Eugen Gauß an Carl Friedrich Gauß
[Celle], den 24. Februar 1828

Eugen Gauß an Carl Friedrich Gauß
[Celle], den 24. Februar 1828
in das Forum gestellt von Gerd Leibrock am 28.Dec.2000 10:53


Eugen Gauß, ein Sohn des Mathematikers Carl Friedrich Gauß (des Mannes vom 10-DM-Schein) besuchte 1826-1829 das Gymnasium in Celle.   Als 15jähriger schrieb er 1828 einen lateinischen Brief an seinen Vater in Göttingen.

Handschrift: Stadtarchiv Braunschweig, G IX 21: 26 Nr. 3; Transskription: Menso Folkerts, München

E. Gauss S. D. P. Patri suo
E. Gauß grüßt herzlich seinen Vater
Sum quidem fateor vanus promissor, sed tamen quod dubitem quin pro magno Tuo amore diuturni mearum literarum silentii veniam mihi daturus sis, non habeo. Ne hoc quidem me in primam hujus Lycei classem transpositum esse Tibi narravi, quamquam Gottingam proxima aestate relinquens, me saepius quam antea literas ad Te daturum esse promiseram. Repeto nunc vero mea promissa, quibus me staturum esse pro certo credere licet.
Ja, ich gebe es zu, ich habe leere Versprechungen gemacht. Dennoch habe ich keinen Grund, daran zu zweifeln, dass Du in Anbetracht Deiner großen Liebe mir verzeihst, dass meine Briefe so lange geschwiegen haben. Nicht einmal, dass ich in die erste Klasse dieses Lyceums versetzt wurde, habe ich Dir erzählt, obwohl ich Dir, als ich letzten Sommer aus Göttingen abreiste, versprochen hatte, Dir häufiger als zuvor Briefe zu schreiben. Aber ich wiederhole jetzt meine Versprechen: Du darfst mit Sicherheit darauf vertrauen, dass ich dazu stehen werde.
Qua ratione literae in Classe prima tractentur primum tibi scribam. Latinorum scriptorum Horatium, Quintiliani librum decimum, Plauti Trinummum et denique Taciti Annales legimus, quorum omnium maxime Horatii carmina mihi placent, quae Director, vel potius nos, Directore gubernante interpretamur. Locis vero obscurioribus, ut quisque suam proferat sententiam haud raro accidit. Nos non nisi latine loqui, ni fallor, jam Gottingae Tibi narravi, cujus linguae uero ut majorem capiamus exercitationem nos etiam latinas disputationes habere certe nondum scies. Omnes alii scriptores, et lat[ini] et graec[i] simili modo tractantur, exceptis Taciti Annalib[us] et Plauto, qui, Rectore moderante quam celerrime leguntur.
Zunächst will ich Dir schreiben, wie man in der ersten Klasse Literatur betreibt. An lateinischen Schriftstellern lesen wir Horaz, das 10. Buch von Quintilian, den Trinummus des Plautus und schließlich Tacitus’ Annalen. Am allermeisten gefallen mir die Horazgedichte, die unser Direktor, oder eher wir unter Anleitung unseres Direktors übersetzen. An etwas undurchsichtigeren Stellen bleibt es häufig nicht aus, dass jeder seine [persönliche] Ansicht vorträgt. Dass wir nur lateinisch reden, habe ich Dir, wenn ich mich nicht täusche, schon in Göttingen erzählt, dass wir aber, um in dieser Sprache größere Übung zu bekommen, auch lateinische Erörterungen führen, wirst Du sicher noch nicht wissen. Alle anderen Schriftsteller, sowohl lateinische als auch griechische, werden in gleicher Weise behandelt, ausgenommen Tacitus’ Annalen und Plautus, die wir unter der Leitung unseres Rektors, möglichst rasch lesen.
Etiam orationes nobis habendas, commentationes et germanicas et latinas scribendas esse Tibi ex mea saltem sententia non erit ignotum, quippe quod jam in Classe secunda fecerimus. Hac autem addam me post has tres hebdomades orationem habiturum, eamque de invidia, - quae vero, ne vituperatione digna futura sit admodum timeo.
Dass wir auch Reden halten und sowohl deutsche als auch lateinische Interpretationen schreiben müssen, wird Dir, jedenfalls meiner Meinung nach, nicht unbekannt sein, zumal wir das ja schon in der zweiten Klasse gemacht haben. Hier aber will ich Dir hinzufügen, dass ich in genau drei Wochen eine Rede, und zwar über den Neid, halten werde. Mir ist allerdings ziemlich bange, dass sie Tadel verdient.
Me hac in epistola causas cur Iurisprudentiae potius quam Philologiae operam daturus sim, expositurum esse, matri promisi, sed iterum e certo incertus factus sum, ita ut, me Gottingae Tecum uberius hac de re disputare optimum judic[ic]em. quod certe Tu quoque, cum res tam gravis sit, quod cum nihil fere utrum hodie an post unum duosve menses consilium capiam, referat, certe Tu quoque probabis. Credo quidem me in prima sententia perseveraturum, sed pro certo nondum affirmaverim.
Ich habe Mutter versprochen, in diesem Brief die Gründe darzulegen, warum ich lieber Jurisprudenz als Philologie studieren will. Aber nachdem ich mir sicher war, bin ich erneut unsicher geworden, so dass ich es für das beste halte, mit Dir in Göttingen ausführlicher über dieses Thema zu reden. Damit wirst sicher auch Du, schwerwiegend wie die Entscheidung ist, einverstanden sein. Zudem ist es ja geradezu unerheblich, ob wir uns heute oder in eins zwei Monaten entschließen. Ich glaube jedenfalls, dass ich bei meiner ersten Absicht bleibe, aber als sicher möchte ich es noch nicht ausgeben.
Sed jam tempus urget, et statim hora quarta, qua literas finitas esse oportet audietur. Semel minimum priusquam Gottingam ueniam iterum tibi scribam. Matri, Guilelmo ceterisque quos istic mei amantes esse scis, salutem. Vale.
Doch die Zeit drängt allmählich; gleich wird man vier Uhr <schlagen> hören und da müssen die Briefe fertig sein. Wenigstens noch einmal werde ich Dir schreiben, bevor ich nach Göttingen komme. Mutter, Wilhelm und den übrigen dort, von denen Du weißt, dass sie mich lieben, <bestelle ich> einen Gruß.
Lebe wohl!
Ceterum quod saepius scripta mea correxi et propter ea quae in linguam latinam peccavi, noli quaeso mihi irasci.
Übrigens, sei mir dafür, dass ich meine Worte allzu oft verbessert habe, und für meine Fehler in der lateinischen Sprache bitte nicht böse!
 
 
 

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