Die Attische Tragödie |
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Auswahl einer Schullektüre, mit variierenden Zugaben (z.B.: Übersetzungen, Übersetzungshilfen, Interpretationshinweise und Aufgaben) |
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Nach Schadewaldt konstituiert sich das Tragische nach unserer Schulästhetik vor allem durch drei Begriffe:
Schadewaldt führt weiter aus, dass diese moderne Deutung des Tragischen auf die antike Tragödie (wie auch auf Shakespeare), die viel einfacher, elementarer und kompakter sei, nicht zutreffe.
Die Handlung ist also durch die erstrebte Wirkung als schrecklich und jammervoll gekennzeichnet. Als tragisch ist sie näher bestimmt durch:
Damit sich dieser tragische Umschwung wirksam vollziehen kann, ist der Konflikt (nicht in dem oben skizzierten engeren Sinn, sondern als tragisches Grundphänomen) unbedingte Voraussetzung, entsprechend einem Goethewort (6.6.1824) an den Kanzler Müller (zitiert nach Lesky (1) 293):
Oder ähnlich ein anderes Goethewort (28.3.1827) zu Eckermann (zitiert nach Schadewaldt 293):
Beispiele für einfache tragische Grundsituationen findet man (nach K.v.Fritz) bei H.Patzer 5ff
Die Erweiterungen gegenüber Aristoteles werfen drei Fragen auf. Ihre Beantwortung wird es als vorteilhaft erscheinen lassen, sich mit unserem Ausgangspunkt Aristoteles zu bescheiden und die Frage nach Kulturcharakter und Bildungstendz der Tragödie zu übergehen:
Die Beziehung zu Dionysos ist ein historisches Faktum:
Daraus lässt sich aber nicht folgern, die Tragödie sei Teil des öffentlichen Gottesdienstes; höchstens, dass sie der Ausschmückung des Festes diente. Außerdem hat die Tragödie, wie der Dithyrambos, eine Entwicklung durchlaufen, die sie von gottesdienstlichen Handlungen zu literarischen Gattungen machte. Auch das Heldenepos hat profanen Charakter.
Alle erhaltenen Stücke und die Titel und Hypotheseis der verlorenen Stücke sprechen dafür. Dadurch unberührt bleibt die Feststellung des Aristoteles, der μῦθος (Gegenstand, Stoff) könne prinzipiell auch erfunden sein. Für die Perser des Aischylos und die beiden historischen Stücke des Phrynichos ist festzustellen, dass sich in der Vorstellung der Griechen Mythos und Geschichte zäsurlos aneinander reihten, Heroengeschichte also Alte Geschichte bedeutete.
Die Tragödie kann natürlich, wie jede Dichtung, bildende Wirkung ausüben, ist aber zunächst einmal eine literarische, keine pädagogische Erscheinung, etwa im Sinne der "Moralischen Anstalt" Schillers. Snell (Entdeckung des Geistes) weht sich zu Recht gegen den Versuch Jaegers, die gesamte griechische Dichtung als Bildungsaufgabe aufzufassen, und weist nach, dass diese Tendenz erst in der Zeit des Sophismus aufkam. Die Tragödie ist reine Literatur ohne Nebenabsicht, wenn auch Nebenwirkungen unbeabsichtigt vorhanden sein können.
Um der Bandbreite der grundsätzlichen Ideengehalte der attischen, insbesondere sophokleischen Tragödie auch nur annähernd gerecht zu werden, beschränken wir uns auf die übergreifende Antinomie Gott - Mensch. Dazu glauben wir uns aus der Sache heraus berechtigt, weil (nach einer Formulierung Weinstocks (S. 41) die Gestalten des Sophokles "angesichts der Götter leben". Ähnlich Kierkegaard (zitiert nach Weinstock 41): "Wie schrecklich ist es, in die Hand des lebendigen Gottes zu fallen: das ist der kurze Inhalt der griechischen Tragödie."
Damit erweist sich schließlich die Theodizee als zentrale Fragestellung: Wie erklärt sich die Paradoxie des Göttlichen, das sowohl Schreckenstaten fordert als auch Frömmigkeit? Drei Lösungsansätze konkurrieren miteinander:
Folgen wir den Interpretationen Leskys (4) (93 ff.) zu Aischylos, so eröffnet diese Formel weniger umstritten den Weg zum Tragischen bei Aischylos, wobei Schuld einmal aus der freiwilligen und in voller Verantwortlichkeit getroffenen Entscheidung erwächst und somit rational fassbar ist. Diese Entscheidung ist aber stets erzwungen. Der Held kann sich ihr nicht entziehen und handelt, gleichgültig wie er sich entscheidet, stets schuldhaft. So z.B., wenn Orestes vor die Entscheidung gestellt ist, dem Befehl Apollons, seinen Vater zu rächen, entweder zu gehorchen und dadurch zum Muttermörder zu werden, oder dem Gott den Gehorsam zu verweigern, wofür ihm schreckliche Gefahren angedroht sind.
Aischylos:
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in vergleichbarer Entscheidungsnot steht der Basileus in den Hiketiden: Soll er die Aufnahme der Schutzflehenden ablehnen (Verstoß gegen die religiöse Pflicht) oder gestatten (und so schuldhaft seinem Volk leidvollen Krieg verursachen)?
Zweitens erwächst Schuld bei Aischylos irrational aus der schicksalhaften Macht des Erbfluches, dem die Vorstellung zu Grunde liegt, eine individuelle Schuld verseuche ihre ganze Umgebung und erzeuge mit Notwendigkeit neue Schuld.
Typisch für Aischylos ist, dass sich der Held auf einer zweiten Stufe persönlich völlig mit seiner aus dem Zwang erwachsenen Entscheidung identifiziert und schließlich durch leidvolle Sühne zur Einsicht in das letztlich doch gerechte und gütige Walten eines obersten göttlichen Willens , des Willens des Zeus geführt wird.
So finden die aischyleischen Tragödien auch einen überwiegend friedlich stimmenden Ausgang (etwa der Urteilsspruch in den Eumeniden, wo sowohl der Anspruch Apollons als auch der Erinyen in sein Recht gesetzt und einem übergeordneten göttlichen Gesamtplan unterstellt wird.
Der Versuch, die Tragik der sophokleischen Tragödien auf ein gegenseitiges Aufrechnen von Schuld und Sühne zu reduzieren, steht hauptsächlich in der Nachfolge der hegelschen Antigoneinterpretation (Aesthetik II 2,1). (Schadewaldt 274; Lesky (1) 309)
Mit dieser Formel von Schuld und Sühne ist man bei Sophokles vorsichtig geworden und misst ihr nur noch beiläufigen Wert zu. Dass die Klytaimnestra der Elektra eine Verbrecherin ist, wird allgemein zugestanden (Kamerbeek 89), doch sie ist Nebenfigur. Auch der Kreon der Antigone trägt Schuld, wenn er über das rechte Maß als Herrscher so verabsolutiert, dass er sich gegen göttliches Recht vermisst und gegen das gültige Kriegsrecht. Doch heißt hier Schuld bereits Selbstüberschätzung (ὕβρις im Gegensatz zur σωφροσύνη), womit wir aus dem moralischen Bereich bereits heraustreten.
Die Schuldfrage des Aias ist noch nicht eindeutig beantwortet, doch neigt die Diskussion zu einer negativen Antwort: Repräsentativ für diesen Standpunkt: "Es scheint mir, dass Aias weit mehr durch das, was er ist, als durch das, was er fehlte, das Drama erfüllt." (Welcker, in: RhMus. 3/1829, S. 68).
Auch für Deianeira und Philoktetes ist die Schuldfrage auszuklammern. Zum Abschluss: "Es gibt kein einziges moralisches Schema, in dem die Handlungen des 'Aias' oder des 'Oedipus auf Kolonos' hineinpassen. Jahrhundertelang hat sich die religiöse und moralische Kraft der sophokleischen Dramen in einer Unmenge flacher Formulierungen verloren und keine davon ließ sich auf alle Dramen anwenden. Die verbreitetste Formel, die der Hamartia oder von Schuld und Bestrafung, lässt sich kaum auf ein einziges Drama anwenden. Diejenigen, die diese Tatsache erkannten, stellten die Gegenthese auf, nämlich dass Sophokles nicht die Gerechtigkeit, sondern die Macht der Götter und folglich die Nichtigkeit der Menschen proklamierte." (C.H. Withman 26f.)
Diese Formel (vgl. Lesky (4) 144f.) bietet das heute gängigste Interpretationsschema. H. Diller (in: Diller (Hg) (1) 2) formuliert: "Über jeder einzelnen der uns erhaltenen sophokleischen Tragödien stehen Aussagen über göttliche Pläne, die das Handeln oder das Schicksal der beteiligten Menschen in einer bestimmten Richtung festlegen. Die Menschen verkennen diesen göttlichen Willen oder versuchen, ihm wissentlich zu entgehen; er vollzieht sich dennoch an ihnen." An den Begriff des "Verkennens" knüpfen wir unsere erste Unterkategorie:
Damit gelangen wir zu einer Thematik der zeitgenössischen Sophistik, die sich dann in der groß angelegten Lehre Platons für uns scheinbar beruhigt. Dass sie nicht nur von der Philosophie beansprucht, sondern auch von Sophokles in tragisches Erleiden umgesetzt wird, kann nur auf den ersten Blick verwundern.
Lesky (1) 307 nennt die "Verfangenheit menschlichen Wähnens" einen "Grundzug sophokleischer Tragik". Der Mensch ist stolz auf seine Geistesgaben, die ihn aus dem Bereich des Animalischen zum Beherrscher über die gesamte Natur erheben; eindrucksvoll geschildert im bekanntesten Chorlied der Antigone. Die dem delphischen Auftrag entsprechend (Weinstock) notwendige Einsicht aber in die Nichtigkeit menschlichen gegenüber göttlichem Wissen vollzieht sich leidvoll tragisch und ist, wie später näher ausgeführt wird, gleichbedeutend mit der Einsicht in die menschliche Nichtigkeit und Wesensbegrenztheit überhaupt. Der Sehende hält sich zwar für wissend, ist es aber nicht: der Blinde ist der Sehende, der Sehende ist blind.
Dass dem Begriff des "Verkennens" der des "Zu-entgehen-versuchens" nicht alternativ entgegensteht, sondern irgendwie mit ihm verwoben ist, zeigt sich am deutlichsten wieder im König Oidipus:
Sowohl im Oidipus als auch im Aias zeigt sich die enge Zuordnung dieser beiden menschlichen Wesenszüge: Der Rettungsversuch beruht auf bloß menschlichem Wähnen. Erst im Erliegen des Menschen offenbart sich das göttliche Wissen.
Zeitweise hat man im Fahrwasser modernerer Dramatik versucht, die griechische Tragödie im Sinne eines reinen Fatalismus zu deuten, indem man den einen Aspekt der ἄτη, den des "gottgewollten Verhängnisses" verabsolutierte und den anderen, den der "menschlichen Verblendung" aus dem sich dann unser Begriff der "Schuld" (besonders im Sinne von ὕβρις) und des "Verkennens" herleitet, völlig übersah. Die Menschen der griechischen Tragödie sind keine Marionetten. Wenn schon bei Aischylos dem Befehl des Gottes die menschliche Motivation nachfolgte, so ist der Eigenwille des aus dem Erbfluch entlassenen sophokleischen Menschen noch viel augenfälliger, wenn sich auch beide Polaritäten immer in dem einen Punkt, der λύσις der Tragödie, treffen. Die sophokleischen Helden schlagen viel mehr "dadurch den Weg ihres Geschicks ein, dass sie ihrer inneren Norm folgen." (Kamerbeek 88). Nach Lesky (4) 146 "sollen wir an Aias und Oidipus nicht allein die Grenzen des Menschen erkennen, der vor dem Götterwillen zerbricht, wie der Halm im Sturme, auch die Größe sollen wir sehen, mit der diese tragischen Schicksalsträger ihrem Dämon begegnen....Hier wird nicht ein Schicksal leidend hingenommen, der tragische Mensch geht ihm mit dem Eifer eines Oidipus entgegen." Der wirklich tragische Mensch bewährt sich in seinem Leid.
Innerhalb der sophokleischen Theodizeefrage ist Kitto auf Grund eines veränderten Religionsverständnisses einen Sonderweg gegangen:
Er versteht θεός als eine immanent im Menschen wirkende Kraft. Die θεοί, einzeln oder in ihrer Gesamtheit, seien nie als außerhalb des Menschen stehende normative Muster verstanden worden, sondern als Manifestation dessen, was real ist. Die griechische Tragödie sei ganz frei von vagem Streben nach etwas Besserem, von Selbstbemitleidung, Unzufriedenheit und Verzweiflung und sage ständig: "Das sind die bleibenden Bedingungen menschlichen Lebens, das sind die Götter." (S. 60)
Zu seiner Formel für das Tragische, gerafft in dem Begriffspaar "Schlag und Rückschlag" oder "Wirkung und Gegenwirkung" kommt er durch sein Verständnis von δίκη als der regelmäßigen Ordnung der Dinge, die zeitweise missachtet werden kann, sich dann aber durch entgegengesetzten Einschlag wieder einpendelt (S. 61), exemplifiziert am "Satz des Anaximandros". Auch zu Herodot ergeben sich deutliche Parallelen.
Dike ist dabei als immanentes Prinzip in menschlichen Angelegenheiten verstanden, nicht als Zwang von außen. Das menschliche Handeln ist das Spielfeld der Dike. Die Rückschläge sind nicht zufällig, sondern vorhersehbar und bedeutungsvoll. In der Theologie des Sophokles sind die Welt der Götter und die Welt der Menschen keine zwei Welten, sondern eine (S. 71).
Zu Recht darf man fragen, ob die Verneinung göttlicher Transzendenz wirklich der innigen Verflechtung und Gegenläufigkeit menschlicher und göttlicher Motivation gerecht werden kann.
(nach der Darstellung bei Lesky)

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