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Heiner Müller: Philoktet

I. Sophoklesrezeption im Griechischunterricht 

zum Zweck eines Theaterbesuches

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Heiner Müller: Philoktet

 

Ideenskizze zu "Philoktet" von Patricia Talacko (Bühne und Kostüme)

Ideenskizze zu "Philoktet" von Patricia Talacko
Der Philoktet von Heiner Müller

 Inszenierung von Laurent Chétouane
am Mannheimer Nationaltheater 

Premiere: 
25. Mai 2002

Deutungsaspekte 

Auszug aus dem Bericht über ein vorbereitendes Regiegespräch am Mannheimer Nationaltheater am 3. April 2002 (in: Theatermagazin 05/2002)

Für (den Literaturwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll) ist das Werk Heiner Müllers vor allem durch die Auseinandersetzung mit den Lehrstücken von Bertolt Brecht geprägt. Mit den Lehrstücken entwarf Brecht in den 20er und 30er Jahren eine völlig neue Art von Theater, das keine Trennung von Spielenden und Zuschauenden kannte und das Brecht, wie später auch Heiner Müller, als "Versuchsanordnung" begriff. Nicht der Ausgang oder die Lösung sind für Brechts (und Müllers) Theater bestimmend, sondern das Widersprüchliche, der Konflikt, der erfahrbar werden soll. Ein solcher Widerspruch, so Nikolaus Müller-Schöll, ergibt sich in Heiner Müllers Stücken häufig daraus, dass der menschliche Körper - mit seinen Bedürfnissen, Leidenschaften, Schmerzen - mit politischen Konzeptionen oder Strategien in Konflikt gerät. Die Figur des Philoktet ist Personifikation dieses Widersprüchlichen, ein „Störfaktor" auf dem Weg der Griechen nach Troja. Die Wunde ist es, wegen der die Gesellschaft Philoktet entfernt, sie macht ihn, wie man in Anlehnung an eine für Brechts Lehrstückperiode wichtige Figur sagen kann, zum "Asozialen". Ausgehend von dieser Figur des Asozialen entwickelt Müller-Schöll im Weiteren auch Aspekte der beiden anderen Figuren des Stückes, Odysseus und Neoptolemos, und zeigt dabei auf, dass es in diesem wie auch in allen anderen Dramen Heiner Müllers weder den positiven Helden noch den Bösewicht gibt. Der Konflikt entsteht aus dem Zusammenprall unterschiedlicher, für sich genommen richtiger Positionen und ist deshalb nicht lösbar. Der menschliche Körper wird dabei selbst zum Austragungsort gesellschaftlicher Konfliktlagen. Exemplarisch dafür ist die Figur des Neoptolemos, der zum Instrument oder „Medium" in der Auseinandersetzung zwischen Odysseus und Philoktet wird. Neoptolemos wird zur „Bühne auf der Bühne". [...] 

Auf die Besonderheiten der Kunstsprache in Heiner Müllers Dramen eingehend, verweist Müller-Schöll noch einmal auf Brecht. Wie Brecht verstand auch Heiner Müller Sprache nicht als Information oder Instrument und überhaupt nicht in erster Linie von ihrer Bedeutung her, sondern immer auch als „Geste", d.h als Ausdruck einer bestimmten Haltung und Zitat. Gerade auch in Philoktet wird deutlich, wie Heiner Müller durch die Veränderung des Satzbaus bzw. der Grammatik eine Figurensprache schafft, die in ihrer Wortbedeutung nicht aufgeht. Heiner Müllers Sprache, so endet Müller-Schöll, ist widerständig, sie arbeitet mit den Mehrdeutigkeiten, die sich aus ihrem Laut- und Buchstabenmaterial ergeben, mit ihrem Klang, ihrem Rhythmus, ihren anagrammatischen Sinnerzeugungen und bringt Publikum, so es bereit ist, sich auf diese vielschichtige Sprache einzulassen, ein je eigenes Verständnis hervor.

 

Zur Mannheimer Inszenierung

Nachdem man sich einander vorgestellt hat, beginnt Laurent Chétouane seine Gedanken zum Stück zu entwickeln. Heiner Müllers 1958-1964 entstandenes Drama stellt für den Regisseur einen weiteren, wichtigen Baustein in seiner Auseinandersetzung mit der ästhetischen Dimension der Sprache dar. Zur Zeit ist für ihn die Art und Weise der Sprachbehandlung noch wichtiger als deren inhaltliche Ausdeutung. Es ist der Akt des Sprechens selbst, der ihn auf dem Theater interessiert. Die Grundvoraussetzungen des Theaters - der Körper des Schauspielers, der Text, die Sprache, die zu spielende Figur - sind für ihn nicht selbstverständlich, und er sucht diese in seiner Arbeit immer wieder zu befragen. So auch mit Philoktet. So wie Heiner Müller sein Antiken-Drama als eine Konstruktion von Sprache, Figuren, Handlung konzipierte, versteht Chétouane das Theater als ein Laboratorium, das sich in jeder Inszenierung neu aus seinen einzelnen Elemente  zusammensetzen muss.

... Nach einer kurzen Pause stellt die Ausstatterin Patricia Talacko Bühnenbild- und Kostümentwürfe vor: Das Bühnenbild besteht aus wenigen Quadern und ausgewählten Requisiten in einem sonst leeren, hellen Raum, der das Modellhafte des Geschehens betont. Die Kostümentwürfe sind an antike griechische Gewänder angelehnt und geben den Figuren einen Ausdruck, der ihren individuellen Interessen und Leidenschaften gemäß ist. Auf die Frage, warum die Kostüme die Figuren nicht als Krieger charakterisieren, verweist Patricia Talacko auf die politische Repräsentationsfunktion der drei Protagonisten. Der Regisseur ergänzt, dass für ihn das Geschehen eine über den Krieg als konkrete Realität hinausreichende, grundlegende gesellschaftliche Situation aufzeigt. 


Detailvergleich am Beispiel des Prologs (der ersten Szene)

 
          

 

Sophokles: Philoktet (Prolog)

 

 

Heiner Müller: Philoktet (Prolog, Küste)

       

Prolog

Darsteller des Philoktet, in Clownmaske:
Damen und Herren, aus der heutigen Zeit
Führt unser Spiel in die Vergangenheit
Als noch der Mensch des Menschen Todfeind war
Das Schlachten gewöhnlich, das Leben eine Gefahr.
Und daß wirs gleich gestehn: es ist fatal
Was wir hier zeigen, hat keine Moral
Fürs Leben können Sie bei uns nichts lernen.
Wer passen will, der kann sich jetzt entfernen.
Saaltüren fliegen auf.
Sie sind gewarnt.
Saaltüren zu. Der Clown demaskiert sich: sein Kopf ist ein Totenkopf.
Sie haben nichts zu lachen.
Bei dem, was wir jetzt miteinander machen.

       

Küste 

Odysseus. Neoptolemos.

 

ODYSSEUS

   

ODYSSEUS

  Wir sind am Ziel, dem öden, unbewohnten Strand
Des Felseneilands Lemnos. Hier, mein junger Freund,
Hier wars, Achilleus' Sprosse, tapfrer Heldensohn
des größten aller Griechen, Neoptolemos,
1 Das ist der Platz, Lemnos. Hier, Sohn Achills
Hab ich den Mann aus Melos ausgesetzt
  Wo ich den Melier, Poias' Sohn, einst ausgesetzt, 
Nach unsrer Heeresführer Wort und Machtgebot.
Von eklen Giftgeschwüren war sein Fuß bedeckt
Und keine Räucheropfer, keine Spenden ließ
Er uns in Ruhe feiern, nein, mit wildem Fluch,
5

5
Den Philoktet, in unserm Dienst verwundet
Uns nicht mehr dienlich seit dem, Eiter drang
Aus seiner Wunde stinkend, sein Gebrüll
Kürzte den Schlaf und gellte mißlich in
Das vorgeschriebne Schweigen bei den Opfern.
  Mit Wutgeheul und Stöhnen füllt' er Tag um Tag
Das Lager an. - Was red ich aber lang und breit?
Jetzt gilt es nicht zu reden, handeln müssen wir,
Damit er nichts von meinem Hiersein merkt und ahnt
Und nicht die Schlinge löset, die ihn fangen soll.
10    
  Du aber musst mir helfen, dass mein Werk gelingt.
So sieh dich um nach einer Höhle Doppeltor,
Wodurch des Winters Sonne freundlich wärmend scheint
Am Morgen wie am Abend, während kühle Luft
Im Sommer durch die offne Kluft einschläfernd weht.
15



10
Der Berg ist sein Quartier, sein Grab nicht, hoff ich


Ein Loch, vom Wasser in den Fels gewaschen
In langer Arbeit, als der Fisch bewohnte
Was wir mit trockner Sohle jetzt begehn.
  Ein wenig abwärts findest du zur linken Hand
Ein frisches Bächlein, wenn es nicht indes versiegt.
Erkunde denn vorsichtig, ob den rechten Ort
Wir hier gefunden oder falsch gegangen sind.
Dann will ich dir vertrauen meinen weitern Plan
20   Ein Quell davor. Wenn zehn Jahr einen Quell nicht
Austrocknen. Such mir seine Wohnung. Dann


Hör meinen Plan und was dabei dir zufällt.
  Und mit vereinten Kräften gehn wir an das Werk. 25    
 

NEOPTOLEMOS

 

NEOPTOLEMOS



OD.
NE.
Hier, Fürst Odysseus, scheint mir schon der Ort zu sein,
Ich sehe hier die Höhle, die du mir beschriebst.
Dort oben oder unten? Hier gewahr ich nichts.
Hier oben, auch von Füßen seh ich Spuren hier.
15 Dein Auftrag führt nicht weit. OD. Leer? NE. Eine Laubstreu.
OD.
NE.
OD.
NE.
OD.
So bitt ich dich, zu sehen, ob er ruht und schläft.
Ich finde leer die Höhle, niemand ist darin.
Und nichts bemerkst du, was die Höhle wohnlich macht?
Laub seh ich, wie zu einem Lager aufgehäuft.
Sonst alles leer? Birgt weiter nichts der Höhle Raum?
30    
ΝΕ. 

ΟD. 
ΝΕ.
Ein Becher, roh und ungeschickt aus Holz geschnitzt,
Und Holz und Reisigbündel, wie zum Brennbedarf.
Das sind des Mannes Schätze, das sein Hab und Gut!
Dort seh ich auch zum Trocknen Lappen aufgehängt,
Sie tragen seiner eklen Krankheit Spuren noch.
35   Aus rohem Holz ein Trinknapf. Feuersteine.


Lumpen, zum Trocknen an den Wind gehängt
Mit schwarzem Blut 
ΟD. Kein Zweifel mehr! In jener Höhle wohnt der Mann
Und weilt gewiss nicht ferne; denn ein kranker Fuß,
Mit solchem alten Schaden, trägt nicht weit den Mann.
Er sucht vielleicht sich draußen Nahrung oder holt
Sich Kräuter, die ihm lindern seiner Wunde Schmerz.
40


20
                         OD. Die Wunde immer noch.
Er kann nicht weit gehn mit dem alten Schaden

Sucht Nahrung oder Grünzeug das den Schmerz dämpft.





ΝΕ.
Drum stelle deinen Diener als Kundschafter aus, 
Damit der Mann nicht unversehens mich entdeckt;
Denn keinen Griechen hätt er lieber wohl als mich.


Der Wächter steht auf seinem Posten dort und späht.
So lasse mich nun wissen, was du weiter planst.
45


ΝΕ.


25


Sorg daß er uns nicht anfällt,
lieber ja
Als irgend einem gibt er mir den Tod.
Mit Grund. Du warst das Eisen das ihn abschnitt.
Sei du das Netz, mit dem ich ihn zurückfang.

Dein Wort hat weite Maschen.
Was verlangst du?
ΟD. 



ΝΕ. 
Das Werk, dazu wir kamen, Neoptolemos,
Begehrt des Mannes ganze Kraft, nicht bloß den Arm.
Und wenn ich auch ein Unerhörtes fordern muss,
So wirst du doch mir treulich, Freund, zur Seite stehn.
Und was verlangst du? OD. Hintergehen müssen wir
50 ΟD. 
ΝΕ.
ΟD.
 
Daß du in unsrer Sache dich nicht schonst.
Das Leben zu behalten leb ich nicht.
Noch andres das dir mehr sein mag als Leben.
Schwatz ihm den Bogen aus der Hand, mit Pfeilen
      30



34
Schickt er mein Wort zurück in meinen Mund
Du hattest keine Hand in seinem Unglück
Nicht dein Gesicht au
f unsern Schiffen sah er
Leicht mit gespaltner Zunge fängst du ihn
Leicht schleppen wir aufs Schiff den Waffenlosen.
      ΝΕ.
OD.
 
NE. 
ΝΕ.
OD.
Zum Helfer bin ich hier, zum Lügner nicht.
Doch braucht es einen Helfer hier der lügt.
Vielleicht kann Wahrheit mehr. OD. Bei dem nicht unsre.
Was kann er gegen zwei auf einem Fuß?
Solang er seinen Bogen hat, zu viel.
      ΝΕ.
OD.
 
NE.
Laß uns mit Pfeilen kreuzen seinen Pfeil.
Wer folgt dem toten Feldherrn in die Schlacht?
Der Pfeil auf unsrer Sehne hält vielleicht
Im Köcher seinen Pfeil. OD.
Mehr als sein Leben
Gilt unser Tod ihm, und kein Leben ist
      45
OD. 
Auf Lemnos, das der Krieg nicht braucht vor Troja.
nimmt den Speer auf:
Sei wo du willst kühn, klug brauch ich dich hier
Und wenig nütz ist mir des Toten Schläue.
Lern das von mir, eh dich sein Pfei
l belehrt
Dein letzter Gang wärs, Narr, ließ ich dich gehn.
      ΝΕ.
OD.
Laß mir den Gang, so laß ich dir die Furcht.
Wenn du noch einen Schritt gehst, nagl ich dich
Mit deinem eignen Speer an diese Insel.
Und Herakles erscheint dir nicht wie dem
Den der beraubte Gott an sein Gebirg schlug
      55


ΝΕ.
OD.
Zu dauernder Gesellschaft seinen Vögeln
Nicht von der Art die nachwächst ist dein F
leisch
Dich werden ganz vom Stein die Geier pflücken.
Viel hohen Mut dem Waffenlosen zeigst du.
Ich zeig dir, was der Waffenlose kann.
      ΝΕ. Mit meinem Speer. Und nicht zum erstenmal
Seh ich in deinen Händen
meins, geschickt
Zum Diebstahl, und an mir besonders, sind die
Mit Recht nicht trägst du, was m
ein Vater trug
Als er noch Hände hatte, sie zu brauchen
      65


OD.
Das viel beschriene Erz, die narbige Stierhaut.
Gib mir von meinen Speeren einen wieder
Ich zeig dir, was ich kann mit einem Speer.
Zeig mirs zu andrer Zeit am andern Ort.
Auch hab ich deinen Speer schon rot gesehn
      70 Und zweifle nicht an deiner Kunst im Schlachten.
Ich brauch dich lebend und noch brauchst du mich so.
Mit tausend Speeren ist mein Speer begabt
Vom Zufall der Geburt, mit tausend deiner
Und tausend Speere sind mit dem behalten
      75 Oder verloren, wenn du mir versagst.
Das wars warum ich dich nach Troja schleppte
Von Skyros weg. eh du das Leben schmecktest
Nach deines Vaters uns zu zeitigem Tod
Als seine Mannschaft weigerte die Schlacht
      80 Auf seinem Hügel saufend seinen Wein
Und seine Weiber teilend, lang entbehrt
 
Das eine wie das andre überm Schlachten
Für seinen Ruhm und Mehrung seiner Beute.
Wer hat ihm Hektor auf den Speer gesteckt?
      85 Wir brauchten dich, sie in die Schlacht zu haun
Wie wir den brauchen jetzt für seine Mannschaft
Nicht deinen Arm, zum Schlachten ungeschickt
Nicht seinen Arm, allein uns wenig brauchbar
Denn williger geht der Mann in seinem Blut
    90 Unter dem Fuß der kommt im heimischen Leder.
Dein Erbe trag ich nicht zu meinem Ruhm
Sondern im Kampf um deines Vaters Leichnam
Sterbend für Totes, ging das meiste Blut
Aus meiner Mannschaft, und die Narben brannten.
      95 Und brennen nicht mehr, seit sie mich behängt sehn
Mit deinem Erz zum Lohn für ihre Wunden.
Setz ich den Fuß aufs Festland ohne den
Kehrt seine Mannschaft unserm Krieg den Rücken
Der Troer wäscht sich weiß mit unserm Blut
      100 Mästet mit unserm Fleisch die heimischen Geier.
  Des Mannes Herz mit schlauer List und klugem Wort.
Sobald er fragt, woher du kämst und wer du seist,
So nenne frei und offen deinen Vater nur
Und sage dann, du kehrtest heim vom Griechenheer,
Weil man in deiner Ehre bitter dich gekränkt.
55    
  Man hätte dich aus deiner Heimat weggelockt,
Indem man vorgab, Troia falle nur durch dich,
Und hätte dann des Vaters Waffen, die dir doch
Gebührten, dir entzogen wider alles Recht
Und mir gegeben. Schmähe mich und sprich von mir,
60    
  Was Schlechtes nur zu denken ist, soviel du willst,
Es soll mich nicht verdrießen. Aber willst du nicht,
So wirst du Unglück bringen über Argos' Heer;
Denn fällt des Mannes Bogen nicht in unsre Hand,
So wirst du nimmer stürzen Troias stolze Burg. -
65    
  Du siehst es ein, ich selber kann ihm nimmer nahn,
Du kannst es aber ohne Scheu und sicher tun,
Denn bei der Griechen Heere hielt kein Eid dich fest,
Auch warst du nicht bei denen, die ihn ausgesetzt,
Was ich von mir natürlich nicht behaupten kann.
70  

 
  Drum komm ich ihm und seinem Bogen ins Bereich,
So ist's um mich geschehen und um dich zugleich.
Wir müssen List gebrauchen, um in unsre Hand
Zu bringen diesen Bogen, den kein Feind besiegt.
Nun weiß ich wohl, mein Lieber, dass dein grader Sinn
75    
  Den krummen Weg verachtet und das falsche Spiel;
Indessen hold und lieblich winkt des Sieges Lohn.
Drum frisch gewagt! Nur eine Stunde folge mir
Und weiche von dem graden Weg der Tugend ab;
Dann wollen wir auch wieder wahr und ehrlich sein
Und deine reine Tugend, deine Lauterkeit
80



105
Zum Dieb und Lügner bist du schlecht begabt
Ich weiß es. Süß aber, Sohn Achills, ist der Sieg.
Drum einen Tag lang, länger brauchts nicht, schwärz
Die Zunge, dann in Tugend wie du willst
Solang sie dauert, leb du deine Zeit.
Ins Schwarze gehn wir alle, weigerst dus.

ΝΕ.
Soll hoch gepriesen werden bis in Ewigkeit.
Was schon das Ohr beleidigt, dazu sollt' ich gar
Dir, Sohn Laertes, bieten meine reine Hand?
Ich bin zu solchen falschen Künsten nicht gemacht,
So wenig als mein Vater, wie man mir gesagt.
85
NE. 
OD.
NE. 
OD.

Aus faulem Grund wächst wohl ein Gutes nicht.
Eins ist der Grund, ein andres ist der Baum.
Den Baum nach seiner Wurzel fragt der Sturm.
Den Wald nicht fragt er.
NE. Den das Feuer frißt.
      OD.


NE.
115
Oder, den Grund umgrabend ganz, die Flut.
Am dritten stirbt das andre, was kommt geht
Und weitres reden wir auf Trojas Trümmern.
Hätt ich kein Ohr für dich und keine Sprache.
Sag mir die Lügen, die ich sagen muß.
      OD.



120
Dein Speer. In allem brauchst du nicht zu lügen. [-->56]
Sei der du bist, Achills Sohn, ersten Schwerts
Vor Troja, bis in sein zu kühnes Fleisch
Der Weiberdieb den Pfeil gepflanzt hat, Paris.
Dann lüg: heim fährst du, deine Segel füllt
     



125
Haß gegen uns, Haß gegen mich besonders. 
Wir riefen dich nach Troja in den Ruhm
Als deines Vaters Asche noch nicht kalt war
Weil die vieljährige Belagrung stockte
Durch die zu tiefe Trauer seiner Truppen
     



130
Du kamst und in die Schande wars, dein Erbe
Achills, des laut Beweinten, Schild, Schwert, Speer
Weigerten wir deinem gerechten Anspruch
Ich wars, der dich beschwatzte. Falsches redend
Ich bins, der dir die Waffen stahl, das Erbe.
      NE. 
OD.


135
Schweig, wenn du Troja wiedersehn willst, davon.
Ritz deinen Arm, wenn dich der Blutdurst plagt
Den du aus deiner Mutter Brüsten trankst
Sonst schlag ich dich zurück in unser Bündnis
Narr, mit dem Holz von deines Vaters Speer.
      NE. 



OD.
NE. Mein Haß gehört dem Feind, so wills die Pflicht
Bis Troja aufhört. Für mein Recht dann tauch ich
In andres Blut den Speer. Kürz deine Zeit nicht
Mit Worten die mich rot sehn machen vorher. 
OD. Spar deine Galle jetzt für deinen Auftrag.
     



140
Häuf Schlamm nach deiner Lust auf meinen Namen
Mich kränkt nicht, was dir hilft in unsrer Sache
Das Auge trübst du ihm für deinen Anschlag
Arglos den tödlichen, den Bogen, gibt er
In deine Hand, wenn du ihn glauben machst
     



145
Die wär so lüstern auf mein Blut wie seine
Und weil du nicht zu lügen brauchst in dem
Wählt ich zum Helfer dich für meinen Plan
Denn glaublich wirst du lügen mit der Wahrheit
Und mit dem Feind geht mir der Feind ins Netz.
     



150
Wenn Scham dich rot färbt, wird er glauben, Wut ists
Sie ists vielleicht und selber weißt du nicht
Was schneller in die Schläfe treibt dein Blut
Scham, weil du lügst oder Wut. weil du nicht lügst
Und glaublicher wird deine Wahrheit ihm
     
NE. 
OD.

155
Je dunkler dir die Lüge das Gesicht schminkt.
Sei du dein eigner Helfer in der Sache.
In diesem Handel bist du nicht der erste
Der was er nicht will tut. Wir tatens vor dir.
Dein Vater, der in Weiberkleider kroch
     



160
Ich wars der ihm die auszog mit der Maske
Des Kaufmanns, handelnd Web- und Mordgerät.
Ausstellt ich beides vor den Weibern im
Palast, von denen eins ein Mann war, er
Dem Blick nicht kenntlich, und so war er kenntlich
     



165
An seiner Furcht vor Werkzeug, Lust auf Waffen.
Mich selber vorher fingen so die Fürsten
In ihren Krieg: als ich den Narren spielte
Salz streuend in die Furchen, hinterm Pflug
Im Joch die Ochsen meine Feldherrn nannte
     



170
Und die bekannten nicht zu kennen vorgab
Rissen sie von den Brüsten meines Weibs
Den Sohn und warfen den mir vor den Pflug
Kaum hielt ich das Gespann, zweimal vier Hufe
Das schwer zu haltende, einmal bewegt
     



175
Eh mir das teure Blut den Boden düngte
Den ich mit Salz verdarb, mich zu behalten.
So war ich überführt heilen Verstandes
Und hatte keinen Weg mehr aus der Pflicht.
So viel davon. Wie willst dus? Auf den Knien? Kniet
      NE. 



180
Wär ich ein Troer, süß wär meine Pflicht.
Gewohnt den Staub zu küssen ist dein Knie
Mein Vater sah dich so und sah die Feldherrn
Mit so verkürzten Beinen vor ihm stehn
Als euern Krieg sein langer Zorn aufhielt
     

OD. 

185
Weil ihr nach seiner ersten Schlacht euch schmücktet
Mit seinem Sieg und kürztet seinen Ruhm.
Mehr kränkte ihn, daß wir die Beute teilten
Und klüger war dein Vater als sein Sohn
Er wußte gut, daß wir, den Blick im Staub
     

188
Die Steine zählten, unsern Tod für ihn
Wenn er dem Zorn sich ließ, sein Erz dem Tau.
Dein Leben ists, um das ich auf den Knien geh. Steht auf.
  Ich bin bereit, ihn fortzuführen mit Gewalt
Und nicht mit feigen Schlichen; unsrer Übermacht
Kann doch der Mann mit einem Fuß nicht widerstehn.
Ich wurde dir als Helfer freilich zugesellt
Und bin auch kein Verräter; aber lieber doch
90    

ΟD.

 

Ein Tod mit Ehren, als ein Sieg mit Schand und Schmach!
Du bist des Vaters rechter Sohn ! So war ich auch
Als Jüngling träg in Worten, aber rasch zur Tat;
Nun weiß ich aus Erfahrung aber, dass das Wort
Die Welt beherrschet, aber nicht die rohe Kraft.
95    
ΝΕ. 
ΟD.
ΝΕ. 
ΟD. 
ΝΕ.
Und weißt du keinen andern Rat als Lug und Trug?
Du sollst mit List ihn fangen, weiter will ich nichts.
Warum mit List? Wir überreden ihn vielleicht.
Er lässt sich nicht bereden, folgt auch keinem Zwang.
Wie kann er so vermessen seiner Kraft vertraun?
100    
ΟD. 
ΝΕ. 
ΟD. 
ΝΕ. 
ΟD.
Er traut dem Pfeil, der sichern Tod, nie fehlend, bringt.
Wie, so gefährlich wär' es, diesem Mann zu nahn?
Gewiss, er ist zu fangen, sag ich, nur mit List.
Und macht uns nicht verächtlich solches Lügenwerk?
Mitnichten, wenn die Lüge Nutzen bringt und Heil.
105    
ΝΕ. 
ΟD. 
ΝΕ. 
ΟD. 
ΝΕ.
Wie kann der Lügner einem Mann ins Auge schaun?
Willst du gewinnen, musst du nicht so ängstlich sein.
Was hab ich denn gewonnen, wenn er Troia sieht?
Durch sein Geschoß fällt Troia nur in unsre Hand.
So bin ich nicht der Sieger, wie ihr mir gesagt?
110    
ΟD. 
ΝΕ.
 
ΟD.
 
ΝΕ.
ΟD.
Du musst den Bogen haben und der Bogen dich.
Dann freilich gilts zu jagen um des Bogens Preis.
Erjage dir die Beute, zwiefach ist der Preis.
Zwiefacher Preis? So rede, dann bin ich bereit.
Man preist dich hoch als weisen und als braven Mann.
115    
ΝΕ. 
ΟD. 
ΝΕ. 
ΟD. 
So sei es drum! Nun fahret, Scham und Ehre, hin!
Und hast du nicht vergessen, was ich dir gebot?
Sei unbesorgt! Ich habe dir's jetzt zugesagt.
So bleibe denn und warte, bis er hier erscheint.
Ich aber will jetzt gehen, eh' er mich bemerkt;
120    
  Den Späher send ich wieder zu dem Schiff zurück,
Und wenn ihr all zulange mir zu säumen scheint,
So send ich ihn verkleidet als den Herrn des Schiffs,
Damit er jenen täusche, wieder dir zurück;
125    
  Und aus den bunten Reden, die er führen wird, 
Nimm dir zu Nutz und Frommen, was du eben brauchst.
130    
      189


NE. 
Dein Fisch kommt, Netz. Ungleich sein Schritt noch immer.
Sieh nicht auf mich. Mit mir gesehn stirbst du
Eh du den Durst gestillt hast auf mein Blut.
Mehr einem Tier als einem Menschen gleicht er
Schwarz eine Wolke über ihm von Geiern.
       OD.
195
Solang der sein ist, fürchte seinen Bogen.
Bis er uns folgt, in Stricken oder frei
Nach Troja, wo Asklepios ihm den Fuß heilt
Damit er uns hilft von der größern Wunde
Aus der zu lang schon zweier Völker Blut geht
 



Ich gehe jetzt und lasse dich das Deine tun,




132

200
Der Stinkende uns vom Gestank der Schlacht
Fürchte sein Elend mehr als seinen Bogen.
Nur blind für seine Wunde heilst du die
Nur taub für seinen Jammer stillst du den.
Allein in deiner Hand liegt jetzt das ganze
 

Du aber, Götterbote Hermes, Gott der List, 
Du Hort der Stadt, Schutzgöttin Pallas, schützet uns!


133

205
Denn was ich dabei kann ist beten um
Ein wenig Schläue mehr für dich zum schlauen
Hermes, Athene auch helf dir zum Sieg
Die Göttin, die der Gott sich aus dem Kopf schnitt. Ab. 
         

Vergleichspunkte:

  • H. Müller lässt wie Sophokles Lemnos menschenleer sein (vom Mythos nicht vorgegeben). Die Absicht dürfte dieselbe sein: Steigerung der Isolation Philoktets: Er ist nicht nur aus dem Kreis der Troiafahrer (Griechen), sondern aller Menschen ausgeschlossen. 
  • Müller verzichtet auf das Ausdrucksmittel eines Chores (im Gegensatz etwa z.B. Max Frisch in "Biedermann und die Brandstifter", ohne dass es Frisch eine antike Vorlage nahe gelegt hätte.)
  • Gegenüber Sophokles bei Müller motivische Verdichtung (Weglassung von Nebenmotiven)
  • Verbale Konzentration: Die Sprache wirkt sperrig, konstruiert, mitunter kryptisch. Sie verspricht mehr einen intellektuellen als dramatischen Genuss. Besonders auffällig: 
    • Hyperbata im Bezug der häufigen Pronomina, 
    • emphatische Bedeutungswechsel, 
    • starke Rhetorisierung der Sprache: Gesuchte Metaphorik.
  • Trotz Konzentration und Verdichtung ist der Prolog bei Heiner Müller länger als bei Sophokles. Woher kommt der Überschuss?
  • Verstärkung des latenten Konflikts zwischen Odysseus und Achilleus. Beide Figuren sind dadurch gleich gewichtet. Die Möglichkeit einer Kooperation ist auf den Zwang des Augenblicks beschränkt, der den persönlichen Konflikt überlagert.
  • Die charakterliche Disposition der drei Hauptfiguren ist übernommen, damit auch die Konflikt- und Handlungsintentionen.
    • Odysseus als intriganter Verführer, dem der Zweck die Mittel heiligt. Er steht zwar in der Pflicht des Heeres und unter der geschichtlichen Notwendigkeit, Troia zu erobern, doch lässt ihn das Abzielen auf den Erfolg seiner Mission jede menschliche Regung vergessen. Diese Inhumanität hatte er bereits bei Philoktets Aussetzung beweisen.
    • Neoptolemos, wegen seiner Jugend in seinen Entscheidungen noch wenig selbstsicher und bestimmt, doch der Wahrhaftigkeit und der Art seines Vaters verpflichtet. Der Zwang des militärischen Auftrags überdeckt nicht sein Mitgefühl weder mit Philoktets Freude über die vermeintliche Rettung noch mit seiner menschlich unmenschlichen Not. Dass Philoktet bei Sophokles ihm grenzenlos vertraut und sogar den Boden aushändigt, ist Neoptolemos nicht Grund zu triumphieren, sondern Beschämung und Ansto&szlig zur Wende und zu menschlicher Bewährung (806).
  • Umgewichtung von Prolog und Spielszene 
    • Eigener kurzer Prolog; 
    • Sophokleischer Prolog (wie schon bei Sophokles) als Spielszene gestaltet. 
  • Einbeziehung mythischer Sachverhalte
    • als Exempla im Argumentationsgang (Prometheus)
    • als Ausweitung zum Schmuck mit entlegenem Wissen.

 

 

Aufgabe: 

  1. In wie weit darf ein Rezipient den überlieferten Mythos veränderten, ohne sich berechtigte Vorwürfe einzuhandeln?
    • Eine Antwort auf diese Frage gibt Aristot.Poet.9,8: ὥστ' οὐ πάντως εἶναι ζητητέον τῶν παραδεδομένων μύθων, περὶ οὓς αἱ τραγῳδίαι εἰσίν, ἀντέχεσθαι. καὶ γὰρ γελοῖον τοῦτο ζητεῖν, ἐπεὶ καὶ τὰ γνώριμα ὀλίγοις γνώριμά ἐστιν, ἀλλ' ὅμως εὐφραίνει πάντας. 
    • Auch antike Autoren haben den Mythos immer wieder neu erzählt. In dem Wie der Erzählung lag gerade die Spannung, da der Ausgang allgemein bekannt war und nicht geändert wurde.
      • So musste sich der Dichter der Ilias an die Grundzüge des Mythos halten, Hektor musste fallen und mit ihm Troia. Seine Erzählung aber läuft mit dem Zorn des Achilleus und seinem Rückzug aus dem Kampf , diesem Ende diametral entgegen. Wie schafft es der Erzähler, auf den Weg des Geschehens zurückzufinden?
      • Die Einführung des Neoptolemos in die Philoktethandlung ist gegenüber den vorausgehenden Aischylos und Euripides eine "geniale" Erfindung des Sophokles, die den Mythos entscheidend verändert. 
      • Also darf man auch die Umformungen des Philoktet-Mythos durch Heiner Müller, was den Mythos angeht, als eine kongeniale Leistung ansehen: Das Menschenbild des Stückes ist ein anderes, also auch Charakter und Denkweise seiner Figuren, somit auch ihr Handeln.

Literatur:

Sententiae excerptae:
w45
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