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Aristoteles, Poetik 

Zusammenfassung zu Kap. 1- 14

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Die Tragödie im Rahmen der allgemeinen Poetik

 

 

A. Dichtkunst allgemein

I. Themen:

  1. Die Dichtkunst als solche (περὶ ποιητικῆς αὐτῆς);
  2. ihre Gattungen (περὶ... τῶν εἰδῶν αὐτῆς) und einzelnen Wirkungen (ἥν τινα δύναμιν ἕκαστον ἔχει);
  3. Aufbau, Komposition (allg. Normen) (πῶς δεῖ συνίστασθαι τοὺς μύθους);
  4. Zahl und Art der Teile (ἐκ πόσων καὶ ποίων ἐστὶ μορίων)
  5. andere Fragen desselben Gegenstandes (περὶ τῶν ἄλλων, ὅσα τῆς αὐτῆς ἐστι μεθόδου)

     

II. μίμησις als Oberbegriff von Dichtkunst (1. Teil der Definition):

μίμησις ist artspezifisches Charakteristikum des Menschen: "τὸ... μιμεῖσθαι σύμφυτον τοῖς ἀνθρώποις ἐκ παίδων ἐστὶ καὶ τούτῳ διαφέρουσι τῶν ἄλλων ζῴων" (cap. 4)

Epos ἐποποιία sind alle insgesamt Nachahmungen (πᾶσαι τυγχάνουσιν οὖσαι μιμήσεις τὸ σύνολον)
Tragödie τραγῳδία
Komödie κωμῳδία
Dithyrambos διθυραμβο-ποιητικὴ
Flötenkunst αὐλητικῆς ἡ πλείστη
Kitharakunst κιθαριστικῆς ἡ πλείστη

 

III. Unterschiede zwischen den einzelnen Gattungen:

  1. Mittel der Darstellung (Material, Form) (τὸ ἐν ἑτέροις μιμεῖσθαι)
    • Malerei: Farbe (χρώμασι)
    • Bildhauerei Gestalt (σχήμασι)
    • Tonkunst Gesang, Ton (διὰ τῆς φωνῆς)
    • Dichtkunst
      • Tanz (ῥυθμῷ)
      • Rede (λόγῳ)
      • Musik (ἁρμονίᾳ)
  2. dargestellter Gegenstand (τὸ ἕτερα μιμεῖσθαι)
    • Man ahmt handelnde Menschen (πράττοντας) nach
    • Sie sind charakterlich (τὰ ἤθη) entweder 
        besser als wir (βελτίονας ἢ καθ' ἡμᾶς), τραγῳδία
      • edel (σπουδαίους) 
      • gemein ( φαύλους)
      genauso gut (τοιούτους) oder  
        schlechter als wir (χείρονας ἢ καθ' ἡμᾶς) κωμῳδία
  3. Art und Weise (Stil, Ausdrucksweise) (τὸ ἑτέρως μιμεῖσθαι)
    • Man berichtet (ἀπαγγέλλοντα)
      • so, dass der Dichter einen Erzähler einführt (ἕτερόν τι γιγνόμενον) 
      • oder nur er selbst erzählt (τὸν αὐτὸν καὶ μὴ μεταβάλλοντα),
    • Man lässt die nachgeahmten Personen selbst als handelnd auftreten (ὡς πράττοντας καὶ ἐνεργοῦντας).

     

IV. Zusammenfassung

ἐν οἷς ῥυθμός λόγος ἁρμονία
σπουδαῖον ἧθος φαῦλον ἧθος τοιοῦτον ἧθος
ὡς

ἀπαγγελία

δρᾶμα
ἕτερος γιγνόμενος αὐτὸς μένων

 

B. Die Tragödie

I. Ihre genetische Definition (cap. 4)

  1. Improvisationsartige Anfänge (ἀπ' ἀρχῆς αὐτοσχεδιαστικῆς)
  2. Vorsänger, die den Dithyrambos anstimmten (ἀπὸ τῶν ἐξαρχόντων τὸν διθύραμβον)
  3. Aischylos führt den 2. Schauspieler ein (τό τε τῶν ὑποκριτῶν πλῆθος ἐξ ἑνὸς εἰς δύο πρῶτος Αἰσχύλος ἤγαγε)
  4. Zurücktreten des Chors zugunsten der Sprechpartien. Αἰσχύλος... καὶ τὸν λόγον πρωταγωνιστεῖν παρεσκεύασεν (λόγος als Träger der Handlung)
  5. Sophokles führt den 3. Schauspieler ein (τρεῖς δὲ <ὑποκριτὰς ἤγαγε> Σοφοκλῆς)
  6. Sophokles führt die Bühnenmalerei ein (καὶ σκηνογραφίαν <ἤγαγε> Σοφοκλῆς)
  7. Zunahme an Größe gegenüber den kleinen Geschichten des Anfangs und Wandel der lächerlichen Redeweise zur feierlichen (ἔτι δὲ τὸ μέγεθος· ἐκ μικρῶν μύθων καὶ λέξεως γελοίας... ὀψὲ ἀπεσεμνύνθη)
  8. Iambisches Metrum statt trochäischem (πρῶτον τετραμέτρῳ ἐχρῶντο. μάλιστα λεκτικὸν τῶν μέτρων τὸ ἰαμβεῖόν)
  9. Zahl der Szenen wird erhöht (ἔτι δὲ ἐπεισοδίων πλήθη)

 

II. Ihre Nominaldefinition (cap. 6)

περὶ δὲ τραγῳδίας λέγωμεν ἀναλαβόντες αὐτῆς ἐκ τῶν εἰρημένων τὸν γινόμενον ὅρον τῆς οὐσίας. ἔστιν οὖν τραγῳδία μίμησις πράξεως σπουδαίας καὶ τελείας μέγεθος ἐχούσης, ἡδυσμένῳ λόγῳ χωρὶς ἑκάστῳ τῶν εἰδῶν ἐν τοῖς μορίοις, δρώντων καὶ οὐ δι' ἀπαγγελίας, δι' ἐλέου καὶ φόβου περαίνουσα τὴν τῶν τοιούτων παθημάτων κάθαρσιν. Für die Tragödie ergibt sich aus dem Gesagten als Wesensbestimmung: Die Tragödie ist Nachahmung eine edlen und abgeschlossenen Handlung, die Größe besitzt; entsprechend der Art ihrer Teile ist sie stilistisch ansprechend gestaltet und stellt Handelnde dar und erzählt nicht. Durch <Weckung von> Mitleid und Furcht bewirkt sie die Reinigung von derartigen Affekten.

 

III. Sechs (qualitative) Teile (Formelemente) der Tragödie

  1. Mythos (μῦθος): Handlungsgefüge als Fundament (Seele) und Ziel der Tragödie.
    Begründungen:
    • Wandlungen vom Glück ins Unglück entsprechen der Lebenswirklichkeit
    • Als Seele des Mythos sind sie notwendige Bedingung der Tragödie. Eher können die Charaktere fehlen.
    • Wandlungen (ἀναγνώρισις, περιπέτεια) erzielen die intensivste Wirkung auf den Zuschauer 
    • Im gelungenen Handlungsgefüge spiegelt sich der Meister. Sie stellt an den Dichter höhere Anforderungen als die übrigen Formelemente
  2. Charakter (ἦθος), in dem die habituelle Handlungsmotivation (προαίρεσις) der Akteure verankert sind. Er bewirkt, dass Handlungen so oder so qualifiziert werden können.
  3. Erkenntnisfähigkeit (διάνοια): Sie beweist sich in der Darstellung und Beurteilung von Sachlagen und in den jeweiligen Handlungskonsequenzen, die man für angemessen hält. Unter sie rechnen die intellektuellen Fähigkeiten, rhetorischer und politischer Sachverstand und die Art des Wertdenkens.  
  4. Sprache (λέξις): Das Mittel, durch das sich die Akteure entsprechend ihrer Situationsanalyse, ihrer charakterlichen Disposition und ihrem Denken und Planen untereinander und gegenüber dem Zuschauer angemessen verständlich machen. 
  5. Melodik, Musik (μελοποιία): Sie zählt unter die ἡδύσματα, erstrebt also die emotionale Einstimmung des Zuschauers.
  6. Inszenierung (ὄψις), Die äußere Form der Darbietung, die am wenigstens mit der Dichtkunst verbunden ist.

     

IV. Anforderungen an den Mythos (cap. 7-14)

  1. Schönheit liegt bei Zusammengesetztem in Anordnung (τάξις) und Größe (μέγεθος):
    1. Geschlossenheit: Ein richtig angeordnetes Ganzes hat Anfang, Mitte und Ende. Das Handlungsgefüge darf also weder beliebig einsetzen oder beliebig enden:
      • Anfang: ohne notwendige Voraussetzungen (ursachenlos) aber mit konsequenter Fortsetzung (wirkungsvoll);
      • Mitte: mit Voraussetzungen und Konsequenzen;
      • Ende: ist verursacht, hat aber keine notwendige Fortwirkungen.
    2. Größe: Sie muss (wie alles sinnlich Wahrgenommene) überschaubar und einprägsam bleiben. Sie ist abhängig von dem für die Motivation des  Handlungsumschwungen erforderlichen Bedarf an Voraussetzungen (Ökonomie der tragischen Verlaufskurve).
      • zu klein: die Anschauung (θεωρία) verwirrt sich;
      • zu groß: Anschauung kommt gar nicht erst zustande. 
    3. Einheit der Handlung (cap. 8)
      • Dazu genügt nicht schon die Identität der Personen, sondern sie erwächst aus dem einheitlichen Gefüge des Gegenstandes. Homer erweist sich darin als Meister, wie er die einzelnen Abenteuer des Odysseus zu einer Einheit formt.
      • Kriterium für die Einheit der Handlung sind Weglass- und Umstellprobe: Weglassen und Umstellung eines Teiles führen unweigerlich zur Zerstörung des Gesamtgefüges.

       

  2. Dichtung und Wahrheit (cap. 9)

    Nicht der zeitliche Ablauf des Geschehens, sondern die innere Wahrscheinlichkeit und Notwendigkeit bildet das Prinzip der Einheitlichkeit des poetischen Mythos. 
    1. Dichtung stellt Möglichkeiten des Handelns dar. Im Gegensatz zur Geschichtsschreibung ist sie allgemeiner, philosophischer und modellhaft. Ihre Personen sind typisch. 
    2. Geschichtsschreibung teilt das Besondere mit, das, was geschehen ist. [Aber auch Historiker wie Herodot und Thukydides treffen Auswahl und Komposition nach allgemeinen inneren Kriterien.]

     

  3. Mitleid und Furcht 

    Sie beruhen auf der Handlung und sind am wirkungsvollsten, wenn sie sich zwar folgerichtig, aber trotzdem überraschend einstellen.

     

  4. Arten der Handlung (Mythen)

    1. einfach: ein einheitlicher Handlungszusammenhang, bei dem sich die Wende zum Unglück ohne Peripetie oder Wiedererkennung vollzieht. Sie ist kein Beweis dichterischer Qualität.
    2. kompliziert: Die Wende ist mit Peripetie und / oder Wiedererkennung verbunden.

     

  5. Wendepunkte der Handlung (μετάβασις, μεταβολή)

    1. Peripetie (περιπέτεια): Das Umschlagen eines erstrebten Zieles in sein Gegenteil. 
      Beisp.: Der Bote aus Korinth, der Oidipus von seiner Furcht des Inzests mit Merope befreien will.
    2. Anagnorisis (ἀναγνώρισις): Umschlagen von Unkenntnis in Kenntnis, bezogen auf Personen (am eindrucksvollsten) oder Sachzusammenhänge. Bei Personen auch wechselseitig (Iphigenie und Orest). Am wirkungsvollsten in Verbindung mit der Peripetie. 
      Beisp.: Iokaste erkennt, dass Oidipus ihr Sohn ist, Oidipus erkennt, wer er ist, und dass er der Mörder seines Vaters ist.
    3. Pathos / Katastrophe (πάθος / καταστροφή): Darstellung schweren Leids auf der Bühne, wie Tod, Verwundung

     

  6. Die quantitativen Teile einer Tragödie (cap. 12)

    1. allen Tragödien gemeinsam (Sprech- und Chorpartien)
      • Prolog (πρόλογος): Der Teil vor der Parodos (Aufgabe der Exposition)
      • Parodos (πάροδος): Die erste vollständige Partie des Chores (Gesang, Rezitativ, Tanz)
      • Epeisodion (ἐπεισόδιον): Der Teil zwischen zwei vollständigen Chorpartien
      • Stasimon (στάσιμον): Standlied. Alle vollständigen Chorpartien nach dem Stasimon
      • Exodos (ἔξοδος): Der Teil nach dem letzten Chorlied
    2. Besonderheiten einzelner Tragödien
      • Solo-Arie: τὰ ἀπὸ τῆς σκηνῆς - von der Bühne herab (also vom Schauspieler und nicht vom Chor in der Orchestra gesungen
      • Kommos (κομμός): Klagelied, von einem Solisten und Chor gemeinsam gesungen

     

  7. Die innere Fügung (σύνθεσις) des Mythos (der Tragödie)

    1. Erfordernisse:
      • die Tragödie soll verwickelt sein (πεπλεγμένη)
      • die Tragödie soll Furcht und Mitleid erregen (φόβος, ἔλεος)
        • Mitleid (ἔλεος), wenn jemand unverschuldet leidet,
        • Furcht (φόβος), dadurch dass sich der Zuschauer mit der leidenden Person identifiziert. 
    2. Qualitätsmängel:
      • der Umschwung eines tadellosen (ἐπιεικής) Menschen vom Glück ins Unglück: Mitleid und Furcht bleiben aus.
      • der Umschwung eines schlechten Menschen (μοχθηρός) vom Unglück ins Glück: Mitleid und Furcht bleiben wegen Mangel an Menschenfreundlichkeit (φιλανθρώπινον) aus.
      • der Umschwung eines ganz schlechten Menschen (σφόδρα μοχθηρός) vom Glück ins Unglück.
        • Mitleid bleibt aus: Leid ist verdient
        • Furcht bleibt aus: keine Identifizierung
    3. Qualitätsmerkmale:
      • Der Umschwung erfolgt nur vom Glück ins Unglück,
      • am besten einfach, keine Verdopplung durch Umkehr,
      • verdoppelt: die Guten und Schlechten enden entgegengesetzt (Odyssee); der verdrehte Ausgang wirkt eher komisch;
      • er erfolgt beim sittlich mittleren Charakter (ὁ μεταξύ): also nicht trotz hoher Sittlichkeit oder wegen Schlechtigkeit, 
      • sondern aufgrund eines großen Fehlers (ἁμαρτία) einer mehr oder weniger herausragenden Persönlichkeit.
  1. Furcht und Mitleid aufgrund des Handlungsgefüges (cap. 14)

    1. Diese Wirkungen sollen nicht durch Inszenierung, sondern durch die Handlung erzielt werden. Die Tat sollte sich zwischen Nahestehenden (statt Feinden) ereignen (etwa Vater und Sohn). Kriterien sind: Ausführung <--> Nichtausführung und wissentliches <--> unwissentliches Handeln.
    2. Die denkbaren Fälle und ihre Rangordnung:
Handlung / Tat
ausgeführt nicht ausgeführt
wissentlich geplant
3. Rang:
  • Medea lässt ihre Kinder töten
4. Rang:
abscheulich, aber untragisch, weil kein Leid 
(nur in Ausnahmefällen verwendet)
  • Haimon tötet Kreon nicht
unwissentlich geplant (spätere Einsicht)
2. Rang:
nicht abscheulich, aber erschütternd (durch ἀναγνώρισις)
(späte Einsicht erst nach der Tat)
  • Oidipus tötet seinen Vater...
1. Rang:
(verhindernde Einsicht noch vor der Tat)
  • Merope will ihren Sohn töten, erkennt ihn aber rechtzeitig 
  • Iphigenie soll Orestes opfern, erkennt ihn aber rechtzeitig.

 

Sententiae excerptae:
w34
1912 Multos carmen decepit.
  Viele irren sich in der Poesie. (Viele hat die Posie schon getäuscht.)
  Petron.118,1
Literatur:

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