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Cicero

2. Cic.Verr. 2, 3, 47

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Cicero schildert, wie er Sizilien bei seinen Ermittlungen fünf Jahre nach seiner Quästur in Lilybäum vorfand.
non mehercule augendi criminis causa, iudices, dicam, sed, quem ipse accepi oculis animoque sensum, hunc vere apud vos et, ut potero, planissime exponam.

[32] itaque primum illum actum istius vitae turpissimum et flagitiosissimum praetermittam. nihil a me de pueritiae suae flagitiis audiet, nihil ex illa impura adulescentia sua; quae qualis fuerit aut meministis, aut ex eo quem sui simillimum produxit recognoscere potestis. omnia praeteribo quae mihi turpia dictu videbuntur, neque solum quid istum audire, verum etiam quid me deceat dicere considerabo. vos, quaeso, date hoc et concedite pudori meo ut aliquam partem de istius impudentia reticere possim. [33] omne illud tempus quod fuit antequam iste ad magistratus remque publicam accessit, habeat per me solutum ac liberum. sileatur de nocturnis eius bacchationibus ac vigiliis; lenonum, aleatorum, perductorum nulla mentio fiat; damna, dedecora, quae res patris eius, aetas ipsius pertulit, praetereantur; lucretur indicia veteris infamiae; patiatur eius vita reliqua me hanc tantam iacturam criminum facere.

Interpretationsaspekte:

Mit welchem Deutungsansatz werden wir diesem Text am ehesten gerecht?

  • Es fällt zunächst auf (war es Clara oder Bettina?), dass auch hier die Ermittlung vor Ort eine durchgängige und zentrale Hervorhebung erfährt. Die Gründe dafür sind dieselben, die Cicero noch 16 Jahre später in seiner Verteidigung für Scaurus (Cic. Scaur. 24 - 26) angibt.  Hier leitet er den Textabschnitt nicht nur mit der ausdrücklichen Erklärung ein (Autopsie im Dienste der Wahrheit [vere, 1] und Klarheit [ut potero planissime, 2]), sondern unterläßt auch im folgenden keine Gelegenheit, um durch die Wahl der sprachlichen Mittel diesen Eindruck zu unterstützen.
    • Wortwahl: besonders venissem (3); visa est (3); vidissem (4); videbam (5); videretur (5); species (8); vidisses (8).
    • anschaulicher Vergleich: sic... - ut terrae.., in quibus bellum...
    • Personifikation Siziliens im Dienste der emotionalen Betroffenheit des Beobachters: ut ager ipse cultorem desiderare ac lugere dominum videretur (5).
    • Häufung von Beobachtungen, denen sich in auffälliger Parallelität (komparativisches und konsekutives "ut") subjektive Beurteilungen des Beobachters anschließen. Es wäre irrig anzunehmen, dass das hohe Maß an Subjektivität und Emotionalität den Beweiswert der Aussagen mindere. Es fördert im Gegenteil ihre Plastizität und Authentizität und somit ihre Überzeugungskraft:
      - sic mihi adfecta visa est, ut eae terrae solent (3)
      - hos ita vastatos nunc ac desertos videbam, ut ager ipse ... videretur. (4f)
      - ita relictus erat ex maxima parte, ut ... quaereremus. (5f)
      - sic erat deformis atque horridus, ut ... quaereremus
    • Statt eines summarischen Sammelbegriffs gehäufte Nennung von Orten , die Cicero im einzelnen aufgesucht hat (man erkennt als Zentrum der Reise die früher landwirtschaftlich ergiebigsten "agri" et "campi"). Auch dieses Mittel wird er primär nicht "augendi criminis causa" (1) einsetzen, sondern um den Richtern ein plastisches Bild ganz konkreter Orte, deren Wohlstand die meisten vom Augenschein her kannten (Scaur. 25: campus ille nobilissimus ac feracissimus ...Leontinus), in Erinnerung zu rufen. Wie muss den Richtern zu Mute werden, wenn sie erfahren, wie falsch ihr Erinnerungsbild ist: Wohlstand einst, jetzt nichts als Elend! Herbita, Henna, Morgentia, Assoros,  Imachara, Agyrion; Aetna, Leontinoi!
  • Damit sind wir bei einem zweiten Punkt, der den Text bestimmt: die durchgängige Antithese von einst und jetzt.
    antea (4, 8) nunc (4) (quadriennio post, 4)
    campos ... collisque (4)
    (antea) nitidissimos viridissimosque (4) vastatos nunc ac desertos (4f)
    Aetnensis vero ager, qui solebat esse cultissimus sic erat deformis atque horridus, ut in uberrima Siciliae parte Siciliam quaereremus
    campus Leontinus, cuius antea species haec erat, ut...annonae caritatem non vererere

    In den Dienst der Antithese treten andere stilistische Mittel, wie etwa der kunstvoll verschachtelte Chiasmus, mit der auffälligen Kopfstellung der Prädikate (Parallelismus) im Relativsatz: "solebat" soll betonen: so war es einst, jetzt ist es nicht mehr so!

    .

    Aetnensis vero ager, qui solebat esse cultissimus
    et

    .
    .

    A  ( a : b)    :    B        =         B     :    A  ( b : a)

    .
    .

    quod caput est rei frumentariae, campus Leontinus,

    .

    Die Antithese gipfelt in der emphatischen Zuspitzung "in uberrima Siciliae parte Siciliam quaerere": Sizilien ist nicht mehr Sizilien; es ist gleichsam ein von einem bitteren und langwierigen Krieg verwüstetes Land (ut eae terrae solent, in quibus bellum acerbum diuturnumque versatum est, 3f).

  • Mit diesem Ergebnis unserer Interpretation hätten wir uns zufrieden gegeben, wenn nicht Florian den Deutungsansatz gefunden hätte, der uns noch ein Stück weiter führte, weil er alle bisherigen Beobachtungen übergreift und zusammenfasst:
    • "Wie Cicero in unserem vorigen Text (Cic. Scaur. 24-26) die Absicht verfolgte, den Ankläger Triarius durch Kontrastierung seiner eigenen Ermittlungsarbeit in Sizilien in ein schlechtes Licht zu setzen und seine Anklagepunkte so zu entwerten, verfolgt er auch hier eine klare Redestrategie."
    • "Natürlich jede Rede intendiert eine psychagogische oder, wie es in unserer Ausgabe heißt, manipulatorische Wirkung. Und welche wäre es hier, Florian?"
    • "Dieses Mal wird der Angeklagte, also Verres, in ein schlechtes Licht gesetzt"
    • "In welchem Licht zeichnet Cicero den Angeklagten?"
    • "Am deutlichsten in dem Bild vom "bellum acerbum diuturnumque". Er ist kein "Dieb" oder "Räuber", der er wirklich war, sondern er wütet wie ein feindliches Heer, das nichts außer verbrannter Erde und Menschenleere hinter sich zurückläßt. Sizilien selbst muss nach einem rufen, der es bebaut. Wer sollte es auch sonst tun? Die früheren "domini" leben nicht mehr. Sizilien trauert um sie."
    • "Steht dieses Verständnis nicht in direktem Widerspruch zu dem Einleitungssatz? Cicero sagt doch ausdrücklich, dass er das folgende 'non... augendi criminis causa' ausführe.Ihre Deutung postuliert aber ein "criminis causa!"
    • "Welches andere Ziel sollte er denn in einer Anklagerede verfolgen? Man muss ja seine Absichten nicht immer offen zur Schau tragen. Das wäre taktisch unklug. Und zu einer klugen Strategie gehört auch eine kluge Taktik."
    • "Dann war also falsch, wenn wir vorhin sagten, Cicero sei es nur darauf angekommen, den Richtern ein möglichst plastisches Bild zu vermitteln? Wir wären Cicero, der seine Strategie kaschieren wollte, auf den Leim gegangen?"
    • "Sicher nicht! Wir haben wohl nur das vordergründige Ziel (oder besser das Mittel) für das endgültige Ziel gehalten."
    • Wenn wir Sie recht verstehen, sollten wir also für heute festhalten: Cicero verfolgt die Strategie, die Gegenseite abzuwerten. Dabei bedient er sich der psychagogischen Methode, die positiv besetzten Erinnerungsbilder der Richter, (wie sie sich z.B. in den hellen Vokalen von "collis nitidissimos viridissimosque vidissem" manifestieren) durch Bilder des jetzigen Elends (hos ita vastatos nunc ac desertos videbam) zu ersetzen und die Wut, die bei ihnen darüber aufkommt, auf den Sündenbock Verres abzulenken."
    • "Ja, so scheint es mir irgendwie zu verstehen zu sein." (Es klingelt)
Sententiae excerptae:
w35
Literatur:

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Ciceros "In Verrem actio prima" als problembezogene Lekt├╝re
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- Letzte Aktualisierung: 07.09.2015 - 16:13