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M.Minucius Felix

Octavius

5

1. Teil der Heidenrede

 
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Der Nichtchrist Caecilius argumentiert gegen die Annahme eines Schöpfergottes, Weltenrichters oder einer Vorsehung

5. Die Unsicherheit menschlichen Wissens zwingt zu einer skeptischen Grundhaltung. Die Natur formt und verändert sich nach den immanenten Gesetzen der Materie. Eine Vorsehung oder ein moralisches Gesetz lassen sich am Weltgeschehen nicht festmachen.

V. (1) Tum sic Caecilius exorsus est: Quamquam tibi, Marce frater, de quo cum maxime quaerimus, non sit ambiguum, utpote cum diligenter in utroque vivendi genere versatus repudiaris alterum, alterum conprobaris, inpraesentiarum tamen ita tibi informandus est animus, ut libram teneas aequissimi iudicis nec in alteram partem propensus incumbas, ne non tam ex nostris disputationibus nata sententia quam ex tuis sensibus prolata videatur. V. (1) Jetzt begann Caecilius so: Bruder Marcus! Der Gegenstand unserer gegenwärtigen Untersuchung ist dir zweifelsohne nicht unbekannt. Hast Du ja, mit beiden Lebenswegen bestens vertraut, den einen verlassen, den anderen gewählt. Gleichwohl muss du dich für diese Untersuchung geistig so einstellen, dass du die Waage des gerechtesten Richters hältst und nicht eine Seite aus Zuneigung unterstützt; sonst erschiene dein Spruch eher als Ausdruck deiner Gefühle, denn als Ergebnis unserer Diskussion.
(2) Proinde, si mihi quasi novus aliqui et quasi ignarus partis utriusque considas, nullum negotium est patefacere, omnia in rebus humanis dubia, incerta, suspensa magisque omnia verisimilia quam vera: (2) Wenn du mir nun wie ein beliebiger Fremder, und als seiest du beiden Parteien unbekannt, zu Gericht sitzt, so ist der Nachweis unschwer, dass alles in der Welt zweifelhaft, unsicher und schwankend ist, und alles eher wahrscheinlich als wahr.
(3) quo magis mirum est nonnullos taedio investigandae penitus veritatis cuilibet opinioni temere succumbere, quam in explorando pertinaci diligentia perseverare. (3) Umso auffälliger ist es, dass einige aus Überdruss, die Wahrheit in ganzer Tiefe zu ergründen, sich irgend einer Meinung blindlings unterwerfen, statt im Forschen mit zähem Eifer auszuharren.
(4) Itaque indignandum omnibus, indolescendum est audere quosdam, et hoc studiorum rudes, litterarum profanos, expertes artium etiam sordidarum, certum aliquid de summa rerum ac maiestate decernere, de qua tot omnibus saeculis sectarum plurimarum usque adhuc ipsa philosophia deliberat. (4) Empörung und Schmerz müssen daher alle darüber erfüllen, dass gewisse Leute es wagen, Leute ohne Studien, aller Bildung bar, sogar unbekannt mit dem gewöhnlichen Handwerkszeug, eine bestimmte Festlegung über das Höchste und Heiligste zu treffen, worüber sogar die Philosophie trotz so vieler Jahrhunderte der Forschung unzähliger Schulen bis heute nicht im Reinen ist.
(5) Nec inmerito, cum tantum absit ab exploratione divina humana mediocritas, ut neque, quae supra nos caelo suspensa sublata sunt, neque, quae infra terram profunda demersa sunt, aut scire sit datum aut scrutari permissum aut suspicari religiosum, et beati satis satisque prudentes iure videamur, si secundum illud vetus sapientis oraculum nosmet ipsos familiarius noverimus. (5) Und dies zu Recht; ist doch zwischen der Erkenntnis des Göttlichen und der menschlichen Mittelmäßigkeit ein so großer Abstand, dass uns weder zu wissen vergönnt, noch zu forschen erlaubt, noch zu mutmaßen unbedenklich ist, was über uns in den Höhen schwebt oder unter der Erde in den Tiefen ruht, und dass wir zu Recht hinreichend glücklich und gescheit scheinen, wenn wir im Anklang an jenes alte Wort des Weisen uns selbst näher kennen lernen.
(6) Sed quatenus indulgentes insano atque inepto labori ultra humilitatis nostrae terminos evagamur et in terram proiecti caelum ipsum et ipsa sidera audaci cupiditate transcendimus, vel hunc errorem saltem non vanis et formidulosis opinionibus implicemus. (6) Da wir uns aber einer unverständigen und unfruchtbaren Geistesarbeit zu sehr hingeben, über die Grenzen unserer Beschränktheit hinausschweifen und, obwohl wir auf die Erde gebannt sind, mit frecher Neugier sogar über den Himmel und die Gestirne hinausgehen, sollten wir diesen unseren Irrtum wenigstens nicht auch noch mit eitlen und schreckhaften Fantasien vermengen.
(7) Sint principio omnium semina natura in se coeunte densata, quis hic auctor deus? Sint fortuitis concursionibus totius mundi membra coalita, digesta, formata, quis deus machinator? Sidera licet ignis accenderit et caelum licet sua materia suspenderit, licet terram fundaverit pondere et mare licet influxerit e liquore, unde haec religio, unde formido, quae superstitio est? (7) Nimm an, dass sich im Anfang die Urkeime aller Dinge (Rizomata) in natürlicher Vereinigung (Systole) verbunden haben: welcher Gott ist dann Urheber dieses Prozesses? Nimm an, dass die Glieder der ganzen Welt durch zufälligen Zusammenstoß Verbindung, Ordnung und Gestalt gewonnen haben: welcher Gott ist dann Baumeister? Möglich, dass Feuer die Gestirne entzündet hat, möglich dass sein spezifischer Stoff den Himmel emporgetragen, die Erde durch ihr Gewicht grundgelegt hat, möglich auch, dass das Meer aus dem Flüssigen zusammengeströmt ist: woher dann diese Scheu, woher diese Furcht, warum dieser Aberglaube?
(8) Homo et animal omne, quod nascitur, inspiratur, attollitur, elementorum ut voluntaria concretio est, in quae rursum homo et animal omne dividitur, solvitur, dissipatur: ita in fontem refluunt et in semet omnia revolvuntur, nullo artifice nec iudice nec auctore. (8) Der Mensch und jedes Lebewesen, das entsteht, beseelt wird und emporwächst, ist gleichsam Gebilde der sich freiwillig mengenden Elemente, in die der Mensch und jedes Geschöpf wiederum zerfällt, sich auflöst und verflüchtigt: So kehrt alles zum Urquell und sinkt in sich selbst zurück; einen Weltbaumeister, Richter und Schöpfer gibt es nicht.
(9) Sic congregatis ignium seminibus soles alios atque alios semper splendere, sic exhalatis terrae vaporibus nebulas semper adolescere, quibus densatis coactisque nubes altius surgere, isdem labentibus pluvias fluere, flare ventos, grandines increpare, vel nimbis conlidentibus tonitrua mugire, rutilare fulgora, fulmina praemicare: adeo passim cadunt, montes inruunt, arboribus incurrunt, sine dilectu tangunt loca sacra et profana, homines noxios feriunt et saepe religiosos. (9) So mengen sich die feurigen Uhrstoffe, und immer scheinen Sonnen, bald diese bald jene; so haucht die Erde Dünste aus, und immer bilden sich Nebel; verdichten sich diese und ballen sich zusammen, dann steigen sie als Wolken höher in die Luft; brechen sie auf, dann fließt Regen, wehen Winde, rauscht Hagel, oder es stoßen Gewitterwolken aufeinander, dann brüllt der Donner, blenden leuchtende, zucken zündende Blitze: ja überall fahren sie nieder, stürzen sich auf Berge, fahren in Bäume, treffen wahllos heilige und nichtheilige Orte und töten sündhafte, oft auch gottesfürchtige Menschen.
(10) Quid tempestates loquar varias et incertas, quibus nullo ordine vel examine rerum omnium impetus volutatur? in naufragiis bonorum malorumque fata mixta, merita confusa? in incendiis interitum convenire insontium nocentiumque? et cum tabe pestifera caeli tractus inficitur, sine discrimine omnes deperire? et cum belli ardore saevitur, meliores potius occumbere? (10) Was soll ich die mannigfachen und ungewissen Stürme anführen, durch die ohne alle Ordnung und Abwägung aller Dinge Schwung ins Rollen kommt? Sind nicht bei Schiffbrüchen die Geschicke der Guten und Schlechten gemischt, ihre Verdienste vermengt? Trifft nicht bei Bränden der Tod Schuldige und Unschuldige in gleicher Weise? Und wenn vom Miasma der Pest ein Himmelsstrich erfüllt wird, gehen nicht alle ohne Unterschied zu Grunde? Und wenn die Lohe des Krieges wütet, erliegen ihr nicht bevorzugt die Besseren?
(11) In pace etiam non tantum aequatur nequitia melioribus, sed et colitur, ut in pluribus nescias, utrum sit eorum detestanda pravitas an optanda felicitas. (11) Sogar im Frieden stellt man die Nichtswürdigkeit nicht nur der höheren Moral gleich, sondern huldigt ihr sogar, so dass man bei mehr als einem nicht weiß, ob man seine Verkommenheit verabscheuen oder sich sein Glück wünschen soll.
(12) Quod si mundus divina providentia et alicuius numinis auctoritate regeretur, numquam mereretur Phalaris et Dionysius regnum, numquam Rutilius et Camillus exilium, numquam Socrates venenum. (12) Würde aber die Welt durch eine göttliche Vorsehung oder durch den Willen irgendeines göttlichen Wesens regiert, so würde Phalaris und Dionysius nie ein Reich verdient haben, Rutilius und Camillus niemals die Verbannung, Sokrates nie den Giftbecher.
(13) Ecce arbusta frugifera, ecce iam seges cana, iam temulenta vindemia imbri corrumpitur, grandine caeditur. Adeo aut incerta nobis veritas occultatur et premitur, aut, quod magis credendum est, variis et lubricis casibus soluta legibus fortuna dominatur. (13) Seht! Schon werden die fruchttragenden Bäume, schon das weißgraue Saatfeld, schon die mostreiche Rebe vom Regen verdorben, vom Hagel niedergemacht. So ist uns denn entweder die ungewisse Wahrheit verborgen und vorenthalten, oder aber, was glaubwürdiger ist, es herrscht der Zufall mit absoluter Gewalt und tausendfach unberechenbarer Willkür.
Deutsche Übersetzung nach: Aloys Bieringer, 1871, bearbeitet von E.Gottwein
Sententiae excerptae:
2013
In pace etiam non tantum aequatur nequitia melioribus, sed et colitur
Sogar im Frieden stellt man die Nichtswürdigkeit nicht nur der höheren Moral gleich, sondern huldigt ihr sogar
Min.Fel.5,11

2012
Neque, quae supra nos caelo suspensa sublata sunt, neque, quae infra terram profunda demersa sunt, aut scire est datum aut scrutari permissum aut suspicari religiosum
Weder ist uns zu wissen vergönnt, noch zu forschen erlaubt, noch zu mutmaßen unbedenklicht, was über uns in den Höhen schwebt oder unter der Erde in den Tiefen ruht
Min.Fel.5,5

2011
Omnia in rebus humanis dubia, incerta, suspensa magisque omnia verisimilia quam vera
Alles in der Welt ist zweifelhaft, unsicher und schwankend ist, und alles ist eher wahrscheinlich als wahr
Min.Fel.5,2

2014
Variis et lubricis casibus soluta legibus fortuna dominatur
Es herrscht der Zufall mit absoluter Gewalt und tausendfach unberechenbarer Willkür.
Min.Fel.5,13


Literatur:
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Christentum, Bildung und römische Oberschicht: zum "Octavius" des Minucius Felix
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Octavius. Lateinisch und Deutsch. Hrsg.und übersetzt von Bernhard Kytzler.
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M. Minucius Felix. Hrsg. u. erl. von Josef Lindauer. Kommentar.
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Minucius Felix / Lübkert
M. Minucii Felicis Octavius sive dialogus Christiani et ethnici disputantium. Octavius oder Schutzschrift für das Christenthum, ein Dialog des M. Minucius Felix. Neu herausgegeben, erklärt und übersetzt von Joh. Heinr. Bernh. Lübkert.
Leipzig, Julius Klinkhardt 1836

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Minucius Felix / Rauschen, G.
Octavius. Digessit, vertit, adnotavit G. RAUSCHEN.
Bonn, Hanstein, 1913 (Florilegium Patristicum, 8)

4433
Minucius Felix / Schneider, C.
Octavius. Text in lateinischer Sprache mit deutscher Einleitung, herausgegeben von Carl Schneider
Paderborn Schöningh 1954

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Minucius Felix / Schöne, A.
M. Minucii Felicis Octavius. Hrsg. und mit einem textkritischen Anhang versehen von Alfred Schöne.
Leipzig : Bernhard Liebisch, 1913

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Osterholt, Christoph
Die Szenerie des Dialogs 'Octavius' des Minucius Felix
GRIN Verlag, 1/2003

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Rüpke, Jörg
Rhetorik und Rhetorikkritik in der frühen lateinischen Apologetik: Minucius Felix' Dialog Octavius
In: Religion und Rhetorik (2007), S.35-47

4447
Schmidt, Johanna
Minucius Felix oder Tertullian? Philologisch-historische Untersuchung der Prioritätsfrage des Octavius und des Apologeticum.
Borna-Leipzig, Noske, 1932

4464
Speyer, Wolfgang
Octavius, der Dialog des Minucius Felix : Fiktion oder historische Wirklichkeit?
In: Jahrbuch für Antike und Christentum, ISSN 0075-2541 (1964), S.45-51

4457
Stölting, Gisela
Probleme der Interpretation des "Octavius" von Minucius Felix
2006

4439
Tertullian / Minucius Felix
Apology. De Spectaculis (Glover / Rendall). Edit.: E. Page, E. Capps, W. H. D. Rouse u. a. Lateinisch-englischer Text.
London, William Heinemann, 27/1960 (The Loeb Classical Library)

4454
Uhle, Tobias
Der Strandspaziergang im "Octavius" des Minucius Felix als Begegnung mit dem Unverfügbaren: eine allegorische Deutung von Minucius Felix 2,3/4,5
In: Jahrbuch für Antike und Christentum, Bd. 51 (2008), S.044-054


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