- Achten Sie darauf, wie der Dichter in den Vss. 50-59 durch die
Klangfarbe der Vokale und alliterierende Konsonanten das Wehen und die
Wirkung der Winde zusätzlich zum Ausdruck bringt!
- In Homers Odyssee erregt Poseidon, um seinem Zorn gegen Odysseus
freien Lauf zu lassen, den Sturm selbst. Das ist natürlich nicht
Iunos Sache. Aber warum geht sie nicht zu Neptunus, um ihre Ziele zu
erreichen? Wäre er nicht der richtige Ansprechpartner für ihre Bitte
gewesen?
| Iuno weiß, dass sie Neptunus nicht für ihre
Zwecke gewinnen kann. Dies geht auch später ganz klar aus
Neptunus' Haltung hervor, als er dem Sturm ein Ende setzt. Er
durchschaut die "doli... Iunonis et irae" (130) und
weist die Winde in ihre Schranken ("quos ego!", 135).
Neptunus gehört zu den Ordnungsmächten. Iuno muss also eine
Intrige spinnen; sie hat nur auf
unterer Ebene Chancen und das auch nur, wenn sie von dem hohen
Ross der "regina deum" herabsteigt, geradezu demütig
("supplex", 64) bittet und tatkräftig besticht
(71-75). |
- Wie werden Aeolus, sein Rang
und seine Aufgabe vom Dichter charakterisiert? (Aufschlussreich wäre
ein Vergleich mit seiner Darstellung in Homers Odyssee: Hom.Od.10,1ff.).
"Αἰολίην
δ' ἐς νῆσον ἀφικόμεθ'·
ἔνθα δ' ἔναιεν
Αἴολος ῾Ιπποτάδης,
φίλος ἀθανάτοισι
θεοῖσιν,
πλωτῇ ἐνὶ νήσῳ·
πᾶσαν δέ τέ μιν
πέρι τεῖχος
χάλκεον ἄρρηκτον,
λισσὴ δ' ἀναδέδρομε
πέτρη.
[5] τοῦ καὶ δώδεκα
παῖδες ἐνὶ μεγάροις
γεγάασιν,
ἓξ μὲν θυγατέρες,
ἓξ δ' υἱέες ἡβώοντες·
ἔνθ' ὅ γε θυγατέρας
πόρεν υἱάσιν
εἶναι ἀκοίτις.
οἱ δ' αἰεὶ παρὰ
πατρὶ φίλῳ καὶ
μητέρι κεδνῇ
δαίνυνται, παρὰ
δέ σφιν ὀνείατα
μυρία κεῖται,
[10] κνισῆεν δέ
τε δῶμα περιστεναχίζεται
αὐλῇ
ἤματα· νύκτας
δ' αὖτε παρ' αἰδοίῃς
ἀλόχοισιν
εὕδουσ' ἔν τε
τάπησι καὶ ἐν
τρητοῖσι λέχεσσι.
[21] κεῖνον γὰρ
ταμίην ἀνέμων
ποίησε Κρονίων,
ἠμὲν παυέμεναι
ἠδ' ὀρνύμεν,
ὅν κ' ἐθέλῃσι."
[43] καὶ νῦν οἱ τάδ'
ἔδωκε χαριζόμενος
φιλότητι
Αἴολος.
|
- Aiolos wohnt in keiner finsteren Höhle mit darüber
getürmten Bergmassen, sondern auf einer schwimmenden Insel,
die zwar ebenfalls befestigt aber doch äußerst kultiviert
ist.
- Die Winde, als seine Kinder personifiziert, sind keine
unbeherrschten und kaum beherrschbaren Naturgewalten,
sondern leben, essen, lieben und schlafen friedlich in
trauter Familie vereint.
- Auch bei Homer hat Zeus Aiolos zum "Walter der Winde"
(ταμίης ἀνέμων)
gemacht. Aber er waltet seines Amtes nicht "foedere certo"
(62) und "iussus" (63), sondern ὅν κ'
ἐθέλῃσι . Er ist kein
subalterner Befehlsempfänger, den man bestechen könnte.
- Aiolos ist jemand
der "aus Zuneigung schenkt", so schätzen ihn die
Gefährten des Odysseus richtig ein, auch wenn sie sich
über die Art des im Schlauch eingeschlossenen Geschenkes
gewaltig täuschen.
- Nicht Aiolos setzt
die zerstörerischen Naturkräfte frei, sondern die
Gefährten des Odysseus, weil sie die Situation verkennen
und sich fremdes Gut aneignen wollen.
|
| R.
Heinze, S. 75: <Aeolus> ist nicht mehr einfach
'der Freund der Unsterblichen', der Verwalter der Winde,
sondern Herrscher und Kerkermeister, von Juppiter, der
als Vorsehung die Naturkräfte in Schranken halten muss,
zu diesem verantwortungsvollen Amte bestellt; als König
bewohnt er nicht einfach ein 'Haus' wie bei Homer und
Quintus, sondern sitzt auf hohe Burg und führt das
Zepter als Zeichen seiner Würde; von dem gemütlichen
Familienleben ist nicht mehr die Rede, vielmehr ist er
als Hagestolz gedacht, wie Iunos Anbieten einer schönen
Gattin liberum procreandorum causa zeigt; seine Waffe
ist nicht der märchenhaft göttliche Dreizack, sondern
die heroische Lanze." |
Wollten
wir nach der Vorgabe Pöschls
einem Symbolgehalt der Stelle nachspüren, so könnten wir in
dem homerischen Aiolos den Herrscher erkennen, der die
auseinander strebenden Kräfte seines Volkes machtvoll in
Eintracht und Frieden vereint und so an den Früchten des
Friedens teilhaben lässt. Er ist der Staatsmann, der den "furor
impius" des Bürgerkrieges bändigt und mit dem Frieden
auch den Wohlstand sichert.
Bei Vergil allerdings hätten wir einen untergeordneten
imperator, der zwar sein Handwerk versteht, aber
Parteiinteressen vertritt und, wenn er seine Befehle
entgegennimmt, auch schon einmal auf den falschen Befehlsgeber
hört, wenn für ihn persönlich etwas dabei herausspringt. Es
ist der Staatsmann der Bürgerkriege. Nicht er wird Ordnung
stiften, sondern nach ihm eine Ordnungskraft mit mehr
Souveränität, hier Poseidon.
Insofern scheint uns der Rang, den Pöschl
(33) Aeolus zuweist, zu positiv gesehen: "Der König der
Winde hält die wilden Kräfte mit römischer Herrschergeste in
Bann, eine Gebärde, der sich nichts Homerisches zur Seite
stellen lässt. [...] Man spürt die Verwandtschaft mit der
Bändigung des Furor impius durch Augustus."
|
- Wir erwarten Vs. 58 statt des Potentialis "ni
faciat, maria ac terras caelumque profundum
quippe ferant" eigentlich einen Irrealis, denn Aeolus macht es ja,
und die Annahme, dass er es nicht mache, ist somit irreal. Wie
verändert der Dichter durch den Potentialis die von uns erwartete
Aussage. Ist damit eine zusätzliche Charakterisierung des Aeolus
verbunden?
- Gliedern Sie die kurze Ansprache Iunos an Aeolus und stellen Sie
fest, wie sie die Gewichte verteilt!
| 65-66 |
Anrede an Aeolus und Begründung seiner
Zuständigkeit |
| 67-68 |
Sachinformation (sehr knapp gehalten: Aeolus
wird nicht aus der Sache heraus gewonnen. Die persönliche
Kränkung Iunos (niederer Beweggrund) wird weniger stark
betont: "gens inimica" (67) <-->
"genus invisum" (38) |
| 69-70 |
Aufforderung, die Troianer zu zerschlagen |
|
71-75 |
Iuno stellt ein Geschenk in Aussicht
(Hauptgewicht der Ansprache) |
|
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