xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> Gerechtigkeit in Platons Staat

 

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Der Diskurs über die Gerechtigkeit
in Platons Staat

A.) Die Eingangsdiskussion

  1. Kephalos sieht als größten Vorteil seines Reichtums an, dass er ihm erlaubt, Gerechtigkeit zu übern, das bedeutet für ihn, die Wahrheit zu sagen und das Empfangene zurückzugeben. Damit ist das Thema ausgesprochen: "Was ist Gerechtigkeit?"
  2. Polemarchos führt das Gespräch für seinen Vater Kephalos weiter. Er einigt sich mit Sokrates schließlich (in vier Teilschritten) darauf : Es liegt im Wesen einer Kunst, der Tugend und somit der Gerechtigkeit, niemandem zu schaden. Auch einem Feind Schaden zuzufügen wäre ungerecht.
    (335e) Εἰ ἄρα τὰ ὀφειλόμενα ἑκάστῳ ἀποδιδόναι φησίν τις δίκαιον εἶναι, τοῦτο δὲ δὴ νοεῖ αὐτῷ τοῖς μὲν ἐχθροῖς βλάβην ὀφείλεσθαι παρὰ τοῦ δικαίου ἀνδρός, τοῖς δὲ φίλοις ὠφελίαν, οὐκ ἦν σοφὸς ὁ ταῦτα εἰπών. οὐ γὰρ ἀληθῆ ἔλεγεν· οὐδαμοῦ γὰρ δίκαιον οὐδένα ἡμῖν ἐφάνη ὂν βλάπτειν.
    Συγχωρῶ, ἦ δ' ὅς.
    Wenn also jemand sagt, gerecht sei, dass man jedem gebe, was man ihm schulde, und darunter versteht, dass der gerechte Mann den Feinden Schaden schulde, und den Freunden Nutzen, so war der nicht weise, der so spricht; denn er hat etwas gesagt, was nicht wahr ist; denn wir haben gefunden, dass es nirgends gerecht sei jemandem zu schaden.
    Ich gebe es zu, sagte er.
  3. Das Intermezzo des Thrasymachos:
    1. Zunächst übt er Manöverkritik an der sokratischen Gesprächsführung: Statt nur zu fragen, solle er auch einmal antworten und selbst sagen, was Gerechtigkeit sei.
    2. Seine Sachkritik äußert er in Form einer Gegenthese: "Das Gerechte ist nichts anderes als der Nutzen des Stärkeren."
      (338c) Ἄκουε δή, ἦ δ' ὅς. φημὶ γὰρ ἐγὼ εἶναι τὸ δίκαιον οὐκ ἄλλο τι ἢ τὸ τοῦ κρείττονος συμφέρον.
      So höre denn, sagte er; denn ich behaupte, dass das Gerechte nichts anderes ist als der Nutzen des Stärkeren.
      Gerechtigkeit fordert Gesetzesgehorsam. Die Gesetze aber erlassen alle Regierenden (kraft ihrer Macht und Stärke) zu ihrem eigenen Vorteil (Vgl. Kallikles).
    3. Gegenargumentation des Sokrates: Wer wahrhaft stark ist und eine Kunst beherrscht, übt sie primär zum Vorteil dessen, dem sie gilt, und nicht zum eigenen Vorteil. Der Schäfer dient den Schafen, der Regent den Regierten. Gerechtigkeit leistet Übereinstimmung des Trägers mit sich selbst und mit den Mitgliedern einer Gemeinschaft. Sie ist die notwendige Voraussetzung dafür, dass Gemeinschaft überhaupt möglich ist. Selbst eine Räuberbande kann ohne eine gewisse Restgerechtigkeit keinen Bestand haben. Thrasymachos streicht die Segel.
  4. Glaukon als "advocatus diaboli": 
    1. Glaukon und Adeimantos sind mit der rein begrifflichen Argumentation unzufrieden.
    2. Die Parabel vom "Ring des Gyges" zeigt: Keiner, der schadlos Unrecht tun kann, würde freiwillig darauf verzichten.
      (360a-b) λυσιτελεῖν γὰρ δὴ οἴεται πᾶς ἀνὴρ πολὺ μᾶλλον ἰδίᾳ τὴν ἀδικίαν τῆς δικαιοσύνης, ἀληθῆ οἰόμενος, ὡς φήσει ὁ περὶ τοῦ τοιούτου λόγου λέγων· ἐπεὶ εἴ τις τοιαύτης ἐξουσίας ἐπιλαβόμενος μηδέν ποτε ἐθέλοι ἀδικῆσαι μηδὲ ἅψαιτο τῶν ἀλλοτρίων, ἀθλιώτατος μὲν ἂν δόξειεν εἶναι τοῖς αἰσθανομένοις καὶ ἀνοητότατος.
      Jedermann meint nämlich, dass die Ungerechtigkeit für den einzelnen weit vorteilhafter sei als die Gerechtigkeit, und diese Meinung ist richtig, wie derjenige behaupten wird, der sich über einen solchen Gegenstand ausspricht; denn wenn jemand im Besitz solcher Freiheit nie Unrecht tun wollte und fremdes Gut nicht berühren wollte, würde er allen, die dies bemerken, höchst unglücklich und unverständig erscheinen.
    3. Sokrates gibt seine Antwort im Rahmen einer Gesinnungs- und Erfolgsethik. Er unterscheidet zwischen folgenden Handlungszielen:
      1. Ziele, die wir um ihrer selbst willen verfolgen (z.B.: Freude, unschädliche Lust)
      2. Ziele, die wir um ihres Nutzen willen verfolgen (z.B.: Arbeit, medizinische Therapie)
      3. Ziele, die wir sowohl um ihrer selbst willen als auch ihrer Folgen wegen verfolgen (z.B.: Verständigsein, Schauen, Gesundheit).
      Die Gerechtigkeit rechnet unter die wertvollste (die dritte) Gruppe. Damit ist für Sokrates die Aufgabe gestellt: Er muss den Gesinnungswert der Gerechtigkeit unabhängig von allen denkbaren negativen oder positiven Folgen aufzeigen.
      (367b-d) ἐπειδὴ οὖν ὡμολόγησας τῶν μεγίστων ἀγαθῶν εἶναι δικαιοσύνην, ἃ τῶν τε ἀποβαινόντων ἀπ' αὐτῶν ἕνεκα ἄξια κεκτῆσθαι, πολὺ δὲ μᾶλλον αὐτὰ αὑτῶν, οἷον ὁρᾶν, ἀκούειν, φρονεῖν, καὶ ὑγιαίνειν δή, καὶ ὅσ' ἄλλα ἀγαθὰ γόνιμα τῇ αὑτῶν φύσει ἀλλ' οὐ δόξῃ ἐστίν, τοῦτ' οὖν αὐτὸ ἐπαίνεσον δικαιοσύνης, ὃ αὐτὴ δι' αὑτὴν τὸν ἔχοντα ὀνίνησιν καὶ ἀδικία βλάπτει, μισθοὺς δὲ καὶ δόξας πάρες ἄλλοις ἐπαινεῖν. [...]
      μὴ οὖν ἡμῖν ἐνδείξῃ μόνον τῷ λόγῳ, ὅτι δικαιοσύνη ἀδικίας κρεῖττον, ἀλλὰ καὶ τί ποιοῦσα ἑκατέρα τὸν ἔχοντα αὐτὴ δι' αὑτήν, ἐάντε λανθάνῃ ἐάντε μὴ θεούς τε καὶ ἀνθρώπους, ἡ μὲν ἀγαθόν, ἡ δὲ κακόν ἐστι.
      Da du nun zugegeben hast, dass die Gerechtigkeit zu den größten Gütern gehört, die teils wegen ihrer Folgen wert sind, dass man sie besitzt, viel mehr wert aber um ihrer selbst willen, wie bekanntlich das Hören, Sehen, Verständigsein und die Gesundheit, und was es sonst für Güter gibt, die vermöge ihrer eigenen Natur und nicht nur dem Schein nach segensreich sind, so lobe denn eben das an der Gerechtigkeit, was sie an sich selbst dem nützt, der sie hat, und die Ungerechtigkeit schadet; den Lohn und Schein aber lasse andere loben! [...]
      Zeige uns also durch deine Rede, nicht bloß, dass die Gerechtigkeit besser ist als die Ungerechtigkeit, sondern auch wie jede von beiden den, der sie hat, zurichtet, dass an und für sich selbst, mögen sie vor Göttern und Menschen verborgen bleiben oder nicht, die eine etwas Gutes, die andere etwas Übles ist.

 

B.) Die Gerechtigkeit im entstehenden Staat

  1. Die Frage der Gerechtigkeit stellt sich ab jetzt tiefer begründet als eine Frage der Struktur der menschlichen Individualseele. Zugleich wird die Frage aus methodischen Gründen, um sie am analogen Großobjekt besser erkennen zu können,  auf die Struktur der Polis-Gemeinschaft übertragen (Bild der "kleinen und großen Buchstaben")
    1. Die Stadtgründung beruht auf dem Prinzip der Arbeitsteilung und Spezialisierung, so dass eine "Wirtschaftsordnung" erforderlich ist, die mit Hilfe des Marktes das Zusammenspiel von Produktion und Konsum regelt. In diesem gegenseitigen aufeinander Angewiesensein wird die Frage der Gerechtigkeit vermutet. Wichtige Etappen:
    2. das Anwachsen vom Minimalstaat über den "gesunden" zum "entzündeten" Luxusstaat. Der übermäßig gesteigerte Bedarf nach Wohlstandsgütern macht die Einrichtung des Militärs (Wächter) erforderlich.
    3. Die Frage der Erziehung der Wächter tritt in den Vordergrund. Sie gliedert sich traditionell in Musik  (Dichterkritik; die philosophischen Typoi des Göttlichen) und Gymnastik.
    4. Wer sich bei dieser Erziehung als besonders tüchtig (φυλακικώτατος) erweist und das "Dogma" (δόγμα) des Wächterstandes besonders treu bewahrt, soll die Führungsrolle im Staat übernehmen.
    5. Die Zuordnung der drei Stände wird zurückhaltend mit dem "Phoinikischen Märchen" der "Erdgeborenen" ausgedrückt. Die angeborenen Fähigkeiten (Gold, Silber, Eisen) sollen über den Platz, den der Einzelne im Staat auszufüllen hat, entscheiden. 
  2. Rückkehr zur Frage der Gerechtigkeit im Staat:
    1. Die Gerechtigkeit soll durch die Methode des Ausschlussverfahrens gefunden werden: Der richtig gegründete Staat muss vollkommen sein, also alle Tugenden vollständig verwirklichen. Gelingt es, in ihm Weisheit, Tapferkeit und Besonnenheit aufzufinden, muss Gerechtigkeit als Rest verbleiben.
      427e-428a: Ἐλπίζω τοίνυν, ἦν δ' ἐγώ, εὑρήσειν αὐτὸ ὧδε. οἶμαι ἡμῖν τὴν πόλιν, εἴπερ ὀρθῶς γε ᾤκισται, τελέως ἀγαθὴν εἶναι.
      Ἀνάγκη γ', ἔφη.
      Δῆλον δή, ὅτι σοφή τ' ἐστὶ καὶ ἀνδρεία καὶ σώφρων καὶ δικαία.
      Δῆλον.
      Οὐκοῦν ὅτι ἂν αὐτῶν εὕρωμεν ἐν αὐτῇ, τὸ ὑπόλοιπον ἔσται τὸ οὐχ ηὑρημένον;
      Τί μήν;
      Ὥσπερ τοίνυν ἄλλων τινῶν τεττάρων, εἰ ἕν τι ἐζητοῦμεν αὐτῶν ἐν ὁτῳοῦν, ὁπότε πρῶτον ἐκεῖνο ἔγνωμεν, ἱκανῶς ἂν εἶχεν ἡμῖν, εἰ δὲ τὰ τρία πρότερον ἐγνωρίσαμεν, αὐτῷ ἂν τούτῳ ἐγνώριστο τὸ ζητούμενον· δῆλον γάρ, ὅτι οὐκ ἄλλο ἔτι ἦν ἢ τὸ ὑπολειφθέν.
      Ὀρθῶς, ἔφη, λέγεις.
      Οὐκοῦν καὶ περὶ τούτων, ἐπειδὴ τέτταρα ὄντα τυγχάνει, ὡσαύτως ζητητέον;
      Δῆλα δή.
      Ich hoffe nun, sagte ich, es auf folgende Weise zu finden: ich glaube, dass uns das Gemeinwesen, sofern es richtig gegründet ist, vollkommen gut ist.
      Notwendig, sagte er.
      So ist also offenbar, dass es weise ist und tapfer und besonnen und gerecht?
      Offenbar.
      Also - was immer wir davon in ihm finden werden, das was übrig bleibt, wird das Nichtgefundene sein?
      (428a) Was sonst?
      Gerade nun wie bei vier anderen Dingen - wenn wir eines von ihnen in etwas suchen und dieses zuerst erkennen würden, so wären wir zufrieden; hätten wir aber die drei vorher erkannt, so wäre eben damit das Gesuchte erkannt; denn offenbar wäre es nichts anderes mehr als das Übriggebliebene.
      Du hast Recht, bemerkte er.
      So muss man denn auch in Bezug auf diese, da sie gerade vier sind, ebenso suchen?
      Natürlich.
    2. Die Stadt ist 
      1. weise (σοφή), durch die vollendeten Wächter, die nach Innen und Außen "Wohlberatenheit" zeigen;
      2. tapfer (ἀνδρεία) durch die Wächter, die den inneren und äußeren Bestand der Polis sichern; 
      3. besonnen (σώφρων) dadurch, dass alle ihre Begierden beherrschen (ἐγκράτεια), jeder geradezu κρείττω αὑτοῦ ist und an Selbstbeherrschung über sich hinauswächst. 
      4. Es ergibt sich: Gerecht (δικαία) erweist sich die Stadt dadurch, dass jeder das Seine tut (τὸ τὰ αὑτοῦ πράττειν). Der Übergriff auf das, was anderen zukommt (Eigentum, Tätigkeit oder was immer) ist Unrecht, am schlimmsten da, wo es um die ständespezifischen Aufgaben geht.
        433a Ἀλλ', ἦν δ' ἐγώ, ἄκουε, εἴ τι ἄρα λέγω. ὃ γὰρ ἐξ ἀρχῆς ἐθέμεθα δεῖν ποιεῖν διὰ παντός, ὅτε τὴν πόλιν κατῳκίζομεν, τοῦτό ἐστιν, ὡς ἐμοὶ δοκεῖ, ἤτοι τούτου τι εἶδος ἡ δικαιοσύνη. ἐθέμεθα δὲ δήπου καὶ πολλάκις ἐλέγομεν, εἰ μέμνησαι, ὅτι ἕνα ἕκαστον ἓν δέοι ἐπιτηδεύειν τῶν περὶ τὴν πόλιν, εἰς ὃ αὐτοῦ ἡ φύσις ἐπιτηδειοτάτη πεφυκυῖα εἴη.
        Ἐλέγομεν γάρ.
        Καὶ μήν, ὅτι γε τὸ τὰ αὑτοῦ πράττειν καὶ μὴ πολυπραγμονεῖν δικαιοσύνη ἐστί, καὶ τοῦτο ἄλλων τε πολλῶν ἀκηκόαμεν καὶ αὐτοὶ πολλάκις εἰρήκαμεν.
        Εἰρήκαμεν γάρ.
        Τοῦτο τοίνυν, ἦν δ' ἐγώ, ὦ φίλε, κινδυνεύει τρόπον τινὰ γιγνόμενον ἡ δικαιοσύνη εἶναι, τὸ τὰ αὑτοῦ πράττειν.
        So höre denn zu, sagte ich, ob ich Recht habe! Was wir nämlich von Anfang an, als wir das Gemeinwesen gründeten, als überall erforderlich aufstellten, das, oder eine andere Art davon, ist, wie mir scheint, die Gerechtigkeit. Wir haben ja aufgestellt und, wenn du dich recht erinnerst, oft gesagt, dass jeder einzelne von dem, was zum Gemeinwesen gehört, ein einziges Geschäft treiben müsse, zu dem seine Natur am geschicktesten angelegt sei.
        Das haben wir allerdings gesagt.
        Und gewiss auch, dass das Seinige zu tun und nicht vielerlei zu treiben Gerechtigkeit ist, auch das haben wir von vielen anderen gehört und auch selbst oft gesagt.
        Freilich haben wir's gesagt.
        Dies nun, mein Freund, sprach ich, dass man das Seinige tut, scheint mir, wenn es auf eine gewisse Weise geschieht, die Gerechtigkeit zu sein.

 

C.) Die Gerechtigkeit beim Einzelnen

  1. Rückkehr zum eigentlichen Thema: Die Gerechtigkeit in der Polisgemeinschaft war eine Digression vom eigentlichen Thema, der Frage nach der Gerechtigkeit der menschlichen Individualseele. Dorthin kehrt der philosophische Diskurs jetzt mit Erfolg zurück.
    (444a) Εἶεν, ἦν δ' ἐγώ· τὸν μὲν δίκαιον καὶ ἄνδρα καὶ πόλιν καὶ δικαιοσύνην, ὃ τυγχάνει ἐν αὐτοῖς ὄν, εἰ φαῖμεν ηὑρηκέναι, οὐκ ἂν πάνυ τι οἶμαι δόξαιμεν ψεύδεσθαι.
    Μὰ Δία οὐ μέντοι, ἔφη.
    Φῶμεν ἄρα;
    Φῶμεν.
    Nun gut, versetzte ich; wir könnten wohl behaupten, den gerechten Mann sowohl als auch Staat, und was die Gerechtigkeit in ihnen ist, gefunden zu haben, ohne dass wir, denke ich, irgend als Lügner erscheinen würden.
    Das ist wahrlich nicht zu fürchten, sagte er.
    Wollen wir's also behaupten?
    Ja, wir wollen es.
  2. Struktur der Individualseele: Zunächst wird erwiesen, dass die Seele drei voneinander unabhängige Leistungen erbringt, also drei eigenständige Leistungszentren in sich vereint. Dieser Erweis erfolgt nach dem Satz des Widerspruchs, der ausschließt, dass dasselbe (in der selben Art und im selben Bezug) Entgegengesetztes leiden, sein oder tun kann. Die Seele  aber leistet in sich Widersprüchliches:
    1. Die Vernunftseele (τὸ λογιστικόν)  lässt uns vernünftig überlegen und das Rechte erkennen; 
    2. die Triebseele (τὸ ἐπιθυμητικόν) lässt uns begehren. Sie bedarf der σωφροσύνη, um nicht maßlos zu werden. 
    3. die Mutseele (τὸ θυμοειδές) macht uns tapfer, sie gibt uns die innere Kraft, das Richtige zu tun. 
    4. Tut jeder Seelenteil, das Seine, so dass sie "vollkommen aus vielem eines wird" (παντάπασιν ἕνα γενόμενον ἐκ πολλῶν, 443e) wird, also die strukturelle Einheit der Seele gewahrt bleibt, so herrscht Gerechtigkeit.
      (443c-e) Τὸ δέ γε ἀληθές, τοιοῦτόν τι ἦν, ὡς ἔοικεν, ἡ δικαιοσύνη ἀλλ' οὐ περὶ τὴν ἔξω πρᾶξιν τῶν αὑτοῦ, ἀλλὰ περὶ τὴν ἐντός, ὡς ἀληθῶς περὶ ἑαυτὸν καὶ τὰ ἑαυτοῦ, μὴ ἐάσαντα τἀλλότρια πράττειν ἕκαστον ἐν αὑτῷ μηδὲ πολυπραγμονεῖν πρὸς ἄλληλα τὰ ἐν τῇ ψυχῇ γένη, ἀλλὰ τῷ ὄντι τὰ οἰκεῖα εὖ θέμενον καὶ ἄρξαντα αὐτὸν αὑτοῦ καὶ κοσμήσαντα καὶ φίλον γενόμενον ἑαυτῷ καὶ συναρμόσαντα τρία ὄντα, ὥσπερ ὅρους τρεῖς ἁρμονίας ἀτεχνῶς, νεάτης τε καὶ ὑπάτης καὶ μέσης, καὶ εἰ ἄλλα ἄττα μεταξὺ τυγχάνει ὄντα, πάντα ταῦτα συνδήσαντα καὶ παντάπασιν ἕνα γενόμενον ἐκ πολλῶν, σώφρονα καὶ ἡρμοσμένον, οὕτω δὴ πράττειν ἤδη, ἐάν τι πράττῃ ἢ περὶ χρημάτων κτῆσιν ἢ περὶ σώματος θεραπείαν ἢ καὶ πολιτικόν τι ἢ περὶ τὰ ἴδια συμβόλαια, ἐν πᾶσι τούτοις ἡγούμενον καὶ ὀνομάζοντα δικαίαν μὲν καὶ καλὴν πρᾶξιν ἣ ἂν ταύτην τὴν ἕξιν σῴζῃ τε καὶ συναπεργάζηται.
      In Wahrheit aber war die Gerechtigkeit, wie nun ersichtlich, zwar etwas von dieser Art, doch nicht in Bezug auf das äußere Wirken dessen, was einer in sich hat, sondern in Bezug auf seine innere Tätigkeit, die ja doch sein wahres Selbst und wahrhaft das Seinige ist; ein solcher duldet nämlich nicht, dass irgend ein Teil seines Inneren Fremdartiges verrichte, noch dass die Vermögen der Seele sich eines in des anderen Geschäft mische, sondern er hat sein Haus im wahren Sinne wohlbestellt, hat die Herrschaft über sich selbst gewonnen, hat in sich Ordnung geschaffen, sich mit sich selbst innig befreundet und jene drei Seelenvermögen in Einklang gebracht, gerade so, als wären es die Haupttöne eines Zusammenklangs, der höchsten, der untersten und der mittleren Saite, und wenn sonst noch welche dazwischen liegen; alle diese hat er fest verbunden, so dass er nicht mehr eine Vielheit darstellt, sondern völlig einer geworden ist, besonnen und wohlgefügt: so erst schreitet er dann zum Handeln, wenn er sich etwas vornimmt, mag es sich um Erwerb von Hab und Gut handeln oder um Körperpflege oder um eine Staatsangelegenheit oder um Privatgeschäfte, indem er in allen diesen Dingen nur diejenige Handlung für gerecht und schön hält und erklärt, welche dieser grundsätzlichen Gesinnung treu bleibt und zu ihr mitwirkt. [Apelt]

 

C.) Die Gerechtigkeit in ihrem Bezug auf ein letztes Wertprinzip (τὸ ἀγαθόν)

  1. Mit dem Beiseitelassen der Ideenlehre fehlt dem Gerechtigkeitsbegriff noch die letzte Ausrichtung auf ein bedingungsloses Wertprinzip, als das sich "das Gute" (τὸ ἀγαθόν) erweisen wird.
  2. Die Provokation geht von der Radikalität der sozialen Änderungen aus, die Sokrates für die Wächter fordert. Zunächst will er sie zwar übergehen, doch Adeimantos und Polemarchos zwingen ihn, sie auszuführen:
    1. Völlige rechtliche Gleichstellung der Frau: Sie unterscheidet sich ihrer Natur nach nicht vom Mann, ist bloß schwächer.
    2. Natürliche Zuchtauswahl zur Verbesserung der Nachkommenschaft (Wie bei der Tierzucht, Tötung untüchtiger Kinder, die Kinder sollen den Eltern unbekannt sein und von ihnen getrennt werden).
    3. als stärkste Provokation (3. Woge) und als Voraussetzung für die Realisierbarkeit dieses Staates der Philosophen-König-Satz:
      (473c-d)  Ἐὰν μή, ἦν δ' ἐγώ, ἢ οἱ φιλόσοφοι βασιλεύσωσιν ἐν ταῖς πόλεσιν ἢ οἱ βασιλῆς τε νῦν λεγόμενοι καὶ δυνάσται φιλοσοφήσωσι γνησίως τε καὶ ἱκανῶς, καὶ τοῦτο εἰς ταὐτὸν συμπέσῃ, δύναμίς τε πολιτικὴ καὶ φιλοσοφία, τῶν δὲ νῦν πορευομένων χωρὶς ἐφ' ἑκάτερον αἱ πολλαὶ φύσεις ἐξ ἀνάγκης ἀποκλεισθῶσιν, οὐκ ἔστι κακῶν παῦλα, ὦ φίλε Γλαύκων, ταῖς πόλεσι, δοκῶ δ' οὐδὲ τῷ ἀνθρωπίνῳ γένει, οὐδὲ αὕτη ἡ πολιτεία μή ποτε πρότερον φυῇ τε εἰς τὸ δυνατὸν καὶ φῶς ἡλίου ἴδῃ, ἣν νῦν λόγῳ διεληλύθαμεν.
      Wenn nicht, begann ich, entweder die Philosophen Könige werden in den Staaten oder diejenigen, die jetzt Könige und Herrscher heißen, echte und gründliche Philosophen werden und dies in eins zusammenfällt, Macht im Staat und Philosophie, den vielen Naturen aber, die sich jetzt einem von beiden ausschließlich zuwenden, der Zugang gewaltsam verschlossen wird, gibt es, mein lieber Glaukon, kein Ende der Übel für die Staaten, ich glaube aber auch nicht für die Menschheit, noch auch wird diese Verfassung, wie wir sie eben theoretisch dargestellt haben, je früher möglich werden und das Licht der Sonne erblicken.
  3. Damit tritt der Begriff des Philosophen in den Vordergrund der Diskussion.
    (504e) Καὶ μάλα, ἔφη, [ἄξιον τὸ διανόημα]· ὃ μέντοι μέγιστον μάθημα καὶ περὶ ὅτι αὐτὸ λέγεις, οἴει τιν' ἄν σε, ἔφη, ἀφεῖναι μὴ ἐρωτήσαντα τί ἐστιν;
    Ja sicherlich ist dieser Gedanke in seiner Ordnung. Was du jedoch unter der größten Wissenschaftund unter dem Objekt verstehst, worauf du sie beziehst, wird man dich da wohl loslassen, ohne nach ihrem eigentlichen Wesen gefragt zu haben?
    1. Der Philosophenkönig wird durch stärkere Auslese und Intensivierung der Erziehung gefunden. Die Frage nach dem höchsten Lerninhalt (μέγιστον μάθημα) führt zur "Idee des Guten". Was darunter zu verstehen ist entfaltet sich in drei Gleichnissen:
      1. dem Sonnengleichnis,
      2. dem Liniengleichnis und
      3. dem Höhlengleichnis
      (517bc) τὴν δὲ ἄνω ἀνάβασιν καὶ θέαν τῶν ἄνω τὴν εἰς τὸν νοητὸν τόπον τῆς ψυχῆς ἄνοδον τιθεὶς οὐχ ἁμαρτήσῃ τῆς γ' ἐμῆς ἐλπίδος, ἐπειδὴ ταύτης ἐπιθυμεῖς ἀκούειν. θεὸς δέ που οἶδεν, εἰ ἀληθὴς οὖσα τυγχάνει. τὰ δ' οὖν ἐμοὶ φαινόμενα οὕτω φαίνεται, ἐν τῷ γνωστῷ τελευταία ἡ τοῦ ἀγαθοῦ ἰδέα καὶ μόγις ὁρᾶσθαι, ὀφθεῖσα δὲ συλλογιστέα εἶναι, ὡς ἄρα πᾶσι πάντων αὕτη ὀρθῶν τε καὶ καλῶν αἰτία, ἔν τε ὁρατῷ φῶς καὶ τὸν τούτου κύριον τεκοῦσα, ἔν τε νοητῷ αὐτὴ κυρία ἀλήθειαν καὶ νοῦν παρασχομένη, καὶ ὅτι δεῖ ταύτην ἰδεῖν τὸν μέλλοντα ἐμφρόνως πράξειν ἢ ἰδίᾳ ἢ δημοσίᾳ.
      Den Aufstieg und die Schau der Dinge über der Erde stelle dir als den Aufschwung der Seele in die nur erkennbare Welt vor, und du wirst meine Hoffnung nicht verfehlen, da du sie doch zu hören verlangst. Ein Gott mag aber wissen, ob sie richtig ist! Aber meine Ansichten hierüber sind nun einmal die: im Bereiche der Erkenntnis ist die Idee des Guten nur zu allerletzt und mühsam wahrzunehmen, und nach ihrer Anschauung muss man einsehen, dass sie für alle Dinge die Ursache von aller Regelmäßigkeit und Schönheit ist, indem sie erstlich in der sichtbaren Welt das Licht und die Sonne erzeugt, sodann auch in der erkennbaren Welt selbst als Herrscherin Wahrheit und Einsicht gewährt und dass derjenige sie (die Idee des Guten) erblickt haben muss, der in seinem eigenen Leben oder im Leben des Staates verständig handeln will.
      Die Idee des Guten ist letztes Wert-, Erkenntnis- und Wesensprinzip und garantiert somit allem: Sein, Erkennbarkeit und Wert (πᾶσι πάντων αὕτη ὀρθῶν τε καὶ καλῶν αἰτία, 517c). Ihre Erkenntnis ist das höchste Bildungsziehl, μέγιστον μάθημα jeder Erziehung. In ihm finden also auch auch Recht und Gerechtigkeit ihre letzte und tiefste Begründung. 

D.) Die Gerechtigkeit in ihrer Bedeutung für den Staat

V.Pöschl (Römischer Staat und griechisches Staatsdenken bei Cicero, Darmstadt (WBG) 1962, S. 111 f.):

"In der δικαιοσύνη glaubt Platon die Formel, das Prinzip in der Hand zu haben, das die Ordnung des ganzen Seins umgreift. Die sokratische Definitionsfrage des ersten Politeiabuches weitet sich aus zu der Ordnung des Staates, zur Ordnung der Seele, ja schließlich im Schlussmythos... zur Ordnung der ganzen Welt, des Kosmos: hier wird die δικαιοσύνη des Menschen und des Staates an die göttliche Weltordnung, symbolisiert in der Spindel der Ananke, geknüpft. Die δικαιοσύνη ist das Prinzip der großen Ordnungen, in denen sich menschliches Dasein vollzieht. Auf der Höhe des ganzen Werkes erscheint die δικαιοσύνη als Idee, die ihr Licht vom Gotte selbst, von der Sonne des ἀγαθόν empfängt. Der Staat ist nur eine Erscheinungsform der immer gleichen Idee. Die Gerechtigkeit, nicht der Staat, ist Anfang und Ende des Ganzen."
 

Zum Begriff der δικαιοσύνη

Sententiae excerptae:
w45
Literatur:

11 Funde
802  Arends, J.E.M
Einheit der Polis. Eine Studie über Platons Staat
Leiden/New York (Brill) 1988; Mnemos.Suppl.106, Leiden (Brill) 1988
abe  |  zvab  |  look
1561  Ballauff, T.
Idee der Paideia.. zu Plat.Höhlengleichnis u.Parmenides Lehrged
Bonn 1949
abe  |  zvab  |  look
1008  Balzert, M.
Das 'Trojanische Pferd der Moral'. Die Gyges-Geschichte bei Platon und Cicero.
in: AU 39, 3/1996, 49-68
abe  |  zvab  |  look
1017  Demandt, A.
Der Idealstaat. Die politischen Theorien der Antike
Köln 1993
abe  |  zvab  |  look
2280  Hoffmann, Ernst
Platon
Zürich, Artemis 1950
abe  |  zvab  |  look
579  Meyerhöfer, H.
Platons Politeia - Ciceros De re publica. Versuch eines Vergleichs
in: Anr 33/4,1987,218
abe  |  zvab  |  look
4480  Neumann, Peter
Die Rezeption von Platons Atlantis in der 'Utopia' des Thomas Morus
GRIN Verlag , 1,2011
abe  |  zvab  |  look
2332  Pöhlmann, R.v.
Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in der antiken Welt, I/II; 3. Aufl., durchges. u. um einen Anhang verm. v. Fr. Oertel. I-II
München (Beck) 1912; 3/1925
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2333  Pöhlmann, R.v.
Salin, E. Zenons Politeia. Xenophons Kyrupädie. Theopompos' Meropis
in: Platon u.die griechische Utopie, München 1921
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4481  Schölderle, Thomas
Utopia und Utopie: Thomas Morus, die Geschichte der Utopie und die Kontroverse um ihren Begriff
Baden-Baden : Nomos, 1,2011
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2642  Unruh, Peter
Sokrates und die Pflicht zum Rechtsgehorsam, eine Analyse von Platons "Kriton"
Baden-Baden: Nomos (Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie 26) 2000
abe  |  zvab  |  look

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