Welche persönliche Motive und politische
Gründe hatte Caesar, in Gallien aktiv zu werden?
- In der römischen Beamtenkarriere spielte Krieg eine
entscheidende Rolle [Wi66]. Der Statthalter erwarb sich durch
seine res gestae, die dignitas, die seinen
politischen Rang begründete. So erklärt z.B. der
Gemeinderat von Auximum Caes.BC 1,13,1: neque se neque reliquos
municipes pati posse C.Caesarem imperatorem bene de re publica
meritum tantis rebus gestis oppido moenibusque prohiberi.
[Ge94]
- Korrektur der durch die Eroberungen Sullas und Pompeius
entstandenen Ostlastigkeit der römischen Politik, um
einer Hellenisierung Roms entgegenzuwirken. [Wi66]
- Romanisierung Galliens, um dem furor Teutonicus ein Bollwerk
entgegenzusetzen. [Wi66]
- Persönliches Bedürfnis der Selbstverwirklichung
als römischer Soldat und Feldherr. [Wi66]
- Ausbeutung der Goldvorräte Galliens (Cevennen, Pyrenäen):
Als Caesar Gallien verließ, war der Goldpreis in Italien
um ein Viertel gefallen. [Wi66]
- Zugang zu den Zinn- und Kupferlager Britanniens
(spätestens seit 57 plante Caesar eine Kanalüberquerung).
[Wi66]
- Zugriff auf andere Rohstoffe und Produkte wie Wolle, Stoffe,
Leder, Holz (Schiffs-, Wagenbau), Überschüsse im
Getreide- und Gemüseanbau. [Wi67].
- Die Kontrolle über die Handelswege und dieSenkung der
hohen Zölle, die sich die einheimische Aristokratie zahlen
ließ, zählte zu den wichtigsten Kriegszielen Caesars.
[Wi67]
Aspekt der Lesersteuerung: "Spätestens von M.Rambaud
haben wir gelernt, Caesar als einen gewieften politischen Propagandisten
zu sehen. In Bezug auf das erste Buch des Bellum Gallicum
wird das immer wieder so verstanden, als hätte Caesar es
geschrieben, um sich zu rechtfertigen, um die vom Zaun gebrochene
Eroberung Galliens bzw. deren ersten Schritt als notwendig hinzustellen.
John Collins hat diese Interpretation in ihre Schranken verwiesen,
indem er u.a. gefragt hat: Wie aktuell ist die Kriegsschuldfrage
noch im Abfassungsjahr 52/51 v.Chr. gewesen? Wieso spricht Caesar
ungehemmt von Massakern an der Zivilbevölkerung und ähnlichem?"
[Rü6]
Die von Rüpke [Rü6) summarisch zusammengestellten
Argumentationsmotive Caesars im Bellum Helveticum
(Caes.BG. 1,1-14):
- bellicositas-Motiv: Allgemein wird den Helvetiern
bellicositas zugeschrieben (1,4; 2,4; 2,5; 3,6; 10,2)
- coniuratio-Motiv: Ihre Kriegsmotivation wird diskreditiert:
Es geht um eine coniuratio, um die Errichtung eines regnum
(2,1; 3,1; 3,5-7) (regnum-Motiv); das Argument des Landmangels
wird durch den Kontext entwertet, was schließlich bleibt,
ist ein Abenteuer (pericula subire: 5,3).
- iter-Motiv: Die Helvetier
wollen per provinciam nostram marschieren (6,2; 7,1.3.4;
8,3; 10,1; 14,3). Dies ist keineswegs der einzige Weg (6,1;
9,1), obwohl die Helvetier
das behaupten (7,3).
- iniuria- (maleficia-) Motiv: Die Helvetier
sind den Römern feindlich gesonnen (7,4; 10,2). Es besteht
die Gefahr (periculum-Motiv), dass sie iniurias (maleficia)
verüben. (7,3.4; 9,4; 14,2.3.6).
- contumelia-Motiv: Schon einmal haben die Römer,
im Jahre 107 v.Chr., schweren Schaden davongetragen (7,4; 12,5;
14,1), sind sub iugum, unter das Joch, geschickt worden (7,4;
12,5).
- socii-Motiv: Gefährdet sind aber auch die socii:
Das ganze Kapitel 11 ist diesem Thema gewidmet (daneben auch
14,3.6); hier fällt eine wichtige Entscheidung (non exspectandum).
- poena- (ultio-) Motiv: Der erste Sieg über die
Helvetier wird
mit einem semantischen Feld beschrieben, das die Begriffe poena
(12,6; 14,4) und ulcisci (12,7; 14,5) aufweist. Zu nennen
wären auch noch obsides (9,4; 14,6) und satisfactio
(14,6).
- di immortales-Motiv: Schließlich werden die di
immortales erwähnt: zwei der ganz wenigen Stellen,
an denen in den commentarii über die Taten in Gallien Götter
überhaupt erwähnt werden (12,6; 14,5; häufiger
in den Exkursen der folgenden Bücher).
Zusätzlich:
- Barbaren-Motiv: Die Helvetier
sind Barbaren (1,3-4). Kriege gegen Barbaren (Romanisierung!)
waren für die bellum-iustum-Theorie nicht begründungsbedürftig
[Si40].
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