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Immanuel Kant (1724-1804) und die kritische Philosophie (der Kritizismus)

(Schultze Tafel XVIII, bearbeitet vom Webmaster)

Problem: Kritische Untersuchung der Bedingungen, Tragweite und Grenzen des menschlichen Erkennens.

B. Kants System der kritischen Philosophie

  1. Erkenntnistheorie (Kritik der reinen Vernunft, 1. Auflage 1781; 2. Auflage 1787. Prolegomena 1783).

    1. Einleitung
      Wahre Erkenntnisurteile = keine analytischen Urteile (= bloße Erläuterungsurteile), sondern synthetische Urteile (= Erweiterungsurteile) = nicht zufällige Synthesen (= bloße Ideenassoziationen) = nicht erfahrungsmäßige Synthesen a posteriori = sondern absolut allgemeingültige und notwendige = synthetische Urteile a priori.
      Gibt es synthetische Urteile a priori auf theoretischem Gebiet (Kritik der reinen Vernunft), auf praktischem Gebiet (Kritik der praktischen Vernunft) auf ästhetischem Gebiet (Kritik der Urteilskraft) und mit welchem Recht?
      Kritische = transzendentale = auf die Bedingungen wahrer Erkenntnis gehende Untersuchung.
      Keine transzendente Überschreitung, vielmehr immanentes Verbleiben innerhalb der Grenzen kritischer Erfahrung.
      Dogmatismus transzendent, Kritizismus immanent und transzendental.
    2. Transzendentale Elementarlehre: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?
      1. Transzendentale Ästhetik:
        1. Gibt es synthetische Urteile a priori auf mathematischen Gebiet?
          1. 7 + 5 = 12;
          2. Die gerade Linie zwischen zwei Punkten ist die kürzeste.
        2. Wie sind synthetische Urteile a priori auf mathematischen Gebiet möglich? – Wie ist reine Mathematik möglich?
          1. Nur unter der Bedingung, dass Raum und Zeit reine Anschauungen a priori sind.
        3. Vier Hinweise für die Apriorität des Raumes:
          1. Raum kein empirischer Begriff der von äußeren Erfahrungen abgezogen wäre.
          2. Raum eine notwendige Vorstellung a priori, die allen äußeren Anschauungen zu Grunde liegt.
          3. Raum kein diskursiver oder allgemeiner Begriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern eine reine Anschauung.
          4. Raum wird als eine unendliche, gegebene Größe vorgestellt.
        4. Vier Beweise für die Apriorität der Zeit:
          1. Zeit ist kein empirischer Begriff der von einer Erfahrung abgezogen wäre.
          2. Zeit ist eine notwendige Vorstellung die allen Anschauungen zu Grunde liegt.
          3. Zeit ist kein diskursiver oder allgemeiner Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung.
          4. Zeit wird als eine unendliche, gegebene Größe vorgestellt.
        5. Raum und Zeit haben empirische Realität und transzendentale Idealität. Der Raum ist die Form des äußeren, die Zeit die Form des inneren Sinnes. Raum und Zeit sind die subjektiv-menschlichen Formen a priori aller Sinnlichkeit überhaupt, nicht Eigenschaften der Dinge an sich. Sinnlichkeit = Rezeptivität unseres Gemüts, Vorstellungen zu empfangen, sofern es auf irgend eine Weise affiziert wird. Die äußeren Gegenstände = nur Vorstellungen unserer Sinnlichkeit. Dinge an sich für den Menschen unerkennbar, da ihm keine "intellektuelle Anschauung" zukommt.
      2. Transzendentale Logik
        1. Transzendentale Analytik:
          1. Gibt es synthetische Urteile a priori in der Naturwissenschaft?
            1. Die Substanz bleibt und beharrt.
            2. Alles was geschieht ist durch eine Ursache bestimmt.
          2. Wie sind synthetische Urteile a priori in der Naturwissenschaft möglich? = Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?
            1. Nur unter der Bedingung dass es reine Verstandesbegriffe a priori gibt.
          3. Verstand ist die Spontaneität des Erkenntnisses, Vorstellungen selber hervorzubringen. Begriffe ohne Anschauungen sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Anschauungen beruhen auf Affektionen der Sinne, Begriffe auf Funktionen des Verstandes. Funktion = Einheit der Handlung des Verstandes, verschiedene Vorstellungen unter einer gemeinschaftlichen zu ordnen = Urteil. Verschiedene Urteilsformen setzen voraus verschiedene Funktionen = Stammbegriffe des Verstandes = reine Begriffe, Kategorien.
          4. Logische Tafel der Urteile: Urteile sind
            1. der Quantität nach: allgemeine, besondere, einzelne;
            2. der Qualität nach: bejahende, verneinende, unendliche;
            3. der Relation nach: kategorische, hypothetische, diesjunktive;
            4. der Modalitäten nach problematische, assertorische, apodiktische.
          5. Transzendentale Tafel der Verstandesbegriffe. Kategorien sind:
            1. der Quantität nach: Einheit (das Maß), Vielheit (die Größe), Allheit (das Ganze);
            2. der Qualität nach: Realität, Negation, Einschränkung;
            3. der Relation nach: Substanz, Ursache, Gemeinschaft (Wechselwirkung);
            4. der Modalität nach: Möglichkeit, Dasein, Notwendigkeit.
          6. Transzendentale Deduktion der Kategorien beweist ihre objektive Gültigkeit. Gegenstände = Anschauungen = in Raum und Zeit verknüpfte Empfindungen setzen voraus:
            1. die Synthesis der Apprehension = Durchlaufen des Mannigfaltigen in der Anschauung und seine Zusammenfassung zur Einheit (ohne welches auch Raum und Zeit nicht möglich wären). Apprehension setzt voraus:
            2. die reproduktive Einbildungskraft, ohne die wir bei der Zusammenfassung des Mannigfaltigen eines Gegenstandes im Fortschreiten zu den folgenden Teilen die früheren Teile aus den Gedanken verlieren und somit niemals den ganzen Gegenstand haben würden. Reproduktive Einbildungskraft setzt voraus:
            3. die Rekognition (der angeschauten Teile als wirklich stets derselben) im Begriff = im begreifenden Bewusstsein, das daher nicht das stets wechselnde empirische, sondern ein stets mit sich identisches, beharrendes Bewusstsein sein muss, nämlich
            4. das reine, ursprüngliche, unwandelbare Selbstbewusstsein = die transzendentale Apperzeption (synthetische Einheit der Apperzeption, transzendentale Einheit des Selbstbewusstseins), die als produktive Einbildungskraft ihre Funktionen = Kategorien hervorbringt, nach denen alle Gegenstände = Erscheinungen (auch Raum und Zeit) notwendig verknüpft werden. Daraus folgt:
            5. die objektive Gültigkeit der Kategorien für alle durch sie verknüpften Anschauungen = für alle Gegenstände der Erfahrung = für deren Inbegriff, die Natur.
          7. Der Schematismus der reinen Verstandesbegriffe.
            Die empirischen Anschauungen werden unter die reinen Begriffe subsumiert vermittelst der mit beiden verwandten, von der transzendentalen Synthesis der Einbildungskraft erzeugten Schemata der Zeit
            1. der Quantität = die Zeitreihe oder Zahl;
            2. der Qualität = der Zeitinhalt = erfüllte und leere Zeit;
            3. der Relation = die Zeitordnung = Beharrlichkeit des Realen in der Zeit, Sukzession des Mannigfaltigen, Zugleichsein;
            4. der Modalität = der Zeitinbegriff = Dasein in einer beliebigen, bestimmten, in aller Zeit.
          8. Aus den Kategorien als für alle mögliche Erfahrung gültigen, verknüpfenden Begriffen a priori folgen auch für alle mögliche Erfahrung gültige, apriorische Grundsätze des reinen Verstandes:
            1. Kategorien der Quantität = Axiome der Anschauung: alle Anschauungen sind extensive Größen.
            2. Kategorien der Qualität = Antizipation in der Wahrnehmung: in allen Erscheinungen hat das Reale, was ein Gegenstand der Empfindung ist, intensive Größe, d. i. einen Grad.
            3. Kategorien der Relation, = Analogien der Erfahrung: Beharrlichkeit der Substanz, der Satz der Kausalität, der Grundsatz der Wechselwirkung.
            4. Kategorien der Modalität = Postulate des empirischen Denkens.
              1. Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anschauung un den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich;
              2. was mit den materiellen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich;
              3. das, dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist (existiert) notwendig.
              4. a) und b) sind mathematische Grundsätze von intuitiver c) und d) dynamische von diskursiver Gewissheit.
          9. Widerlegung des dogmatischen Idealismus Berkeleys und des skeptischen Descartes'. Phänomena und Noumena. Die transzendentale Bedeutung der Verstandesbegriffe, kein transzendenter Gebrauch. Das Ding an sich als Grenzbegriff des Verstandes.
          10. Die Amphibolie der Reflexionsbegriffe.
        2. Transzendentale Dialektik
          1. Gibt es synthetische Urteile a priori in der Metaphysik? Die ontologischen Sätze der rationalen Psychologie, Kosmologie, Theologie über die Seele, das Weltganze, Gott.
          2. Die transzendentale Dialektik hat die doppelte Aufgabe, die Metaphysik des Übersinnlichen als falsch und unmöglich zu erweisen, und den "transzendentalen Schein" und die "natürliche unvermeidliche Illusion" aufzudecken, aus denen sie entspringt.
          3. die Vernunft ist das Vermögen der Einheit der Verstandesregeln unter Prinzipien oder das Vermögen der Prinzipien. Der Verstand geht auf das Bedingte, die Vernunft sucht dazu das Unbedingte: wenn das Bedingte gegeben ist, so muss auch die ganze Reihe der Bedingungen = das Unbedingte gegeben sein. das Unbedingte (= Ding an sich) ist nie als Objekt der Erfahrung, sondern nur als Idee = notwendiger Vernunftbegriff (aus dem über das Dasein eines ihm entsprechenden Gegenstandes nichts folgt) gegeben. Die Metaphysik des Übersinnlichen begeht den Fehler, die bloße Idee des Unbedingten = das unerreichbare Ziel aller Erfahrung, für ein gegebenes Objekt der Erfahrung zu nehmen. Der Schluss vom Bedingten auf das Unbedingt als gegebenes Objekt eine quaternio terminorum.
          4. Die Ideen der Vernunft.
            1. der kategorische Vernunftschluss, auf das Unbedingte der kategorischen Synthesis in einem Subjekt = auf die absolute Einheit des Subjekts während, ergibt die Idee der Seele und den Paralogismus der Psychologie.
            2. der hypothetische Vernunftsschluss, auf das Unbedingte der hypothetischen Synthesis der Glieder einer Reihe = auf die absolute Einheit der Reihe der Bedingungen der Erscheinungen gegend, ergibt die Idee der Welt (als eines Ganzen) und die Antinomien der Kosmologie.
            3. der disjunktive Vernunftsschluss, auf die disjunktive Synthesis der Teile in einem System = auf die absolute Einheit aller Gegenstände des Denkens überhaupt gehend, ergibt die Idee Gottes als ens realissimum und die darauf gegründeten Beweise für das Dasein Gottes der rationalen Theologie. Dialektische Vernunftsschlüsse = Sofistikationen der reinen Vernunft.
          5. Widerlegung der rationalen Psychologie, insbesondere der Paralogismen in Bezug auf die Wesenheit (Substantialität nebst Immaterialität), Einfachheit (Simplizität nebst Unsterblichkeit oder Inkorruptibilität), Persönlichkeit, Selbstgewissheit (Idealität) der Seele. Möglichkeit der Gleichartigkeit des unerkennbaren Dings an sich der Seele und Materie, daher weder Dualismus noch Pneumatismus (Spiritualismus), noch Materialismus, die alle Aussagen über das Ding an sich machen.
          6. Widerlegung der rationalen Kosmologie.
            1. Vier kosmologische Ideen: die absolute Vollständigkeit
              1. der Zusammensetzung des gegebenen Ganzen aller Erscheinungen (absolute Identität in Bezug auf Raum und Zeit);
              2. der Teilung eines gegebenen Ganzen in der Erscheinung (die vollendete Teilung der Materie entweder in das Nichts oder in das Einfache, was nicht mehr Materie ist);
              3. der absoluten Vollständigkeit der Entstehung einer Erscheinung überhaupt;
              4. der absoluten Vollständigkeit der Abhängigkeit des Daseins des Veränderlichen in der Erscheinung.
            2. Vier Antinomien:
              1. Quantität der Welt:
                Thesis
                Antithesis
                • Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und Grenzen im Raum.
                • Die Welt ist anfangslos und ohne Grenzen im Raum.
              2. Qualität der Welt:
                Thesis
                Antithesis
                • Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen Teilen.
                • Es existiert nichts Einfaches.
              3. Relation der Welt:
                Thesis
                Antithesis
                • Es gibt eine Freiheit im transzendentalen Sinn als Fähigkeit eines absoluten, ursachenlosen Anfangs einer Reihe von Wirkungen.
                • Es geschieht alles in der Welt lediglich nach Gesetzen der Natur.
              4. Modalität:
                Thesis
                Antithesis
                • Es gehört zur Welt (sei es als Teil oder als Ursache) ein schlechthin notwendiges Wesen.
                • Es existiert nichts schlechthin Notwendiges.
              5. a) und b) mathematische, c) und d) dynamische Antinomien. Indirekte Beweisführung. Praktisches und spekulatives Interesse der Vernunft für die Thesen. Lösung der Antinomien durch die Unterscheidung zwischen Erscheinung und Ding an sich. Thesis und Antithesis der mathematischen Antinomien gleich falsch, weil die Welt an sich nicht unter die Bedingung von Raum und Zeit fällt. Indirekter Beweis für die Richtigkeit der transzendentalen Ästhetik. Die Thesen der dynamischen Antinomien gelten für die Welt an sich, ihre Antithesen für die Welt der Erscheinungen. Unterscheidung des empirischen und intelligiblen Charakters.
          7. Widerlegung der rationalen Theologie: Gott als theologisches Ideal. Die Widersprüche im ontologischen, kosmologischen, physikotheologischen (teleologischen) Argument.
          8. Die Vernunftsideen gelten nur als regulative Prinzipien zur Anleitung des Verstandes, in aller empirischer Erkenntnis die systematische Einheit zu suchen, nicht als konstitutive Prinzipien, durch die uns gewisse über alle Erfahrung hinausliegende Objekte gegeben wären.
    3. Transzendentale Methodenlehre
      1. Die Disziplin der reinen Vernunft
        1. im dogmatischen,
        2. im polemischen Gebrauch,
        3. in Ansehung der Hypothesen,
        4. in Ansehung ihrer Beweise.
      2. Der Kanon der reinen Vernunft
        1. Von dem letzten Zweck des reinen Gebrauchs unserer Vernunft.
        2. Vom Meinen, Wissen, Glauben, (Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? – Die letzte Absicht der weislich uns versorgenden Natur ist eigentlich mit aufs Moralische gestellt.)
      3. Die Architektonik der reinen Vernunft.
      4. Die Geschichte der reinen Vernunft.
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Sententiae excerptae:
w41
374 Cum inimico nemo in gratiam tuto redit.
  Für jeden ist Versöhnung mit dem Feind riskant.
  Publil.Syr.C7
635 Maximo periclo custoditur, quod multis placet.
  Höchst riskant ist die Bewachung dessen, was vielen gefällt.
  Publil.Syr.M18
744 Ni gradus servetur, nulli tutus est summus locus.
  Der Gipfel ist nicht sicher, ist der Weg riskant.
  Publil.Syr.N55
Literatur:

11 Funde
4406  Böckle, F.
Werte und Normbegründung
in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, TBd.12, (Herder) Freiburg, Basel, Wien, 1981
4414  Fetscher, I.
Revolution und Widerstand
in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, TBd.14, (Herder) Freiburg, Basel, Wien, 1982
2391  Kaulbach, Friedrich
Der philosophische Begriff der Bewegung : Studien zu Aristoteles, Leibniz und Kant
Köln [u.a.] : Böhlau, 1965
4274  Lobkowicz, N. / Ottmann, H.
Materialismus, Idealismus und christliches Weltverständnis
in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, TBd.19, (Herder) Freiburg, Basel, Wien, 1981
4393  Meyer-Abich, K.M.
Determination und Freiheit
in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, TBd.4, (Herder) Freiburg, Basel, Wien, 1982
2326  Oelmüller / Dölle / Ebach/ Przybylski (Hgg.)
Philosophische Arbeitsbücher 3. Diskurs Religion
Paderborn, Schöningh (UTB 895) 1979
2324  Oelmüller / Dölle / Piepmeier (Hgg.)
Philosophische Arbeitsbücher 2. Diskurs Sittliche Lebensformen
Paderborn, Schöningh (UTB 778) 2/1980
2325  Oelmüller / Dölle / Piepmeier (Hgg.)
Philosophische Arbeitsbücher 1. Diskurs Politik
Paderborn, Schöningh (UTB 723) 2/1980
4275  Schwan, Alexander
Pluralismus und Wahrheit
in: Christlicher Glaube in moderner Gesellschaft, TBd.19, (Herder) Freiburg, Basel, Wien, 1981
2316  Schwegler, Albert
Geschichte der Philosophie im Umriss. Ein Leitfaden zur Übersicht
Stuttgart, Conradi 9/1876
2519  Volkmann-Schluck, Karl-Heinz
Politische Philosophie : Thukydides, Kant, Tocqueville
Frankfurt am Main : Klostermann, 1974

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