Eugen Gauß an Carl Friedrich Gauß
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| Eugen Gauß
an Carl Friedrich Gauß |
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Eugen
Gauß, ein Sohn des Mathematikers Carl Friedrich Gauß
(des Mannes vom 10-DM-Schein) besuchte 1826-1829 das Gymnasium
in Celle. Als 15jähriger schrieb er 1828 einen
lateinischen Brief an seinen Vater in Göttingen. |
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E. Gauss S. D. P. Patri
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E. Gauß grüßt
herzlich seinen Vater |
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Sum quidem fateor vanus
promissor, sed tamen quod dubitem quin pro magno Tuo amore diuturni
mearum literarum silentii veniam mihi daturus sis, non habeo.
Ne hoc quidem me in primam hujus Lycei classem transpositum esse
Tibi narravi, quamquam Gottingam proxima aestate relinquens, me
saepius quam antea literas ad Te daturum esse promiseram. Repeto
nunc vero mea promissa, quibus me staturum esse pro certo credere
licet.
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Ja, ich gebe es zu, ich
habe leere Versprechungen gemacht. Dennoch habe ich keinen Grund,
daran zu zweifeln, dass Du in Anbetracht Deiner großen Liebe
mir verzeihst, dass meine Briefe so lange geschwiegen haben. Nicht
einmal, dass ich in die erste Klasse dieses Lyceums versetzt wurde,
habe ich Dir erzählt, obwohl ich Dir, als ich letzten Sommer
aus Göttingen abreiste, versprochen hatte, Dir häufiger
als zuvor Briefe zu schreiben. Aber ich wiederhole jetzt meine
Versprechen: Du darfst mit Sicherheit darauf vertrauen, dass ich
dazu stehen werde. |
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Qua ratione literae
in Classe prima tractentur primum tibi scribam. Latinorum scriptorum
Horatium, Quintiliani librum decimum, Plauti Trinummum et denique
Taciti Annales legimus, quorum omnium maxime Horatii carmina mihi
placent, quae Director, vel potius nos, Directore gubernante interpretamur.
Locis vero obscurioribus, ut quisque suam proferat sententiam
haud raro accidit. Nos non nisi latine loqui, ni fallor, jam Gottingae
Tibi narravi, cujus linguae uero ut majorem capiamus exercitationem
nos etiam latinas disputationes habere certe nondum scies. Omnes
alii scriptores, et lat[ini] et graec[i] simili modo tractantur,
exceptis Taciti Annalib[us] et Plauto, qui, Rectore moderante
quam celerrime leguntur. |
Zunächst will ich
Dir schreiben, wie man in der ersten Klasse Literatur betreibt.
An lateinischen Schriftstellern lesen wir Horaz, das 10. Buch
von Quintilian, den Trinummus des Plautus und schließlich
Tacitus’ Annalen. Am allermeisten gefallen mir die Horazgedichte,
die unser Direktor, oder eher wir unter Anleitung unseres Direktors
übersetzen. An etwas undurchsichtigeren Stellen bleibt es
häufig nicht aus, dass jeder seine [persönliche] Ansicht
vorträgt. Dass wir nur lateinisch reden, habe ich Dir, wenn
ich mich nicht täusche, schon in Göttingen erzählt,
dass wir aber, um in dieser Sprache größere Übung
zu bekommen, auch lateinische Erörterungen führen, wirst
Du sicher noch nicht wissen. Alle anderen Schriftsteller, sowohl
lateinische als auch griechische, werden in gleicher Weise behandelt,
ausgenommen Tacitus’ Annalen und Plautus, die wir unter der Leitung
unseres Rektors, möglichst rasch lesen. |
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Etiam orationes nobis
habendas, commentationes et germanicas et latinas scribendas esse
Tibi ex mea saltem sententia non erit ignotum, quippe quod jam
in Classe secunda fecerimus. Hac autem addam me post has tres
hebdomades orationem habiturum, eamque de invidia, - quae vero,
ne vituperatione digna futura sit admodum timeo. |
Dass wir auch Reden halten
und sowohl deutsche als auch lateinische Interpretationen schreiben
müssen, wird Dir, jedenfalls meiner Meinung nach, nicht unbekannt
sein, zumal wir das ja schon in der zweiten Klasse gemacht haben.
Hier aber will ich Dir hinzufügen, dass ich in genau drei
Wochen eine Rede, und zwar über den Neid, halten werde. Mir
ist allerdings ziemlich bange, dass sie Tadel verdient. |
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Me hac in epistola causas
cur Iurisprudentiae potius quam Philologiae operam daturus sim,
expositurum esse, matri promisi, sed iterum e certo incertus factus
sum, ita ut, me Gottingae Tecum uberius hac de re disputare optimum
judic[ic]em. quod certe Tu quoque, cum res tam gravis sit, quod
cum nihil fere utrum hodie an post unum duosve menses consilium
capiam, referat, certe Tu quoque probabis. Credo quidem me in
prima sententia perseveraturum, sed pro certo nondum affirmaverim. |
Ich habe Mutter versprochen,
in diesem Brief die Gründe darzulegen, warum ich lieber Jurisprudenz
als Philologie studieren will. Aber nachdem ich mir sicher war,
bin ich erneut unsicher geworden, so dass ich es für das
beste halte, mit Dir in Göttingen ausführlicher über
dieses Thema zu reden. Damit wirst sicher auch Du, schwerwiegend
wie die Entscheidung ist, einverstanden sein. Zudem ist es ja
geradezu unerheblich, ob wir uns heute oder in eins zwei Monaten
entschließen. Ich glaube jedenfalls, dass ich bei meiner
ersten Absicht bleibe, aber als sicher möchte ich es noch
nicht ausgeben. |
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Sed jam tempus urget,
et statim hora quarta, qua literas finitas esse oportet audietur.
Semel minimum priusquam Gottingam ueniam iterum tibi scribam.
Matri, Guilelmo ceterisque quos istic mei amantes esse scis, salutem.
Vale. |
Doch die Zeit drängt
allmählich; gleich wird man vier Uhr <schlagen> hören
und da müssen die Briefe fertig sein. Wenigstens noch einmal
werde ich Dir schreiben, bevor ich nach Göttingen komme.
Mutter, Wilhelm und den übrigen dort, von denen Du weißt,
dass sie mich lieben, <bestelle ich> einen Gruß.
Lebe wohl! |
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Ceterum quod saepius
scripta mea correxi et propter ea quae in linguam latinam peccavi,
noli quaeso mihi irasci. |
Übrigens, sei mir
dafür, dass ich meine Worte allzu oft verbessert habe, und
für meine Fehler in der lateinischen Sprache bitte nicht
böse! |
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