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(Üb. nach A.Pauly)
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(1)
Hesternum diem divisi cum mala valetudine: antemeridianum illa sibi vindicavit,
postmeridiano mihi cessit. Itaque lectione primum temptavi animum; deinde,
cum hanc recepisset, plus illi imperare ausus sum, immo permittere: aliquid
scripsi et quidem intentius quam soleo, dum cum materia difficili contendo
et vinci nolo, donec intervenerunt amici qui mihi vim adferrent et tamquam
aegrum intemperantem coercerent. In locum stili sermo successit, ex quo
eam partem ad te perferam, quae in lite est. Te arbitrum addiximus. Plus
negotii habes quam existimas: triplex causa est.
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Den gestrigen Tag teilte ich mit meiner Krankheit:
den Vormittag beanspruchte sie für sich, am Nachmittag übte sie
Nachsicht mit mir. So erprobte ich mich zunächst an Lektüre. Als
ich diese aufgenommen hatte, wagte ich, mir mehr zuzumuten, vielmehr zu
erlauben: Angespannter als sonst schrieb ich etwas. Dabei schlug ich mich,
ohne mich unterkriegen zu lassen, mit einer schwierigen Materie herum, bis
Freunde dazwischen kamen, mich bedrängten und wie einen unvernünftigen
Kranken zur Ordnung riefen. Der Schreibübung folgte das Gespräch.
Daraus werde ich dir den strittigen Teil überantworten. Du bist unser
Richter. Du hast mehr Arbeit als du denkst: die Sache hat drei Teile. |
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(2)
Dicunt, ut scis, Stoici nostri duo esse in rerum natura, ex quibus omnia
fiant, causam et materiam. Materia iacet iners, res ad omnia parata, cessatura,
si nemo moveat; causa autem, id est ratio, materiam format et quocumque
vult versat, ex illa varia opera producit. Esse ergo debet, unde fiat
aliquid, deinde a quo fiat: hoc causa est, illud materia.
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Bekanntlich nehmen unsere Stoiker zwei Prinzipien
aller Dinge an, die Ursache und die Materie. Die Materie ist tot, für
jede Einwirkung empfänglich und so lange untätig, als niemand
sie in Bewegung setzt. Die Ursache aber, das ist die Vernunft, gestaltet
die Materie, wandelt sie um nach Gefallen und bringt aus ihr mannigfaltige
Werke hervor. Es muss also zuerst etwas sein, woraus ein Ding wird, sodann
etwas, wodurch es wird Dieses ist die Ursache, jenes die Materie.
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(3)
Omnis ars naturae imitatio est; itaque, quod de universo dicebam, ad haec
transfer, quae ab homine facienda sunt. Statua et materiam habuit, quae
pateretur artificem, et artificem, qui materiae daret faciem; ergo in statua
materia aes fuit, causa opifex. Eadem condicio rerum omnium est: ex eo constant,
quod fit, et ex eo, quod facit. |
Alle Kunst ist Nachahmung der Natur. Was ich
also vom Weltganzen sagte, ist auch anzuwenden auf das, was der Mensch zu
schaffen hat. Die Bildsäule setzt voraus eine Materie, welche von dem
Künstler sich behandeln ließ, und einen Künstler, welcher
der Materie ihre Gestalt gab. Bei der Bildsäule ist also die Materie
das Erz, die Ursache ist der Meister. Dasselbe ist es mit allen Dingen:
sie bestehen aus dem Bewirkten und aus dem Bewirkenden. |
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(4) Stoicis
placet unam causam esse id, quod facit. Aristoteles putat causam tribus
modis dici: 'prima' inquit 'causa est ipsa materia, sine qua nihil potest
effici; secunda opifex; tertia est forma, quae unicuique operi inponitur
tamquam statuae'. Nam hanc Aristoteles 'εἶδος' vocat. 'Quarta quoque'
inquit 'his accedit, propositum totius operis.'
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Die Stoiker nehmen nur eine Ursache an, die bewirkende;
Aristoteles aber ist der Meinung, die Ursache sei in dreifachem Sinne zu
verstehen. Die erste Ursache sei die Materie selbst, ohne welche nichts
hervorgebracht werden kann; die zweite der Meister; die dritte die Form,
welche jedem Werke, wie einer Bildsäule, gegeben wird. Diese nennt
Aristoteles εἶδος. Noch kommt, sagt er, ein viertes hinzu, der Zweck
des ganzen Werkes. |
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(5)
Quid sit hoc, aperiam. Aes prima statuae causa est; numquam enim facta
esset, nisi fuisset id, ex quo funderetur ducereturve. Secunda causa artifex
est; non potuisset enim aes illud in habitum statuae figurari, nisi accessissent
peritae manus. Tertia causa est forma; neque enim statua ista 'doryphoros'
aut 'diadumenos' vocaretur, nisi haec illi esset inpressa facies. Quarta
causa est faciendi propositum; nam nisi hoc fuisset, facta non esset. |
Ich will es erklären. Von einer Bildsäule
ist die erste Ursache das Erz; denn sie wäre nie ohne das entstanden,
woraus sie gegossen oder getrieben wurde. Die zweite Ursache ist der Künstler,
denn jenes Erz hätte nie in die Gestalt einer Bildsäule umgeschaffen
werden können, wenn nicht geschickten Hände hinzugekommen wären.
Die dritte Ursache ist die Form, denn jene Bildsäule würde nicht
Doryphoros oder Diadumenos heißen, wenn ihr nicht gerade dieses Gepräge
aufgedrückt worden wäre. Die vierte Ursache ist der Zweck ihrer
Verfertigung; denn ohne diesen wäre sie nicht entstanden. |
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(6)
Quid est propositum? quod invitavit artificem, quod ille secutus fecit:
vel pecunia est haec, si venditurus fabricavit, vel gloria, si laboravit
in nomen, vel religio, si donum templo paravit. Ergo et haec causa est,
propter quam fit: an non putas inter causas facti operis esse numerandum,
quo remoto factum non esset? |
Der Zweck aber ist das, was den Künstler
zur Arbeit einlud, was er dabei beabsichtigte. Sein Zweck ist entweder Geld,
wenn er zum Verkauf arbeitete; oder Ruhm, wenn er arbeitete, um sich einen
Namen zu machen; oder religiöser Art, wenn er ein Geschenk in einen
Tempel stiften wollte. Also auch dies ist eine Ursache, um welcher willen
etwas geschieht. Oder ist nicht alles unter die Ursachen eines entstandenen
Werkes zu zählen, ohne das es nicht entstanden wäre? |
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(7)
His quintam Plato adicit exemplar, quam ipse 'idean' (ἰδέαν) vocat;
hoc est enim, ad quod respiciens artifex id, quod destinabat, effecit.
Nihil autem ad rem pertinet, utrum foris habeat exemplar, ad quod referat
oculos an intus, quod ibi ipse concepit et posuit. Haec exemplaria rerum
omnium deus intra se habet numerosque universorum, quae agenda sunt, et
modos mente conplexus est; plenus his figuris est, quas Plato 'ideas'
(ἰδέας) appellat, inmortales, inmutabiles, infatigabiles. Itaque
homines quidem pereunt, ipsa autem humanitas, ad quam homo effingitur,
permanet, et hominibus laborantibus, intereuntibus, illa nihil patitur.
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Eine fünfte Ursache fügt zu diesen
noch Plato hinzu, das Modell, was er selbst Idee (ἰδέα) nennt; sie
ist dasjenige, was der Künstler bei Ausführung des beabsichtigten
Werkes vor Augen hatte. Es tut nichts zur Sache, ob dieses Modell, auf welches
er seine Blicke heftet, sich außer ihm selbst oder in ihm befinde,
d.h. von ihm selbst geschaffen und sich vorgestellt. Diese Modelle aller
Dinge hat die Gottheit in sich. Der göttliche Geist begreift Zahl und
Maß aller zu schaffenden Dinge; er ist voll von jenen Formen, welche
Platon die unendlichen, unwandelbaren, unerschöpflichen Ideen (ἰδέαι)
nennt. So vergehen zwar die Menschen, aber die Menschheit selbst, nach welcher
der einzelne Mensch geschaffen wird, bleibt; und, indem die Menschen kämpfen
und sterben, erleidet jene nichts. |
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(8)
Quinque ergo causae sunt, ut Plato dicit: id ex quo, id a quo, id in quo,
id ad quod, id propter quod; novissime id, quod ex his est. Tamquam in statua
(quia de hac loqui coepimus) id ex quo aes est, id a quo artifex est, id
in quo forma est, quae aptatur illi, id ad quod exemplar est, quod imitatur
is, qui facit, id propter quod facientis propositum est, id quod ex istis
est, ipsa statua [est].
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Nach Plato gibt es also fünf Ursachen der
Dinge: dasjenige, aus was, das durch was, das in was, das nach was und das,
wegen dessen etwas geschieht. Hierzu kommt endlich dasjenige selbst, was
aus diesen Ursachen zustande gekommen. So ist an der Bildsäule - weil
ich nun nun einmal dieses Gleichnis gewählt habe - das "aus was":
Metall; das "durch was": der Künstler; das "in was":
die Form, die ihr gegeben wird; das "nach was": das Modell, welches
der Verfertiger nachahmt; das "wegen dessen": der Zweck der Arbeit.
Was aus diesem allen entsteht, ist die Bildsäule selbst. |
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(9)
Haec omnia mundus quoque, ut ait Plato, habet: facientem, hic deus est;
ex quo fit, haec materia est; formam, haec est habitus et ordo mundi, quem
videmus; exemplar, scilicet ad quod deus hanc magnitudinem operis pulcherrimi
fecit; |
Alles dieses hat, wie Platon sagt, auch die
Welt: einen Werkmeister, dieser ist Gott; etwas, woraus sie ist, dies ist
die Materie; eine Form, diese ist die Gestaltung und Einrichtung der Welt,
wie wir sie vor uns sehen; ein Modell, nach welchem Gott dieses prachtvolle
All erschuf; einen Zweck, um dessen willen er es erschuf. |
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(10)
Quaeris, quod sit propositum deo? bonitas. Ita certe Plato ait: 'quae
deo faciendi mundum fuit causa? bonus est; bono nulla cuiusquam boni invidia
est; fecit itaque quam optimum potuit'. Fer ergo iudex sententiam et
pronuntia, quis tibi videatur verisimillimum dicere, non quis verissimum
dicat; id enim tam supra nos est quam ipsa veritas. |
Du fragst, was Gottes Zweck sei? Das Gute. So
sagt wenigstens Plato: "Welche Ursache hatte Gott, die Welt zu schaffen?
Gott ist gut; in dem Guten aber ist kein Neid; also schuf er die Welt so
gut wie möglich. Entscheide also als Schiedsrichter und gib an, wer
dir das Wahrscheinlichste zu sagen scheint, nicht, wer das Wahrste sagt:
denn dieses ist uns so über, wie die Wahrheit selbst. |
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(11)
Haec, quae ab Aristotele et Platone ponitur, turba causarum aut nimium multa
aut nimium pauca conprendit. Nam si quocumque remoto quid effici non potest,
id causam iudicant esse faciendi, pauca dixerunt. Ponant inter causas tempus:
nihil sine tempore potest fieri. Ponant locum: si non fuerit ubi fiat aliquid,
ne fiet quidem. Ponant motum: nihil sine hoc nec fit nec perit; nulla sine
motu ars, nulla mutatio est. |
Diese Unmenge von Ursachen, die Aristoteles oder
Platon ansetzt, umfasst entweder zu viel oder zu wenig. Denn wenn sie alles,
ohne das keine Wirkung zu erzielen ist, als Wirkursache ansehen, so sagen
sie zu wenig. Zu den Ursachen gehört dann die Zeit: nichts kann nämlich
ohne Zeit bewirkt werden; gehört der Raum: Ohne einen Ort, wo etwas
entstehen kann, wird auch nichts entstehen; gehört die Bewegung: Nichts
entsteht ohne sie, nichts vergeht; ohne Bewegung keine Kunst, keine Veränderung. |
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(12)
Sed nos nunc primam et generalem quaerimus causam. Haec simplex esse debet;
nam et materia simplex est. Quaerimus, quid sit causa? ratio scilicet faciens,
id est deus; ista enim, quaecumque rettulistis, non sunt multae et singulae
causae, sed ex una pendent, ex ea, quae facit. |
Wir aber suchen eine erste und allgemeine Ursache.
Sie muss einfach sein, denn die Materie ist einfach. Wir suchen eine Ursache?
Natürlich die wirkende Vernunft, das heißt Gott; denn alles,
was ihr vorgetragen habt, sind nicht viele Einzelursachen, sondern hängen
alle allein an der, die bewirkt. |
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(13)
Formam dicis causam esse? hanc inponit artifex operi: pars causae est, non
causa. Exemplar quoque non est causa, sed instrumentum causae necessarium.
Sic necessarium est exemplar artifici quomodo scalprum, quomodo lima: sine
his procedere ars non potest, non tamen hae partes artis aut causae sunt. |
Die Form soll Ursache sein? Sie überträgt
der Künstler auf sein Werk. Sie ist Teil der Ursache, nicht Ursache.
Auch das Modell ist nicht Ursache, sondern notwendiges Mittel für die
Ursache. Das Modell ist für den Künstler so nötig, wie Meißel,
wie Feile. Ohne sie kann Kunst nicht vorankommen, gleichwohl sind sie nicht
Teile oder Ursachen der Kunst. |
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(14)
'Propositum' inquit 'artificis, propter quod ad faciendum aliquid accedit,
causa est.' Ut sit causa, non est efficiens causa, sed superveniens. Hae
autem innumerabiles sunt: nos de causa generali quaerimus. Illud vero non
pro solita ipsis subtilitate dixerunt, totum mundum et consummatum opus
causam esse; multum enim interest inter opus et causam operis. |
Der Zweck, sagt man ferner, um dessen willen
ein Künstler seine Arbeit beginnt, ist eine Ursache. Mag er so heißen;
doch ist er nicht die wirkende, sondern eine Nebenursache. Solche aber gibt
es unzählige. Wir fragen hier nach der allgemeinsten. Wenn jene übrigens
das Weltganze, das vollendete Werk selbst, eine Ursache nennen, so ist dies
nicht mit ihrer gewohnten Genauigkeit gesprochen: denn es ist ein großer
Unterschied zwischen dem Werk und der Ursache des Werkes. |
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(15)
Aut fer sententiam aut, quod facilius in eiusmodi rebus est, nega tibi liquere
et nos reverti iube. 'Quid te', inquis, 'delectat tempus inter ista conterere,
quae tibi nullum adfectum eripiunt, nullam cupiditatem abigunt?' Ego quidem
potiora illa ago ac tracto, quibus pacatur animus, et me prius scrutor,
deinde hunc mundum. |
Hierüber sprich entweder dein Urteil oder,
was in solchen Fällen das Leichtere ist, erkläre, du seiest mit
deiner Ansicht nicht im Reinen, und verweise mich auf ein Andermal. - "Allein,"
höre ich dich sagen, "wie kann es dir Vergnügen machen, deine
Zeit mit Dingen zu vertreiben, welche dich von keiner deiner Leidenschaften
befreien, keine deiner Begierden verbannen?" - Allerdings betreibe
ich alles dasjenige zuerst, wodurch das Gemüt zur Ruhe kommt; zuerst
erforsche ich mich, hierauf die Welt. |
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(16)
Ne nunc quidem tempus, ut existimas, perdo; ista enim omnia, si non concidantur
nec in hanc subtilitatem inutilem distrahantur, attollunt et levant animum,
qui gravi sarcina pressus explicari
cupit et reverti ad illa, quorum fuit. Nam corpus hoc animi pondus ac poena
est; premente illo urguetur, in vinclis est, nisi accessit philosophia et
illum respirare rerum naturae spectaculo iussit et a terrenis ad divina
dimisit. Haec libertas eius est, haec evagatio; subducit interim se custodiae,
in qua tenetur, et caelo reficitur. |
Aber auch die gegenwärtige Beschäftigung
ist kein Zeitverderb, wie du meinst. Arten solche Untersuchungen nur nicht
ins Kleinliche und in zwecklose Spitzfindigkeiten aus, so erheben und beschwichtigen
sie den Geist, der, von seiner schweren Bürde gedrückt, sich loszumachen
und zu jenen Wesen wieder zurückzukehren wünscht, zu denen er
gehörte. Dieser Leib ist des Geistes Last und Strafe: er drückt
schwer auf ihn und hält ihn in Banden, wenn nicht die Philosophie herzutritt
und ihn an dem Schauspiel der Natur sich erholen lässt und von dem
Irdischen zum Himmlischen emporhebt. Dies ist seine Freiheit, seine Erlösung:
er entzieht sich zuweilen seiner Haft und erneuert sich durch das Himmlische. |
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(17)
Quemadmodum artifices [ex] alicuius rei subtilioris, quae intentione oculos
defetigat, si malignum habent et precarium lumen, in publicum prodeunt et
in aliqua regione ad populi otium dedicata oculos libera luce delectant,
sic animus in hoc tristi et obscuro domicilio clusus, quotiens potest, apertum
petit et in rerum naturae contemplatione requiescit. |
Künstler, deren Augen bei ungünstigem
und spärlichem Lichte auf irgend einen feinen Gegenstand sich geheftet
und bis zur Ermüdung angestrengt haben, gehen ins Freie und erholen
ihr Gesicht an irgend einem der öffentlichen Unterhaltung gewidmeten
Orte in vollem Lichte: so sucht auch unser in diese düstere und dumpfe
Behausung eingeschlossener Geist, so oft er kann, das Freie und ruht aus
in der Beschauung der Natur. |
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(18)
Sapiens adsectatorque sapientiae adhaeret quidem in corpore suo, sed optima
sui parte abest et cogitationes suas ad sublimia intendit. Velut sacramento
rogatus hoc, quod vivit, stipendium putat; et ita formatus est, ut illi
nec amor vitae nec odium sit, patiturque mortalia, quamvis sciat ampliora
superesse. |
Der Weise, und wer nach Weisheit strebt, ist
zwar an seinen Körper gebunden, aber mit seinem besseren Teil ist er
fern von ihm und hält seine Gedanken auf das Höhere gerichtet.
Das Leben ist ihm ein Kriegsdienst, zu dem ihn gleichsam ein Fahneneid verbindet.
Er ist in einer solchen Fassung, dass er das Leben nicht liebt und nicht
hasst und Menschliches sich gefallen lässt, wiewohl er weiß,
dass es noch ein Besseres gibt. |
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(19)
Interdicis mihi inspectione rerum naturae, a toto abductum redigis in partem?
Ego non quaeram, quae sint initia universorum? quis rerum formator? quis
omnia in uno mersa et materia inerti convoluta discreverit? Non quaeram
quis sit istius artifex mundi? qua ratione tanta magnitudo in legem et ordinem
venerit? quis sparsa collegerit, confusa distinxerit, in una deformitate
iacentibus faciem diviserit? unde lux tanta fundatur? ignis sit, an aliquid
igne lucidius? |
Du willst mir die Betrachtung der Natur untersagen,
mich von dem Ganzen abziehen und auf den Teil beschränken? Ich soll
nicht fragen, was der Anfang des Ganzen, wer der Bildner aller Dinge sei?
wer die in eine einzige, chaotische und träge Masse zusammengeworfenen
Grundstoffe gesondert habe? nicht fragen, wer der Werkmeister dieser Welt
sei, wie Gesetz und Ordnung in dieses ungeheure Ganze gebracht , wer das
Zerstreute gesammelt, das Vermischte ausgeschieden, dem Toten und Gestaltlosen
Leben und Form gegeben habe? aus welcher Quelle diese große Lichtmasse
ströme? ob es Feuer oder etwas noch Helleres sei als Feuer? |
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(20)
Ego ista non quaeram? ego nesciam unde descenderim? semel haec mihi videnda
sint, an saepe nascendum? quo hinc iturus sim? quae sedes expectet animam
solutam legibus servitutis humanae? Vetas me caelo interesse, id est iubes
me vivere capite demisso? |
Ich soll nach all dem nicht fragen, soll
nicht wissen wollen, von wo ich hierher gekommen? ob ich diese Welt einmal
oder mehrmals erblicken soll? wohin ich von hier gehen werde? welcher Aufenthalt
meine Seele erwarte, wenn sie von dem Gesetz dieser Knechtschaft entbunden
sein wird? Du willst mir's wehren, im Himmel einheimisch zu sein, d.h. ich
soll gesenkten Hauptes leben? |
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(21)
Maior sum et ad maiora genitus quam ut mancipium sim mei corporis, quod
equidem non aliter aspicio quam vinclum aliquod libertati meae circumdatum;
hoc itaque oppono fortunae, in quo resistat, nec per illud ad me ullum transire
vulnus sino. Quidquid in me potest iniuriam pati hoc est: in hoc obnoxio
domicilio animus liber habitat. |
Nein, ich bin größer und zu Größerem
geboren, als dass ich ein Sklave meines Körpers sein könnte, den
ich nicht anders betrachte, denn als eine meiner Freiheit angelegte Fessel.
Ihn gebe ich dem Schicksal preis, damit es auf ihn sich beschränke,
und durch ihn hindurch lasse ich keine Wunde bis zu mir selbst dringen.
Was an mir Schaden leiden kann, ist nur dies; in diesem zerstörbaren
Haus wohnt die Seele frei. |
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(22)
Numquam me caro ista conpellet ad metum, numquam ad indignam bono simulationem;
numquam in honorem huius corpusculi mentiar. Cum visum erit, distraham cum
illo societatem; et nunc tamen, dum haeremus, non erimus aequis partibus
socii: animus ad se omne ius ducet. Contemptus corporis sui certa libertas
est. |
Nie soll mich dieses Fleisch zur Flucht, nie
zu einer des edlen Mannes unwürdigen Verstellung verleiten. Nie werde
ich, diesem elenden Leib zu gefallen, lügen. Ich werde, wenn ich es
für gut halte, die Gemeinschaft mit ihm auflösen; und auch jetzt
sind wir, so lange wir zusammenhängen, keine Partner zu gleichen
Rechten; der Geist zieht auf sich alles Recht. Die Verachtung des Leibes
sichert seine Freiheit. |
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(23)
Ut ad propositum revertar, huic libertati multum conferet et illa, de qua
modo loquebamur, inspectio; nempe universa ex materia et ex deo constant.
Deus ista temperat, quae circumfusa rectorem sequuntur et ducem. Potentius
autem est ac pretiosius, quod facit, quod est deus, quam materia patiens
dei. |
Und dieser Freiheit - um auf meinen Gegenstand
zurückzukommen - ist ganz besonders eine Betrachtung förderlich,
wie die soeben besprochene. Die Materie und Gott machen die Gesamtheit der
Dinge aus. Gott regiert die Welt, die ihn als ihren Beherrscher und Führer
umgibt und ihm folgt. Das Wirkende, nämlich Gott, ist das Mächtigere
und Bessere als die Materie, welche Gott gehorcht. |
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(24)
Quem in hoc mundo locum deus obtinet, hunc in homine animus; quod est illic
materia, id in nobis corpus est. Serviant ergo deteriora melioribus; fortes
simus adversus fortuita; non contremescamus iniurias, non vulnera, non vincula,
non egestatem. Mors quid est? aut finis aut transitus. Nec desinere timeo
(idem est enim, quod non coepisse), nec transire, quia nusquam tam anguste
ero. Vale. |
Was Gott in der Welt, ist der Geist in dem Menschen;
was dort die Materie, istan uns der Leib. Also sei das Bessere dem Geringeren
untertan.; wir seien mächtig gegen des Schicksals Macht und zittern
nicht vor Misshandlung, Wunden, Ketten und Armut. Der Tod selbst ist entweder
das Ende oder ein Übergang. Ich fürchte mich nicht zu enden; denn
es ist ebensoviel, als nicht angefangen zu haben. Ich fürchte mich
nicht überzugehen; denn ich werde nirgends so lange wohnen. |
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