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Homer

Odyssee

23. Gesang - deutsch

Penelope erkennt Odysseus

 

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Penelopeia, von der Pflegerin gerufen, geht misstrauisch in den Saal. Odysseus gebietet den Seinigen Reigentanz, um die Ithaker zu täuschen. Er selbst, vom Bade verschönert, rechtfertigt sich der Gemahlin durch ein Geheimnis. Die Neuverbundenen erzählen vor dem Schlafe sich ihre Leiden. Am Morgen befiehlt Odysseus der Gemahlin sich einzuschließen, und geht mit dem Sohn und den Hirten zu Laertes hinaus.
1


Aber das Mütterchen stieg frohlockend empor in den Söller,
Um der Fürstin zu melden, ihr lieber Gemahl sei zu Hause:
Jugendlich strebten die Knie', und hurtiger eilten die Schenkel;
Und sie trat zu dem Haupte der schlafenden Fürstin, und sagte:
5



Wach auf, Penelopeia, geliebte Tochter, und schau es
Selber mit Augen, worauf du so lange geharret: Odysseus
Ist gekommen, Odysseus! und wieder zu Hause, nun endlich!
Und hat alle Freier getötet, die hier im Palaste
Trotzten, sein Gut verschlangen, und seinen Telemachos höhnten!
10



Ihr antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Liebe Mutter, dich haben die Götter betöret, die oftmal
Selbst die verständigsten Menschen in Unverständige wandeln,
Und Einfältige oft mit hoher Weisheit erleuchten!
Diese verrückten gewiss auch deine richtigen Sinne!
15



Warum spottest du meiner, die so schon herzlich betrübt ist,
Und verkündest mir Lügen, und weckst mich vom lieblichen Schlummer,
Welcher mir, ach so sanft! die lieben Wimpern bedeckte?
Denn ich schlief noch nimmer so fest, seit Odysseus hinwegfuhr,
Troia zu sehn, die verwünschte, die keiner nennet ohn' Abscheu!
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Aber nun steige hinab, und geh in die untere Wohnung!
Hätte mir eine der andern, so viel auch Weiber mir dienen,
Solch ein Märchen verkündet, und mich vom Schlummer erwecket;
Fürchterlich hätt' ich sie gleich, die unwillkommene Botin,
Heimgesandt in den Saal! Dich rettet diesmal dein Alter!
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Ihr antwortete drauf die Pflegerin Eurykleia:
Liebe Tochter, ich spotte ja nicht! Wahrhaftig, Odysseus
Ist gekommen, und wieder zu Hause, wie ich dir sage!
Jener Fremdling, den alle so schändlich im Saale verhöhnten!
Und Telemachos wusste schon lange, dass er daheim sei;
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Aber mit weisem Bedacht verschwieg er des Vaters Geheimnis,
Bis er den Übermut der stolzen Männer bestrafet.
Also sprach sie; und freudig entsprang die Fürstin dem Lager,
Und umarmte die Alte, und Tränen umströmten ihr Antlitz.
Weinend begann sie jetzo, und sprach die geflügelten Worte:
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Liebes Mütterchen, sage mir doch die lautere Wahrheit!
Ist er denn wirklich zu Hause gekommen, wie du erzählest;
O wie hat er den Kampf mit den schamlosen Freiern vollendet,
Er allein mit so vielen, die hier sich täglich ergötzten?
Ihr antwortete drauf die Pflegerin Eurykleia:
40



Weder gesehn hab' ich's, noch sonst erfahren, ich hörte
Bloß der Erschlagnen Geächz. Denn hinten in unserer Wohnung
Saßen wir alle voll Angst, bei festverriegelten Türen;
Bis mich endlich dein Sohn Telemachos aus dem Gemache
Rief, denn diesen hatte sein Vater gesandt, mich zu rufen.
45



Und nun fand ich Odysseus, umringt von erschlagenen Leichen,
Stehn, die hochgehäuft, das schöngepflasterte Estrich
Weit bedeckten. O hättest du selbst die Freude gesehen,
Als er mit Blut und Staube besudelt stand, wie ein Löwe!
Jetzo liegen sie alle gehäuft an der Pforte des Hofes;
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Und er reinigt mit Schwefel bei angezündetem Feuer
Seinen prächtigen Saal; und sendet mich her, dich zu rufen.
Folge mir denn, damit ihr die lieben Herzen einander
Wieder mit Freuden erfüllt, nachdem ihr so vieles erduldet.
Nun ist ja endlich geschehn, was ihr so lange gewünscht habt:
55



Lebend kehret er heim zum Vaterherde, und findet
Dich und den Sohn im Palast; und alle, die ihn beleidigt,
Alle Freier vertilgt die schreckliche Rache des Königs.
Ihr antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Liebe Mutter, du musst nicht so frohlocken und jauchzen!
60



Ach, du weißt ja, wie herzlich erwünscht er allen im Hause
Käme, vor allen mir, und unserm einzigen Sohne!
Aber es ist unmöglich geschehen, wie du erzählest!
Einer der Himmlischen hat die stolzen Freier getötet,
Durch die Greuel gereizt, und die seelenkränkende Bosheit!
65



Denn sie ehrten ja keinen von allen Erdbewohnern,
Vornehm' oder geringe, wer auch um Erbarmen sie ansprach:
Darum strafte sie Gott, die Freveler! Aber Odysseus,
Fern von Achaia verlor er die Heimkehr, ach! und sein Leben!
Ihr antwortete drauf die Pflegerin Eurykleia:
70



Welche Rede, mein Kind, ist deinen Lippen entflohen!
Dein Gemahl, der schon unten am Herde sitzt, der kehret
Nimmer nach Hause zurück? O wie gar ungläubig dein Herz ist!
Nun so sag' ich dir jetzt ein entscheidendes Merkmal, die Narbe,
Die ein Eber ihm einst mit weißem Zahne gehauen.
75



Beim Fußwaschen nahm ich sie wahr, und wollt' es dir selber
Sagen; allein er fasste mir schnell mit der Hand an die Gurgel;
Und verhinderte mich mit weisem Bedachte, zu reden.
Komm denn, und folge mir jetzt. Denn ich verbürge mich selber,
Hab' ich dir Lügen gesagt, des kläglichsten Todes zu sterben.
80



Ihr antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Liebe Mutter, den Rat der ewiglebenden Götter
Strebst du umsonst zu erforschen, obgleich du vieles verstehest.
Aber wir wollen doch zu meinem Sohne hinabgehn,
Dass ich die Leichname sehe der Freier, und wer sie getötet.
85



Also sprach sie, und stieg hinab. Der Gehenden Herz schlug,
Zweifelnd, ob sie den lieben Gemahl von ferne befragte,
Oder entgegen ihm flög', und Händ' und Antlitz ihm küsste.
Als sie nun über die Schwelle von glattem Marmor hineintrat,
Setzte sie fern an der Wand, im Glanze des Feuers, Odysseus
90



Gegenüber, sich hin. An einer ragenden Säule
Saß er, die Augen gesenkt, und wartete, was sie ihm sagen
Würde, die edle Gemahlin, da sie ihn selber erblickte.
Lange saß sie schweigend; ihr Herz war voller Erstaunens.
Jetzo glaubte sie schon sein Angesicht zu erkennen,
95



Jetzo verkannte sie ihn in seiner hässlichen Kleidung.
Aber Telemachos sprach unwillig zu Penelopeia:
Mutter, du böse Mutter, von unempfindlicher Seele!
Warum sonderst du dich von meinem Vater, und setzest
Dich nicht neben ihn hin, und fragst und forschest nach allem?
100



Keine andere Frau wird sich von ihrem Gemahle
So halsstarrig entfernen, der nach unendlicher Trübsal
Endlich im zwanzigsten Jahre zum Vaterlande zurückkehrt!
Aber du trägst im Busen ein Herz, das härter als Stein ist!
Ihm antwortete drauf die kluge Penelopeia:
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Lieber Sohn, mein Geist ist ganz in Erstaunen verloren;,
Und ich vermag kein Wort zu reden, oder zu fragen,
Noch ihm gerad' ins Antlitz zu schaun! Doch ist er es wirklich,
Mein Odysseus, der wiederkam; so werden wir beide
Uns einander gewiss noch besser erkennen: wir haben
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Unsre geheimen Zeichen, die keinem andern bekannt sind.
Sprach's; da lächelte sanft der herrliche Dulder Odysseus,
Wandte sich drauf zum Sohn', und sprach die geflügelten Worte:
O Telemachos, lass die Mutter, so lange sie Lust hat,
Mich im Hause versuchen; sie wird bald freundlicher werden.
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Weil ich so hässlich bin, und mit schlechten Lumpen bekleidet,
Darum verachtet sie mich, und glaubt, ich sei es nicht selber,
Aber wir müssen bedenken, was nun der sicherste Rat sei.
Denn hat jemand im Volk nur einen Menschen getötet,
Welcher, arm und geringe, nicht viele Rächer zurücklässt;
120



Flüchtet er doch, und verlässt die Heimat und seine Verwandten:
Und wir erschlugen die Stütze der Stadt, der edelsten Männer
Söhne in Ithakas Reich. Dies überlege nun selber.
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Lieber Vater, da musst du allein zusehen; du bist ja
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Unter den Menschen berühmt durch deine Weisheit, und niemand
Wagt es sich dir zu vergleichen von allen Erdebewohnern!
Aber wir sind zu folgen bereit; und ich hoffe, du werdest
Mut in keinem vermissen, so viel die Kräfte gewähren.
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
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Nun so will ich denn sagen, was mir das Beste zu sein dünkt.
Geht nun erstlich ins Bad, und schmückt euch mit festlichem Leibrock;
Lasst dann die Weiber im Hause mit schönen Gewanden sich schmücken;
Aber der göttliche Sänger entlocke der klingenden Harfe
Melodien, und beflügle den fröhlichhüpfenden Reigen:
135



Dass die Nachbarn umher, und die auf der Gasse vorbeigehn,
Sagen, wann sie es hören, man feire der Königin Hochzeit;
Und damit nicht eher der Ruf von dem Morde der Freier
Durch die Stadt sich verbreite, bevor wir das schattige Lustgut
Fern auf dem Land' erreicht. Dort wollen wir ferner bedenken,
140



Welchen nützlichen Rat uns Zeus der Olympier eingibt.
Also sprach er. Sie hörten ihm alle mit Fleiß und gehorchten:
Gingen ins Bad, und schmückten sich dann mit festlichem Leibrock.
Auch die Weiber kamen geschmückt. Der göttliche Sänger
Nahm die gewölbete Harf', und reizte mit lieblichen Tönen
145



Alle zum süßen Gesang und schönnachahmenden Tanze:
Dass der hohe Palast ringsum von dem stampfenden Fußtritt
Fröhlicher Männer erscholl und schöngegürteter Weiber.
Und wer vorüberging, blieb horchend stehen, und sagte:
Wahrlich ein Freier macht mit der schönen Königin Hochzeit!
150



Konnte die böse Frau nicht ihres ersten Gemahles
Hohen Palast bewahren, bis er aus der Fremde zurückkehrt?
Also sprechen die Leute, und wussten nicht, was geschehn war.
Aber den edelgesinnten Odysseus in seinem Palaste
Badet' Eurynome jetzt, die Schaffnerin, salbte mit Öl ihn,
155



Und umhüllt' ihm darauf den prächtigen Mantel und Leibrock.
Siehe sein Haupt umstrahlt' Athene mit göttlicher Anmut,
Schuf ihn höher und stärker an Wuchs; und goss von der Scheitel
Ringelnde Locken herab, wie der Purpurlilien Blüte.
Also umgießt ein Mann mit feinem Golde das Silber,
160



Welchen Hephaistos selbst und Pallas Athene die Weisheit
Vieler Künste gelehrt, und bildet reizende Werke:
Also umgoss die Göttin ihm Haupt und Schultern mit Anmut.
Und er stieg aus dem Bad', an Gestalt den Unsterblichen ähnlich;
Kam, und setzte sich wieder auf seinem verlassenen Sessel,
165



Gegenüber dem Sitz der edlen Gemahlin, und sagte:
Wnnderliche, gewiss vor allen Weibern der Erde
Schufen die Himmlischen dir ein Herz so starr und gefühllos!
Keine andere Frau wird sich von ihrem Gemahle
So halsstarrig entfernen, der nach unendlicher Trübsal
170



Endlich im zwanzigsten Jahre zum Vaterlande zurückkehrt!
Aber bereite mein Bett, o Mütterchen, dass ich allein mich
Niederlege: denn diese hat wahrlich ein Herz von Eisen!
Ihm antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Wunderlicher, mich hält so wenig Stolz wie Verachtung
175



Oder Befremden zurück; ich weiß recht gut, wie du aussahst,
Als du von Ithaka fuhrst im langberuderten Schiffe.
Aber wohlan! bereite sein Lager ihm, Eurykleia,
Außerhalb des schönen Gemachs, das er selber gebauet.
Setzt das zierliche Bette hinaus, und leget zum Ruhen
180



Wollige Felle hinein, und prächtige Decken und Mäntel.
Also sprach sie zum Schein, den Gemahl zu versuchen. Doch zürnend
Wandte sich jetzt Odysseus zu seiner edlen Gemahlin:
Wahrlich, o Frau, dies Wort hat meine Seele verwundet!
Wer hat mein Bette denn anders gesetzt? das könnte ja schwerlich
185



Selbst der erfahrenste Mann; wo nicht der Unsterblichen einer
Durch sein allmächtiges Wort es leicht von der Stelle versetzte:
Doch kein sterblicher Mensch, und trotzt' er in Kräften der Jugend,
Könnt' es hinwegarbeiten! Ein wunderbares Geheimnis
War an dem künstlichen Bett; und ich selber baut' es, kein andrer!
190



Innerhalb des Gehegs war ein weitumschattender Ölbaum,
Stark und blühendes Wuchses; der Stamm glich Säulen an Dicke.
Rings um diesen erbaut' ich von dichtgeordneten Steinen
Unser Ehegemach, und wölbte die obere Decke,
Und verschloss die Pforte mit festeinfugenden Flügeln.
195



Hierauf kappt' ich die Äste des weitumschattenden Ölbaums,
Und behaute den Stamm an der Wurzel, glättet' ihn ringsum
Künstlich und schön mit dem Erz, und nach dem Maße der Richtschnur;
Schnitzt' ihn zum Fuße des Bettes, und bohrt' ihn rings mit dem Bohrer,
Fügete Bohlen daran, und baute das zierliche Bette,
200



Welches mit Gold und Silber und Elfenbeine geschmückt war;
Und durchzog es mit Riemen von purpurfarbener Stierhaut.
Dies Wahrzeichen sag' ich dir also. Aber ich weiß nicht,
Frau, ob es noch so ist, wie vormals; oder ob jemand
Schon den Fuß von der Wurzel gehaun, und das Bette versetzt hat.
205



Also sprach er. Der Fürstin erzitterten Herz und Kniee,
Als sie die Zeichen erkannte, die ihr Odysseus verkündet:
Weinend lief sie hinzu, und fiel mit offenen Armen
Ihrem Gemahl um den Hals, und küsste sein Antlitz, und sagte:
Sei mir nicht bös, Odysseus! Du warst ja immer ein guter
210



Und verständigen Mann! Die Götter gaben uns Elend;
Denn zu groß war das Glück, dass wir beisammen in Eintracht
Unserer Jugend genössen, und sanft dem Alter uns nahten!
Aber du musst mir jetzo nicht darum zürnen noch gram sein,
Dass ich, Geliebter, dich nicht beim ersten Blicke bewillkommt!
215



Siehe, mein armes Herz war immer in Sorgen, es möchte
Irgend ein Sterblicher kommen, und mich mit täuschenden Worten
Hintergehn; es gibt ja so viele schlaue Betrüger!
Nimmer hätte der Fremdling die schöne argeiische Fürstin
Helena, Tochter von Zeus, zur heimlichen Liebe verleitet;
220



Hätte sie vorbedacht, dass die kriegrischen Söhne Achaias
Würden mit Feuer und Schwert sie zurück aus Ilion fordern.
Aber gereizt von der Göttin, erlag sie der schnöden Verführung,
Und erwog nicht vorher in ihrem Herzen das nahe
Schreckengericht, das auch uns so vielen Jammer gebracht hat!
225



Jetzo, da du, Geliebter, mir so umständlich die Zeichen
Unserer Kammer nennst, die doch kein Sterblicher sahe,
Sondern nur du und ich, und die einzige Kammerbediente
Aktoris, welche mein Vater mir mitgab, als ich hierher zog,
Die uns beiden die Pforte bewahrt des festen Gemaches:
230



Jetzo besiegst du mein Herz, und alle Zweifel verschwinden.
Also sprach sie. Da schwoll ihm sein Herz von inniger Wehmut:
Weinend hielt er sein treues geliebtes Weib in den Armen.
So erfreulich das Land den schwimmenden Männern erscheinet,
Deren rüstiges Schiff der Erdumgürter Poseidon
235



Mitten im Meere durch Sturm und geschwollene Fluten zerschmettert;
Wenige nur entflohn dem dunkelwogenden Abgrund,
Schwimmen ans Land, ringsum vom Schlamme des Meeres besudelt,
Und nun steigen sie freudig, dem Tod' entronnen, ans Ufer:
So erfreulich war ihr der Anblick ihres Gemahles;
240



Und fest hielt sie den Hals mit weißen Armen umschlungen.
Und sie hätten vielleicht bis zur Morgenröte gejammert;
Aber ein andres beschloss die heilige Pallas Athene.
Denn sie hemmte die Nacht am Ende des Laufes, und weilte
An des Okeanos Fluten die goldenthronende Eos:
245



Und noch spannte sie nicht die schnellen leuchtenden Rosse
Lampos und Phaethon an, das Licht den Menschen zu bringen.
Aber zu seiner Gemahlin begann der weise Odysseus:
Liebes Weib, noch haben wir nicht der furchtbaren Kämpfe
Ziel erreicht; es droht noch unermessliche Arbeit,
250




Viel und gefahrenvoll, und alle muss ich vollenden!
Also verkündigte mir des großen Teiresias' Seele,
Jenes Tages, da ich in Aïs' Wohnung hinabstieg,
Forschend nach der Gefährten und meiner eigenen Heimkehr.
Aber nun lass uns, Frau, zu Bette gehen: damit uns
255



Beide jetzo die Ruhe des süßen Schlafes erquicke.
Ihm antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Jetzo wird dein Lager bereit sein, wann du es wünschest:
Da dir endlich die Götter gestatteten, wiederzukehren
In dein prächtiges Haus und deiner Väter Gefilde.
260



Aber weil dich ein Gott daran erinnert, mein Lieber,
Sage mir auch den Kampf! Ich muss ihn, denk' ich, doch einmal
Hören; so ist es ja wohl nicht schlimmer, ihn gleich zu erfahren.
Ihr antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Armes Weib, warum verlangst du, dass ich dir dieses
265



Sage? Ich will es dir denn verkünden, und nichts dir verhehlen.
Freilich wird sich darob dein Herz nicht freuen; ich selber
Freue mich nicht. Denn mir befiehlt der erleuchtete Seher,
Fort durch die Welt zu gehn, in der Hand ein geglättetes Ruder,
Immerfort, bis ich komme zu Menschen, welche das Meer nicht
270



Kennen, und keine Speise gewürzt mit Salze genießen,
Welchen auch Kenntnis fehlt von rotgeschnäbelten Schiffen,
Und von geglätteten Rudern, den Fittichen eilender Schiffe.
Deutlich hat er sie mir bezeichnet, dass ich nicht irre.
Wenn ein Wanderer einst, der mir in der Fremde begegnet,
275



Sagt, ich trag' eine Schaufel auf meiner rüstigen Schulter;
Dann soll ich dort in die Erde das schöngeglättete Ruder
Stecken, und Opfer bringen dem Meerbeherrscher Poseidon,
Einen Widder und Stier und einen mutigen Eber;
Drauf zur Heimat kehren, und opfern heilige Gaben
280



Allen unsterblichen Göttern, des weiten Himmels Bewohnern,
Nach der Reihe herum. Zuletzt wird außer dem Meere
Kommen der Tod, und mich, von hohem behaglichem Alter
Aufgelöseten, sanft hinnehmen, wann ringsum die Völker
Froh und glücklich sind. Dies hat mir der Seher verkündet.
285



Ihm antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Nun wenn dir von den Göttern ein frohes Alter bestimmt ist;
Können wir hoffen, du wirst dein Leiden glücklich vollenden.
Also besprachen diese sich jetzo untereinander.
Eurykleia indes und Eurynome breiteten emsig
290



Weiche Gewande zum Lager, beim Scheine leuchtender Fackeln.
Und nachdem sie in Eile das warme Lager gebettet,
Ging die Alte zurück in ihre Kammer, zu ruhen.
Aber Eurynome führte den König und seine Gemahlin
Zu dem bereiteten Lager, und trug die leuchtende Fackel;
295



Als sie die Kammer erreicht, enteilte sie. Jene bestiegen
Freudig ihr altes Lager, der keuschen Liebe geheiligt.
Aber Telemachos, der Rinderhirt und der Sauhirt
Ruhten jetzo vom fröhlichen Tanz, es ruhten die Weiber;
Und sie legten sich schlafen umher im dunkeln Palaste.
300



Jene, nachdem sie die Fülle der seligen Liebe gekostet,
Wachten noch lang', ihr Herz mit vielen Gesprächen erfreuend.
Erst erzählte das göttliche Weib, wie viel sie im Hause
Von dem verwüstenden Schwarme der bösen Freier erduldet,
Wie sie um ihretwillen die fetten Rinder und Schafe
305



Scharenweise geschlachtet, und frech im Weine geschwelget.
Dann erzählte der Held, wie vielen Jammer er andern
Menschen gebracht, und wie viel er selber vom Schicksal erduldet.
Und die Königin horchte mit inniger Wonne; kein Schlummer
Sank auf die Augenlider, bevor er alles erzählet.
310



Und er begann, wie er erst die Kikonen bezwungen, und hierauf
An der fruchtbaren Küste der Lotophagen gelandet.
Was der Kyklope getan, und wie er der edlen Gefährten
Tod bestraft, die er fraß, der unbarmherzige Wütrich.
Und wie Aiolos ihn, nach milder Bewirtung, zur Heimfahrt
315



Ausgerüstet; allein die Stunde der fröhlichen Heimkehr
War noch nicht; denn er trieb, von dem wilden Orkane geschleudert,
Lautwehklagend zurück ins fischdurchwimmelte Weltmeer.
Wie er Telepylos dann und die Laistrygonen gesehen,
Wo er die rüstigen Schiffe und schöngeharnischten Freunde
320



Alle verlor; nur er selber entrann mit dem schwärzlichen Schiffe.
Auch von Kirkes Betrug und Zauberkünsten erzählt' er;
Und wie er hingefahren in Aïdes dumpfe Behausung,
Um des thebaiischen Greises Teiresias' Seele zu fragen,
Im vielrudrigen Schiff, und alle Freunde gesehen,
325



Auch die Mutter, die ihn gebar und als Knaben ernährte.
Wie er dann den Gesang der holden Sirenen gehöret;
Dann die irrenden Klippen gesehn, und die wilde Charybdis,
Und die Skylla, die keiner noch unbeschädigt vorbeifuhr.
Dann, wie seine Gefährten die Sonnenrinder geschlachtet;
330



Und wie sein rüstiges Schiff der Gott hochrollender Donner
Zeus mit dem Blitze zerschmettert; es sanken die tapfern Genossen
Allzumal, nur er selber entfloh dem Schreckenverhängnis.
Wie er drauf gen Ogygia kam, zur Nymphe Kalypso,
Die ihn so lang aufhielt in ihrer gewölbeten Grotte,
335



Und zum Gemahl ihn begehrte: sie reicht' ihm Nahrung und sagte
Ihm Unsterblichkeit zu und nimmerverblühende Jugend;
Dennoch vermochte sie nicht sein standhaftes Herz zu bewegen.
Wie er endlich, nach großer Gefahr, die Phaiaken erreichet,
Welche von Herzen ihn hoch, wie einen Unsterblichen, ehrten,
340



Und ihn sandten im Schiffe zur lieben heimischen Insel,
Reichlich mit Erz und Golde beschenkt und prächtigen Kleidern.
Und kaum hatt' er das Letzte gesagt, da beschlich ihn der süße
Sanftauflösende Schlummer, den Gram der Seele vertilgend.
Aber ein Neues ersann die heilige Pallas Athene:
345



Als sie glaubte, der Held Odysseus habe nun endlich
Seine Seele in Lieb' und süßem Schlafe gesättigt;
Rief sie vom Ozean schnell die goldenthronende Frühe,
Dass sie die finstere Welt erleuchtete. Aber Odysseus
Sprang vom schwellenden Lager, und sprach zu seiner Gemahlin:
350



Frau, wir haben bisher der Leiden volle Genüge
Beide geschmeckt: da du so herzlich um meine Zurückkunft
Weintest, und mich der Kronid' und die andern Götter durch Unglück
Stets, wie sehr ich auch strebte, von meiner Heimat entfernten.
Jetzo, nachdem wir die Nacht der seligen Liebe gefeiert,
355



Sorge du für die Güter, die mir im Palaste geblieben;
Aber die Rinder und Schafe, die mir die Freier verschwelget,
Werden mir teils die Achaier ersetzen, und andere werd' ich
Beuten von fremden Völkern, bis alle Höfe gefüllt sind.
Jetzo geh' ich hinaus, den guten Vater Laertes
360



Auf dem Lande zu sehn, der mich so herzlich bejammert.
Dir befehl' ich, o Frau; zwar bist du selber verständig:
Gleich wenn die Sonn' aufgeht, wird sicher der Ruf von den Freiern
Durch die Stadt sich verbreiten, die ich im Hause getötet;
Darum steig' in den Söller, und sitze dort unter den Weibern
365



Ruhig; siehe nach keinem dich um, und rede mit keinem.
Also sprach er, und panzerte sich mit schimmernder Rüstung,
Weckte Telemachos dann und beide Hirten vom Schlummer,
Und gebot, in die Hand die Waffen des Krieges zu nehmen.
Diese gehorchten ihm schnell, und standen in eherner Rüstung,
370

Schlossen die Pforte dann auf, und gingen, geführt von Odysseus.
Schon umschimmerte Licht die Erde. Doch Pallas Athene
Führte sie schnell aus der Stadt, mit dichtem Nebel umhüllet.
   
  Übersetzung nach J.H.Voß bearbeitet von E.Gottwein

 

 

 

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