Sophokles: Antigone

III. 1. Stasimon

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Soph.Ant.332-375

 

 

στρ. α'

   
332 πολλὰ τὰ δεινὰ κοὐδὲν ἀν-   Multa quidem sunt mirabilia; nihil vero ho-


335

θρώπου δεινότερον πέλει.
τοῦτο καὶ πολιοῦ πέραν
πόντου χειμερίῳ νότῳ
χωρεῖ, περιβρυχίοισιν

 

mine mirabilius est. 
Hoc enim et canum ultra
pontum nimboso noto 
fertur, circumfrementes

  περῶν ὑπ’ οἴδμασιν, θεῶν   inter fluctus, supremamque


340

τε τὰν ὑπερτάταν, Γᾶν
ἄφθιτον, ἀκαμάταν, ἀποτρύεται
ἰλλομένων ἀρότρων ἔτος εἰς ἔτος
ἱππείῳ γένει πολεύων.

 

deam, Tellurem
immortalem, indefessam, fatigat
circumactis aratris per singulos annos,
equino genere versans.

 

ἀντ. α'

   
  κουφονόων τε φῦλον ὀρ-   levium etiam genus avium


345

νίθων ἀμφιβαλὼν ἄγει
καὶ θηρῶν ἀγρίων ἔθνη
πόντου τ' εἰναλίαν φύσιν
σπείραισι δικτυοκλώστοις,

 

cassibus circumventum abducit
saevarumque bestiarum saecla
pontique marinam subolem
retibus fune contextis 

  περιφραδὴς ἀνήρ· κρατεῖ   homo praeditus sollertia; edomatque

350

δὲ μηχαναῖς ἀγραύλου
θηρὸς ὀρεσσιβάτα, λασιαύχενά θ'
ἵππον ὀχμάζεται ἀμφὶ λόφον ζυγῶν
οὔρειόν τ' ἀκμῆτα ταῦρον.

 

artibus agrestem
beluam montivagam, iubatumque
equum cogit iugum subire cervicibus 
montanumque indefessum taurum.

 

 

στρ. β'

   
  καὶ φθέγμα καὶ ἀνεμόεν   Quin linguae facultatem, volubilemque

355

φρόνημα καὶ ἀστυνόμους
ὀργὰς ἐδιδάξατο καὶ δυσαύλων

 

mentem et civiles 
mores didicit, tum etiam inhospitialium

  πάγων ὑπαίθρεια καὶ   pruinarum subdialia et 
 

δύσομβρα φεύγειν βέλη

 

pluviosa fugere tela 

  παντοπόρος· ἄπορος ἐπ' οὐδὲν ἔρχεται   ad omnia pervius; avius ad nihil
360

τὸ μέλλον· Ἅιδα μόνον
φεῦξιν οὐκ ἐπάξεται·
νόσων δ' ἀμηχάνων φυγὰς

 

futurum accedit; Orci solius
effugium non adducet.
morborum tamen inexpugnabilium remedia

 

ξυμπέφρασται.

 

excogitavit.

 

ἀντ. β'

   
365 σοφόν τι τὸ μηχανόεν   Callens certas quasdam machinas
 

τέχνας ὑπὲρ ἐλπίδ' ἔχων
τοτὲ μὲν κακόν, ἄλλοτ' ἐπ' ἐσθλὸν ἕρπει;

 

artis, ultra quam sperari possit, 
modo pravum, modo honestum sectatur;

  νόμους γεραίρων χθονὸς   leges honestans patriae
 

θεῶν τ' ἔνορκον δίκαν,

 

deorumque sacrum fas,

370 ὑψίπολις· ἄπολις ὅτῳ τὸ μήτ' καλὸν   princeps in urbe; extorris, cui turpitudo
 

ξύνεστι τόλμας χάριν.
μήτ' ἐμοὶ παρέστιος 
γένοιτο μήτ' ἴσον φρονῶν,

 

adhaeret audaciae gratia. 
nec mecum tectum subeat
nec mecum idem sentiat,

 

ὃς τάδ' ἔρδει.

 

qui ita se gerit.

       
       

 

Aufgaben und Interpretationsvorschläge:

  1. In welchen Kulturleistungen zeigt sich im einzelnen die δεινότης ἀνθρώπου (und  ihre moralische Ambivalenz)?
    Tafelbild zu:Sophokles Antigone: 1. Stasimon
    • Der Mensch ist in der Erfüllung seiner Bedürfnisse, Wünsche und Ziele nie mit dem jeweils erreichten Status-quo zufrieden.
    • Seine  Erfindungsgabe ist das Mittel, mit dem er Zivilisation, wirtschaftlichen Wohlstand und gesellschaftliche Organisation als παντοπόρος (359) immer zu neuen Zielen vorantreibt. 
    • Diese wesensmäßige Ausrichtung auf das Unendliche erhebt den Menschen  über das in seiner Entwicklung festgestellte Tier und führt ihn in den Grenzbereich zu den glückseligen und unsterblichen Göttern.
    • In der Selbstvergessenheit seiner Grenzen ist der Mensch prinzipiell der ἄτη ausgesetzt: er ist homo tragicus: Wahrt er die unüberschreitbaren Grenzen, 
      • geht er zum Guten (ἐπ' ἐσθλὸν ἕρπει, 367)
      • ist er groß in der Stadt (ὑψίπολις, 370)
    • Überschreitet er die ihm gesetzte Grenzen, ist er dem Gesetz und dem Tod verfallen.
       
  2. Wie bringt der Dichter die moralische Ambivalenz menschlicher Kulturleistung zum Ausdruck? Welche Kriterien findet er zu ihrer Bewertung?
    • Die technische Vernunft des Menschen (τὸ μηχανόεν τέχνας, 365f.) ist an sich weder gut noch böse, sondern wertmäßig ambivalent. Die Umsetzung in das menschliche Handeln verleiht ihr nach der einen oder anderen Seite hin  Wert. Der Mensch bewegt sich in seiner zivilisatorischen und kulturellen Entwicklung immer auf der Grenze zwischen gut und böse. 
    • Grenzen setzen  
      • sehr weit gefasst: die Gesetze des Landes oder der Erde (Hades): νόμους γεραίρων χθονὸς (368)
      • die göttlichen Gebote, auf die sich Antigone berufen wird: θεῶν τ' ἔνορκον δίκαν (369),
      • Der Hades, der für den Menschen bei aller Klugheit als einziger unüberwindbar bleibt: Ἅιδα μόνον | φεῦξιν οὐκ ἐπάξεται· (360ff)
  3. Wie passt das Stasimon abgesehen von seiner allgemeinen und höheren Bedeutung in den äußeren Handlungszusammenhang? Wie lässt es sich auf die handelnden Personen des Stückes anwenden?
    • Der Chor charakterisiert vordergründig den noch unbekannten Täter, der sich τόλμας χάριν (371) über Kreons Bestattungsverbot hinweggesetzt hat. Entsprechend erscheint Kreon als Hüter der religiösen und politischen Ordnung.
    • Hintergründig wird aber Kreon als Frevler gekennzeichnet. Antigone ist es, die in Wahrheit dem Hades gibt, was des Hades ist und somit die letzte, dem Menschen gesetzte  Grenze wahrt. Sie ist ὑψίπολις, 370, Kreon ist ἄπολις. παντοπόροι sind beide: Kreon geht bis zum äußersten Frevel und Antigone tut alles ihr Mögliche, in dem sie ihr Leben daransetzt. 
  4. Wie verhält sich das sophokleische Menschenbild, soweit es in dem 1, Stasimon der Antigone kenntlich wird, zu dem Menschenbild des Protagoras, soweit es im Homo-Mensura-Satz seinen Niederschlag gefunden hat?
    Lit.: Lesky (4), 205
  5. Erarbeiten und beurteilen Sie Bezüge zur Kulturentstehungslehre des Protagoras, wie sie Plat.Prot.320D in einem Mythos wiedergibt!
    Lit.: Ehrenberg (1), 104ff. | Lesky (4), 205f. | Jens (1), 301/2 | Müller (1), 89
 
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