Gaius Plinius Caecilius Secundus

Epistulae

Buch 3

 
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C. Plinius Caecilius Secundus

LIBER TERTIUS

C. Plinius Caecilius Secundus

DRITTES BUCH

 
(3,1) C. PLINIUS CALVISIO RUFO SUO S.
Nescio, an ullum iucundius tempus exegerim, quam quo nuper apud Spurinnam fui, adeo quidem, ut neminem magis in senectute, si modo senescere datum est, aemulari velim; nihil est enim illo vitae genere distinctius. (2) Me autem, ut certus siderum cursus, ita vita hominum disposita delectat. Senum praesertim: nam iuvenes confusa adhuc quaedam et quasi turbata non indecent, senibus placida omnia et ordinata conveniunt, quibus industria sera, turpis ambitio est.
(3) Hanc regulam Spurinna constantissime servat; quin etiam parva haec - parva si non cotidie fiant - ordine quodam et velut orbe circumagit.
(4) Mane lectulo continetur, hora secunda calceos poscit, ambulat milia passuum tria nec minus animum quam corpus exercet. Si adsunt amici, honestissimi sermones explicantur; si non, liber legitur, interdum etiam praesentibus amicis, si tamen illi non gravantur. (5) Deinde considit, et liber rursus aut sermo libro potior; mox vehiculum ascendit, assumit uxorem singularis exempli vel aliquem amicorum, ut me proxime. (6) Quam pulchrum illud, quam dulce secretum! quantum ibi antiquitatis! quae facta, quos viros audias! quibus praeceptis imbuare! quamvis ille hoc temperamentum modestiae suae indixerit, ne praecipere videatur. (7) Peractis septem milibus passuum iterum ambulat mille, iterum residit vel se cubiculo ac stilo reddit. Scribit enim et quidem utraque lingua lyrica doctissima; mira illis dulcedo, mira suavitas, mira hilaritas, cuius gratiam cumulat sanctitas scribentis. (8) Ubi hora balinei nuntiata est - est autem hieme nona, aestate octava -, in sole, si caret vento, ambulat nudus. Deinde movetur pila vehementer et diu; nam hoc quoque exercitationis genere pugnat cum senectute. Lotus accubat et paulisper cibum differt; interim audit legentem remissius aliquid et dulcius. Per hoc omne tempus liberum est amicis vel eadem facere vel alia, si malint. (9) Apponitur cena non minus nitida quam frugi, in argento puro et antiquo; sunt in usu et Corinthia, quibus delectatur nec afficitur. Frequenter comoedis cena distinguitur, ut voluptates quoque studiis condiantur. Sumit aliquid de nocte et aestate; nemini hoc longum est; tanta comitate convivium trahitur. (10) Inde illi post septimum et septuagensimum annum aurium, oculorum vigor integer, inde agile et vividum corpus solaque ex senectute prudentia.
(11) Hanc ego vitam voto et cogitatione praesumo, ingressurus avidissime, ut primum ratio aetatis receptui canere permiserit.
Interim mille laboribus conteror, quorum mihi et solacium et exemplum est idem Spurinna; (12) nam ille quoque, quoad honestum fuit, obiit officia, gessit magistratus, provincias rexit, multoque labore hoc otium meruit. Igitur eundem mihi cursum, eundem terminum statuo, idque iam nunc apud te subsigno, ut, si me longius evehi videris, in ius voces ad hanc epistulam meam et quiescere iubeas, cum inertiae crimen effugero. Vale.
AN CALVISIUS RUFUS
Ich kann mich nicht erinnern, je eine Zeit angenehmer zugebracht zu haben als neulich bei Spurinna; so sehr, dass ich im Alter (wenn ich je alt werde) keinem Ă€hnlicher werden möchte: denn es gibt nichts Geordneteres als seine Lebensweise. So wie der bestimmte Lauf der Sterne, so ergötzt mich ein geregeltes Leben des Menschen, besonders der Greise. Junge Leute kleidet noch eine gewisse Unordnung, fast möchte ich sagen ein stĂŒrmisches Wesen: den Alten, fĂŒr die es zu spĂ€t ist, tĂ€tig und unschicklich, ehrgeizig zu sein, geziemt durchaus Ruhe und Ordnung.
(3) Diesen Grundsatz befolgt Spurinna aufs folgerichtigste; sogar in Kleinigkeiten - Kleinigkeiten, wenn sie nicht tÀglich geschehen - bewegt er sich in einer gewissen Ordnung, und wie in einem Kreis.
(4) Morgens hĂ€lt er sich im Bett; um die zweite Stunde lĂ€sst er sich ankleiden, geht ungefĂ€hr 3000 Schritte. Dabei ĂŒbt er seinen Geist nicht weniger als seinen Körper. Sind Freunde zugegen, so werden die trefflichsten GesprĂ€che gefĂŒhrt, wo nicht, so wird ein Buch gelesen: dies bisweilen auch in Gegenwart von Freunden, wenn es ihnen anders nicht zuwider ist. Hierauf setzt er sich und dann wird wieder gelesen oder etwas gesprochen, was noch besser ist als ein Buch; bald darauf steigt er in den Wagen, in Begleitung seiner Gattin, die ihm ein Muster ihres Geschlechts ist, oder er nimmt einen seiner Freunde zu sich, wie mich neulich. Welch schöne, welch sĂŒĂŸe Vertraulichkeit! Was hört man da aus der alten Zeit, von welchen Taten, von welchen MĂ€nnern, in welche Lehren wird man eingeweiht! Und doch hat sich seine Bescheidenheit die Pflicht angelegt, nicht als Lehrer gelten zu wollen. Nach einer Fahrt von 7000 Schritten geht er wieder tausend, setzt sich dann eins aus will oder begibt sich auf sein Zimmer und zu seinem Griffel zurĂŒck. Denn der schreibt, und zwar in beiden Sprachen, treffliche lyrische Gedichte. Diese haben eine wundersame Lieblichkeit, Anmut, Munterkeit, deren Reiz durch die sittliche Reinheit des Dichters erhöht wird. Ist die Stunde zum Baden angesagt (was im Winter um die neunte, im Sommer um die achte Stunde geschieht) so geht er, wenn es windstill ist, unbekleidet in der Sonne auf und ab. Hierauf macht er sich durch das Ballspiel heftige und lange Bewegung: denn auch durch diese LeibesĂŒbung kĂ€mpft er gegen das Alter an. Nach dem Bad legt er sich und wartet noch ein wenig mit dem Essen; inzwischen lĂ€sst er sich etwas Leichtes und Angenehmes vorlesen. Diese ganze Zeit ĂŒber steht als seinen Freunden frei, das selbe oder, wenn sie wollen, etwas anderes zu tun. Ein ebenso niedliches wie einfaches Mahl wird in echtem und altem Silber aufgetragen. Er hat auch korinthische GefĂ€ĂŸe zum Gebrauch, an denen er, jedoch ohne Leidenschaft, VergnĂŒgen findet. Oft wird die Tafel durch Schauspieler unterhalten, um die sinnliche Lust durch geistigen Genuss zu wĂŒrzen. Man bleibt auch im Sommer bis in die Nacht bei Tisch. Keinem dauert dies zu lang, auf so angenehme Weise zieht sich das Mahl in die LĂ€nge. Darum hat er auch nach dem vollendeten 77. Lebensjahr die ganze Kraft seines Gehörs und Gesichtes; darum die Beweglichkeit und Lebendigkeit des Körpers, und vom Alter gar nichts als die Erfahrung.
(11) Ein solches Leben denke und wĂŒnsche ich mir im Geiste und werde es mit grĂ¶ĂŸter Begierde anfangen, sobald nur dies VerhĂ€ltnis meines Alters mit gestattet, zum RĂŒckzug zu blasen.
Inzwischen reibe ich mich mit tausend GeschĂ€ften auf, fĂŒr die mir eben auch Spurinna Trost und Beispiel ist. (12) Denn auch er hat, solange es die Ehre erforderte, Dienste getan, Ämter verwaltet, Provinzen regiert und sich diese Ruhe durch viel Arbeit verdient. Denn auch er hat, solange es die Ehre erforderte, Dienste getan, Ämter verwaltet, Provinzen regiert und sich diese Ruhe durch viel Arbeit verdient.
Also stecke ich mir die selbe Laufbahn, das selbe Ziel, und will es jetzt bei dir unterschreiben, so dass du, wenn du mich darĂŒber hinausgehen siehst, mich vor diesem Brief belangst und mich auszuruhen heißest, sobald ich dem Vorwurf der TrĂ€gheit entwichen bin. Lebe wohl!
Übersetzung: neu übersetzt auf der Grundlage von C.F.A. Schott
- Letzte Aktualisierung: 28.11.2011 - 12:39