sich aufzunehmen; denn wem die Überzeugung
beiwohne, dass er nichts lieber zu sein wünsche als ein guter Mann,
dem sei die übrige Lehre leicht – so weiß ich, dass auch ihr,
wenn ihr die Bahn betreten wollt, die euch Crassus
durch seinen Vortrag eröffnet hat, ihr sehr leicht zum Ziel eurer Wünsche
gelangen werdet, da er euch ja den Zugang und die Tür dazu eröffnet
hat." |
|
"Allerdings", erwiderte Sulpicius,
"sind uns seine Belehrungen höchst dankenswert und höchst
erfreulich; aber einiges wenige vermissen wir noch und insbesondere das,
was du, lieber Crassus,
über die Kunst selbst nur kurz durchlaufen hast, da du doch zugestandest,
dass du es nicht gering schätztest und es auch erlernt habest. Wolltest
du dieses etwas weitläufiger erörtern, so würdest du die
Erwartung unserer lang gehegten Sehnsucht ganz und gar erfüllen. Denn
jetzt haben wir gelernt, worauf wir unseren Fleiß wenden müssen,
und das ist allerdings auch schon etwas Großes; aber wir wünschen
auch den Lehrgang und die Regeln dieser Sachen kennen zu lernen." |
| |
"Nun", sagte Crassus,
"um euch leichter bei mir zu behalten, bin ich euch willfährig
gewesen und habe weniger auf meine Gewohnheit und Natur Rücksicht genommen;
wie wäre es nun, wenn wir den Antonius
bäten, das, was er bei sich zusammenhält und noch nicht zum Vorschein
gebracht hat, wovon ihm, wie er kurz zuvor klagte, eine kleine Schrift entschlüpft
ist, uns zu entwickeln und jene Geheimnisse der Beredsamkeit kundzutun?"
"Wie es dir beliebt", erwiderte Sulpicius.
"Denn aus dem Vortrag des Antonius
werden wir auch deine Ansichten kennen lernen." |
|
"Nun, lieber Antonius",
sagte Crassus,
"da nun einmal die Lernbegierde dieser jungen Männer uns Alten
diese Bürde auferlegt, so bitte ich dich, deine Ansichten über
die Gegenstände zu entwickeln, über die sie, wie du siehst, von
dir belehrt zu werden wünschen." "Da sehe und fühle
ich mich", erwiderte Antonius;
"ganz und gar betroffen, nicht allein, weil man Dinge von mir verlangt,
deren ich unkundig und ungewohnt bin, sondern auch weil unsere jungen Freunde
mir jetzt nicht das zu vermeiden gestatten, wovor ich mich bei den gerichtlichen
Verhandlungen so sehr zu hüten pflege, nämlich dein Nachfolger,
Crassus,
im Reden zu sein. |
|
Doch ich will um so dreister auf euer Verlangen
eingehen, weil es, wie ich hoffe, bei der gegenwärtigen Unterredung ebenso
der Fall sein wird, wie es bei meiner öffentlichen Rede zu sein pflegt,
dass man keinen geschmückten Vortrag von mir erwartet. Ich gedenke ja nicht
von der Kunst zu reden, die ich nie erlernt habe, sondern von meiner Gewohnheit,
wie denn auch das, was ich in meinen Leitfaden aufgenommen habe, von derselben
Art ist, nicht durch gelehrten Unterricht mir mitgeteilt, sondern auf Erfahrung
und wirklichen Rechtsverhandlungen beruhend. Findet dieses nun bei euch
so gelehrten Männern keine Billigung, so müsst ihr eure eigene Unbilligkeit
anschuldigen, da ihr mich um Dinge befragt, die ich nicht weiß, und meine
Nachgiebigkeit loben, wenn ich euch nicht aus eigenem Entschluss, sondern
auf euer Verlangen ohne viele Umstände Rede stehe." |
|
Hierauf sagte Crassus:
"Fahre nur fort, lieber Antonius!
Denn es hat keine Gefahr damit, du möchtest etwas anders vortragen
als höchst einsichtsvoll, und so wird es niemand von uns bereuen, dich
zu dieser Erörterung aufgefordert zu haben." "Nun gut",
erwiderte er, "so will ich denn fortfahren und das tun, was meines
Erachtens bei allen wissenschaftlichen Untersuchungen zu Anfang geschehen
muss. Vor allem nämlich möge der Gegenstand der Untersuchung klar
und deutlich dargelegt werden, damit der Vortrag nicht unsicher umherzuschweifen
und auf Abwege zu geraten genötigt werde, wenn die, bei denen eine
Meinungsverschiedenheit obwaltet, nicht ein und dasselbe unter dem Gegenstand,
von dem gesprochen wird, verstehen. |
|
Würde etwa zum Beispiel die Frage aufgeworfen:
‘Was ist die Kunst des Heerführers?’, so müsste man nach meiner
Ansicht zuerst festsetzen, was ein Heerführer sei. Wäre nun festgesetzt,
er sei ein Mann, der mit der Führung eines Krieges betraut sei, so
würde ich hierauf eine Erklärung hinzufügen vom Heer, dem
Feldlager, den Marschzügen, der Lieferung von Schlachten, der Bestürmung
von Städten, der Zufuhr, der Anwendung und Vermeidung des Hinterhaltes
und den übrigen Dingen, die zur Führung des Krieges gehören.
Wer die Kenntnis von diesen Gegenständen in seinen Geist und seine
Wissenschaft aufgenommen hat, den würde ich für einen Heerführer
erklären und als Beispiele Männer, wie die beiden Afrikaner und
Maximus, anführen; den Epameinondas und Hannibal
und andere Männer der Art würde ich namhaft machen. |
| |
Beträfe aber unsere Frage den Begriff von einem
Mann, der auf die Verwaltung des Staates seine Erfahrung, seine Wissenschaft
und seinen Fleiß verwendet, so würde ich folgende Erklärung geben: Wer die
Mittel kennt, durch die das Beste des Staates gewonnen und vermehrt wird,
und dieselbe anwendet, der muss als Lenker des Staates und Stimmführer im
öffentlichen Rat betrachtet werden, und rühmend würde ich anführen den Publius
Lentulus, jenen Ersten im Senat, Tiberius Gracchus den Vater, Quintus Metellus,
Publius Africanus, Gaius Laelius und unzählige andere sowohl aus unserem
als auch aus anderen Staaten. |
|
Wäre aber die Frage, wer in Wahrheit ein Rechtsgelehrter
genannt werden könne, so würde ich denjenigen dafür erklären, welcher der
Gesetze und des unter Privatpersonen im Staat üblichen Herkommens kundig
ist, um Rechtsbescheide zu geben, gesetzmäßige Anklagen zu erheben und Rat
gegen die Ränke der Widersacher zu erteilen, und aus dieser Klasse würde
ich den Sextus Aelius, Manius Manilius, Publius Mucius nennen. Und um auf
die Beschäftigungen mit den geringfügigeren Künsten zu kommen, wenn die
Frage den Tonkünstler, den Sprachforscher, den Dichter beträfe, so könnte
ich auf ähnliche Weise erklären, was den Beruf eines jeden ausmache und
was die erforderlichen Eigenschaften seien, auf die man sich bei jedem beschränken
müsse. Ja selbst von dem Philosophen, der sich nach der Fülle seiner Weisheit
allein im Besitz fast alles Wissens zu sein rühmt, findet doch eine gewisse
Begriffsbestimmung statt, indem man demjenigen, welcher aller göttlichen
und menschlichen Dinge Wesen, Beschaffenheit und Ursachen zu kennen, die
ganze Sittenlehre zu wissen und auszuüben sich bemüht, diesen Namen erteilt. |
|
Was nun aber den Redner anlangt, der ja der
Gegenstand unserer Untersuchung ist, so habe ich von ihm nicht dieselbe
Vorstellung wie Crassus,
der mir unter dem einen Namen und der einen Obliegenheit des Redners die
gesamte Kenntnis aller Dinge und Wissenschaften zu begreifen schien; ich
halte vielmehr den für einen Redner, welcher in gerichtlichen und öffentlichen
Verhandlungen Worte, die angenehm zu hören sind, und Gedanken, die
Überzeugung einzuflößen geeignet sind, zu gebrauchen versteht.
Einen solchen nenne ich einen Redner und wünsche, dass er außerdem
auch Stimme, äußeren Vortrag und einen gewissen Witz besitze. |
|
Unser Crassus
aber schien mir die Geschicklichkeit des Redners nicht nach den Schranken
dieser Kunst, sondern nach den fast unermesslichen Grenzen seines Geistes
zu bezeichnen. Denn erstens gab er nach seinem Ausspruch das Ruder der Staatsverwaltung
dem Redner in die Hände; wobei es mir recht auffallend war, dass du,
Scaevola, ihm dieses
einräumtest, da dir der Senat so oft, wenn du kurz und schmucklos redetest,
in den wichtigsten Angelegenheiten beistimmte. Wenn aber Marcus Scaurus,
der, wie ich höre, nicht weit von hier sich zu Hause aufhält,
ein Mann von der gründlichsten Kenntnis in der Staatsverwaltung, vernähme,
dass du, Crassus,
dieses Ansehen seiner Würde und Staatsklugheit in Anspruch nähmest,
indem du es als ein Eigentum des Redners erklärst, so würde er,
glaub’ ich, sofort hierher kommen und diese unsere Geschwätzigkeit
schon durch seine Miene und seinen Blick in Schrecken setzen; denn wenn
er auch als Redner nicht zu verachten ist, so beruht doch seine Stärke
mehr auf einer umfassenden Staatsklugheit als auf Redekunst. |
|
Wenn nun auch wirklich jemand in beidem stark
ist, so folgt hieraus noch nicht, dass ein Stimmführer im öffentlichen Rat
und der gute Senator schon darum auch ein Redner sein müsse oder dass ein
durch Beredsamkeit ausgezeichneter Mann, wenn er sich zugleich in der Staatsverwaltung
hervortut, diese Wissenschaft sich durch die Redefertigkeit angeeignet habe.
Diese Fähigkeiten liegen weit auseinander und sind sehr voneinander verschieden
und abgesondert, und nicht war es ein und dasselbe Verfahren, durch welches
Marcus Cato, Publius Africanus, Quintus Metellus, Gaius Laelius, die alle
ausgezeichnete Redner waren, ihre Rede zu schmücken und die Würde des Staates
zu verherrlichen wussten. |
| |
Es ist ja weder von der Natur bestimmt noch durch
irgend ein Gesetz oder durch das Herkommen verordnet, dass es einem einzelnen
Menschen nicht vergönnt sein soll, mehr als eine Kunst zu verstehen.
Wenn daher auch Perikles
zu Athen ein großer Redner war und zugleich die oberste Leitung des
Staates führte, so darf man darum nicht annehmen, dass beide Fähigkeiten
einer Person und einer Kunst angehören, und wenn Publius
Crassus zugleich beredt und rechtskundig war, so ist deshalb die Wissenschaft
des bürgerlichen Rechtes nicht in der Redegewandtheit enthalten. |
|
Denn wenn jemand, der sich in einer Kunst und
Fertigkeit auszeichnet und damit auch noch eine andere Kunst verbindet,
uns zu der Ansicht bestimmen könnte, seine Nebenwissenschaft sei als ein
Teil derjenigen Wissenschaft, in welcher er sich auszeichnet, anzusehen,
so könnten wir auf diese Weise auch behaupten, die Geschicklichkeit im Ballspiel
und im Brettspiel gehöre zur Rechtsgelehrsamkeit, da ja Publius Mucius beides
sehr gut verstand, und mit gleichem Recht könnten die Philosophen, welche
die Griechen Naturphilosophen nennen, auch Dichter genannt werden, da ja
der Naturphilosoph Empedokles ein herrliches Gedicht verfertigt hat. Aber
nicht einmal die Philosophen, die doch das ganze Gebiet des Wissens als
ihren eigenen Besitz in Anspruch nehmen, unterfangen sich, zu behaupten,
die Geometrie oder die Tonkunst gehöre dem Philosophen an, weil Platon zugestandenermaßen
in diesen Künsten höchst ausgezeichnet gewesen sei. |
|
Will man nun auch alle Wissenschaften dem Redner
unterordnen, so könnte man dies noch eher zulassen, wenn man sich vielmehr
so ausdrückte: Weil die Beredsamkeit nicht nüchtern und nackt, sondern durch
eine angenehme Abwechselung von vielerlei Gegenständen gewürzt und geschmückt
sein soll, so kommt es dem Redner zu, vieles gehört, vieles gesehen, vieles
überlegt und durchdacht, vieles auch gelesen zu haben, was er jedoch nicht
als sein Eigentum in Besitz genommen, sondern nur gleichsam als fremde Speisen
gekostet hat. Denn ich bekenne, der Redner muss gewandt sein, in keiner
Sache Anfänger und Neuling, noch unwissend und Fremdling in dem Rechtsverfahren. |
|
Aber durch die hochfahrenden Worte, die du, Crassus,
ganz in der Weise der Philosophen gebraucht hast, lasse ich mich nicht in
Verlegenheit bringen. Du behauptetest nämlich, die Gemüter der
Zuhörer könne niemand durch die Rede entflammen oder die entflammten
dämpfen, worin sich gerade des Redners Stärke und Größe
zeige, der nicht das Wesen aller Dinge, die Sitten und Grundsätze der
Menschen gründlich durchschaut habe, und zu diesem Zweck müsse
der Redner die Philosophie notwendig erlernen, eine Wissenschaft, in der,
wie wir wissen, auch die größten Geister, frei von allen Amtsgeschäften,
ihre ganze Lebenszeit zugebracht haben. Den Reichtum und den Umfang ihrer
Kenntnis und Wissenschaft verachte ich keineswegs, ja ich bewundere sie
gar sehr; doch uns, die wir in der Mitte unseres Volkes und auf dem Forum
leben, genügt es, von den Sitten der Menschen das zu wissen und zu
sagen, was den Sitten der Menschen nicht zuwiderläuft. |
|
Denn hat sich wohl je ein großer und gewichtiger
Redner, wenn er den Richter wider seinen Gegner zum Zorn reizen wollte,
deswegen verlegen gefühlt, weil er nicht gewusst habe, was Zorn sei, ob
eine Aufwallung des Gemütes oder ein Verlangen, seinen Schmerz zu rächen?
Wer hat, wenn er die anderen Leidenschaften in den Gemütern der Richter
oder des Volkes durch die Rede aufrühren und in Bewegung setzen wollte,
solche Dinge vorgetragen, wie sie von den Philosophen vorgetragen zu werden
pflegen? Einige von ihnen behaupten ja, man dürfe überhaupt den Leidenschaften
keinen Raum geben, und diejenigen, welche dieselben in den Gemütern der
Richter erregten, begingen einen verruchten Frevel; andere, die duldsamer
sein und der Wirklichkeit des Lebens näher treten wollen, lehren, die Gemütsbewegungen
dürften nur sehr gemäßigt und ganz gelinde sein. |
| |
Der Redner hingegen stellt alles das, was man
im gewöhnlichen Leben für böse, beschwerlich und verwerflich hält, in seiner
Schilderung weit ärger und greller dar, so wie er hinwiederum das, was der
großen Menge begehrens- und wünschenswert erscheint, durch seinen Vortrag
verherrlicht und ausschmückt. Auch will er sich unter Toren nicht so den
Schein von Weisheit geben, dass entweder seine Zuhörer ihn für einen Gecken
und pedantischen Griechen halten oder, wenn sie auch wirklich seine Geisteskräfte
anerkennen sollten, des Redners Weisheit zwar bewundern, über ihre eigene
Torheit aber Missbehagen empfinden. |
|
Wenn der Redner in die Seelen der Menschen eindringt,
wenn er ihre Empfindungen und Gedanken bearbeitet, so vermisst er nicht
die Begriffsbestimmungen der Philosophen und untersucht nicht in seinem
Vortrag, ob das höchste Gut in der Seele oder im Körper liege,
ob es nach der Tugend oder nach dem Vergnügen bestimmt werde, oder
ob sich beides miteinander verbinden und vereinigen lasse, oder aber ob
man, wie einige meinen, nichts Bestimmtes hiervon wissen könne, nichts
sich deutlich erkennen und begreifen lasse. Die Wissenschaft dieser Dinge,
ich bekenne es, ist groß und vielseitig, es gibt viele ausführliche
und mannigfaltige Lehrmeinungen hierüber; aber unsere Absicht, lieber
Crassus,
ist auf etwas anderes, ganz anderes gerichtet. |
|
Einen mit eindringendem Verstand ausgerüsteten
und von Natur und durch Übung gewandten Mann haben wir nötig, der mit Scharfsinn
erforschen kann, was seine Mitbürger und die Menschen, denen er durch seinen
Vortrag eine Überzeugung einflößen will, denken, empfinden, meinen, erwarten;
er muss gleichsam die Adern jedes Geschlechtes, Alters und Standes kennen
und die Gedanken und Empfindungen derer, vor denen er jetzt oder später
als Redner auftreten will, prüfen. |
|
Die Schriften der Philosophen aber spare er sich
für eine solche tusculanische Erholung und Muße, wie wir sie jetzt genießen,
auf, damit er, wenn er einmal über Gerechtigkeit und Treue reden muss, seine
Gedanken nicht von Platon zu entlehnen braucht, der, als er seine Lehren
hierüber niederzuschreiben gedachte, einen neuen Staat in seinen Schriften
erdichtete. Bis zu dem Grad entfernten sich die Ansichten, die er über die
Gerechtigkeit vortragen zu müssen glaubte, von dem gewöhnlichen Leben und
den Sitten der Staaten. |
|
Würden solche Grundsätze unter den
Völkern und in den Staaten gutgeheißen, wie hätte man dir,
Crassus,
dem berühmtesten, angesehensten und ersten Mann im Staat gestatten
können, vor der zahlreichsten Versammlung deiner Mitbürger solche
Äußerungen zu tun: ‘Entreißt uns dem Elend, entreißt
uns dem Rachen derer, deren Grausamkeit durch unser Blut nicht gesättigt
werden kann; lasst nicht zu, dass wir irgend einem dienen, außer euch
allen insgesamt, denen wir dienen können und müssen!’ Ich übergehe
das Elend, in dem sich nach den Lehrsätzen der Philosophen ein tapferer
Mann nicht befinden kann; ich übergehe den Rachen, dem du entrissen
sein willst, damit dein Blut nicht durch unbillige Gerichte ausgesogen werde,
was doch nach der Meinung jener einem weisen Mann nicht begegnen kann; wie
aber konntest du dich unterfangen zu sagen, nicht nur du, sondern der gesamte
Senat, dessen Sache du damals führtest, diene? |
| |
Kann die Tugend, Crassus,
dienen, wenn du die Ansicht derer billigst, deren Lehrsätze du in des
Redners Wissenschaft aufnimmst? Sie, die immer und allein frei ist und die,
mag auch der Körper durch Waffengewalt gefangen oder durch Fesseln
gebunden sein, dennoch ihr Recht und ihre Freiheit in allen Dingen ungeschmälert
behaupten muss. Nun vollends der Zusatz: der Senat könne nicht nur
dem Volk dienen, sondern müsse es auch! Welcher Philosoph ist so weichlich,
so schlaff, so entnervt, bezieht so alles auf den sinnlichen Genus und auf
den Schmerz, dass er die Äußerung billigen könnte, der Senat
diene dem Volk, der Senat, dem das Volk die Gewalt seiner Leitung und Lenkung
wie Zügel in die Hände gegeben hat? |
|
Diese Stelle nun, die mir unvergleichlich schön
erschien, erklärte Publius Rutilius Rufus, ein gelehrter und der Philosophie
ergebener Mann, nicht nur für sehr unangemessen, sondern auch für
schimpflich und schmählich. Und ebenso pflegte er den Servius
Galba, dessen er sich wohl zu erinnern versicherte, sehr hart zu tadeln,
weil er bei einer peinlichen Untersuchung, die Lucius Scribonius gegen ihn
anstellte, das Mitleid des Volkes erregt habe, nachdem Marcus Cato, ein
heftiger und bitterer Feind des Galba,
vor dem römischen Volk eine barsche und leidenschaftliche Rede. gehalten
hatte, die er selbst in seiner Urgeschichte mitgeteilt hat |
|
Es tadelte also Rutilius den Galba,
weil er des Gaius Sulpicius Gallus, seines Verwandten, Sohn Quintus, seinen
Mündel, selbst fast auf seine Schultern emporgehoben, um durch die
Erinnerung und das Andenken an dessen berühmten Vater das Volk zu Tränen
zu rühren, und seine beiden eigenen kleinen Söhne dem Schutz des
Volkes empfohlen und, als ob er wie ein Krieger vor der Schlacht ohne Waage
und Urkunde sein Testament machte, das römische Volk zum Vormund für
diese Waisen eingesetzt hätte. Durch diese bühnenartigen Kunstgriffe,
erzählte er, sei Galba
damals trotz des Unwillens und Hasses, mit dem das Volk gegen ihn erfüllt
war, freigesprochen worden, wie ich auch bei Cato geschrieben sehe. ‘Hätte
er sich nicht der Knaben und Tränen bedient, so würde er Strafe
gebüßt haben.’ Dieses Verfahren tadelte Rutilius sehr und erklärte,
einer solchen Erniedrigung hätte die Verbannung oder der Tod vorgezogen
werden müssen. |
|
Und er sagte dieses nicht allein, sondern dachte
und handelte auch so. Denn da dieser Mann, wie ihr wisst, ein Muster von
Unbescholtenheit war, dem niemand im Staat an Rechtschaffenheit und Sittenreinheit
gleichkam, so wollte er die Richter nicht demütig anflehen, ja er ließ
es nicht einmal zu, dass seine Sache beredter oder freier geführt wurde,
als es das einfache Verhältnis der Wahrheit gestattete. Nur einen kleinen
Teil der Verteidigung überließ er unserem Cotta
hier, einem so beredten jungen Mann, seiner Schwester Sohn. Zum Teil führte
auch Quintus Mucius seine Sache nach seiner Weise, ohne alles Gepränge,
schlicht und deutlich. |
|
Hättest du damals, Crassus,
geredet, der du kurz zuvor behauptetest, der Redner müsse für
die Fülle der Rede Beistand aus den Untersuchungen der Philosophen
entlehnen, und wäre es dir gestattet worden, für den Publius Rutilius
nicht nach der Philosophen, sondern nach deiner Weise zu reden: die Kraft
deiner Rede hätte den Richtern – so frevelhaft sie auch gewesen wären,
wie sie es auch wirklich waren, diese verderblichen und strafwürdigen
Bürger – dennoch alle Unverschämtheit aus ihrem innersten Herzen
entrissen. Nun aber ging ein solcher Mann verloren, indem seine Sache so
geführt wurde, als ob sie in dem erdichteten Staat Platons verhandelt
worden wäre. Keiner der Sachwalter seufzte auf, keiner erhob laut seine
Stimme, keinem ging die Sache zu Herzen, keiner klagte, keiner flehte den
Schutz des Staates an, keiner bat flehentlich. Kurz, keiner stampfte in
jenem Gericht mit dem Fuß, ich glaube, damit es ja nicht den Stoikern
wiedererzählt werden möchte. |
| |
Der Römer und Konsular ahmte jenen alten
Sokrates nach, der,
da er der weiseste unter allen war und den unsträflichsten Lebenswandel
geführt hatte, in dem peinlichen Gericht für sich so redete, dass
er nicht ein Flehender oder Beklagter, sondern ein Lehrmeister und Gebieter
der Richter zu sein schien. Ja, als ihm der berühmte Redner Lysias
eine geschriebene Rede brachte, die er, wenn es ihm gefiele, auswendig lernen
möchte, um von ihr im Gericht für sich Gebrauch zu machen, las
er sie nicht ungern und erklärte, sie sei recht schön abgefasst.
‘Aber’, fuhr er fort, ‘wie ich, wenn du mir sikyonische Schuhe brächtest,
sie nicht gebrauchen würde, so bequem sie auch sitzen und für
den Fuß passen möchten, weil sie für Männer nicht anständig
sind, ebenso scheint mir jene Rede beredt und rednerisch, aber nicht in
gleichem Grad kräftig und männlich.’ So geschah es denn, dass
auch jener verurteilt wurde, und nicht allein bei der ersten Abstimmung,
bei welcher die Richter nur entschieden, ob sie ihn verurteilten oder freisprächen,
sondern auch bei der zweiten, die sie nach den Gesetzen vornehmen mussten. |
|
Es bestand nämlich zu Athen für den
Beklagten nach seiner Verurteilung, wenn auf seinem Verbrechen nicht die
Todesstrafe stand, gleichsam eine Abschätzung der Strafe, und der Beklagte
wurde, wenn die Richter zur Abstimmung aufgefordert wurden, zuvor gefragt,
was es für eine Strafe sei, die er nach seiner Abschätzung verdient
zu haben bekenne. Als man dem Sokrates
diese Frage vorgelegt hatte, erwiderte er, er habe verdient, dass man ihn
durch die höchsten Ehren und Belohnungen auszeichne und ihm den täglichen
Lebensunterhalt in dem Prytaneion auf Staatskosten reiche: eine Ehre, die
bei den Griechen für die größte gehalten wird. |
|
Über diese Antwort entbrannten die Richter so
von Zorn, dass sie den unschuldigsten Mann zum Tode verurteilten. Gesetzt,
er wäre freigesprochen worden – was ich in der Tat, wenn uns die Sache auch
weiter nichts angeht, doch wegen seiner Geistesgröße wünschte –, wie könnten
wir jene Philosophen ertragen, die auch jetzt, nachdem jener wegen keiner
anderen Schuld als wegen seiner Unkunde im Reden verurteilt worden ist,
gleichwohl behaupten, man müsse von ihnen die Regeln der Beredsamkeit entlehnen?
Ich will mit ihnen nicht streiten, welche von beiden Wissenschaften die
bessere oder echtere sei; aber so viel behaupte ich, dass die Philosophie
etwas anderes sei als die Beredsamkeit und dass diese auch ohne jene höchst
vortrefflich sein könne. |
|
Dass du dich nun ferner, Crassus,
des bürgerlichen Rechtes so eifrig angenommen hast, davon sehe ich
den Grund ein und sah ihn schon ein, als du noch redetest. Zuerst hast du
dich dem Scaevola
gefällig zeigen wollen, den wir alle wegen seiner ausnehmenden Freundlichkeit
mit vollstem Recht lieben müssen, und du seine Wissenschaft unausgestattet
und ungeschmückt sahst, so hast du sie durch die Ausstattung deiner
Worte bereichert und geschmückt. Zweitens, weil du auf dieselbe recht
viel Fleiß und Arbeit verwendet hattest, da du den Ermunterer zu dieser
Beschäftigung und den Lehrmeister in deiner Familie hattest, so warst
du besorgt, du möchtest dich vergeblich bemüht haben, wenn du
nicht diese Wissenschaft durch deinen Vortrag verherrlichtest. Doch ich
will auch mit dieser Wissenschaft mich in keinen Streit einlassen. |
|
Mag sie immerhin eine so große Bedeutung
haben, wie du meinst! Und in der Tat ist sie wichtig, findet eine vielfache
Anwendung und gewährt vielen Menschen Nutzen; auch hat sie immer in
hohen Ehren gestanden, und die berühmtesten Männer unseres Staates
widmen sich noch heute dieser Wissenschaft. Doch sieh zu, lieber Crassus,
ob du nicht die Rechtswissenschaft, indem du sie mit einem neuen und fremden
Schmuck schmücken willst, auch des eigenen, der ihr zugestanden und
eingeräumt wird, beraubst und entkleidest! |
| |
Denn wenn du dich so aussprächest, der Rechtsgelehrte
sei auch Redner, und ebenso, der Redner sei auch Rechtsgelehrter, so würdest
du zwei herrliche, untereinander gleiche und derselben Würde teilhaftige
Wissenschaften aufstellen. Nun aber gestehst du ein, Rechtsgelehrter könne
man auch ohne die Beredsamkeit, die wir zum Gegenstand unserer Betrachtung
machen, sein, und dergleichen habe es schon sehr viele gegeben; Redner hingegen,
behauptest du, könne niemand sein, wenn er nicht jene Wissenschaft zu Hilfe
nehme. Auf diese Weise ist dir der Rechtsgelehrte an und für sich weiter
nichts als ein vorsichtiger und scharfsinniger Gesetzeskrämer, ein Ausrufer
der gerichtlichen Verhandlungen, ein Ableierer von Formeln, ein Silbenstecher;
aber weil der Redner sich der Beihilfe des Rechtes in seinen Verhandlungen
bedient, so hast du deshalb diese Rechtswissenschaft der Beredsamkeit als
Magd und Zofe beigegeben. |
|
Wenn du dich aber über die Unverschämtheit derjenigen
Sachwalter gewundert hast, welche, obwohl sie das Kleine nicht wissen, sich
zum Großen anheischig machen oder die schwersten Rechtsfragen vor Gericht
zu verhandeln sich erdreisten, obwohl sie dieselben nicht verstehen und
nie gelernt haben, so ist die Verteidigung beider Erscheinungen leicht und
liegt auf der Hand. Denn man darf sich nicht darüber wundern, wenn einer,
der nicht weiß, mit welcher Formel der Ehekauf geschlossen wird, dennoch
die Sache einer Frau, welche einen solchen Ehekauf geschlossen hat, verteidigen
kann, und wenn die Steuerkunst bei einem kleinen und großen Fahrzeug die
nämliche ist, so dürfte darum derjenige, der nicht weiß, welcher Formeln
man sich bei Erbschaftsverteilungen bedienen muss, gleichwohl einen Rechtsstreit
über eine Erbschaftsverteilung führen können. |
|
Denn was die wichtigsten, auf dem Recht beruhenden
Verhandlungen des Centumviralgerichtes, die du anführtest, anlangt – war
wohl irgendeine derselben von der Art, dass sie nicht von einem beredten,
aber des Rechtes unkundigen Mann auf das schönste hätte geführt werden können?
In allen diesen Verhandlungen, so wie eben in der Sache des Manius Curius,
die du neulich verteidigt hast, und in dem Rechtsstreit des Gaius Hostilius
Mancinus und in der Angelegenheit des Knaben, der von der zweiten Frau geboren
wurde ohne vorhergegangene Scheidung von der ersten, waltete in betreff
des Rechtes unter den erfahrensten Männern die größte Meinungsverschiedenheit
ob. |
|
Ich frage nun, was dem Redner bei diesen Verhandlungen
die Rechtswissenschaft geholfen hätte, da nur derjenige Rechtsgelehrte
den Sieg davongetragen haben würde, der sich nicht auf seine eigene,
sondern auf eine fremde Wissenschaft gestützt hätte, d. h. nicht
auf die Rechtswissenschaft, sondern auf die Beredsamkeit. So habe ich oft
folgenden Vorfall erzählen hören. Als Publius
Crassus sich um die Ädilität bewarb und ihn Servius
Galba, der älter war, und schon Konsular, begleitete, weil er die
Tochter des Crassus
mit seinem Sohn Gaius verlobt hatte, trat ein Bauer zu Crassus,
um sich bei ihm Rats zu erholen. Er führte Crassus
beiseite und trug ihm seine Angelegenheit vor. Die Antwort, die er erhielt,
war zwar richtig, aber seiner Sache nicht vorteilhaft. Als Galba
ihn verstimmt sah, redete er ihn beim Namen an und fragte ihn, in welcher
Angelegenheit er den Crassus
zu Rate gezogen habe. Als er es vernommen hatte und den Mann erschüttert
sah, sagte er: ich sehe, Crassus
hat dir in der Zerstreuung und mit anderen Dingen beschäftigt geantwortet. |
|
Hierauf nahm er den Crassus
selbst bei der Hand und sagte: Hör einmal, wie kam es dir in den Sinn,
einen solchen Bescheid zu geben? Jener, als der rechtskundigste Mann, beteuerte
ihm jetzt zuversichtlich, die Sache verhalte sich natürlich so, wie
er geantwortet habe, und unterliege keinem Zweifel. Galba
aber, der auf mancherlei Weise und in reichlicher Fülle seinen Witz
gegen ihn spielen ließ, führte viele ähnliche Fälle
an und sagte vieles für die Billigkeit gegen das Recht. Da nun Crassus
ihm an Gewandtheit der Rede nicht gewachsen war – denn wiewohl er zu den
beredten Männern gerechnet wurde, kam er doch dem Galba
keineswegs gleich –, so nahm er seine Zuflucht zu Gewährsmännern
und zeigte, dass seine Ansicht in seines Bruders Publius Mucius Büchern
und in des Sextus Aelius Denkschrift schriftlich zu lesen sei, und doch
gab er zu, dass des Galba
Erörterung ihm beifallswert und beinahe wahr dünke. |
| |
Aber die Fälle, die von der Art sind, dass über
ihr Recht kein Zweifel obwalten kann, pflegen überhaupt nicht Gegenstand
gerichtlicher Untersuchungen zu werden. Macht wohl jemand nach einem Testament,
das ein Hausvater vor der Geburt eines Sohnes machte, auf eine Erbschaft
Ansprüche? Niemand, weil es feststeht, dass durch die später erfolgende
Geburt eines Sohnes das Testament seine Gültigkeit verliert. Also in dieser
Art des Rechtes finden keine gerichtlichen Entscheidungen statt. Folglich
kann der Redner bei den Rechtsstreitigkeiten mit diesem ganzen Teil des
Rechtes, der ohne Zweifel der bei weitem größte ist, ohne Nachteil unbekannt
sein. |
|
In den Fällen aber, wo in betreff des Rechtes
unter den erfahrensten Männern Zweifel obwalten, kann der Redner leicht
für die Partei, die er verteidigt, einen Ratgeber finden, und wenn er von
diesem schwungkräftige Speere empfangen hat, so wird er selbst sie mit des
Redners Armen und Kräften zu schleudern verstehen. Es müsste denn sein,
dass du die Sache des Manius Curius aus den Schriften und nach den Lehren
deines Schwiegervaters – der wackere Mann wird mir wohl diese Äußerung gestatten
– verteidigt hättest und nicht vielmehr auf Beschirmung der Billigkeit und
auf Verteidigung der Testamente und des Willens der Verstorbenen gedrungen
hättest. |
|
Und nach meiner Ansicht wenigstens – ich wohnte
der damaligen Verhandlung fleißig bei – nahmst du den bei weitem größeren
Teil deiner Zuhörer durch den Witz deiner Gedanken, durch launige Einfälle
und feine Scherzreden für dich ein, indem du bald des Scaevola
unendlichen Scharfsinn verspottetest, bald seine Geisteskraft bewundertest,
weil er den tiefen Gedanken ergründet habe, man müsse eher geboren
werden, als man sterben könne, dann wieder vieles aus den Gesetzen,
aus den Senatsbeschlüssen, aus dem Leben und der gewöhnlichen
Redeweise nicht nur scharfsinnig, sondern auch witzig und scherzhaft zusammenstelltest,
um darzutun, dass, wenn man bloß auf die Worte und nicht auf die Sache
sehe, nichts ausgerichtet werden könne. Und so war das Gericht voll
der heitersten und fröhlichsten Stimmung. Was dir hierin die Übung
im bürgerlichen Recht genützt habe, sehe ich nicht ein; die ausgezeichnete
Kraft der Rede, gepaart mit der heitersten Laune und der liebenswürdigsten
Anmut, war dir von Nutzen. |
|
Selbst jener Mucius, der Verteidiger des väterlichen
Rechtes und der Verfechter seines väterlichen Erbgutes, was hat er in jener
Verhandlung, als er gegen dich redete, vorgebracht, was aus dem bürgerlichen
Recht entlehnt erschien? Welches Gesetz hat er angeführt? Was hat er durch
seinen Vortrag enthüllt, das Unkundigen einigermaßen verborgen gewesen wäre?
Sein ganzer Vortrag beschäftigte sich ja damit, dass er behauptete, das
Geschriebene müsse die größte Geltung haben. Aber hierin werden alle Knaben
bei ihren Lehrern geübt, wenn sie angewiesen werden, in solchen Fällen bald
den geschriebenen Buchstaben, bald die Billigkeit zu verteidigen. |
|
Und in jener Sache des Kriegers, wenn du entweder
den Erben oder den Krieger verteidigt hättest, würdest du, sollte man wohl
gar meinen, zu den Hostilianischen Formeln und nicht zu deiner rednerischen
Kraft und Gewandtheit deine Zuflucht genommen haben. O nein! Vielmehr würdest
du, wenn du ein Testament verteidigtest, die Sache so vortragen, als ob
alles Recht aller Testamente auf diesem Gericht beruhe, oder, wenn du die
Sache des Kriegers geführt hättest, so würdest du deiner Gewohnheit gemäß
seinen Vater durch deinen Vortrag von den Toten erweckt und den Richtern
vor die Augen gestellt haben, er hätte seinen Sohn umarmt und unter Tränen
den Centumvirn empfohlen; alle Steine wahrlich hätte er zu Tränen und Wehklagen
gerührt, so dass die ganze Formel: ‘Wie der Mund gesprochen’ nicht in den
zwölf Tafeln, die du allen Büchersammlungen vorziehst, sondern unter den
bei einem Schullehrer nachgeschriebenen Gesetzesformeln zu stehen scheinen
würde. |
| |
Ferner beschuldigst du unsre jungen Männer der
Trägheit, weil sie diese Wissenschaft nicht erlernen wollen, die doch erstens
sehr leicht sei. Was nun diese Leichtigkeit anlangt, so mögen jene darüber
urteilen, welche voller Stolz auf diese Wissenschaft, als ob sie die schwierigste
sei, in Selbstgenügsamkeit einherschreiten; dann aber magst du auch selbst
darüber urteilen, der du diese Wissenschaft für leicht erklärst, die nach
deinem eigenen Geständnis überhaupt noch gar keine Wissenschaft ist, sondern
erst einmal dann eine solche werden wird, wenn jemand noch eine andere Wissenschaft
dazu erlernt, durch die er diese wissenschaftlich gestalten kann. Zweitens,
sagst du, sei sie voller Ergötzlichkeit. Dieses Vergnügen wollen dir alle
schenken und verzichten gern auf dasselbe, und nicht leicht wird sich jemand
finden, der, wenn er etwas lernen soll, nicht lieber den Teucer des Pacuvius
auswendig lernen würde als die Manilianischen Formeln über Kauf und Verkauf.
|
|
Wenn du aber ferner meinst, wir müssten aus Vaterlandsliebe
die Erfindungen unserer Vorfahren kennen, siehst du nicht, dass die alten
Gesetze teils von selbst durch die Länge der Zeit veraltet, teils durch
neue Gesetze aufgehoben sind? Ja, du glaubst sogar, gute Männer würden durch
das bürgerliche Recht gebildet, weil durch die Gesetze Belohnungen für die
Tugenden und Strafen für die Laster bestimmt seien. Aber ich war der Ansicht,
die Tugend werde den Menschen, wenn anders sie wissenschaftlich gelehrt
werden könne, durch Unterricht und Überzeugung, nicht aber durch Drohungen,
Gewalt und Furcht gelehrt. Denn wie schön es ist, sich vor dem Übel zu hüten,
das wenigstens können wir auch ohne die Kenntnis des Rechtes wissen. |
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Was mich aber selbst betrifft, dem du allein
die Fähigkeit zugestehst, ohne alle Rechtskenntnis dennoch Rechtssachen
befriedigend zu verhandeln, so muss ich dir hierauf erwidern, dass ich nie
das bürgerliche Recht erlernt und doch bei den Rechtssachen, die ich vor
Gericht verteidigen konnte, nie diese Wissenschaft vermisst habe. Denn etwas
anderes ist es, ein Kunstverständiger in einem Fach oder einer Wissenschaft,
etwas anderes, im gemeinen Leben und im gewöhnlichen Verkehr mit Menschen
nicht dumm und unwissend zu sein. |
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Wem von uns ist es jetzt vergönnt, seine Landgüter
zu durchwandern und der Landwirtschaft entweder des Nutzens oder des Vergnügens
wegen seine Aufmerksamkeit zu schenken? Und doch bringt niemand sein Leben
so ohne Augen, so ohne Verstand zu, dass er gar nicht wissen sollte, was
Aussaat und Ernte sei, was Beschneidung der Bäume und Weinstöcke, zu welcher
Jahreszeit oder auf welche Weise diese Geschäfte besorgt werden. Wenn nun
einer ein Landgut zu besichtigen oder wenn er wegen des Ackerbaues dem Verwalter
einen Auftrag oder dem Meier einen Befehl zu erteilen hat, muss er wohl
deshalb die Bücher des Karthagers Mago durchlesen, oder können wir mit unserem
gemeinen Menschenverstand begnügen? Warum können wir also nicht gleichfalls
in dem bürgerlichen Recht, zumal wir uns in Rechtssachen, in Geschäften
und vor Gericht abarbeiten müssen, hinlänglich gerüstet sein, wenigstens
insoweit, dass wir unserem eigenen Vaterland nicht als Fremde und Ankömmlinge
erscheinen? |
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Und sollte auch wirklich eine etwas schwierige
Rechtssache uns übertragen werden, so dürfte es, glaub’ ich, eine
schwierige Aufgabe sein, mit unserem Scaevola
darüber Rücksprache zu nehmen, wiewohl schon die streitenden Parteien
uns über alles eingeholte Rechtsbescheide und Erkundigungen zutragen.
Wie aber? Wenn über den Zustand einer Sache selbst, wenn über
Grenzstreitigkeiten, wo wir keine Besichtigung an Ort und Stelle vornehmen
können, wenn über Rechnungsbücher und schriftliche Geldanweisungen
ein Rechtshandel stattfindet, so wissen wir uns, wenn es verlangt wird,
in verwickelte und oft schwierige Streitpunkte hineinzuarbeiten; und wir
sollten, wenn wir Gesetze oder Rechtsgutachten erfahrener Männer kennenzulernen
haben, Besorgnis hegen, wir möchten dieselben nicht begreifen können,
wenn wir uns von Jugend auf weniger mit dem bürgerlichen Recht beschäftigt
haben? Nützt also die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes dem Redner
nichts? Ich kann nicht sagen, dass irgendeine wissenschaftliche Kenntnis
ohne Nutzen sei, zumal für den, dessen Beredsamkeit mit reichhaltiger
Sachkenntnis ausgerüstet sein muss; aber die Kenntnisse, die sich ein
Redner aneignen muss, sind so vielfach, wichtig und schwierig, dass ich
seine Tätigkeit nicht in noch mehr Beschäftigungen zersplittern
möchte. |
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Wer kann leugnen, dass der Redner zu seiner
rednerischen Bewegung und Stellung das Gebärdenspiel und den feinen Anstand
eines Roscius nötig hat? Und doch dürfte niemand jungen Männern, die der
Beredsamkeit obliegen, den Rat geben, auf die Erlernung des Gebärdenspieles,
wie Schauspieler, Fleiß und Mühe zu verwenden. Was ist dem Redner so notwendig
wie die Stimme? Und doch wird niemand, der sich der Beredsamkeit befleißigt,
wenn er meinen Rat hören will, der Ausbildung seiner Stimme sich so ergeben,
wie es die Griechen und die tragischen Schauspieler tun, welche mehrere
Jahre hindurch im Sitzen die Kunst des Vortrages üben und täglich, bevor
sie ihre Vorträge beginnen, im Liegen ihre Stimme allmählich erhöhen und
sie, sobald sie in Bewegung gebracht ist, im Sitzen von dem höchsten Ton
bis zum tiefsten sinken lassen und dann gleichsam wieder sammeln. Wollten
wir dies tun, so möchten die, deren Verteidigung wir übernommen haben, eher
verurteilt werden, als wir so oft, als vorgeschrieben wird, einen Päan oder
Hymnus abgesungen hätten. |
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Wenn wir nun auf das Gebärdenspiel, das doch
dem Redner von großem Nutzen ist, und auf die Stimme, die vor allem die
Beredsamkeit empfiehlt und unterstützt, nicht besonders großen Fleiß verwenden
dürfen und in beidem nur so viel erreichen können, wie uns in dem Schlachtgetümmel
unserer täglichen Geschäfte Zeit dazu verstattet wird, um wie viel weniger
dürfen wir uns auf die Erlernung und Beschäftigung mit dem bürgerlichen
Recht einlassen? Im allgemeinen lässt sich dasselbe auch ohne Unterweisung
fassen und unterscheidet sich darin von jenen Gegenständen, dass die Stimme
und das Gebärdenspiel nicht plötzlich angenommen und anderswoher aufgerafft
werden kann, was hingegen aus der Rechtswissenschaft für jede einzelne Streitsache
nützlich ist, selbst bei der größten Eile entweder von Rechtskundigen oder
aus Büchern entlehnt werden kann. |
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So haben bei den Griechen die beredtesten Männer
bei ihren Verhandlungen Rechtskundige in ihren Diensten, ich meine die,
welche, wie von dir kurz zuvor bemerkt wurde, Pragmatiker heißen, da sie
selbst in der Rechtswissenschaft sehr unerfahren sind. Hierin verfuhren
freilich die Unsrigen weit besser, indem sie die Gesetze und Rechte durch
das Ansehen der berühmtesten Männer geschützt wissen wollten. Aber doch
würde dieses den Griechen nicht entgangen sein, wenn sie es für notwendig
erachtet hätten, den Redner selbst im bürgerlichen Recht zu unterrichten
und ihm nicht einen Pragmatiker als Gehilfen zur Seite zu setzen. |
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Was ferner deine Behauptung betrifft, unser Alter
werde durch die Kenntnis des bürgerlichen Rechtes vor Einsamkeit bewahrt,
so kann dies vielleicht auch durch großes Vermögen bewirkt werden; doch
wir fragen jetzt nicht, was uns nützlich, sondern was dem Redner notwendig
ist. Gleichwohl will ich hier noch einer Äußerung des Roscius gedenken,
des nämlichen Künstlers, von dem wir schon so manches entlehnt haben, was
mit der Kunst des Redners in naher Beziehung steht. Er pflegte nämlich zu
sagen, je weiter er im Alter vorrücke, desto langsamer wolle er die Tonweisen
des Flötenspielers setzen und die Musik sanfter einrichten. Wenn nun dieser,
obwohl gebunden an ein bestimmtes Maß der Takte und Füße, dennoch zur Erleichterung
für sein Alter auf ein Mittel bedacht ist, wie viel leichter können wir
die Tonweisen nicht nur herabstimmen, sondern gänzlich umändern? |
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Es ist dir ja bekannt, Crassus,
wie viele und mannigfaltige Arten des Vortrages es gibt, und ich möchte
behaupten, dass du dieses zuerst gezeigt hast; denn schon lange redest du
weit gelassener und sanfter, als es früher deine Gewohnheit war, und
doch findet die jetzige Sanftheit deines würdevollen Vortrages nicht
weniger Beifall als dein früheres Feuer und Heftigkeit. Auch hat es
viele Redner gegeben, wie wir dies von Scipio und Laelius hören, die,
ihre gewöhnliche Redeweise nur ein wenig steigernd, alles ausrichteten,
nicht aber, wie Servius
Galba, alle Kräfte ihrer Lunge und Stimme anstrengten. Wenn du
aber dieses nicht tun kannst oder willst, hegst du, ein so wackrer Mann
und Bürger, die Besorgnis, dein Haus möge, wenn es von streitsüchtigen
Menschen nicht mehr besucht werde, von den anderen verlassen werden? Ich
meinerseits bin so weit von dieser Ansicht entfernt, dass ich in der Menge
derer, die, um sich Rat zu erholen, Besuche machen, nicht nur keine Stütze
des Alters suchen zu müssen glaube, sondern vielmehr der Einsamkeit,
die du befürchtest, wie einem Hafen der Ruhe entgegensehe. Denn die
Ruhe von Geschäften ist meines Erachtens die schönste Erleichterung
des Alters. |
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Die übrigen Kenntnisse, die allerdings der
Beredsamkeit behilflich sind, ich meine die Geschichte, das Staatsrecht,
die Kunde des Altertums, die Kenntnis einer Menge von Beispielen, werde
ich, wenn es not tut, von meinem Freund Congus, einem wackeren und mit diesen
Kenntnissen reichlich ausgerüsteten Mann, entlehnen. Auch werde ich
nichts dagegen einwenden, wenn unsere jungen Männer, wozu du zuvor
auffordertest, alles lesen, alles hören und sich mit aller höheren
Menschenbildung beschäftigen; aber wahrlich, sie scheinen mir hierzu
nicht so viel Zeit zu haben, wenn sie anders das tun und ausführen
wollen, was du ihnen, Crassus,
vorgeschrieben hast. Denn fast allzu harte Gesetze, glaub’ ich, hast du
der Jugend auferlegt, wenn sie auch zur Erreichung des erstrebten Zieles
fast notwendig sind. |
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Denn die Übungen, aus dem Stegreif über vorgelegte
Fälle zu reden, die mit Sorgfalt und Nachdenken ausgearbeiteten Abhandlungen
und der von dir so gerühmte Gebrauch des Schreibgriffels, den du den Vollender
und besten Lehrmeister der Beredsamkeit nanntest, kosten viel Schweiß; und
jene Vergleichung der eigenen Rede mit fremden Schriften und eine aus dem
Stegreif vorgetragene Erörterung über ein fremdes Schriftwerk, das entweder
gelobt oder getadelt, entweder begründet oder widerlegt werden soll, erfordert
eine nicht geringe Anstrengung hinsichtlich des Gedächtnisses sowohl als
auch der Nachbildung. |
| 258 |
Ich komme nun aber auf eine Forderung von dir, die entsetzlich
ist und die, wie ich fürchte, wahrlich geeigneter sein dürfte, abzuschrecken
als zu ermuntern. Du verlangtest nämlich, dass ein jeder von uns in seiner
Art gleichsam ein Roscius sei, und sagtest, das Richtige finde weniger Beifall,
als sich an das Fehlerhafte die mäkelnde Tadelsucht anhänge. Aber ich glaube,
dass wir jeder mäkelnden Beurteilung weniger ausgesetzt sind als die Schauspieler. |
| 259 |
So sehe ich, dass man uns oft, wenn wir an Heiserkeit leiden,
mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhört; denn die Sache selbst und der
Gegenstand fesselt schon; aber Aesopus wird, wenn er ein wenig heiser wird,
ausgepocht. Denn wo man nichts anderes sucht als Ergötzung der Ohren, da
nimmt man Anstoß, sobald diese Ergötzung nur etwas geschmälert wird. Bei
einem Redner aber ist vieles, was fesselt, und wenn auch nicht alles in
ihm höchst vollkommen, aber doch recht vieles vorzüglich ist, so kann es
nicht fehlen, dass auch schon dieses bewunderungswürdig erscheint. |
| 260 |
Um also auf den Anfang unserer Unterredung zurückzukommen,
so gelte mir derjenige für einen Redner, welcher, wie Crassus
sich ausdrückte, auf eine überzeugende Weise zu reden fähig
ist. Dieser beschränke sich aber auf die Kenntnisse, welche in den
gewöhnlichen Staatsangelegenheiten und gerichtlichen Verhandlungen
erforderlich sind, und mit Hintansetzung aller anderen Wissenschaften, so
herrlich und vorzüglich sie auch sein mögen, liege er dieser einen
Arbeit sozusagen Tag und Nacht mit allem Eifer ob und ahme jenen Mann nach,
dem ohne Zweifel die höchste Vollkommenheit der Beredsamkeit zugestanden
wird, den Athener Demosthenes. Dieser bewies, wie man erzählt, einen
so großen Eifer und so große Anstrengung, dass er die Hindernisse
der Natur durch Fleiß und beharrliche Tätigkeit überwand.
Da er nämlich erstens so stammelte, dass er selbst von der Kunst, der
er sich widmete, den ersten Buchstaben nicht aussprechen konnte, brachte
er es durch sorgsame Übung dahin, dass niemand eine deutlichere Aussprache
gehabt haben soll. |
| 261 |
Da er ferner an Engbrüstigkeit litt, wusste er sich durch
Anhalten des Atems beim Reden eine solche Ausdauer anzueignen, dass er,
wie seine Schriften zeigen, Perioden, in denen zwei Hebungen und Senkungen
der Stimme vorkommen, in einem Atem zusammenfassen konnte. Ja, er gewöhnte
sich, wie berichtet wird, kleine Steine in den Mund zu nehmen und so mit
der lautesten Stimme viele Verse in einem Atem herzusagen, und zwar nicht
an einem Ort stehend, sondern einhergehend und eine steile Anhöhe ersteigend. |
| 262 |
Dass man durch solche Ermahnungen, Crassus,
die jungen Männer zum Fleiß und zur Anstrengung anfeuern müsse,
darin stimme ich dir von ganzem Herzen bei; die übrigen Kenntnisse
aber, die du aus mannigfaltigen und verschiedenen Wissenschaften und Künsten
gesammelt hast, müssen meines Erachtens, wenn du sie auch alle dir
für deine Person angeeignet hast, doch von der eigentlichen Verpflichtung
und dem Amt des Redners geschieden werden." |
| 263 |
Als Antonius
dieses gesagt hatte, schienen allerdings Sulpicius
und Cotta
zu zweifeln, welcher von beiden Vorträgen sich der Wahrheit mehr zu
nähern scheine. Da rief Crassus
aus: "Zu einem Handlanger machst du uns den Redner, Antonius,
und ich möchte fast meinen, dass du anders denkst und nur deine bewunderungswürdige
Übung und Gewandtheit im Widerlegen, worin es dir noch nie jemand zuvorgetan
hat, zeigen willst. Allerdings gehört diese Übung auch zur Geschicklichkeit
des Redners, aber häufiger wird sie doch von den Philosophen angewendet,
besonders von denen, welche über jeden vorgelegten Gegenstand mit großer
Ausführlichkeit dafür und dawider zu reden pflegen. |
| 264 |
Doch ich war der Ansicht, zumal da diese jungen Männer meine
Zuhörer waren, nicht bloß das Bild eines Redners entwerfen zu müssen, der
nur in den Gerichtsbänken zu Hause ist und nichts weiter vorbringen kann,
als was das Bedürfnis der Rechtsverhandlungen notwendig verlangt, sondern
ein höheres Ziel hatte ich vor Augen, als ich urteilte, der Redner dürfe,
zumal in unserem Staat, keiner Kenntnis, die ihm zum Schmuck dienen könne,
unteilhaftig sein. Da du nun aber das ganze Amt des Redners in so enge Grenzen
eingeschlossen hast, so wirst du uns um so leichter auseinandersetzen, was
du über die Pflichten des Redners und über die Regeln, die er zu beobachten
hat, erforscht hast; doch dies, denk’ ich, lassen wir bis morgen; denn für
heute haben wir genug geredet. |
| 265 |
Jetzt kann Scaevola,
weil er nun einmal beschlossen hat, auf sein Tusculanum zu gehen, ein wenig
ausruhen, bis sich die Hitze bricht, und wir anderen wollen, weil es dazu
Zeit ist, der Gesundheit pflegen." Diesen Vorschlag billigten alle.
Hierauf sagte Scaevola:
"Wirklich, ich wünschte, ich hätte mich nicht mit Lucius
Aelius verabredet, heute auf das Tusculanum zu kommen. Gern würde ich
den Antonius hören."
Und als er aufstand, fuhr er zugleich lächelnd fort: "Denn es
hat mich weniger verdrossen, dass er unser bürgerliches Recht so scharf
durchzog, als es mir erfreulich gewesen ist, von ihm das Geständnis
zu hören, er verstehe davon nichts." |
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