Thukydides
Thukydides und Herodot

 
 

Bezüge

Als Beweis dafür, dass Thukydides sich mit Herodots Werk bewusst auseinandersetzt, gibt K.Beyer (S.13, Anm.22) folgende Belege an:

  1. Herodot würdigt den Zug des Xerxes mit στόλων γὰρ τῶν ἡμεῖς ἴδμεν πολλῷ δὴ μέγιστος οὗτος ἐγένετο (Hdt.7,20). Daraus wurde bei Thuk.1,2: κίνησις γὰρ αὕτη μεγίστη δὴ τοῖς ῞Ελλησιν ἐγένετο. [Bezeichnender Unterschied: Herodot begründet nur mit rhetorischen Mitteln, Thukydides untermauert mit τεκμήρια.]
  2. Wenn Thukydides die Existenz eines Πιτανάτης λόχος in Sparta zurückweist (Thuk.1,20,3), so zielt er damit auf Herodot (Hdt.6,57).
  3. Thuk,1,21,1 greift Thukydides die λογογράφοι an. Dies zielt aber auch auf Herodot (Schol.: αἰνίττεται τὸν ῾Ηρόδοτον).
  4. Die dezidierte Kennzeichnung des eigenen Werkes als μὴ μυθῶδες hat Herodot als Stoßrichtung (Scholion: πάλιν πρὸς ῾Ηρόδοτον).
  5. Thuk.1,89,2 knüpft Thukydides bewusst an den Schluss von Herodot (Einnahme von Sestos) an.
.

 

Vergleich

Vgl. O.Büchler (S. 39), W.Schadewaldt, S.120f

  Herodot Thukydides
Historischer Ort Herodot hat eine Zwischenstellung. Aus eigener Sicht ist er integrierender Abschluss einer differenzierten Vielfalt von Voraussetzungen. Für Thukydides ist Herodot Vorgänger, den es fortzusetzen und (sachlich und im geschichtlichen Denken) abzuschließen gilt.
Personaler Ort Außensicht Innensicht
Weltoffener Panhellene (Halikarnass - Thurioi) mit der Wissbegier des kleinasiatischen Ioniers (Weltreisender) Polisgebundenheit (Beteiligter und Betroffener) Bürger Athens, Staatsmann und Offizier (Verbannung)
Stolz und Freude über den Sieg des westlichen Freiheitsidee über den orientalischen Prunk und Despotismus (z.B. Demaretos) Interessiertheit für die Mechanismen der Macht (Imperialismus Athens in der Auseinandersetzung mit Sparta) 
Erzählgegenstand Der bedeutende, besonders auch emotional gestimmte Einzelmensch. Menschliche Großtaten, die in den Perserkrieg einmünden Die Gemeinschaft der überwiegend rational handelnden Bürger (πολῖται). Insofern: Politische Geschichte
Die (Taten der) Menschen (τὰ γενόμενα ἐξ ἀνθρώπων) Das Menschliche (τὸ ἀνθρώπινον) 
Erzählhaltung Erster Geschichtsschreiber  Erster Geschichtsforscher
ausschweifende Fabulierlust Konzentration auf die rationale Durchdringung des Sachlichen
vergangenheitsorientiert zukunftsgerichtet
Erzählform Novelle,  geographisch-etnographischer Exkurs Argumentativer Diskurs (jedenfalls μὴ μυθῶδες); Reden (antithetische Redenpaare)
Erzählabsicht delectare" (ἀκρόασις): ἀγώνισμα ἐς τὸ παραχρῆμα docere": κτῆμά τε ἐς αἰεί
Erzählziel Das θωμαστόν, das seine allgemeine Bedeutung erst (deduktiv) aus der metaphysischen Idee gewinnt. Induktives Herausarbeiten des Allgemeinen und Verwertbaren (ὠφέλιμα).
Historische Methode Ansätze einer wissenschaftlichen Methode: Mythenkritik, eigene Nachforschung (ἱστορίης ἀπόδεξις), Quellenkritik Explizite Methodendiskussion (λόγοι, ἔργα; τεκμήρια, τὸ πιθανόν, τὸ σαφές).
Ideeler (geistiger) Ort metaphysische Weltordnung  (τὸ χρεὸν, φθόνος θεῶν, κύκλος τῶν ἀνθρωπηίων πρηγμάτων) in der sich dereinzelne durch die Wahrung seiner ἐλευθερίη, εὐβουλίη, ἀρετή bewährt. Maßgebend ist die menschliche Natur (τὸ ἀνθρώπινον) und die innere Gesetzmäßigkeit (Kausalität, Mechanismus) der realen politischen Prozesse (Machtbildung)
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Wissenschaftlichkeit?

Für den heutigen Betrachter (Theoretiker) der Gesamttradition der abendländischen  Geschichtsschreibung  verflüchtigt sich vor dem Hintergrund des gesteigerten Wissenschaftlichkeitsanspruchs, den die moderne Geschichtsschreibung seit der Mitte des 18. Jahrhunderts erhebt, angeblich das Gefälle, das wir zwischen Herodot und Thukydides festzustellen meinten, vollständig. Beide werden in eine einheitliche Phase subsumiert, die antike und mittelalterliche Geschichtsschreibung zusammenfasst, um ihr nur noch eine zweite Phase, die der neuzeitlichen und wissenschaftlichen Geschichtsschreibung entgegenzusetzen. Sie wird charakterisiert durch: Strenge Vermeidung jeder narrativer Fiktionalität und jeder moralisierenden Betrachtungsweise und durch rigorose Beschränkung auf das "Tatsächliche" (und dessen ideeller Basis, der ebenfalls Tatsachenwert zuerkannt wird). Selbst Thukydides habe durch die Rhetorisierung des Stoffes diesen literarisch, also fiktional gestaltet und stelle mehr das Mögliche denn das Tatsächliche der Geschichte dar. Dieser durchgängige Verweis auf das tatsächlich Vorgefallene, komprimiert in dem Begriff der "Referenz" sei das entscheidende Kriterium für die Wissenschaftlichkeit von Geschichtsschreibung. 

Um die Kritik deutlich auszudrücken: Die Einteilung der abendländischen Geschichtsschreibung in zwei geradezu statische Phasen ist noch realitätsferner als das differenziertere und durch seine immanenten Entwicklungskräfte bestimmte Marxsche Phasenmodell der Gesellschaftsentwicklung. Auch dass man die Frage des "ideellen Überbaus" nicht ausklammert, lässt aufhorchen. Kurzum: Diesem Ansatz scheint genau die "Tatsachenreferenz" zu fehlen, die er von der Geschichtsschreibung einfordert. Er nährt sich von einer der Literaturtheorie entlehnten, abstrakten, inhaltsleeren oder doch rappeldürren Begrifflichkeit, die sich, wie "des Kaisers neue Kleider", wenn überhaupt verständlich wahrgenommen, nur vor der Einsicht des Toren fürchten muss. 

[Anregung: M.Völkl: Gibt's gar nicht! Hat er sich selbst ausgedacht! in: FAZ v. 9.4.02, Nr.82, S.47]

 

 

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