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Publius Cornelius Tacitus

Annales

14,51 - 14,56

51: Tod des Burrus. 52-56: Senecas Abstieg.

 
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51: Tod des Burrus

Während aber von Tag zu Tag die öffentlichen Übel drückender wurden, nahm das, was Unterstützung bot, ab; so schied Burrus aus dem Leben, man weiß nicht, ob durch Krankheit oder durch Gift. Man vermutete Krankheit, weil sein Schlund innerlich anschwoll und ihn durch Erschwerung des Atmens ersticken ließ. Mehrere behaupten, sein Gaumen sei auf Befehl Neros unter dem Vorwand, als Heilmittel zu dienen, mit einer schädlichen Arznei bestrichen worden, und Burrus, der die Bosheit durchschaute, habe sich von Nero, als dieser nach seinem Befinden fragte, abgewendet und bloß geantwortet: mir geht es gut. Die Bürgerschaft vermisste ihn noch lange Zeit schmerzlich im Andenken an seine Verdienste und um seiner zwei Nachfolger willen, von denen der eine ein ehrlicher, aber schwacher Mann, der andere der abscheulichste Lüstling war. Der Kaiser hatte nämlich zwei Kommandanten über die prätorischen Kohorten gesetzt: den Faenius Rufus mit Rücksicht auf die Gunst des Volkes, weil er das Getreidewesen, ohne an seinen Gewinn zu denken, verwaltete, und den Sofonius Tigellinus, in dem er den alten Lüstling und Schandbuben vor Augen hatte. Sie waren auch ganz so, wie man sie schon kannte, Tigellinus von größerem Einfluss beim Fürsten und zu den geheimsten Wollüsten herangezogen, Rufus beim Volk und bei den Soldaten wohl gelitten, was ihm die Abneigung Neros zuzog. (14,51) Sed gravescentibus in dies publicis malis subsidia minuebantur, concessitque vita Burrus, incertum valetudine an veneno. valetudo ex eo coniectabatur quod in se tumescentibus paulatim faucibus et impedito meatu spiritum finiebat. plures iussu Neronis, quasi remedium adhiberetur, inlitum palatum eius noxio medicamine adseverabant, et Burrum intellecto scelere, cum ad visendum eum princeps venisset, aspectum eius aversatum sciscitanti hactenus respondisse: 'ego me bene habeo.' civitati grande desiderium eius mansit per memoriam virtutis et successorum alterius segnem innocentiam, alterius flagrantissima flagitia. quippe Caesar duos praetoriis cohortibus imposuerat, Faenium Rufum ex vulgi favore, quia rem frumentariam sine quaestu tractabat, Sofonium Tigellinum, veterem impudicitiam atque infamiam in eo secutus. atque illi pro cognitis moribus fuere, validior Tigellinus in animo principis et intimis libidinibus adsumptus, prospera populi et militum fama Rufus, quod apud Neronem adversum experiebatur.

52-56: Senecas Abstieg

Durch Burrus' Tod hatte Senecas Macht einen Bruch erlitten; die guten Kräfte hatten nicht mehr das alte Durchsetzungsvermögen, seit gleichsam der eine Führer fehlte, und Nero neigte sich den schlimmeren Ratgebern zu. Diese griffen Seneca mit allerlei Anschuldigungen an: er suche sein ungeheueres, für einen Privatmann viel zu großes Vermögen noch zu vermehren, die Gunst der Mitbürger auf sich zu lenken und durch die Schönheit seiner Gärten und die Pracht seiner Landhäuser den Fürsten sozusagen zu überbieten. So warfen sie ihm auch vor, dass er sich allein das Verdienst der Beredsamkeit zueignen wolle, und häufiger Gedichte verfertige, seit Nero eine Vorliebe dafür entwickelt habe. Denn er werde den Vorlieben des Fürsten in der Öffentlichkeit nicht gerecht, verkleinere seine Überlegenheit im Wagenrennen und spotte, sooft er singe, über seine Stimme. Wie lange solle nichts im Gemeinwesen für ruhmwürdig gelten, wovon nicht er als der Erfinder gelte. Den Kinderschuhn sei Nero doch gewiss entwachsen und er stehe in der Kraft seiner Jugend. Er solle sich des Hofmeisters entledigen; würdige Vorbilder an Bildung habe er genug an seinen Vorfahren. (14,52) Mors Burri infregit Senecae potentiam quia nec bonis artibus idem virium erat altero velut duce amoto et Nero ad deteriores inclinabat. hi variis criminationibus Senecam adoriuntur, tamquam ingentis et privatum modum evectas opes adhuc augeret, quodque studia civium in se verteret, hortorum quoque amoenitate et villarum magnificentia quasi principem supergrederetur. obiciebant etiam eloquentiae laudem uni sibi adsciscere et carmina crebrius factitare, postquam Neroni amor eorum venisset. nam oblectamentis principis palam iniquum detrectare vim eius equos regentis, inludere voces, quoties caneret. quem ad finem nihil in re publica clarum fore quod non ab illo reperiri credatur? certe finitam Neronis pueritiam et robur iuventae adesse: exueret magistrum satis amplis doctoribus instructus maioribus suis.
Aber Seneca, dem nicht unbekannt war, wer ihn beschuldigte - die Mitteilungen stammten nämlich von Leuten, denen das Gute nicht ganz gleichgültig war, und der Kaiser wich seinem näheren Umgang immer mehr aus - erbat sich eine Unterredung und begann, nachdem sie ihm gewährt worden war, folgendermaßen: Es sind jetzt 14 Jahre, Caesar, seit ich den Hoffnungen, die du erregt hattest, beigegeben wurde, acht Jahre, dass du die Regierung innehast. In der Zwischenzeit hast du so viele Ehren und Güter auf mich gehäuft, dass meinem Glück nichts fehlt als seine selbstgesetzte Beschränkung. Ich will große Beispiele anführen - nicht aus meinem Leben, sondern aus deinem: Dein Ahnherr Augustus hat dem Marcus Agrippa den abgeschiedenen Ruhesitz in Mytilene gestattet, dem Gaius Maecenas sozusagen sein Asyl in Rom gegönnt; sie hatten - jener als Genosse seiner Kriege, der andere in Rom in ziemlich vielen Geschäften umgetrieben, zwar reiche, aber im Verhältnis zu ihren Verdiensten wohlverdiente Belohnungen erhalten. Ich - was hatte ich als Gegengabe für deine Freigebigkeit anderes als diese, sozusagen im Schatten auferzogene Wissenschaft, auf die bloß er Glanz fällt, dass man glaubt, ich hätte den ersten Anfängen deiner Jugend zur Seite gestanden, was schon ein großer Lohn ist. Du aber hast Gnade ohne Maß und überschwänglichen Reichtum verliehen, so dass sich oft mich selbst frage: Wie? Ich, der ich aus dem Ritterstand und der Provinz entsprossen bin, zähle unter die Vornehmsten der Stadt, habe mich als Neuling unter den Adel emporgeschwungen, der eine lange Reihe von Ahnenbildern zählt? Wo ist jener Sinn, der mit Wenigem zufrieden war? Legt er solche Gärten an? Wandelte er in solchen Vorstadtvillen, ergeht er sich in so weit gedehnten Ländereien, erwächst er zu solchen Zinseinnahmen? Nur eine Entschuldigung kommt mir in den Sinn: dass ich deine Wohltaten nicht ausschlagen durfte. (14,53) At Seneca criminantium non ignarus, prodentibus iis quibus aliqua honesti cura et familiaritatem eius magis aspernante Caesare, tempus sermoni orat et accepto ita incipit: 'quartus decimus annus est, Caesar, ex quo spei tuae admotus sum, octavus ut imperium obtines: medio temporis tantum honorum atque opum in me cumulasti ut nihil felicitati meae desit nisi moderatio eius. utar magnis exemplis nec meae fortunae sed tuae. abavus tuus Augustus Marco Agrippae Mytilenense secretum, C. Maecenati urbe in ipsa velut peregrinum otium permisit; quorum alter bellorum socius, alter Romae pluribus laboribus iactatus ampla quidem sed pro ingentibus meritis praemia acceperant. ego quid aliud munificentiae tuae adhibere potui quam studia, ut sic dixerim, in umbra educata, et quibus claritudo venit, quod iuventae tuae rudimentis adfuisse videor, grande huius rei pretium. at tu gratiam immensam, innumeram pecuniam circumdedisti adeo ut plerumque intra me ipse volvam: egone equestri et provinciali loco ortus proceribus civitatis adnumeror? inter nobilis et longa decora praeferentis novitas mea enituit? ubi est animus ille modicis contentus? talis hortos extruit et per haec suburbana incedit et tantis agrorum spatiis, tam lato faenore exuberat? una defensio occurrit quod muneribus tuis obniti non debui.
Doch wir haben beide das Maß voll gemacht: du gabst alles, was der Fürst dem Freund geben, ich nahm alles, was der Freund vom Fürsten empfangen konnte. Was darüber ist, mehrt nur die Missgunst. Diese liegt zwar, wie alles Menschliche, tief unter deiner Hoheit, aber auf mir lastet sie, ich bedarf der Hilfe. Gleich wie ich, wenn ich im Kriegsdienst oder auf dem Marsch ermattet wäre, um eine Stütze bäte, so bitte ich, weil ich auf diesem meinem Lebensweg alt geworden und selbst den leichtesten Sorgen nicht mehr gewachsen bin, da ich meinen Reichtum nicht weiter tragen kann, um deine Hilfe: Lasse du ihn durch einen Prokuratoren verwalten, in deinen Besitz übergehen. Damit stoße ich mich nicht in die Armut, sondern ich gebe ab, was mich durch seinen Schimmer blendet, und will die Zeit, die ich jetzt für die Besorgung der Gärten und Landhäuser abzweige, meinen geistigen Interessen zuwenden. Du stehst noch in voller Kraft und hast schon so viele Jahre die Lenkung des höchsten Amtes kennen gelernt. Wir älteren Freunde können dich bitten, uns Ruhe zu gönnen. Auch das wird zu deinem Ruhme gehören, dass du die zum Gipfel erhoben hast, die sich zu bescheiden wussten. (14,54) Sed uterque mensuram implevimus, et tu, quantum princeps tribuere amico posset, et ego, quantum amicus a principe accipere: cetera invidiam augent. quae quidem, ut omnia mortalia, infra tuam magnitudinem iacet, sed mihi incumbit, mihi subveniendum est. quo modo in militia aut via fessus adminiculum orarem, ita in hoc itinere vitae senex et levissimis quoque curis impar, cum opes meas ultra sustinere non possim, praesidium peto. iube rem per procuratores tuos administrari, in tuam fortunam recipi. nec me in paupertatem ipse detrudam, sed traditis quorum fulgore praestringor, quod temporis hortorum aut villarum curae seponitur in animum revocabo. superest tibi robur et tot per annos visum summi fastigii regimen: possumus seniores amici quietem reposcere. hoc quoque in tuam gloriam cedet, eos ad summa vexisse qui et modica tolerarent.'
Nero erwiderte darauf in etwa: Dass ich auf deine vorbereitete Rede sogleich entgegne, ist schon ein Geschenk von dir, da du mich gelehrt hast, nicht nur vorbereitet, sondern auch aus dem Stegreif zu sprechen. Mein Ahnherr Augustus hat Agrippa und Maecenas den Genuss ihres Ruhestandes nach ihren Anstrengungen gegönnt, aber er befand sich dabei in einem Alter, dessen Selbstständigkeit alles rechtfertigte, was und wie beschaffen das war, was er ihnen zuteil werden ließ. Dennoch entzog er beiden die einmal gemachten Geschenke nicht. Sie hatten es verdient in Krieg und sonstigen Gefahren; denn darin erschöpfte sich die Jugend des Augustus. Auch mir hätte dein Arm und Schild nicht gefehlt, wenn ich Krieg hätte führen müssen. Aber wie Zeit und Umstände es erforderten, hast du getan, hast durch planmäßige Führung, guten Rat und Weisheit meine frühe Kindheit und später mein Jugendalter gefördert. Deine Dienste an mir werden, solange mein Leben währt, Bestand haben. Was du von mir hast, Gärten, Zinseinnahmen und Landgüter, ist vom Zufall abhängig. Sollte dies auch viel scheinen, gar viele, die mit dir nicht gleichzustellen sind, haben noch Größeres empfangen. Die Freigelassenen mag ich gar nicht anführen, die man in größerem Reichtum erblickt. Ja, es macht mich erröten, dass du, obwohl du in meiner Zuneigung obenan stehst, noch nicht alle an Besitztum übertriffst. (14,55) Ad quae Nero sic ferme respondit: 'quod meditatae orationi tuae statim occurram id primum tui muneris habeo, qui me non tantum praevisa sed subita expedire docuisti. abavus meus Augustus Agrippae et Maecenati usurpare otium post labores concessit, sed in ea ipse aetate cuius auctoritas tueretur quidquid illud et qualecumque tribuisset; ac tamen neutrum datis a se praemiis exuit. bello et periculis meruerant; in iis enim iuventa Augusti versata est: nec mihi tela et manus tuae defuissent in armis agenti; sed quod praesens condicio poscebat, ratione consilio praeceptis pueritiam, dein iuventam meam fovisti. et tua quidem erga me munera, dum vita suppetet, aeterna erunt: quae a me habes, horti et faenus et villae, casibus obnoxia sunt. ac licet multa videantur, plerique haudquaquam artibus tuis pares plura tenuerunt. pudet referre libertinos qui ditiores spectantur: unde etiam mihi rubori est quod praecipuus caritate nondum omnis fortuna antecellis.

Aber du stehst noch in einem rüstigen Alter, bist zu Geschäften und zum Genuss noch fähig, während ich mich erst am Anfang der Herrscherlaufbahn befinde; du müsstest denn dich niedriger stellen als Vitellius mit seinem dreimaligen Konsulat und mich geringer als Claudius. Auch vermag ja alle meine Freigebigkeit nicht so viel auf dich zu häufen, wie die lang geübte Sparsamkeit bei Volusius zusammengebracht hat. Warum führst du mich nicht, wenn ich auf der schlüpfrigen Bahn der Jugend vom rechten Pfad abirren will, zurück und leitest mich nicht, nachdem ich durch deine Lehren erstarkt bin, um so nachdrücklicher durch deine Unterstützung? Nicht deine Selbstbeherrschung, wenn du die Schätze zurückgibst, noch deine Zurückgezogenheit, wenn du den Fürsten verlässt, sondern meine Habsucht und der Schrecken vor meiner Grausamkeit wird in aller Munde sein. Und wenn du noch so sehr um deiner Uneigennützigkeit willen gelobt würdest, so wäre es für einen Weisen nicht anständig, sich Ruhm mit etwas zu gewinnen, womit er seinen Freund in üblen Ruf brächte. Dazu fügte er noch Umarmung ein und Küsse, von Natur und durch Gewöhnung dazu gemacht, seinen Hass hinter trügerischen Liebkosungen zu verbergen. Seneca - so enden ja in der Regel die Gespräche mit großen Herren - bezeugte seinen Dank, aber er verhält sich anders als zu der Zeit seines früheren Einflusses, wehrt die zahlreichen Aufwartungen ab, vermeidet großes Gefolge, weilt selten in der Stadt und tut, als sei er krank oder hielten ihn seine philosophische Studien zu Hause fest.

(14,56) Verum et tibi valida aetas rebusque et fructui rerum sufficiens, et nos prima imperii spatia ingredimur, nisi forte aut te Vitellio ter consuli aut me Claudio postponis et quantum Volusio longa parsimonia quaesivit, tantum in te mea liberalitas explere non potest. quin, si qua in parte lubricum adulescentiae nostrae declinat, revocas ornatumque robur subsidio impensius regis? non tua moderatio, si reddideris pecuniam, nec quies, si reliqueris principem, sed mea avaritia, meae crudelitatis metus in ore omnium versabitur. quod si maxime continentia tua laudetur, non tamen sapienti viro decorum fuerit unde amico infamiam paret inde gloriam sibi recipere.' his adicit complexum et oscula, factus natura et consuetudine exercitus velare odium fallacibus blanditiis. Seneca, qui finis omnium cum dominante sermonum, grates agit: sed instituta prioris potentiae commutat, prohibet coetus salutantium, vitat comitantis, rarus per urbem, quasi valetudine infensa aut sapientiae studiis domi attineretur.
   
Deutsche Übersetzung nach: Strodtbeck, G.F. bearbeitet von E.Gottwein  
Sententiae excerptae:
w30
115 merces ab eo, qui iubere potest, vim necessitatis adfert
  Belohnung aus der Hand dessen, der befehlen kann, ist als N├Âtigung zu betrachten
  Tac.ann.14,14
Literatur:

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