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10. Nachdem er (Claudius)
unter solchen Verhältnissen den größten Teil seines Lebens
verbracht hatte, kam er in seinem fünfzigsten Jahr durch einen äußerst
merkwürdigen Zufall zur Regierung. Als die Verschwörer ihn samt
allen übrigen von Gaius
unter dem Vorwand fernhielten, dass dieser allein sein wolle, hatte er sich
in den sogenannten Pavillon des Hermes zurückgezogen. Nicht lange darauf
kroch er, durch den Lärm des Mordes erschreckt, auf die nächstgelegene
Terrasse und verbarg sich zwischen den Vorhängen der Tür. |
(10,1) Per haec ac
talia maxima aetatis parte transacta quinquagesimo anno imperium cepit quantumvis
mirabili casu. exclusus inter ceteros ab insidiatoribus Gai, cum quasi secretum
eo desiderante turbam submoverent, in diaetam, cui nomen est Hermaeum, recesserat;
neque multo post rumore caedis exterritus prorepsit ad solarium proximum
interque praetenta foribus vela se abdidit. |
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In diesem Versteck fand ihn zufällig ein
gemeiner Soldat, der vorbeieilte, weil er seine seine Füße bemerkte:
er wollte wissen, wer er sei, erkannte ihn, zog ihn aus seinem Versteck
hervor und begrüßte ihn, obwohl er ihm zu Füßen fiel,
als Imperator. Dann führte er ihn zu seinen anderen Kameraden, die
noch völlig unschlüssig waren und bloß Drohungen ausstießen.
Von ihnen wurde er in eine Sänfte gesetzt und, weil seine Diener entflohen
waren, auf ihren Schultern, wobei sie miteinander abwechselten, ins Lager
getragen; er war niedergeschlagen voll Angst, und die scharenweise entgegen
kommenden Menschen bejammerten ihn, als werde er unschuldig zur Hinrichtung
geführt. |
(10,2) latentem discurrens forte
gregarius miles, animadversis pedibus, e studio sciscitandi quisnam esset,
adgnovit extractumque et prae metu ad genua sibi adcidentem imperatorem
salutavit. hinc ad alios commilitones fluctuantis nec quicquam adhuc quam
frementis perduxit. ab his lecticae impositus et, quia sui diffugerant vicissim
succollantibus in castra delatus est tristis ac trepidus, miserante obvia
turba, quasi ad poenam raperetur insons. |
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Er wurde ins Lager eingelassen und übernachtete
in der Hauptwache, wobei er weit weniger Hoffnung fühlte als Zutrauen.
Denn Konsuln und Senat hatten mit den Stadtkohorten das Forum und Capitol
besetzt und waren entschlossen, die allgemeine Freiheit wieder herzustellen;
auch er selbst wurde durch die Volkstribunen in die Kurie bestellt, um seinen
Rat abzugeben, gab aber zur Antwort, er werde gewaltsam unter dem Druck
der Umstände zurückgehalten. |
(10,3) receptus intra vallum
inter excubias militum pernoctavit, aliquanto minore spe quam fiducia. nam
consules cum senatu et cohortibus urbanis
forum Capitoliumque occupaverant asserturi communem libertatem; accitusque
et ipse per tribunos plebis in curiam ad suadenda, quae viderentur, vi se
et necessitate teneri respondit. |
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Aber am folgenden Tag ließ es der Senat
über dem ermüdenden Meinungsstreit der verschiedenen Parteien
an einer energischen Umsetzung seines Vorhabens fehlen. Andererseits forderte
die umstehende Volksmenge lebhaft einen gemeinsamen Regenten und rief seinen
Namen. Da gestattete Claudius,
dass die in Waffen versammelten Soldaten ihm den Huldigungseid leisteten
und versprach jedem einzelnen von ihnen fünfzehntausend Sesterzen -
der erste Kaiser, der die Treue seiner Soldaten auch mit Geld erkaufte. |
(10,4) verum postero die et
senatu segniore in exequendis conatibus per taedium ac dissensionem diversa
censentium et multitudine, quae circumstabat, unum rectorem iam et nominatim
exposcente, armatos pro contione
iurare in nomen suum passus est promisitque singulis quina dena sestertia,
primus Caesarum fidem militis etiam praemio pigneratus. |
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11. Nachdem seine Herrschaft gesichert
war, hielt er nichts für wichtiger, als die Erinnerung an die zwei
Tage, während deren man über die Veränderung der Verfassung
beratschlagt hatte, auszulöschen. So verkündete er denn, er wolle
alles, was man in dieser Zeit gesagt und getan habe, für immer vergeben
und vergessen, und hielt sein Wort. Nur einige Tribunen und Centurionen
aus der Zahl derer, die sich gegen Gaius verschworenen hatten, ließ
er umbringen, teils um ein Exemepl zu statuieren, teils weil er erfahren
hatte, dass sie auch seinen Tod verlangt hatten. |
(11,1) Imperio stabilito
nihil antiquius duxit quam id biduum, quo de mutando rei publicae statu
haesitatum erat, memoriae eximere. omnium itaque factorum dictorumque in
eo veniam et oblivionem in perpetuum sanxit ac praestitit, tribunis modo
ac centurionibus paucis e coniuratorum in Gaium numero interemptis, exempli
simul causa et quod suam quoque caedem depoposcisse cognoverat. |
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Darauf widmete er sich der Verpflichtung, seine
Verwandten gebührend zu ehren, wie er denn keinen Schwur heiliger achtete
und öfter brauchte als den: „Beim Augustus!"
Seiner Großmutter Livia
ließ er die Ehre der Vergöttlichung und beim Circusumzug einen
von Elefanten gezogenen Wagen, ähnlich dem des Augustus,
beschließen, seinen Eltern ein öffentliches Totenfest und dazu
für seinen Vater
jährliche Circusspiele an dessen Geburtstag und für seine Mutter
einen Staatswagen, der ihr Bildnis durch den Circus führte, und den
von ihr zu ihren Lebzeiten abgelehnten Beinamen Augusta. Zum Gedächtnis
an seinen Bruder,
das er bei jeder Gelegenheit feierte, ließ er bei dem neapolitanischen
Wettstreit auch eine (von seinem Bruder) auf Griechisch verfasste
Komödie aufführen und erteilte ihr nach einstimmigem Spruch
der Richter den Siegespreis. |
(11,2) conversus hinc ad officia
pietatis ius iurandum neque sanctius sibi neque crebrius instituit quam
per Augustum. aviae Liviae divinos honores et circensi pompa currum elephantorum
Augustino similem decernenda curavit; parentibus inferias publicas, et hoc
amplius patri circenses annuos natali die, matri carpentum, quo per circum
duceretur, et cognomen Augustae ab viva recusatum. a fratris memoria per
omnem occasionem celebratam comoediam quoque Graecam Neapolitano certamine
docuit ac de sententia iudicum coronavit. |
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Selbst Marcus
Antonius ehrte er durch eine dankbare Erwähnung, indem er einmal
in einem Edikt kundgab, er wünsche um so dringender, dass man den Geburtstag
seines Vaters Drusus
festlich begehe, als dieser auch der Geburtstag seines Großvaters
Antonius sei. Den marmornen
Ehrenbogen beim Theater des Pompeius,
den der Senat dem Tiberius
einst beschlossen, aber unvollendet gelassen hatte, ließ er fertigbauen.
Und obgleich er alle Verordnungen des Gaius
aufhob, verbot er doch, den Tag seiner Ermordung, obwohl es der Tag seines
Regierungsantrittes war, unter die Festtage aufzunehmen. |
(11,3) ne Marcum quidem Antonium
inhonoratum ac sine grata mentione transmisit, testatus quondam per edictum,
tanto impensius petere se, ut natalem patris Drusi celebrarent, quod idem
esset et avi sui Antonii. Tiberio marmoreum arcum iuxta Pompei theatrum,
decretum quidem olim a senatu verum omissum, peregit. Gai quoque etsi acta
omnia rescidit, diem tamen necis, quamvis exordium principatus sui, vetuit
inter festos referri. |
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12. Dagegen zeigte er sich bei der
Erhöhung der eigenen Würde zurückhaltend und bürgernah:
er enthielt sich des Vornamens Imperator, lehnte übergroße Ehrungen
ab und beging selbst die Vermählung seiner Tochter und den Geburtstag
seines Enkels in aller Stille und nur mit einer häuslichen Feier. Keinen
Verbannten rief er ohne Zustimmung des Senats zurück. Dass er den Oberbefehlshaber
der Leibwache und deren Tribunen mit als Begleiter in die Kurie nehmen durfte
und dass die richterlichen Entscheidungen seiner Prokuratoren gültig
sein sollten, erbat er sich vom Senat als eine Vergünstigung. |
(12,1) At in semet
augendo parcus atque civilis praenomine Imperatoris abstinuit, nimios honores
recusavit, sponsalia filiae natalemque geniti nepotis silentio ac tantum
domestica religione transegit. neminem exulum nisi ex senatus auctoritate
restituit. ut sibi in curiam praefectum praetori tribunosque militum secum
inducere liceret utque rata essent, quae procuratores sui in iudicando statuerent,
precario exegit. |
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Das Recht, Markttage zu halten, erbat er für
seine privaten Landgüter von den Konsuln. Den gerichtlichen Untersuchungen
der Behörden wohnte er häufig als einfaches Ratsmitglied bei.
Wenn sie öffentliche Schauspiele gaben, stand auch er mit den übrigen
Zuschauern auf und ehrte sie mit Beifallsrufen und Händeklatschen.
Als die Volkstribunen während einer Gerichtssitzung vor ihm erschienen,
entschuldigte er sich, dass sie ihm ihren Vortrag wegen des engen Raumes
notgedrungen im Stehen zu Gehör bringen müssten. |
(12,2) ius nundinarum in privata
praedia a consulibus petit. cognitionibus magistratuum ut unus e consiliariis
frequenter interfuit; eosdem spectacula edentis surgens et ipse cum cetera
turba voce ac manu veneratus est. tribunis plebis adeuntibus se pro tribunali
excusavit, quod propter angustias non posset audire eos nisi stantes. |
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Darum gewann er denn auch in kurzer Zeit so viel
Liebe und Zuneigung, dass bei der Nachricht, er sei auf dedem Weg nach Ostia
einem Anschlag zum Opfer gefallen, das Volk in großer Bestürzung
nicht eher aufhörte, das Militär als Verräter und den Senat
als Vatermörder auf das furchtbarste zu verwünschen, bis ein erster,
ein zweiter, bald noch mehr Zeugen von den Behörden auf die Rednerbühne
geführt wurden und versicherten, er sei wohlbehalten und bereits in
der Nähe der Stadt. |
(12,3) quare in brevi spatio tantum
amoris favorisque collegit, ut cum profectum eum Ostiam perisse ex insidiis
nuntiatum esset, magna consternatione populus et militem quasi proditorem
et senatum quasi parricidam diris execrationibus incessere non ante destiterit,
quam unus atque alter et mox plures a magistratibus in rostra producti salvum
et appropinquare confirmarent. |
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13. Dennoch blieb er doch auf Dauer nicht von
Nachstellungen verschont, sondern sah sich sowohl von einzelnen als auch
von Verschwörern und endlich durch Bürgerkrieg bedroht. Ein Mann
aus dem Volk wurde mitten in der Nacht mit einem Dolch in der Nähe
seines Schlafzimmers ergriffen; auch zwei Mitglieder des Ritterstandes ertappte
man, die ihm ganz offen mit einem Dolch und einem Jagdmesser auflauerten,
der eine, um ihn beim Verlassen des Theaters, der andere, um ihn bei einem
Opfer am Marstempel anzugreifen. |
(13,1) Nec tamen expers insidiarum
usque quaque permansit, sed et a singulis et per factionem et denique civili
bello infestatus est. e plebe homo nocte media iuxta cubiculum eius cum
pugione deprehensus est; reperti et equestris ordinis duo in publico cum
dolone ac venatorio cultro praestolantes, alter ut egressum theatro, alter
ut sacrificantem apud Martis aedem adoreretur. |
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Zu einem Umsturz verschworen sich
Asinius Gallus
und Statilius
Corvinus, die Enkel der Redner Pollio
und Messala,
wobei sie mehrere eigene Freigelassene und Sklaven hinzuzogen. Einen Bürgerkrieg
erregte Furius
Camillus Scribonianus, der Legat von Dalmatien, der jedoch bereits fünf
Tage später scheiterte, weil es die Legionen, die gemeutert hatten,
wegen eines Wunderzeichens bereuten: als sie nämlich ihren Marsch zu
dem neuen Kaiser antreten wollten, konnten aus Zufall und durch göttliche
Fügung weder der Adler aufgeputzt noch die Feldzeichen aus dem Boden
gezogen und fortgebracht werden. |
(13,2) conspiraverunt
autem ad res novas Gallus Asinius et Statilius Corvinus, Pollionis ac Messalae
oratorum nepotes, assumptis compluribus libertis ipsius atque servis. bellum
civile movit Furius Camillus Scribonianus Dalmatiae legatus; verum intra
quintum diem oppressus est legionibus, quae sacramentum mutaverant, in paenitentiam
religione conversis, postquam denuntiato ad novum imperatorem itinere casu
quodam ac divinitus neque aquila ornari neque signa convelli moverique potuerunt.
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Deutsche Übersetzung nach:
Stahr, A.
bearbeitet von E.Gottwein |
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