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Athen - Panathenäen
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Referat: Panathenäen
Philipp Schäfer - 1999/2000
 

Die Panathenäen

"μεταβολὴ πάντων γλυκύ": Ähnlich wie Elektra in Euripides’ „Orestes" 234 wusste wohl auch Peisistratos, dass Abwechslung immer ein gutes Mittel sei, um andere bei Laune zu halten. Besonders die Bauern, deren Alltag zwar Mühe und Strapaze, sicherlich jedoch nicht Abwechslung prägte, wussten diese zu schätzen. In diesem Sinne ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich die gesamte Bevölkerung Athens und Attikas für Feste und sportliche Wettkämpfe jeder Art ohne weiteres begeistern konnte. Doch das, so scheint es mir, verhält sich heute bei uns nicht anders…

Wenn nicht schon Theseus mit den Panathenäen das Fest zur gemeinsamen Feier des Synoikismos von Attika einführte (Plut.Thes.24,3) einführte, so spätestens Peisistratos in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts, ein Fest, dessen Höhepunkt, die feierliche Prozession durch Athen, den ganzen Glanz und alle Herrlichkeit des antiken Stadtstaates widerzuspiegeln vermochte. Gegenstand und Legitimation dieser sechs Tage dauernden Feierlichkeiten, der bedeutendsten Athens, die alle vier Jahre, jeweils im dritten olympischen Jahr, als "große" – dazwischen jährlich, allerdings ohne Prozession und mit deutlich eingeschränktem Aufwand als "kleine Panathenäen" – stattfanden, war allerdings die Geburtstagsfeier der Stadtgöttin Athena Polias, deren Bildnis aus diesem Anlass ein neues Gewand, einen neuen Peplos, erhielt.

Übergabe des Peplos Übergabe des Peplos auf dem Ostfries des Parthenon

Die Organisation und Administration oblag den speziell für diese Gelegenheit ausgelosten Athleten, die, so glaubten wir Aristoteles, auch für die Vergabe der Preise zuständig waren.

Das Fest begann am Vorabend zum Geburtstag der Stadtgöttin auf dem Felsgelände vor dem Parthenon in einer Nachtfeier mit Tanz und Gesang:

Eurip. Heraklid. 777 - 784 (Üb.: D. Ebener, Berlin 1978)

Χορός
     ἐπεί σοι πολύθυτος ἀεὶ
     τιμὰ κραίνεται, οὐδὲ λά-
     θει μηνῶν φθινὰς ἁμέρα,
νέων τ' ἀοιδαὶ χορῶν τε μολπαί.
     ἀνεμόεντι δ' ἐπ' ὄχθῳ
ὀλολύγματα παννυχίοις ὑπὸ παρ-
θένων ἰαχεῖ ποδῶν κρότοισιν.

Werden die Ehrungen reichlicher Opfer
dir stets doch zuteil, man vergisst auch nicht
den Tag des abnehmenden Mondes,
Lieder der Jugend und Tänze der Chöre.

Auf luftiger Berghöhe dröhnt
in den Nächten das Jubelgeschrei
aus dem Munde der Mädchen,
die stampfend im Tanze sich wiegen.

Die ersten drei Tage im Verlauf der Panathenäen standen im Zeichen gymnischer, musischer und hippischer Wettkämpfe, Agone in der Griechen Sprache. Aus den Disziplinen des Sports, deren Großteil allen griechischen Spielen gleich war, seien hier die zwei herausgegriffen, die nur bei den Panathenäen anerkannt wurden, diese aber in besonderem Maße prägten: alle weiteren finden sich im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen erläutert. Zu nennen wären zum ersten die Ruderregatta, die von Piräus nach Kap Sunion an die Südspitze Attikas führte; zum zweiten der Fackellauf, eine Stafette quer durch ganz Athen, am Abend des dritten Tages ausgetragen. Die Läufer wurden aus den Phylen rekrutiert, wobei der erste mit brennender Fackel ankommende Läufer einen Altar auf der Akropolis entzündete.

Zu den hippischen Disziplinen zählten neben den großen Rennen zu Olympia der Apobaten- und Anabatenagon, dessen Inhalt und Schwierigkeit das Auf- und Abspringen einer von zwei auf dem Wagen befindlichen Personen während des Rennens war, ein Speerwurfwettbewerb vom Pferd aus, Fackelläufe auf Pferden, Rennen mit Kriegs- und Prunkwagen sowie ein manöverartiger militärischer Agon, der ausschließlich im Zusammenhang mit den Panathenäen überliefert ist. Die Reiterspiele hatten in deren Rahmen im Allgemeinen eine außerordentliche Bedeutung.

panathenaeenvaseAls Siegerpreise für die gymnischen und hippischen Wettkämpfe wurden die zur damaligen Zeit im ganzen Mittelmeerraum berühmten und begehrten „panathenäischen Preisamphoren", für die musischen Wettbewerbe Gold und Silber ausgelobt. So erhielt zum Beispiel der Gewinner des Stadionlaufes nichts Geringeres als 60 Preisamphoren; nicht zu unterschätzen in Anbetracht der Tatsache, dass eine einzelne Amphore 40 Liter kostbares Olivenöl der Athene geweihter Ölbäume enthielt, dieser Siegerpreis steuerfrei war und zollfrei exportiert werden durfte. Darüber hinaus besaß der Besitzer einer solchen Amphore ein Prestigeobjekt, das sein Selbstwertgefühl ungemein steigern musste, selbst dann, wenn jene erst aus zweiter Hand stammte. Auch heute noch sind die über hundert ausgegrabenen Gefäße eine vorzügliche Quelle für Sporthistoriker, da ihre malerische Gestaltung meist sportlichen Motiven vorenthalten blieb.

Der schon erwähnte – der Überlieferung nach auf Prometheus’ Feuerraub zurückgeführte – Fackellauf, ein in der einbrechenden Dämmerung sicherlich grandioses Spektakel, leitete auf die pompöse Prozession des folgenden Tages hin.

So ergoss sich am vierten Tage ein nicht enden wollender Zug von Kerameikos, dem Künstlerviertel, durch ganz Athen hin zur Akropolis: An dessen Spitze liefen Jungfrauen aus den vornehmsten Familien der Stadt, die allerlei Opfergerät, Schalen und Kannen trugen; unter diesen nahmen Mädchen mit goldenen und silbernen Gefäßen, in denen sich Honigwaben und Kuchen befanden, die Kanephoren, den ersten Rang ein. Es ist anzunehmen, dass sie mit ihren purpurnen Gewändern eine weithin leuchtende Vorhut bildeten. Den Auserwählten folgten Athens Würdenträger: Archonten, Schatzmeister, Strategen und Priester, darauf die Opfertiertreiber, Jünglinge, deren Aufgabe es war, die je vier zu opfernden Rinder und Schafe zum Altar zu geleiten. Man sah schöne Greise, geschmückt mit Kränzen und Zweigen, die festlich gekleideten Wettkampfsieger der letzten Tage, anmutige Epheben in voller Rüstung zu Pferde, hübsche Mädchen mit Wassergefäßen, Festgesandtschaften anderer Poleis’ und schlussendlich – die große Masse des athenischen Volkes. Begleitet wurde die Prozession von den Klängen der Musiker Flöten und Kitharai. Festordner sorgten für einen reibungslosen Ablauf.

In der Mitte des Zuges wurde das Geburtstagsgeschenk für die Göttin selbst – verkörpert durch eine gewaltige Statue des Phidias, die in den Jahren 438/7 anlässlich der Panathenäen eingeweiht worden war, 12 Meter hoch, aus Holz konstruiert, jedoch mit 44 Talenten Gold, also mehr als einer Tonne des Edelmetalls, und kostbarem Elfenbein belegt – auf einem kreuzförmigen Gestell getragen; der neue Peplos, ein gewaltiges Gewand, das zuvor in neunmonatiger Arbeit von ausgewählten Mädchen und Frauen gewebt worden war, reich mit bildlichen Darstellungen durchwirkt.

Der formell religiöse Höhepunkt der gesamten sechs Tage fand sich, nachdem der Zug auf der Akropolis angekommen war: Nach der feierlichen Opferung der Rinder und Schafe wurde der Peplos angelegt, ein sakraler Akt; darauf folgte schon bald die profanste Handlung: die Aufteilung des Opferfleisches, wobei selbst das einfache Volk nicht zu kurz kam.

Eine detailgetreue, zugleich aber umfassende bildliche Darstellung der gesamten Festprozession findet sich auf dem Parthenonfries, einem 162 Meter langen und einen Meter hohen Reliefband; mehr dazu enthalten die  Referate zum "Parthenon" und seinem "Skulpturenschmuck".

Abschließend lässt sich festhalten, dass die gesellschaftliche Funktion der Panathenäen sich nicht allein im eingangs genannten Ventil zum Ablassen der alltäglichen Mühen für die unteren Schichten erschöpfte, sondern sie dienten durchaus auch der religiösen Erbauung aller, vergrößerten zweifelsohne den Stolz der Athener auf die eigene blühende Stadt und stärkte deren Selbstbewusstsein durch das überwältigende Ergebnis der Anstrengungen aller Beteiligten zum Gelingen dieses Festes, so dass Athen mit Thukydides, der dies freilich aus anderem Anlass tat, in diesen sechs Tagen rufen konnte: "Ganz Hellas blickt auf uns!"

 

Quellen:

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