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Klassen- und Kursarbeiten aus dem Griechischunterricht

 

Textstelle

Jahrgang

Schule

Lehrer

Herod.1,45 LK 12 http://www.thg-lu.de mailto:webmasters.at.gottwein.dot.de
Voraussetzungen: a) Proömium, b) Persische Ursachenerklärung des Ost-West-Konflikts, (c) Anfang der Kandaulesepisode

 

Kontext: Adrestos, der Sohn des Phrygerkönigs Gordios, hatte, weil er versehentlich seinen Bruder getötet hatte, seine Heimat verlassen müssen, aber bei Kroisos Gastfreundschaft und Entsühnung vom Brudermord gefunden. Kroisos selbst hatte nur einen Sohn, der zur Nachfolge taugte. Ein Traumbild hatte ihm aber angekündigt, er werde durch einen Speer zu Tode kommen. Deswegen ließ er ihn nicht mehr in den Krieg ziehen. Als ihn aber die Bevölkerung zur Jagd auf einen wilden Eber anforderte, der das Land verwüstete, konnte er seinem Sohn die Beteiligung nicht mehr verwehren. Als Vorsichtsmaßnahme aber gab er seinem Sohn wenigstens besagten Adrestos als persönlichen Bodyguard mit. Das Unglaubliche geschieht: Der Bodyguard wird zum zweiten Mal zum Mörder: Sein Speerwurf verfehlte den Eber, traf aber Kroisos' Sohn.

Arbeitstext:

(1) Παρῆσαν δὲ μετὰ τοῦτο οἱ Λυδοὶ φέροντες τὸν νεκρόν, ὄπισθε δὲ εἵπετό οἱ ὁ φονεύς. (2) Στὰς δὲ οὗτος πρὸ τοῦ νεκροῦ παρεδίδου ἑωυτὸν Κροίσῳ προτείνων τὰς χεῖρας, ἐπικατασφάξαι μιν κελεύων τῷ νεκρῷ, λέγων, ὡς οὐδέ οἱ εἴη βιώσιμον.

(3) Κροῖσος δὲ τούτων ἀκούων τόν τε Ἄδρηστον κατοικτίρει, καίπερ ἐὼν ἐν κακῷ οἰκηίῳ τοσούτῳ, καὶ λέγει πρὸς αὐτόν· "Ἔχω, ὦ ξεῖνε, παρὰ σέο πᾶσαν τὴν δίκην, ἐπειδὴ σεωυτοῦ καταδικάζεις θάνατον. (4) Εἶς δὲ οὐ σύ μοι τοῦδε τοῦ κακοῦ αἴτιος, εἰ μὴ ὅσον ἀέκων ἐξεργάσαο, ἀλλὰ θεῶν κού τις, ὅς μοι καὶ πάλαι προεσήμαινε τὰ μέλλοντα ἔσεσθαι."

(5) Κροῖσος μέν νυν ἔθαψε, ὡς οἰκὸς ἦν, τὸν ἑωυτοῦ παῖδα· (6) Ἄδρηστος δὲ συγγινωσκόμενος ἀνθρώπων εἶναι βαρυσυμφορώτατος, ἐπικατασφάζει τῷ τύμβῳ ἑωυτόν.

Angaben:
(1) οἱ Λυδοὶ - sc. die der Jagdgesellschaft | οἱ = τῷ νεκρῷ | παρεδίδου - 3.Sgl. Impf. v. παραδίδωμι | ἐπικατασφάξαι - Inf. Aor. v. ἐπικατασφάζω τινὰ ἐπί τινι - schlachte jdn. über etw. | μιν = ἑωυτόν | <ἐπὶ> τῷ νεκρῷ | βιώσιμος, ον - lebenswert | (3) κατοικτίρω - beklage, bemitleide | καίπερ + Part. - konzessiv | οἰκηίῳ ion. = οἰκείῳ | σέο ion. = σοῦ | ἡ δίκη - Genugtuung | καταδικάζω τινὸς θάνατον - ich verurteile jdn. zum Tod | (4) εἶς = εἶ - du bist | εἰ μὴ ὅσον - nur (wenn nicht, außer) insoweit, als (dass) | ἀέκων = ἄκων | ἐξεργάσαο - 2. Sgl. Ind. Aor. | κού = που (= πως) | τὰ μέλλοντα ἔσεσθαι - das, was kommen soll | (5) οἰκός = εἰκός | (6) συγγιγνώσκομαι + Inf. - werde mir bewusst, dass ich... | βαρυσὑμφορος, ον - schwer vom Unglück getroffen | - ὁ τύμβος - Grab

Aufgaben:

  1. Übersetzung
  2. Zusätzliche Aufgaben
    1. Wie wird Kroisos an dieser Textstelle von Herodot charakterisiert (Textbezug!)?
    2. Inwiefern lässt sich diese Textstelle als weiteren Beitrag zu dem allgemeinen Menschenbild verstehen, das wir bei Herodot bisher kennen gelernt haben?
    3. Zeichnen Sie die Kompositionslinie nach, die Herodot vom Beginn seines Werkes zur Person des Kroisos führt.

Lösungsaspekte:

  1. Wie wird Kroisos an dieser Textstelle von Herodot charakterisiert (Textbezug!)?

    • Materialsammlung:

      • κατοικτίρει, καίπερ ἐὼν... (3)

      • ἔχω, ὦ ξεῖνε, παρὰ σέο πᾶσαν τὴν δίκην... (3)

      • εἶς δὲ οὐ σύ μοι τοῦδε τοῦ κακοῦ αἴτιος, εἰ μὴ... (4)

      • ἔθαψε, ὡς οἰκὸς ἦν,... (5)

    • Kroisos beweist ausgesprochen menschliche Qualitäten, und dies, obwohl er in seiner Macht und seinem Reichtum alle Voraussetzungen eines Tyrannen erfüllt. Obwohl er als Vater im innersten und persönlichsten Bereich getroffen wird, bleibt er gefasst und kann von sich auf den zweiten Unglücksmann und das allgemein Menschliche absehen: Er weiß um die Vorläufigkeit und prinzipielle Anfälligkeit alles Menschlichen gegenüber dem, was von den Göttern als Notwendigkeit gesetzt ist. Das heißt aber nicht, dass er dem Schicksal gegenüber resignieren würde. Im Gegenteil: Er unternimmt alles, um das Leben seines Sohnes zu retten. Ausgeliefertsein erlaubt kein Resignieren, sondern fordert kluges und besonnenes Handeln (εὐβουλία, σωφροσύνη). Darin bewährt sich der Mensch (ἀρετή). In den Grundzügen herrscht hier Übereinstimmung mit den Handlungsträgern der attischen Tragödie.
      Kroisos misst Adrestos nicht an dem, was er objektiv getan hat (Erfolgsethik), sondern an seiner Gesinnung. Er sieht in ihm nicht den Mörder seines Sohnes, sondern den unverschuldet ins Unglück gestürzten) Mitmenschen, der unter den gleichen Bedingungen steht,  wie er selbst, der nicht Strafe (ἔχω... πᾶσαν τὴν δίκην), sondern Mitleid verdient (κατοικτίρει). Dieser humane Grundzug findet  in der Umkehrung allgemein Üblichen seinen deutlichen Ausdruck und erhebt beide Akteure über diesen allgemeinen Durchschnitt: der Täter fordert Strenge, das Opfer aber entlastet ihn.
      Dass Kroisos auch die Bestattung seines Sohnes mit Fassung trägt und im Rahmen des Schicklichen durchführt, bestätigt seine hohen menschlichen Qualitäten.

  2. Inwiefern lässt sich diese Textstelle als weiteren Beitrag zu dem allgemeinen Menschenbild verstehen, das wir bei Herodot bisher kennen gelernt haben?
    • Den Hauptaspekt des Menschenbildes bildete der Satz (Herod.1,5,4):  Ἡ ἀνθρωπηίη εὐδαιμονίη οὐδαμὰ ἐν τὠυτῷ μένει, also die Einsicht, dass alle menschlichen Verhältnisse einem prinzipiellen Wandel unterliegen, und der Mensch im Glück keine ständige Bleibe hat. 
      Dieser Leitsatz wird hier an Kroisos und Adrestos paradigmatisch vorgeführt:
      • Kroisos' Versuch, das angedrohte Unglück zu verhindern, scheitert;
      • gegenüber einer von den Göttern festgesetzten Notwendigkeit ist der Mensch machtlos.
    • Das dem Wandel vom Glück zum Unglück eine ἀδικίη vorausgeht, so dass dem Betroffenen Recht (δίκη) geschieht und aus Leid Einsicht ensteht (vgl. Herod.1,207,1: Τὰ δέ μοι παθήματα ἐόντα ἀχάριτα μαθήματα γέγονε), und objektiv gesehen eine gestörte Rechtsordnung wieder hergestellt wird (wie bei der persischen Bilanzierung der Frauenraube), ist dem begrenzten Textumfang nicht zu entnehmen, lässt sich aber nicht von der Hand weisen. So viel allerdings lässt sich sagen: Alle Menschen, die hier handeln, sind moralisch hochstehend und lassen keine zurechenbare Schuld erkennen.
      • φθόνος und ὕβρις, nach dem Beitrag  des Otanes zur Verfassungsdiskussion die menschlichen Grundübel, mit denen er den Tyrannen charakterisiert, kommen hier nicht zur Geltung. 
      • Ebenso wenig, dass Kroisos als letzter Mermnade aus einem übergeordneten Grund seinem Unglück entgegengeht. Hier ist Kroisos ausdrücklich ein weiser und frommer König.
      Beide scheinen so, nur das unglückliche Werkzeug in dem unerbittlichen Weltgetriebe der Götter zu sein. Beide sind tragische Figuren. Adrestos tötet sich aus eigenem Antrieb, ähnlich wie der Aias des Sophokles. Kroisos' Schicksal bleibt für diesen Abschnitt Episode und erfüllt sich hier noch nicht.
  3. Zeichnen Sie die Kompositionslinie nach, die Herodot vom Beginn seines Werkes zur Person des Kroisos führt.
    • Thema und Disposition des Proomiums: τά τε ἄλλα καὶ δι' ἣν αἰτίην ἐπολέμησαν ἀλλήλοισι. (Herod.1,Proöm.)
    • Beantwortung der Frage aus persischer Perspektive:
       
      ἀδικίη
       
      δίκη
      I. Phönizier - Io <--> Kreter - Europa
      II. Griechen - Medea <--> Paris - Helena
      III. Griechen - Troian. Krieg <--> [Perser - Perserkriege]
    • Herod.1,5,3: τὸν δὲ οἶδα αὐτὸς πρῶτον ὑπάρξαντα ἀδίκων ἔργων ἐς τοὺς Ἕλληνας, τοῦτον σημήνας προβήσομαι ἐς τὸ πρόσω τοῦ λόγου.
    Es ist also die am Ende des Proömiums gestellte Frage nach den Ursachen des Perserkrieges, die Herodot unter Berufung auf sein eigenes und besseres Wissen zu Kroisos führt.
    Man kann sich Gedanken darüber machen, warum Herodot die Ursachenfrage nicht in der griechischen, sondern in der lydischen Geschichte (z.B. in der Kolonisation) verankert hat. 
Sententiae excerptae:
1860 Accusatores antiquitatis vitia tantum docemus et discimus.
  Als Kritiker des Altertums lernen und lehren wir nur Fehlerhaftes.
  Petron.88,6
14 adde, quod ingenuas didicisse fideliter artes | emollit mores nec sinit esse feros.
  Edle Künste getreu zu erlernen macht sanft den Charakter und nimmt ihm die Wildheit.
  Ov.Pont.2,9,47
1276 Alit lectio ingenium et studio fatigatum reficit.
  Die Lektüre nährt den Geist und lässt ihn sich erholen, wenn er von der Mühe erschöpft ist.
  Sen.epist.84,1
1340 Altius praecepta descendunt, quae teneris imprimuntur aetatibus.
  Lehren, die in zartem Alter verinnerlicht werden, dringen tiefer ein.
  Sen.dial.12,18,8
1829 An audirem sententias, cum fame morerer?
  Hätte ich mir etwa schöne Reden anhören sollen, als ich vor Hunger fast gestorben bin?
  Petron.10,1
1354 Antiqua sapientia nihil aliud quam facienda ac vitanda praecepit, et tunc longe meliores erant viri.
  Die alte Philosophie schrieb nur vor, was man tun und meiden muss; und damals waren die Menschen weit besser.
  Sen.epist.95,13 (Ariston)
1357 Apes debemus imitari et, quaecumque ex diversa lectione congessimus, separare, deinde adhibita ingenii nostri cura et facultate in unum saporem varia illa libamenta confundere.
  Wir müssen die Bienen nachahmen und jene vielfältigen Kostproben, die wir aus verschiedenen Büchern gesammelt haben, dann mit Sorgfalt und Geschick zu einem einheitlichen Geschmack vereinigen.
  Sen.epist.84,5
25 artibus ingenuis, quarum tibi maxima cura est, | pectora mollescunt asperitasque fugit
  durch edle Kunst, um die du dich am meisten mühst, | wird sanft das Herz, es flieht das Rauhe.
  Ov.Pont.1,6,7
26 asinus ad lyram
  Er passt wie der Esel zum Lautenschlagen
  Gell.3,16
1149 Facile transitur ad plures.
  Leicht tritt man zur Mehrheit über.
  Sen.epist.7,6
1916 Generosior spiritus vanitatem non amat.
  Ein edler Geist hält nichts vom eitlen Aufputz.
  Petron.118,3
1871 Ira feras quidem mentes obsidet, eruditas praelabitur
  Zorn haftet bei roher Sinnesart fest, bei gesitteter gleitet er ab.
  Petron.99,3
1600 Nihil liquet incertissimo regimine utentibus, fama.
  Denen, die sich der unsichersten Führerin, der (öffentlichen) Meinung, überlassen, ist nichts klar.
  Sen.epist.95,58
1915 Non concipere aut edere partum mens potest nisi ingenti flumine litterarum inundata
  Kein Talent ist zu der Empfängnis und der Geburt fähig, wenn es sich nicht mit dem gewaltigen Strom der Literatur getränkt hat
  Petron.118,3
1156 Non est, quod timeas, ne operam perdideris, si tibi didicisti.
  Du darfst nicht fürchten, deine Mühe verloren zu haben, wenn du etwas für dich gelernt hast.
  Sen.epist.7,9
1825 Nunc pueri in scholis ludunt, iuvenes ridentur in foro.
  Heutzutage spielen Kinder in der Schule und werden als junge Leute in der Öffentlichkeit ausgelacht.
  Petron.4,4
1565 Quemadmodum omnium rerum, sic litterarum quoque intemperantia laboramus: Non vitae sed scholae discimus.
  Mangel an Maß ist unser Fehler, in allem, auch in der Literatur; man lernt nur für die Schule, nicht für das Leben.
  Sen.epist.106,12.
1211 Remove existimationem hominum: dubia semper est et in partem utramque dividitur!
  Berufe Dich nicht auf das Urteil der Menschen: es ist immer unzuverlässig und neigt sich bald nach dieser, bald nach jener Seite! Sen.epist.26,6
 
1367 Vulgus animosa miratur et audaces in honore eunt, placidi pro inertibus habentur.
  Die Volksmasse bewundert Heldentaten, und die Hitzköpfe kommen zu Ehren. Die Friedfertigen gelten als Schlappschwänze.
  Sen.dial.5,41,2
Literatur:

6 Funde
3614  Ahrens, H.L.
De Graecae Linguae Dialectis, I,II,
Göttingen 1839/1843
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775  Anlauf, G.
Standard late Greek oder Attizismus? ..Optativgebrauch im nachklassischen Griechisch
Diss. Köln 1960
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978  Kühner, R. / Gerth, B.
Ausführliche Grammatik der griechischen Sprache (3. Aufl. bearbeitet von F. Blass und B. Gerth)
Hannover 1834-1835; 3/1890-1904
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4170  Nepos / Glücklich
Hannibal : Text mit Erläuterungen ; Arbeitsaufträge, Begleittexte, Stilistik und Übungen zu Grammatik und Texterschliessung. Von Hans-Joachim Glücklich und Stefan Reitzer
Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 4/1996
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3615  Thumb-Kieckers
Griechische Dialekte, I,II.
Heidelberg 1932/1959
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2630  Traut, Georg
Lexikon über die Formen der griech. Verba. Mit zwei Beilagen: Verzeichnis der Declinations- und Conjugations-Endungen; Grammatischer Schlüssel.
Meisenheim (Olms, Reprint der 1867 in Gießen erschienenen Ausgabe) 1986
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