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51. Seine Gestellt war von fast mittlerer
Mannesgröße, sein Körper mit Flecken bedeckt und übelriechend,
das Haar hellblond, sein Gesicht mehr schöngebildet als anmutig, die
Augen blau und sehr schwach, der Nacken übermäßig fett,
der Bauch stark vortretend, die Schenkel über aus dünn, seine
Gesundheit dauerhaft. Denn obwohl er der unmäßigste Schwelger
war, ist er doch nur dreimal während voller vierzehn Jahre krank gewesen,
und zwar ohne dass er dabei den Weingenuss oder seine übrige Lebensgewohnheit
aufgegeben hätte In seiner Toilette und in seiner Haltung war er so
schamlos, dass er nicht nur das Haar immer in stufenweise geordneten Locken
frisiert trug, sondern es auf seiner achäischen Rundreise sogar auf
die Schulter hinabwallen ließ und dass er sehr häufig im leichten
Nachtkleid, ein Schweißtuch um den Mals geschlungen, ungegürtet
und unbeschuht sich öffentlich zeigte. |
51. Statura fuit prope
iusta, corpore maculoso et fetido, subflavo capillo, vultu pulchro magis
quam venusto, oculis caesis et hebetioribus, cervice obesa, ventre proiecto,
gracillmis cruribus, valitudine prospera; nam qui luxuriae immoderatissimae
esset, ter omnino per quattuordecim annos languit, atque ita ut neque vino
neque consuetudine reliqua abstineret; circa cultum habitumque adeo pudendus,
ut comam semper in gradus
formatam peregrinatione Achaica etiam pone verticem summiserit ac plerumque
synthesinam indutus ligato circum collum sudario in publicum sine cinctu
et discalciatus. |
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52. Mit allen Wissenschaften und
Künsten hatte er sich schon in seiner Jugend zu tun gemacht. Nur von
der Philosophie hielt ihn seine Mutter ab, indem sie ihm erklärte,
Philosophie sei einem künftigen Herrscher hinderlich; von der Lektüre
der alten Redner sein Lehrer Seneca, um ihn desto länger in der Bewunderung
seines, Senecas, eigenen Rednertalents zu erhalten. So wandte er sich denn
mit Neigung auf die Poesie und verfasste mit Eifer und ohne Mühe Gedichte;
auch ist es unwahr, dass er, wie einige meinen, fremde Arbeiten als die
seinigen herausgegeben habe. Es sind mir Schreibtafeln und Hefte von ihm
zu Händen gekommen mit einigen allbekannten, von seiner eigenen Hand
geschriebenen Versen, denen man es auf den ersten Blick an konnte, dass
sie weder anderswoher entlehnt noch dem Diktat eines ändern nachgeschrieben,
sondern ganz wie von einem, der meditierend selbst schafft, aufgesetzt worden
sind; soviel war darin an einzelnen Wörtern und Sätzen hier ausgetilgt
und gestrichen, dort überschrieben. Auch die Malerei und die Bildhauerei
hat er mit nicht geringem Erfolg betrieben. |
52. Liberalis disciplinas
omnnis fere puer attigit. Sed a plilosophia eum mater avertit monens imperaturo
contrariam esse; a cognitione veterum oratorum Seneca praeceptor, quo diutius
in admiratione sui detineret. Itaque ad poeticam pronus carmina libenter
ac sine labore composuit nec, ut quidam putant, aliena pro suis edidit.
Venere in manus meas pugillares libellique cum duibusdam notissimis versibus
ipsius chirographo scriptis, ut facile appareret non tralatos aut dictante
aliquo exceptos, sed plane quasi a cogitante atque generante exaratos; ita
multa et deleta et inducta et superscripta inerant. Habuit et pingendi fingendique
non mediocre studium. |
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53. Vorherrschend aber war zu allen
Zeiten bei ihm das leidenschaftliche Streben nach Beifall beim Publikum,
und in dieser Beziehung war er der Rivale aller, die auf irgendeine Art
bei der Menge Effekt machten. Man glaubte im Publikum allgemein, dass er,
nachdem er als Sänger und Schauspieler die Siegeskrone gewonnen, im
nächsten Lustrum bei den Olympischen Spielen sich sogar dahin erniedrigen
werde, unter den Athleten aufzutreten. Denn man sah ihn täglich sich
im Ringen üben. Auch hatte er den gymnischen Wettkämpfen in ganz
Griechenland immer nur so beigewohnt, dass er, gleich den Brabeuten, seinen
Sitz dicht neben den Kämpfern im Stadion auf der Erde nahm und die
kämpfenden Paare, die etwa zu weit gegen die Schranken hin sich entfernten,
mit eigenen Händen wieder in die Mitte zurückschleppte. - Desgleichen
hatte er sich vorgenommen, da man bereits von ihm sagte, er komme im Gesang
dem Apollo, im Wagenlenken dem Sonnengott gleich, seine Nachahmung auch
auf des Herkules Taten auszudehnen. Ja, man sagt, es sei bereits ein abgerichteter
Löwe in Bereitschaft gewesen, den er mit einer Keule erlegen oder durch
Umschlingen mit den Armen in der Arena des Amphitheaters vor dem zuschauenden
Volk nackt erwürgen wollte. |
53. Maxime autem popularitate
efferebatur, omnium aemulus, qui quoquo modo animum vulgi moverent. Exiit
opinio post scaenicas coronas proximo lustro descensurum eum ad Olympia
inter athletas; nam et luctabatur assidue
nec aliter certamina gymnica tota Graecia spectaverat quam brabeutarum more
in stadio humi assidens ac, si qua paria longius recessissent, in medium
rnanibus suis protrahens. Destinaverat etiam, quia Apollinern cantu, Solem
aurigando aequiperare existimaretur, imitari et Herculis facta; praeparatumque
leonem aiunt, quem vel clava vel brachiorum nexibus in amphitheatri harena
spectante populo nudus elideret. |
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54. Gewiss ist, dass er gegen das
Ende seines Lebens öffentlich das Gelöbnis getan hatte, wenn seine
Herrschaft bestehen bleibe, wolle er bei den Spielen zur Feier seines Sieges
auch als Wasserorgel-, Flöten- und Dudelsackspieler und am letzten
Tag als Ballettänzer auftreten und Vergils „Turnus“ tanzen. Ja, manche
berichten sogar, er habe den
Ballettänzer Paris
als einen gefährlichen Rivalen ermorden lassen. |
54. Sub exitu quidem
vitae palam voverat, si sibi incolumis status permansisset, proditurum se
partae victoriae ludis etiam hydraulam et choraulam et utricularium ac novissimo
die histrionem saltaturumque Vergili Turnum. Et sunt qui tradant Paridem
histrionem occisum ab eo quasi gravem adversarium. |
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55. Es lebte in ihm eine heiße
Begierde nach Verewigung und Fortdauer seines Gedächtnisses, aber eine
unverständige. So nahm er vielen: Gegenständen und Örtlichkeiten
ihre alte Benennung und gab ihnen neue nach seinem Namen. Einen Monat, den
April, nannte er Neroneus. Auch hatte er vor, Rom in Neropolis umzutaufen.
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55. Erat illi aeternitatis
perpetuaeque famae cupido, sed inconsulta. Ideoque multis rebus ac locis
vetere appellatione detracta novam indixit ex suo nomine, mensem quoque
Aprilem Neroneum appellavit; destinaverat et Romam Neropolim nuncupare.
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56. Die Götterkulte waren ihm
sein ganzes Leben lang lächerlich, nur den Kult der Syrischen Göttin
ausgenommen, die er jedoch bald so verachtete, dass er sie mit Urin besudelte,
als ihn ein anderer Aber glaube gefangengenommen hatte, in dessen Banden
er ausschließlich und dauernd hängen blieb. Er hatte nämlich
eine kleine Mädchenporträtstatuette als Schutzmittel gegen Verschwörungen
von irgendeinem geringen und namenlosen Plebejer zum Geschenk erhalten,
und als nun unmittelbar darauf die Entdeckung einer Verschwörung erfolgte,
verehrte er sie von da an gleich der höchsten Gottheit und brachte
ihr bis ans Ende seines Lebens täglich dreimal Opfer, wie er denn auch
den Glauben verbreitet wissen wollte, dass er durch ihre Eingebung die Zukunft
voraus erfahre. Wenige Monate vor seinem Ende wohnte er auch einer Eingeweideschau
bei, doch waren die Zeichen nicht glücklich. |
56. Religionum usque
quaque contemptor, praeter unius Deae Syriae, hanc mox ita sprevit, Ùt urina
contaminaret, alia superstitione captus inqua sola pertinacissime haesit,
siquidem imagunculam puellarem, cum quasi remedium insidiarum a pebeio quodam
et ignoto muneri accepisset, detecta confestim coniuratione pro summo numine
trinisque in die sacrificiis colere perseveravit volebatque credi monitione
cius futura praenoscere. Ante paucos quam periret menses attendit et extispicio
nec umquam litavit. |
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57. Er starb im zweiunddreißigsten
Lebensjahr, und zwar an dem Tag, an welchem er einst die Octavia ermordet
hatte, und so groß war die allgemeine Freude über seinen Tod,
dass das Volk mit Freiheitsmützen auf den Köpfen durch die ganze
Stadt lief. Und dennoch fehlte es nicht an Leuten, welche lange Zeit hindurch
sein Grab mit Frühlings- und Sommerblumen schmückten und bald
seine Bildnisse in der Prätexta bei der Rednerbühne, bald seine
Edikte, als ob er noch lebe und binnen kurzem wiederkehren werde, zum Vorschein
brachten. Ja, selbst Vologaesus, der Partherkönig,
verwendete sich, bei Gelegenheit einer Gesandtschaft an den Senat über
Erneuerung des Bündnisses, lebhaft dafür, dass man dem Andenken
Neros
die gebührende Ehre erzeige. Und als endlich zwanzig Jahre später,
als ich ein junger Mensch war, ein Individuum von unbekannter Herkunft auftrat,
das sich für Nero
ausgab, war dieser Name noch in solcher Gunst bei den Parthern,
dass sie jenen lange eifrig unterstützten und sich nur mit Mühe
bewegen ließen, ihn später auszuliefern. |
57. Obiit tricensimo et secundo
aetatis anno, die quo quondam Octaviam interemerat, tantumque gaudium publice
praebuit, ut plebs pilleata tota urbe discurreret. Et tamen nori defuerunt
qui per longum tempus vernis aestivisque floribus tumulum eius ornarent
ac modo imagines praetextatas in rostris proferrent, modo edicta quasi viventis
et brevi magno inimicorun malo reversuri. Quin etiam Vologaesus Parthorum
rex missis ad senatum legatis de instauranda societate hoc etiam magno opere
oravit, ut Neronis memoria coleretur. Denique cum post viginti annos adulescente
me exstitisset condicionis incertae qui se Neronem esse iactaret, tam favorabile
nomen eius apud Parthos fuit, ut vehementer adiutus et vix redditus
sit. |
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Deutsche Übersetzung nach:
Stahr, A.
bearbeitet von E.Gottwein |
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