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Homer

Odyssee

9. Gesang - deutsch

Die Erzählungen bei Alkinoos, die Kyklopen

 

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Odysseus erzählt seine Irrfahrt von Troia. Siegende Kikonen. Bei Maleia Nordsturm, der ihn ins Unbekannte zu den Lotophagen verschlägt. Dorther zu den einäugigen Kyklopen verirrt, besucht er Poseidons Sohn Polyphemos, der sechs seiner Genossen frisst, dann, im Schlafe geblendet, den Fliehenden Felsstücke nachschleudert.

1


Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Weitgepriesener Held, Alkinoos, mächtigster König,
Wahrlich es füllt mit Wonne das Herz, dem Gesange zu horchen,
Wenn ein Sänger, wie dieser, die Töne der Himmlischen nachahmt.
5



Denn ich kenne gewiss kein angenehmeres Leben,
Als wenn ein ganzes Volk ein Fest der Freude begehet,
Und in den Häusern umher die gereiheten Gäste des Sängers
Melodieen horchen, und alle Tische bedeckt sind
Mit Gebacknem und Fleisch, und der Schenke den Wein aus dem Kelche
10



Fleißig schöpft, und ringsum die vollen Becher verteilet.
Siehe das nennet mein Herz die höchste Wonne des Lebens!
Jetzo gefällt es dir, nach meinen kläglichen Leiden
Mich zu fragen, damit ich noch mehr mein Elend beseufze.
Aber was soll ich zuerst, was soll ich zuletzt dir erzählen?
15



Denn viel Elend häuften auf mich die himmlischen Götter!
Sagen will ich zuerst, wie ich heiße: damit ihr mich kennet,
Und ich hinfort, so lange der grausame Tag mich verschonet,
Euer Gastfreund sei, so fern ich von hinnen auch wohne.
Ich hin Odysseus, Laertes Sohn, durch mancherlei Klugheit
20



Unter den Menschen bekannt; und mein Ruhm erreichet den Himmel.
Ithakas sonnige Höhn sind meine Heimat; in dieser
Türmet sich Neritons Haupt mit rauschenden Wipfeln; und ringsum
Dicht aneinander gesät, sind viele bevölkerte Inseln,
Same, Dulichion und die waldbewachsne Zakynthos.
25




Ithaka liegt in der See am höchsten hinauf an die Feste,
Gegen den Nord; die andern sind östlich und südlich entfernet.
Rauh ist diese, doch nähret sie rüstige Männer; und wahrlich
Süßer als Vaterland ist nichts auf Erden zu finden!
Siehe mich hielt bei sich die hehre Göttin Kalypso
30



In der gewölbeten Grotte, und wünschte mich zum Gemahle;
Ebenso hielt mich auch die aiaiische Zauberin Kirke
Trüglich in ihrem Palast, und wünschte mich zum Gemahle:
Aber keiner gelang es, mein standhaftes Herz zu bewegen.
Denn nichts ist doch süßer, als unsere Heimat und Eltern,
35



Wenn man auch in der Fern' ein Haus voll köstlicher Güter,
Unter fremden Leuten, getrennt von den Seinen, bewohnet!
Aber wohlan! vernimm jetzt meine traurige Heimfahrt,
Die mir der Donnerer Zeus vom troischen Ufer beschieden.
Gleich von Ilion trieb mich der Wind zur Stadt der Kikonen
40



Ismaros hin. Da verheert' ich die Stadt, und würgte die Männer.
Aber die jungen Weiber und Schätze teilten wir alle
Unter uns gleich, dass keiner leer von der Beute mir ausging.
Jetzo warnet' ich zwar die Freunde, mit eilendem Fuße
Weiter zu fliehn; allein die Unbesonnenen blieben.
45



Und nun ward in dem Weine geschwelgt, viel Ziegen und Schafe
An dem Ufer geschlachtet, und viel schwerwandelndes Hornvieh.
Aber es riefen indes die zerstreuten Kikonen die andern
Nahen Kikonen zu Hilfe, die tapferer waren und stärker,
Aus der Mitte des Landes. Sie waren geübt, von den Wagen,
50



Und wenn es nötig war, zu Fuß mit dem Feinde zu kämpfen.
Zahllos schwärmten sie jetzt, wie die Blätter und Blumen des Frühlings,
Mit dem Morgen daher. Da suchte Gottes Verderben
Uns Unglückliche heim, und überhäuft' uns mit Jammer.
Bei den rüstigen Schiffen begann die wütende Feldschlacht,
55



Und von Treffen zu Treffen entschwirrten die ehernen Lanzen.
Weil der heilige Tag noch mit dem Morgen emporstieg,
Wehrten wir uns, und trotzten der Übermacht der Kikonen.
Aber da nun die Sonne zur Stunde des Stierabspannens
Sank, da siegte der Feind, und zwang die Achaier zum Weichen.
60



Jedes der Schiffe verlor sechs wohlgeharnischte Männer;
Und wir andern entflohn dem schrecklichen Todesverhängnis.
Also steuerten wir mit trauriger Seele von dannen,
Froh der bestandnen Gefahr, doch ohne die lieben Gefährten.
Doch nicht eher enteilten die gleichgeruderten Schiffe,
65



Ehe wir dreimal jedem der armen Freunde gerufen,
Welche der siegende Feind auf dem Schlachtgefilde getötet.
Aber nun sandt' auf die Schiffe der Wolkenversammler des Nordwinds
Fürchterlich heulenden Sturm, verhüllt in dicke Gewölke
Meer und Erde zugleich; und dem düstern Himmel entsank Nacht.
70



Schnell mit gesunkenen Masten entflohen die Schiff'; und mit einmal
Rasselte rauschend der Sturm, und zerriss die flatternden Segel.
Eilend zogen wir sie, aus Furcht zu scheitern, herunter,
Und arbeiteten uns mit dem Ruder ans nahe Gestade.
Zwei graunvolle Nächte und zwei langwierige Tage
75



Lagen wir mutlos dort, von Arbeit und Kummer entkräftet.
Aber da nun die dritte der Morgenröten emporstieg,
Richteten wir die Masten, und spannten die schimmernden Segel,
Setzten uns hin, und ließen vom Wind' und Steuer uns lenken.
Jetzo hofften wir sicher den Tag der fröhlichen Heimkehr.
80



Aber als wir die Schiff um Maleia lenkten, da warf uns
Plötzlich die Flut und der Strom und der Nordwind fern von Kythera.
Und neun Tage trieb ich, von wütenden Stürmen geschleudert,
Über das fischdurchwimmelte Meer; am zehnten gelangt' ich
Hin zu den Lotophagen, die blühende Speise genießen.
85



Allda stiegen wir an das Gestad', und schöpften uns Wasser.
Eilend nahmen die Freunde das Mahl bei den rüstigen Schiffen.
Und nachdem wir uns alle mit Trank und Speise gesättigt,
Sandt' ich einige Männer voran, das Land zu erkunden,
Was für Sterbliche dort die Frucht des Halmes genössen:
90



Zwei erlesene Freund'; ein Herold war ihr Begleiter.
Und sie erreichten bald der Lotophagen Versammlung.
Aber die Lotophagen beleidigten nicht im geringsten
Unsere Freunde; sie gaben den Fremdlingen Lotos zu kosten.
Wer nun die Honigsüße der Lotosfrüchte gekostet,
95



Dieser dachte nicht mehr an Kundschaft oder an Heimkehr:
Sondern sie wollten stets in der Lotophagen Gesellschaft
Bleiben, und Lotos pflücken, und ihrer Heimat entsagen.
Aber ich zog mit Gewalt die Weinenden wieder ans Ufer,
Warf sie unter die Bänke der Schiff, und band sie mit Seilen.
100



Drauf befahl ich und trieb die übrigen lieben Gefährten,
Eilend von dannen zu fliehn, und sich in die Schiffe zu retten,
Dass man nicht, vom Lotos gereizt, der Heimat vergäße.
Und sie traten ins Schiff, und setzten sich hin auf die Bänke,
Saßen in Reihn, und schlugen die graue Woge mit Rudern.
105



Also steuerten wir mit traurigen Seele von dannen.
Und zum Lande der wilden gesetzelosen Kyklopen
Kamen wir jetzt, der Riesen, die im Vertraun auf die Götter
Nimmer pflanzen noch sä'n, und nimmer die Erde beackern.
Ohne Samen und Pfleg' einkeimen alle Gewächse,
110



Weizen und Gerste dem Boden, und edle Reben, die tragen
Wein in geschwollenen Trauben, und Gottes Regen ernährt ihn.
Dort ist weder Gesetz, noch öffentliche Versammlung;
Sondern sie wohnen all' auf den Häuptern hoher Gebirge
In gehöhleten Felsen, und jeder richtet nach Willkür
115



Seine Kinder und Weiber, und kümmert sich nicht um den andern.
Gegenüber der Bucht des Kyklopenlandes erstreckt sich,
Weder nahe noch fern, ein kleines waldiges Eiland,
Welches unzählige Scharen von wilden Ziegen durchstreifen.
Denn kein menschlicher Fuß durchdringt die verwachsene Wildnis;
120



Und nie scheuchet sie dort ein spürender Jäger, der mühsam
Sich durch den Forst arbeitet, und steile Felsen umklettert.
Nirgends weidet ein Hirt, und nirgends ackert ein Pflüger;
Unbesäet liegt und unbeackert das Eiland
Ewig menschenleer, und nähret nur meckernde Ziegen.
125



Denn es gebricht den Kyklopen an rotgeschnäbelten Schiffen,
Auch ist unter dem Schwarm kein Meister, kundig des Schiffbaus,
Schöngebordete Schiffe zu zimmern, dass sie mit Botschaft
Zu den Völkern der Welt hinwandelten: wie sich so häufig
Menschen über das Meer in Schiffen einander besuchen;
130



Welche die Wildnis bald zu blühenden Auen sich schüfen.
Denn nicht karg ist das Land, und schmückte jegliche Jahrszeit.
Längs des grauen Meeres Gestade winden sich Wiesen,
Reich an Quellen und Klee. Dort rankten die edelsten Reben;
Und leicht pflügte der Pflug, und dicke Saatengefilde
135



Reiften jährlich der Ernte; denn fett ist unten der Boden.
Und der Hafen so sicher! Kein Schiff bedarf da der Fessel,
Weder geworfener Anker, noch angebundener Seile;
Sondern es läuft auf den Sand, und ruhet, bis es dem Schiffer
Weiter zu fahren beliebt, und günstige Winde sich heben.
140



Oben am Ende der Bucht entrieselt der felsigen Grotte
Silberblinkend ein Quell, von Pappelweiden umschattet.
Allda landeten wir. Ein Gott war unser Geleiter
Durch die finstere Nacht: wir sahn nicht, wohin wir uns wandten.
Dickes Dunkel umdrängte die Schiff'; es leuchtet' am Himmel
145



Weder Mond noch Stern, in schwarze Wolken gehüllet.
Niemand erblickte daher mit seinen Augen die Insel;
Selbst die langen Wogen, die hin ans Ufer sich wälzten,
Sahen wir nicht, bevor die starken Schiffe gelandet.
Und nachdem wir gelandet, da zogen wir nieder die Segel,
150



Stiegen dann aus den Schiffen ans krumme Gestade des Meeres,
Schlummerten dort ein wenig, und harrten der heiligen Frühe.
Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Wanderten wir umher, und besahen wundernd das Eiland.
Und es trieben die Nymphen, Kronions liebliche Töchter,
155



Kletternde Ziegen uns hin, zum Schmause meiner Gefährten.
Eilend holten wir Bogen und langgeschaftete Spieße
Aus den Schiffen hervor, und in drei Geschwader geordnet
Schossen wir frisch; und Gott erfreut' uns mit reichlichem Wildbret.
Zwölf war die Zahl der Schiffe, die mir gehorchten; und jedem
160



Teilte das Los neun Ziegen, und zehn erlas ich mir selber.
Also saßen wir dort den Tag, bis die Sonne sich neigte,
An der Fülle des Fleisches und süßen Weines uns labend.
Denn noch war in den Schiffen der rote Wein nicht versieget,
Sondern wir hatten genung; denn reichlich schöpften wir alle
165



In die Eimer, da wir die Stadt der Kikonen beraubten.
Und wir sahen den Rauch des Kyklopenlandes, und hörten
Ihre murmelnde Stimm', und die Stimme der Ziegen und Schafe.
Als die Sonne nun sank, und Dunkel die Erde bedeckte,
Legten wir uns zum Schlummer am Strande des rauschenden Meeres.
170



Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Rief ich alle Gefährten zur Ratsversammlung, und sagte:
Bleibt ihr übrigen jetzt, ihr meine lieben Gefährten.
Ich und meine Genossen wollen im Schiffe hinüber
Fahren, und Kundschaft holen, was dort für Sterbliche wohnen:
175



Ob unmenschliche Räuber, und sittenlose Barbaren;
Oder Diener der Götter, und Freunde des heiligen Gastrechts.
Also sprach ich, und trat ins Schiff, und befahl den Gefährten,
Einzusteigen, und schnell die Seile vom Ufer zu lösen.
Und sie traten ins Schiff, und setzten sich hin auf die Bänke,
180



Saßen in Reihn und schlugen die graue Woge mit Rudern.
Als wir das nahe Gestad' erreichten, sahn wir von ferne
Eine Felsenhöhl' am Meer in der Spitze des Landes,
Hochgewölbt und umschattet mit Lorbeerbäumen. Hier pflegten
Viele Ziegen und Schafe des Nachts zu ruhen; und ringsum
185



War ein hohes Gehege von Felsenstücken gebauet,
Von erhobenen Fichten und himmelanwehenden Eichen.
Allda wohnt' auch ein Mann von Riesengröße, der einsam
Stets auf entlegene Weiden sie trieb, und nimmer mit andern
Umging, sondern für sich auf arge Tücke bedacht war.
190



Gräßlich gestaltet war das Ungeheuer, wie keiner,
Welchen der Halm ernährt: er glich dem waldigen Gipfel
Hoher Kettengebirge, der einsam vor allen emporsteigt.
Eilend befahl ich jetzo den übrigen lieben Gefährten,
An dem Gestade zu bleiben, und unser Schiff zu bewahren;
195



Und ging selber mit zwölf der Tapfersten, die ich mir auskor,
Einen ziegenledernen Schlauch auf der Achsel, voll schwarzes
Süßes Weines, den mir einst Maron, der Sohn Euanthes,
Schenkte, der Priester Apollons, der über Ismaros waltet.
Diesen verschoneten wir, und seine Kinder und Gattin,
200



Ehrfurchtsvoll; denn er wohnete dort in Phoibos Apollons
Heiligem Schattenhain. Drum schenkt' er mir köstliche Gaben:
Schenkte mir sieben Talente des schöngebildeten Goldes;
Schenkte mir einen Kelch von lauterem Silber; und endlich
Schöpft' er mir dieses Weines in zwölf gehenkelte Krüge:
205



Süß und unverfälscht, ein Göttergetränk! Auch wusste
Keiner der Knecht' im Hause darum, und keine der Mägde;
Nur er selbst, und sein Weib, und die einzige Schaffnerin wussten's.
Gab er ihn preis, dann füllt' er des süßen funkelnden Weines
Einen Becher, und goss ihn in zwanzig Becher voll Wasser
210



Und den schäumenden Kelch umhauchten balsamische Düfte,
Göttlicher Kraft: da war es gewiss nicht Freude zu dursten!
Hiermit füllt' ich den großen Schlauch, den Ranzen mit Speise;
Denn mir ahnete schon im Heldengeiste, wir würden
Einen Mann besuchen, mit großer Stärke gerüstet,
215



Grausam und ungerecht, und durch keine Gesetze gebändigt.
Eilig wanderten wir zur Höhl' und fanden den Riesen
Nicht daheim; er weidete schon auf der Weide die Herden.
Und wir gingen hinein, und besahen wundernd die Höhle.
Alle Körbe strotzten von Käse; Lämmer und Zicklein
220



Drängeten sich in den Ställen, und jede waren besonders
Eingesperrt: die Frühling' allein, allein auch die Mittlern,
Und die zarten Spätling' allein. Es schwammen in Molken
Alle Gefäße, die Wannen und Eimer, worinnen er melkte.
Anfangs baten mich zwar die Freunde mit dringenden Worten,
225



Nur von den Käsen zu nehmen, und wegzuschleichen; dann wieder,
Hurtig zu unserm Schiff' aus den Ställen die Lämmer und Zicklein
Wegzutreiben, und über die salzigen Fluten zu steuern.
Aber ich hörete nicht; (ach, besser hätt' ich gehöret!)
Um ihn selber zu sehn, und seiner Bewirtung zu harren:
230



Ach für meine Gefährten ein unerfreulicher Anblick!
Und wir zündeten Feuer, und opferten; nahmen dann selber
Von den Käsen und aßen, und setzten uns voller Erwartung,
Bis er kam mit der Herd'. Er trug eine mächtige Ladung
Trockenes Scheiterholz, das er zum Mahle gespaltet.
235



Und in der Höhle stürzt' er es hin; da krachte der Felsen;
Und wir erschraken, und flohn in den innersten Winkel der Höhle.
Aber er trieb in die Kluft die fetten Ziegen und Schafe
Alle zur Melke herein; die Widder und bärtigen Böcke
Ließ er draußen zurück, im hochummaurten Gehege.
240



Hochauf schwenkt' er und setzte das große Spund vor den Eingang:
Fürchterlich groß! die Gespanne von zweiundzwanzig starken
Und vierrädrigen Wagen, sie schleppten ihn nicht von der Stelle,
Jenen gewaltigen Fels, den das Ungeheuer emporhob.
Jetzo saß er, und melkte die Schaf' und meckernden Ziegen
245



Nach der Ordnung, und legte den Müttern die Säugling' ans Euter;
Ließ von der weißen Milch die Hälfte gerinnen, und setzte
Sie zum Trocknen hinweg in dichtgeflochtenen Körben;
Und die andere Hälfte verwahrt' er in weiten Gefäßen,
Dass er beim Abendschmause den Durst mit dem Tranke sich löschte.
250




Und nachdem er seine Geschäft' in Eile verrichtet,
Zündet' er Feuer an, und sah uns stehen, und fragte:
Fremdlinge, sagt, wer seid ihr? Von wannen trägt euch die Woge?
Habt ihr wo ein Gewerb', oder schweift ihr ohne Bestimmung
Hin und her auf der See: wie küstenumirrende Räuber,
255



Die ihr Leben verachten, um fremden Völkern zu schaden?
Also sprach der Kyklop. Uns brach das Herz vor Entsetzen
Über das rauhe Gebrüll, und das scheußliche Ungeheuer.
Dennoch ermannt' ich mich, und gab ihm dieses zur Antwort:
Griechen sind wir, und kommen von Troias fernem Gestade,
260



Über das große Meer von mancherlei Stürmen geschleudert,
Als wir ins Vaterland hinsteuerten: andere Fahrten,
Andere Bahnen verhängt' uns Kronions waltende Vorsicht!
Siehe wir preisen uns Völker von Atreus' Sohn Agamemnon,
Welchen der größte Ruhm jetzt unter dem Himmel verherrlicht,
265



Weil er die mächtige Stadt und so viele Völker vertilgt hat!
Jetzo fallen wir dir zu Füßen, und flehen in Demut:
Reich' uns eine geringe Bewirtung, oder ein andres
Kleines Geschenk, wie man gewöhnlich den Fremdlingen anbeut!
Scheue doch, Bester, die Götter! Wir Armen flehn dir um Hilfe!
270



Und ein Rächer ist Zeus den hilfeflehenden Fremden,
Zeus der Gastliche, welcher die heiligen Gäste geleitet!
Also sprach ich; und drauf versetzte der grausame Wütrich:
Fremdling, du bist ein Narr, oder kommst auch ferne von hinnen!
Mir befiehlst du, die Götter zu fürchten, die Götter zu ehren?
275



Wir Kyklopen kümmern uns nicht um den König des Himmels,
Noch um die seligen Götter; denn wir sind besser, als jene!
Nimmer verschon' ich euer aus Furcht vor der Rache Kronions,
Dein und deiner Gesellen, wofern es mir selbst nicht gelüstet!
Sage mir an: wo bist du mit deinem Schiffe gelandet?
280



Irgendwo in der Fern', oder nahe? damit ich es wisse!
Also sprach er voll Tück'; allein ich kannte dergleichen.
Eilend erwidert' ich ihm die schlauersonnenen Worte:
Ach mein Schiff hat der Erderschütterer Poseidaon
Mir an den Klippen zerschmettert, indem er ans schroffe Gestade
285



Eures Landes es warf, und der Sturm aus dem Meer es verfolgte!
Ich nur und diese Gefährten entflohn dem Schreckenverhängnis!
Also sprach ich; und nichts versetzte der grausame Wütrich!
Sondern fuhr auf, und streckte nach meinen Gefährten die Händ' aus,
Deren er zwei anpackt', und wie junge Hund' auf den Boden
290



Schmetterte: blutig entspritzt' ihr Gehirn, und netzte den Boden.
Dann zerstückt' er sie Glied für Glied, und tischte den Schmaus auf,
Schlang ihn hinab, wie ein Leu des Felsengebirgs, und verschmähte
Weder Eingeweide, noch Fleisch, noch die markigen Knochen.
Weinend erhoben wir die Hände zum Vater Kronion,
295



Als wir den Jammer sahn, und starres Entsetzen ergriff uns.
Doch kaum hatte der Riese den großen Wanst sich gestopfet
Mit dem Fraße von Menschenfleisch und dem lauteren Milchtrunk;
Siehe da lag er im Fels weithingestreckt bei dem Viehe.
Jetzo stieg der Gedank' in meine zürnende Seele:
300



Näher zu gehn, das geschliffene Schwert von der Hüfte zu reißen,
Und ihm die Brust zu durchgraben, wo Zwerchfell und Leber sich treffen,
Mit nachbohrender Faust; doch ein andrer Gedanke verdrängt' ihn.
Denn so hätt' ich uns selbst dem schrecklichen Tode geopfert:
Unsere Hände vermochten ja nicht von der hohen Pforte
305



Abzuwälzen den mächtigen Fels, den der Riese davorschob.
Drum erwarteten wir mit Seufzen die heilige Frühe.
Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Zündet' er Feuer an, und melkte die Ziegen und Schafe
Nach der Ordnung, und legte den Müttern die Säugling' ans Euter.
310



Und nachdem er seine Geschäft' in Eile verrichtet,
Packt' er abermal Zwei, und tischte die Stücke zum Schmaus auf.
Nach dem Frühstück trieb er die feiste Herd' aus der Höhle.
Spielend enthob er die Last des großen Spundes, und spielend
Setzt' er sie vor, als setzt' er auf seinen Köcher den Deckel.
315



Und nun trieb der Kyklop mit gellendem Pfeifen die Herde
Auf das Gebirg'. Ich blieb in der Höhle mit tausend Entwürfen,
Rache zu üben, wenn mir Athene Hilfe gewährte.
Aber von allen Entwürfen gefiel mir dieser am besten.
Neben dem Stalle lag des Kyklopen gewaltige Keule,
320



Grün, aus Olivenholze gehaun. Zum künftigen Stabe
Dorrte sie hier an der Wand, und kam uns vor nach dem Ansehn,
Wie der ragende Mast des zwanzigrudrigen Lastschiffs,
Welches mit breitem Bauch auf dem großen Wasser dahinfährt:
Diesem schien sie an Läng', und diesem an Dicke zu gleichen.
325



Und ich haute davon, soviel die Klafter umspannet,
Reichte meinen Gefährten den Pfahl, und hieß ihn mir glätten;
Und sie schabten ihn glatt. Ich selber schärfte die Spitze
Oben, und härtete sie in der lodernden Flamme des Feuers,
Drauf verbarg ich den Knittel bedachtsam unter dem Miste,
330



Welcher dick und breit durch die ganze Höhle gesät war.
Jetzo befahl ich den andern, durchs heilige Los zu entscheiden,
Wer sich wagen sollte, mit mir den gehobenen Knittel
Jenem ins Auge zu drehn, sobald ihn der Schlummer befiele.
Und es traf gerade das Los, die ich heimlich mir wünschte,
335



Vier von meinen Gefährten; ich selbst war der fünfte mit ihnen.
Und am Abende kam er mit seiner gemästeten Herde,
Und trieb schnell in die weite Kluft die Ziegen und Schafe,
Mütter und Böcke zugleich, und ließ nichts draußen im Vorhof:
Weil er etwas besorgt', oder Gott es also geordnet.
340



Hochauf schwenkt' er und setzte das große Spund vor den Eingang.
Und nun saß er, und melkte die Schaf' und meckernden Ziegen
Nach der Ordnung, und legte den Müttern die Säugling' ans Euter.
Und nachdem er seine Geschäft' in Eile verrichtet,
Packt' er abermal Zwei, und tischte die Stücke zum Schmaus auf.
345



Jetzo trat ich näher, und sagte zu dem Kyklopen,
Einen hölzernen Becher voll schwarzes Weines in Händen:
Nimm, Kyklop, und trink eins; auf Menschenfleisch ist der Wein gut!
Dass du doch lernst, welch ein Trunk in unserem Schiffe ruhte!
Diesen rettet' ich dir zum Opfer, damit du erbarmend
350



Heim mich sendetest. Aber du wütest ja ganz unerträglich!
Böser Mann, wer wird dich hinfort von den Erdebewohnern
Wieder besuchen wollen? Du hast nicht billig gehandelt!
Also sprach ich. Er nahm und trank, und schmeckte gewaltig
Nach dem süßen Getränk', und bat noch einmal zu füllen:
355



Lieber, schenk mir noch eins, und sage mir gleich, wie du heißest;
Dass ich dich wieder bewirt', und deine Seele sich labe!
Wiss, auch uns Kyklopen gebiert die fruchtbare Erde
Wein in geschwollenen Trauben, und Gottes Regen ernährt ihn.
Aber der ist ein Saft von Ambrosia oder von Nektar!
360



Also sprach er; ich bracht' ihm von neuem des funkelnden Weines.
Dreimal schenkt' ich ihm voll, und dreimal leerte der Dumme.
Aber da jetzo der geistige Trank in das Hirn des Kyklopen
Stieg; da schmeichelt' ich ihm mit glatten Worten, und sagte:
Meinen berühmten Namen, Kyklop? Du sollst ihn erfahren.
365



Aber vergiss mir auch nicht die Bewirtung, die du verhießest!
Niemand ist mein Name; denn Niemand nennen mich alle,
Meine Mutter, mein Vater, und alle meine Gesellen.
Also sprach ich; und drauf versetzte der grausame Wütrich:
Niemand will ich zuletzt nach seinen Gesellen verzehren;
370



Alle die andern zuvor! Dies sei die verheißne Bewirtung!
Sprach's, und streckte sich hin, fiel rücklings, und lag mit gesenktem
Feistem Nacken im Staub; und der allgewaltige Schlummer
Überwältiget' ihn: dem Rachen entstürzten mit Weine
Stücke von Menschenfleisch, die der schnarchende Trunkenbold ausbrach.
375



Und nun hielt ich die Spitze des Knittels in glimmende Asche,
Bis sie Feuer fing, und stärkte mit herzhaften Worten
Meine Gefährten, dass keiner sich feig' im Winkel verkröche.
Aber da eben jetzo der Ölbaumknittel im Feuer
Drohte zu brennen, so grün er auch war, und fürchterlich glühte;
380



Zog ich ihn eilend zurück aus dem Feuer, und meine Gefährten
Standen um mich; und ein Himmlischer haucht' uns Mut in die Seele.
Und sie fassten den spitzen Olivenknittel, und stießen
Ihn dem Kyklopen ins Aug', und ich, in die Höhe mich reckend,
Drehete. Wie wenn ein Mann, den Bohrer lenkend, ein Schiffholz
385



Bohrt; die Unteren ziehn an beiden Enden des Riemens,
Wirbeln ihn hin und her; und er flieget in dringender Eile:
Also hielten auch wir in das Auge den glühenden Knittel,
Drehten, und heißes Blut umquoll die dringende Spitze.
Alle Wimpern und Augenborsten versengte die Lohe
390



Seines entflammten Sterns; es prasselten brennend die Wurzeln.
Wie wenn ein kluger Schmied die Holzaxt oder das Schlichtbeil
Aus der Ess' in den kühlenden Trog, der sprudelnd emporbraust,
Wirft und härtet; denn dieses ersetzt die Kräfte des Eisens:
Also zischte das Aug' um die feurige Spitze des Ölbrands.
395



Fürchterlich heult' er auf, dass rings die dumpfige Kluft scholl.
Und wir erschraken und flohn in den innersten Winkel. Doch jener
Riss aus dem Auge den Knittel, mit vielem Blute besudelt,
Schleudert' ihn ferne von dannen mit ungebärdigem Grimme;
Und nun ruft er mit Zetergebrüll den andern Kyklopen,
400



Welche ringsum die Klüfte des stürmischen Felsen bewohnten.
Und sie vernehmen das Brüllen, und drängten sich dorther und daher,
Standen rund um die Höhl', und fragten, was ihn betrübte:
Was geschah dir für Leid, Polyphemos, dass du so brülltest
Durch die ambrosische Nacht, und uns vom Schlummer erwecktest?
405



Raubt der Sterblichen einer dir deine Ziegen und Schafe?
Oder würgt man dich selbst, arglistig oder gewaltsam?
Ihnen erwiderte drauf aus der Felsenkluft Polyphemos:
Niemand würgt mich, ihr Freund', arglistig! und keiner gewaltsam!
Drauf antworteten sie, und schrien die geflügelten Worte:
410



Wenn dir denn keiner Gewalt antut in der einsamen Höhle;
Gegen Schmerzen, die Zeus dir schickt, ist kein anderes Mittel:
Flehe zu deinem Vater, dem Meerbeherrscher Poseidon!
Also schrien sie, und gingen. Mir lachte die Seele vor Freude,
Dass sie mein falscher Name getäuscht und mein trefflicher Einfall.
415



Aber ächzend vor Qual, mit jammervollem Gewinsel
Tappte der blinde Kyklop, und nahm den Stein von der Pforte,
Setzte sich dann in die Pforte, mit ausgebreiteten Händen,
Tastend, ob nicht vielleicht mit den Schafen einer entwischte.
So einfältig hielt mich in seinem Herzen der Riese.
420



Aber ich sann umher, das sicherste Mittel zu finden,
Wie ich meine Gefährten und mich von dem schrecklichen Tode
Rettete. Tausend Entwürf' und Listen wurden ersonnen;
Denn es galt das Leben; und fürchterlich drang die Entscheidung!
Doch von allen Entwürfen gefiel mir dieser am besten.
425



Seine Widder waren sehr feist, dickbuschiger Vliese,
Groß und stattlich von Wuchs, mit brauner Wolle bekleidet.
Diese band ich geheim mit schwanken Ruten zusammen,
Wo der Kyklop auf schlief, das gottlose Ungeheuer!
Drei und drei: der mittelste Bock trug einen der Männer,
430



Und zwei gingen beiher, und schirmten meine Gefährten.
Also trugen jeglichen Mann drei Widder. Ich selber
Wählte mir einen Bock, den trefflichsten unter der Herde.
Diesen ergriff ich schnell beim Rücken, wälzte mich nieder
Unter den wolligen Bauch, und lag mit duldendem Herzen,
435



Beide Hände fest im Gekräusel der Flocken verwickelt.
Also erwarteten wir mit Seufzen die heilige Frühe.
Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Eilten die Männer der Herde mit Ungestüm auf die Weide.
Aber es blökten am Stalle die ungemelkten Mütter;
440



Denn die Euter strotzten von Milch. Der grausame Wütrich
Saß von Schmerzen gefoltert, und tastete sorgsam die Rücken
Aller steigenden Widder, und ahnete nicht in der Dummheit,
Dass ich sie unter die Brust der wolligen Böcke gebunden.
Langsam folgte nun der übrigen Herde mein Widder,
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Schwerbeladen mit Wolle, und mir, der mancherlei dachte.
Streichelnd betastet' auch ihn das Ungeheuer, und sagte:
Süßes Böckchen, wie geht's? Du kommst zuletzt aus der Höhle?
Ei du pflegst mir ja sonst nicht hinter der Herde zu bleiben!
Trabst ja so hurtig voran, und pflückst dir zuerst auf der Weide

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Gräschen und Blümelein; eilst auch zuerst in die Wellen der Flüsse;
Trachtest auch immer zuerst in den Stall zu kommen des Abends!
Nun der letzte von allen? Ach geht dir etwa das Auge
Deines Herren so nach? Der Bösewicht hat mir's entrissen,
Er samt seinem Gesindel, indem er mit Wein mich berauschte,
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Niemand! Ich mein', er ist mir noch nicht dem Verderben entronnen!
Hättest du nur Gedanken wie ich, und verstündest die Sprache;
Dass du mir sagtest, wo jener vor meiner Stärke sich hinbirgt!
Ha! auf den Boden geschmettert, wie sollte sein Hirn durch die Höhle
Hiehin und dahin zerspritzen! Wie würde mein Herz von dem Jammer
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Sich erlaben, den mir der Taugenicht machte, der Niemand!
Also sprach er, und ließ den Widder von sich hinausgehn.
Als wir uns von der Höhl' und dem Hof' ein wenig entfernet,
Macht' ich zuerst vom Widder mich los, und löste die andern.
Eilend trieben wir jetzo die wohlgemästeten großen
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Hochgeschenkelten Böcke durch mancherlei Krümmen zum Schiffe.
Und mit herzlicher Freud' empfingen die lieben Gefährten
Uns Entflohne des Todes, und klagten schluchzend die andern.
Aber ich ließ es nicht zu; ich deutete jedem mit Blicken,
Nicht zu weinen; befahl dann, die schöne wollige Herde
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Hurtig ins Schiff zu werfen, und über die Wogen zu steuern.
Und sie traten ins Schiff, und setzten sich hin auf die Bänke.
Saßen in Reihn, und schlugen die graue Woge mit Rudern.
Als ich so weit nun war, wie die Stimme des Rufenden schallet,
Da begann ich, und rief dem Kyklopen mit schmähenden Worten:
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Ha, Kyklope, so recht! Nicht eines Feigen Gefährten
Hast du, wütiger Ries', in der dunkeln Höhle gefressen!
Lange hattest du das mit deinen Sünden verschuldet!
Grausamer, weil du die Gäste nicht scheutest in deiner Behausung
Aufzuschlucken; drum strafte dich Zeus und die übrigen Götter!

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Also rief ich. Noch wütender tobte der blinde Kyklope,
Riss herunter und warf den Gipfel des hohen Gebirges.
Aber er fiel jenseits des blaugeschnäbelten Schiffes
Nieder, und wenig gefehlt, so traf er die Spitze des Steuers.
Hochauf wogte das Meer von dem stürzenden Felsen, und plötzlich
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Raffte mit Ungestüm der strudelnde Schwall der Gewässer,
Landwärts flutend, das Schiff, und warf es zurück an das Ufer.
Aber ich nahm mit den Händen geschwind eine mächtige Stange,
Stieß es vom Land', und trieb und ermahnete meine Gefährten,
Hurtig die Ruder zu regen, dass wir dem Verderben entrönnen,
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Deutend und nickend; sie flogen ans Werk, und ruderten keuchend.
Als wir nun doppelt so weit in das hohe Meer uns gerettet,
Siehe da rief ich von neuem dem Wüterich. Aber die Freunde
Sprangen umher, und hielten zurück mich mit freundlichen Worten:
Waghals! willst du noch mehr den grausamen Riesen erbittern,
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Welcher mit seinem Geschoss in die See hinspielet, und eben
Wieder ans Ufer uns warf, wo Tod und Verderben uns drohte?
Hätt' er von dir nur ein Wort, nur deine Stimme vernommen;
Wahrlich mit einem geschleuderten Fels hätt' er unsere Schädel
Samt den Balken des Schiffes zerschellt! Er versteht sich aufs Schleudern!
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Aber sie strebten umsonst, mein edles Herz zu bewegen.
Und ich rief dem Kyklopen von neuem mit zürnender Seele:
Hör, Kyklope! Sollte dich einst von den sterblichen Menschen
Jemand fragen, wer dir dein Auge so schändlich geblendet;
Sag' ihm: Odysseus, der Sohn Laertes, der Städteverwüster,
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Der in Ithaka wohnt, der hat mein Auge geblendet!
Also rief ich ihm zu; und heulend gab er zur Antwort:
Weh mir! es trifft mich jetzo ein längstverkündetes Schicksal!
Hier war einst ein Prophet, ein Mann von Schönheit und Größe,
Telemos, Eurymos' Sohn, bekannt mit den Zeichen der Zukunft,
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Und bis ins Alter beschäftigt, sie uns Kyklopen zu deuten;
Der weissagte mir alles, was jetzt nach Jahren erfüllt wird:
Durch Odysseus' Hände würd' ich mein Auge verlieren.
Doch erwartet' ich immer, ein großer und stattlicher Riese
Würde mich hier besuchen, mit großer Stärke gerüstet!
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Und nun kommt so ein Ding, so ein elender Wicht, so ein Weichling,
Und verbrennt mir das Auge, nachdem er mit Wein mich berauschet!
Komm doch her, Odysseus! Ich will dich herrlich bewirten,
Und dir ein sicher Geleit vom hohen Poseidon verschaffen.
Denn ich bin sein Sohn, und rühmend nennt er sich Vater!
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Dieser kann mich auch heilen, wenn's ihm gelüstet; kein andrer
Unter den seligen Göttern, noch unter den sterblichen Menschen!
Also sprach der Kyklop! ich gab ihm dieses zur Antwort:
Könnt' ich nur so gewiss auch deines Geistes und Lebens
Dich entledigen, und in die Schattenwohnungen senden,
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Als dein Auge selbst der hohe Poseidon nicht heilet!
Also sprach ich. Da streckt' er empor zum sternigen Himmel
Seine Händ', und flehte dem Meerbeherrscher Poseidon:
Höre mich, Erdumgürter, du bläulichgelockter Poseidon,
Bin ich wirklich dein Sohn, und nennst du rühmend dich Vater!
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Gib, dass Odysseus, der Sohn Laertes, der Städteverwüster,
Der in Ithaka wohnt, nicht wiederkehre zur Heimat!
Oder ward ihm bestimmt, die Freunde wiederzusehen,
Und sein prächtiges Haus, und seiner Väter Gefilde;
Lass ihn spät, unglücklich, und ohne Gefährten, zur Heimat
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Kehren auf fremdem Schiff', und Elend finden im Hause!
Also sprach er flehend; ihn hörte der Bläulichgelockte.
Und nun hob er von neuem noch einen größeren Fels auf,
Schwung ihn im Wirbel, und warf mit unermesslicher Stärke.
Aber er fiel diesseits des blaugeschnäbelten Schiffes
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Nieder, und wenig gefehlt, so traf er die Spitze des Steuers.
Hochauf wogte das Meer von dem stürzenden Felsen; und vorwärts
Trieben die Fluten das Schiff, und warfen es an das Gestade.
Also erreichten wir des Eilands Bucht, wo die andern
Schöngebordeten Schiffe beisammen ruhten, und ringsum
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Traurend die Freunde saßen, und uns beständig erwartend.
Jetzo landeten wir am sandigen Ufer des Eilands,
Stiegen dann aus dem Schiff ans krumme Gestade des Meeres,
Nahmen vom hohlen Schiffe die Herd', und teilten sie alle
Unter uns gleich, dass keiner leer von der Beute mir ausging.

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Aber den Widder schenkten die schöngeharnischten Freunde
Mir bei der Teilung voraus. Ihn opfert' ich an dem Gestade
Zeus Kronion, dem Wolkenversammler, der alles beherrschet,
Und verbrannte die Lenden. Doch er verschmähte das Opfer;
Unversöhnt beschloss er in seinem Rate Vertilgung
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Aller rüstigen Schiff' und meiner lieben Gefährten.
Also saßen wir dort den Tag, bis die Sonne sich neigte,
An der Fülle des Fleisches und süßen Weines uns labend.
Als die Sonne nun sank, und Dunkel die Erde bedeckte,
Legten wir uns zum Schlummer am Strande des rauschenden Meeres.
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Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Trat ich selber ins Schiff, und ermahnete meine Gefährten,
Einzusteigen, und schnell die Seile vom Ufer zu lösen.
Und sie traten ins Schiff, und setzten sich hin auf die Bänke,
Saßen in Reihn, und schlugen die graue Woge mit Rudern.
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Also steuerten wir mit trauriger Seele von dannen,
Froh der bestandnen Gefahr, doch ohne die lieben Gefährten.
   
  Übersetzung nach J.H.Voß bearbeitet von E.Gottwein

 

 

 

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