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Publius Cornelius Tacitus

Annales

6,8

 Die Verteidigung des Marcus Terentius

 
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Marcus Terentius verteidigt sich in einer mutigen und ehrlichen Rede gegenüber dem Vorwurf, mit dem Verschwörer Seianus sympathisiert zu haben.
Denn zu der Zeit, als alle ihre Freundschaft mit Seianus verleugneten, wagte es ein römischer Ritter, Marcus Terentius, als er ihretwegen angeklagt wurde, an ihr fest zu halten, indem er vor dem Senat so begann: "Für den Ausgang des Prozesses mag es vielleicht weniger von Nutzen sein anzuerkennen, was man mir vorwirft, als wenn ich es ableugnete. Aber wie auch die Sache ausgeht: ich werde immer bekennen, dass ich ein Freund des Seianus war, dass ich mich darum bemüht habe, es zu werden, und dass ich mich, als ich es erreicht hatte, darüber gefreut habe. Gesehen hatte ich ihn als Amtsgenossen seines Vaters im Oberbefehl über die prätorischen Kohorten, später, wie er die Angelegenheiten der Stadt und des Kriegsdienstes zugleich verwaltete. Seine Verwandten und Verschwägerten wurden durch Ehrenstellen gehoben. Wer des Seianus Vertrauen genoss, hatte auch gute Voraussetzungen für die Freundschaft mit dem Kaiser; wem er zürnte, über den stürmte Angst und Elend herein. Ich berufe mich auf kein weiteres Beispiel. Alle zusammen, die wir an seinen Umsturzplänen keinen Teil hatten, will ich einzig und allein damit verteidigen, dass ich mich selbst bloßstelle. Denn nicht Seianus, den Vulsinier, sondern das Mitglied des claudischen und iulischen Hauses, Häuser, in denen er durch Einheirat einen Platz gewonnen hatte, deinen Schwiegersohn, Caesar, deinen Amtsgenossen im Konsulat, den, der Staatsangelegenheiten an deiner Stelle besorgte, den verehrten wir. Uns steht es nicht an zu bestimmen, was die wert sind, die du über andere erhebst, und warum du es tust. Dir haben die Götter die letzte Entscheidung gegeben, uns bleibt nur die Ehre ergebener Folgsamkeit. Ferner sehen wir auf das, was vor Augen liegt, wer von dir Reichtum und Ehrenstellen hat, wer die meiste Macht zu helfen oder zu schaden. Dass Seianus alles dies besessen hat, wird wohl niemand leugnen. Die verborgenen Gedanken des Fürsten erforschen zu wollen, und das, worauf er etwa im Stillen sinnt, ist nicht gestattet, ist gefährlich und würde erst gar nicht gelingen. Denkt nicht, versammelte Väter an des Seianus letzten Tag, sondern an seine sechszehn Jahre. Auch einem Satrius und Pomponius erwiesen wir Verehrung. Selbst auf die Bekanntschaft seiner Freigelassenen und Türhüter legte man großen Wert. Was will ich damit sagen? Soll darin einer wie der andere seine Verteidigung finden? Nein! Aber eine Sonderung soll durch eine gerecht gezogenen Grenzlinie stattfinden! Staatsverbrecherische Pläne, Mordanschläge gegen den Imperator bestrafe man! Was aber die Freundschaft angeht und ihre Verpflichtungen, so mag dich, Caesar, und mag uns freisprechen, dass sie bei dir und bei uns gleichzeitig zu Ende waren. (6,8) Nam ea tempestate, qua Seiani amicitiam ceteri falso exuerant, ausus est eques Romanus M. Terentius, ob id reus, amplecti, ad hunc modum apud senatum ordiendo: "fortunae quidem meae fortasse minus expediat adgnoscere crimen quam abnuere: sed utcumque casura res est, fatebor et fuisse me Seiano amicum et, ut essem, expetisse et, postquam adeptus eram, laetatum. videram collegam patris regendis praetoriis cohortibus, mox urbis et militiae munia simul obeuntem. illius propinqui et adfines honoribus augebantur; ut quisque Seiano intimus, ita ad Caesaris amicitiam validus: contra quibus infensus esset, metu ac sordibus conflictabantur. nec quemquam exemplo adsumo: cunctos qui novissimi consilii expertes fuimus meo unius discrimine defendam. non enim Seianum Vulsiniensem set Claudiae et Iuliae domus partem, quas adfinitate occupaverat, tuum, Caesar, generum, tui consulatus socium, tua officia in re publica capessentem colebamus. non est nostrum aestimare, quem supra ceteros et quibus de causis extollas: tibi summum rerum iudicium di dedere, nobis obsequii gloria relicta est. spectamus porro, quae coram habentur, cui ex te opes, honores, quis plurima iuvandi nocendive potentia, quae Seiano fuisse nemo negaverit. abditos principis sensus et, si quid occultius parat, exquirere inlicitum, anceps: nec ideo adsequare. ne, patres conscripti, ultimum Seiani diem sed sedecim annos cogitaveritis. etiam Satrium atque Pomponium venerabamur; libertis quoque ac ianitoribus eius notescere pro magnifico accipiebatur. quid ergo? indistincta haec defensio et promisca dabitur? immo iustis terminis dividatur. insidiae in rem publicam, consilia caedis adversum imperatorem puniantur: de amicitia et officiis idem finis et te, Caesar, et nos absolverit."
Die mutige Rede, und dass sich noch jemand fand, der laut aussprach, was alle im Herzen trugen, tat solche Wirkung, dass die Ankläger, denen man hinzurechnete, was sie vorher gesündigt hatten, teils mit Verbannung, teils mit dem Tod bestraft wurden. (6,9) Constantia orationis et, quia repertus erat, qui efferret, quae omnes animo agitabant, eo usque potuere, ut accusatores eius, additis, quae ante deliquerant, exilio aut morte multarentur.
 
Deutsche Übersetzung nach: Strodtbeck, G.F. bearbeitet von E.Gottwein

Aufgabenvorschläge:

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Lat. zu "Tac" und "ann.6,"
Literatur:
zu "Tac" und "ann.6,"
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Tacitus
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Münster (Aschendorff) 5/1954
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Tacitus / Heller
P.Cornelius Tacitus, Annalen, lateinisch und deutsch, herausgegeben von Erich Heller
München und Zürich, Artemis, 1982
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Tacitus / Stegmann
P. Cornelius Tacitus. Annalen und Historien in Ausw. hrsg. von Carl Stegmann. Heft 1: Tiberus: Annalen I-VI nebst Ergänzungen aus Velleius, Sueton und Dio Cassius : Text m. Einl. (B. G. Teubners Schülerausgaben griechischer und lateinischer Schriftsteller). Heft 2: Nero (Annalen XII-XVI : Historien I-V)
Leipzig (u.a.) (Teubner) 5/1927, 1933
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4515
Tacitus / Strodtbeck
Des P.Cornelius Tacitus Werke, II. Abteilung: Die Jahrbücher (Annalen), übersetzt von G.F.Strodtbeck
Stuttgart (Metzler) 1856
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4513
Tacitus / Wotke
Auswahl aus den Schriften des P. Cornelius Tacitus. Mit Einleitung und Namensverzeichnis herausgegeben von Dr. Friedrich Wotke. Text und Kommentar. 9. Auflage von Dr. H. Malicsek
München (G.Freytag Verlag) o.J.
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