Zusammenfassung zuW. Schadewaldt: Die homerische Gleichniswelt und die kretisch-mykenische Kunst, in: Von Homers Welt und Werk 4/1965, S. 130-154. |
[144ff]
Die Natur der Homerischen Gleichnisse ist kein Garten Eden. Hier wird nicht geträumt.
Hier herrscht schärfste Wachheit. Eine Phantasie, die nicht spielt und nicht am
Augenschein hängt, sondern im Augenschein auf das Wirkliche dringt und so ein Bild des
ernsthaft Wirklichen errichtet. Charaktere des Wirklichen sind daher auch die
Grundzüge der Homerischen Gleichniswelt, wenn man sie in verschiedenen Richtungen
betrachtet.
Was sich zunächst in den vielen Einzelbildern des Gleichnisses auftut, ist ein
unaufhörliches Spiel von Kräften. Sturm gegen Wolke, Brandung gegen Strand, Gießbach
ins Ackerland einbrechend. Tier gegen Tier, Mensch gegen Tier. Auch in den alltäglichen
Verrichtungen in der Menschenwelt, beim Mähen, Worfeln, Zimmern, Weben, Färben wirken
Kräfte gegen- und ineinander. Und so sagen wir: Die Natur Homers ist durch und durch dynamisch.
In dieser homerischen Natur gibt es kein Wesen, das sich in sich selber hegte, für sich allein da wäre und in diesem Für-Sich-Sein nichts als gefällig. Kein Tier spaziert hier ziellos durch die Welt. Alles tut und leidet, handelt zum Guten wie zum Bösen - was ist hier gut und böse? Kaum je im Gleichnis Homers ein reines Zustandsbild, fast stets bewegtes, zielstrebiges Geschehen, Handlung. Und darum: Die Natur der Homerischen Gleichnisse ist dramatisch.
Im Tun und Leiden wirken Gegensätze aufeinander. Wesen wird wirksam nach seiner Eigenart. Der Sturm stürmt, Flüsse fließen, Felsen widerstehen. Der Löwe jagt und raubt, das Reh flieht. Der Mensch strebt, kämpft, baut, handelt. Alles leistet, funktioniert; alles ist 'am Werk': ἐνεργεῖ'. Und so zum dritten: Die Natur Homers ist energisch, und als energische ist sie Wirklichkeit. Nicht Traum und Märchen, Phantasmagorie. Wirklichkeit, die Ernst besitzt und Schicksal hat.
Die Natur Homers ist keine Ansammlung von Erscheinungen, die 'schön' sind. Die homerische Natur ist durchaus nicht 'schön', aber sie ist. Wie kommt das? Das, was Homer in den Erscheinungen seiner Gleichnisse darstellt - Erscheinungen, die mit großer Augenschärfe wahrgenommen sind - ist gar nicht das Sichtbare an den Erscheinungen, sondern gerade jenes Unsichtbare, das in den Erscheinungen erscheint. Wenn der Sturm stürmt, das Meer anbrandet, der Felsen steht, die Eiche stürzt, der Wolf giert und raubt, wenn sich die Schlange zum Ansprung aufbäumt, ein Wurm im Sand krümmt, wenn ein Schneefeld leuchtet und auf dem Meer die Dünung unentschieden hin und her geht: so sind es Andrang, Wucht, Widerstand, Fallen, Gier, innerste Gespanntheit, elendigliches Vernichtetsein, Intensität des Lichts und Unentschiedenheit der Seele, worauf der Dichter sieht, was er in den Erscheinungen ersieht, was jene Erscheinungsbilder von innen steuert: Kräfte, Impulse, Schnelligkeiten, Bewegungsweisen, Intensitäten, Funktionen, Verhältnisse und Bezüge aller Art, sowie das Seelische in allen seinen Formen, Lagen und Schicksalen - alles Dinge, die man nicht 'sehen' kann. Sie fängt der Dichter im Gleichnis auf und lässt sie so im Bilde der sichtbaren Natur 'erscheinen'. Kurz, es sind Seins- und Wirkungsweisen, Geschehensweisen und Wesensarten, auf die der innere Blick Homers gerichtet ist, wenn er mit seinem Auge die Naturerscheinungen umfasst. Man könnte eine ganze Kategorientafel daraus zusammenstellen. Wir wagen zu sagen: Homer sieht die Natur im Gleichnis bildhaft-ontologisch.
Weiter:
Homer sieht die Natur bedeutungsvoll. Er sieht den Sturm, den
Wogengang, den Baum, das wilde Tier, den Pflügenden, den
Mäher und sieht zugleich etwas im Sturm, im Baum, im Tier, das
raubt, im Mäher: eben Andrang, festes Stehen, Wildheit, eine Tätigkeit, die
hinstreckt. Die Dinge der Natur bei Homer repräsentieren, und so, als eine
große Mannigfaltigkeit von Repräsentationen, offenbart die Natur dem Dichter etwas, sagt
ihm etwas. Die Natur ist für ihn nicht bloß da, sondern spricht eine Sprache, und diese
Sprache befolgt der Dichter mit den Bild-Elementen seiner Gleichnisse. Ein festes
Bild-Vokabular entsteht so. 'Meer', 'Kornfeld', 'Wolke', 'Herde' bedeuten die Menge,
'Felsen' ist Heerfürst, wie auch 'Hirte' oder 'Leitstier' Heerfürst sein kann. 'Wind'
ist Impuls, 'Feuer' zerstörerische Obmacht, 'Licht' Leben, Heil usw. 'Baum' ist soviel
wie Mensch. Da lässt sich die festgehaltene Grundvorstellung nach Umständen und Phasen
regelrecht deklinieren. Das junge Bäumchen ist der heranwachsende Knabe, der
festwurzelnde Eichbaum der standfeste Mann; stürzt er, im Kampf 'gefällt', wird er zum
Baum, den der Holzfäller anschlug. Der Heerhaufe der Männer wird zum Wald, in dem - wenn
die Heere kämpfen - die Äste im Wind aneinander schlagen, denn 'Ast' ist wieder Speer.
Das geht so weiter bis zum gefällten Stamm - dem Toten -, den Maultiere schleppen. Indem
Homer in seinen Gleichnissen auf diese Weise das mit dem leiblichen Auge (ὀφθαλμός) ergriffene Stück
Natur zugleich mit dem inneren Blick (νοῦς) vernimmt, kommen
Bilder herauf, die wirklich 'Bild' sind: Einheit von Erscheinung und Bedeutung. -
Die Naturbilder der Gleichnisse Homers sind nicht lediglich Wiedergaben von Erscheinungen
und noch weniger nackte Zeichen. Sie sind lebendige Verkörperungen jenes Bedeutungsvollen
in der Natur, auf das auch das Auge des Sehers gerichtet ist. Wirklich hat auch die Mantik
, wie man vortrefflich sah, die Gestaltung des homerischen Gleichnisbildes
beeinflusst.
Ein sympathetischer Zusammenhang, in dem Verglichenes und Vergleich noch wirklich eins
sind, ist in urtümlicher Weise noch in manchen der Homerischen Gleichnisse verspürbar.
Schaut man sich diesen Bedeutungscharakter des Homerischen Gleichnisses etwas genauer an,
so stößt man auf eine Erscheinung, die ich das Definitorische
der homerischen Naturanschauung nennen möchte.
Da vernimmt der Dichter im Löwen, der sich so und so verhält, das und das anrichtet, das 'Löwenhafte', nämlich ein kraftvoll Wildes, Edlers, Mutiges, gefährlich Blutgieriges, Erbarmungsloses. Ein solches Wildes, Mutiges sieht man auch im Wolf, jedoch in einer etwas anderen Weise: dieses Blutgierige greift in Rudeln an, ist in seiner Wildheit weniger mächtig, , weniger edel, doch gieriger - es ist das Wölfische. Und ähnlich bei Panther, Eber usw. - Das Wilde, Mutige, Starke usw. wird vom Dichter in der "Gattung" Raubtier vernommen und sofort je nach der "Art" modifiziert. Doch dieses Arthafte modifiziert sich weiter in das Besondere hinein, wenn der Dichter in seinem Gleichnis das besondere Tun des Tieres weiter verfolgt; man kennt die Art Homers, seine Vergleiche zu einem kleinen Vorgang auszuspinnen.
Achilleus
bewaffnet seine Myrmidonen:
"[...] und sie, wie Wölfe, rohfressende, denen eine unerschöpfliche Kampfkraft im
Zwerchfell sitzt: sie erlegen einen großen gehörnten Hirsch im Gebirge und zerfleischen
ihn, und allen sind die Backen rot vom Blut, und sie laufen rudelweise, um mit ihren
dünnen Zungen von der schwarzwässrigen Quelle das schwarze Wasser oben wegzulecken, den
blutigen Fraß erbrechend; der Mut in ihrer Brust ist ohne Zittern, und ihr Bauch ist
prall gefüllt [...]" (Il.16,156)
Paris
eilt von der Stadt aufs Kampffeld:
"[...] wie wenn ein Pferd, das lange Zeit im Stall stand, und sich an der Krippe
gemästet hat, den Halfter abriss und stampfend durchs Feld läuft, gewohnt im
schönfließenden Fluss zu baden, von Stolz geschwellt: hoch hält es das Haupt, und seine
Mähne flattert ihm um die Schultern; seines Schönheitsglanzes bewusst, tragen es seine
Schenkel leicht zu den Triften und der Pferdeweide [...]" (Il.6, 506).
Das sind nicht lediglich dichterische 'Ausmalungen', so als ob Dichter nun einmal gern bei dem herangezogenen Stück Natur verweilen. Wer genauer hinblickt, unterscheidet in fast allen Homerischen Gleichnissen mit hinlänglicher Deutlichkeit zwei Elemente: ein substantielles, den 'Gleichnisträger', hier 'Wolf' und 'Pferd' und sodann ein modifizierendes: die an den Gleichnisträger anschließende Kette von Attributen (Appositionen und Relativsätzen), die sich zumeist zu einer kleinen Handlung auswachsen. [...]
Für Homers ganze Art der Naturauffassung in den Gleichnissen ist diese bildhafte Urlogik sehr bemerkenswert. Hier ist keine bloß stimmungsmäßige 'Hingabe' an 'die' Natur, kein 'dionysisches' Sich-Auflösen in ihrem Kreis. Homers Naturauffassung ist durch und durch 'noetisch'. Der im Gleichnisvorgang herrschende Fortschritt vom Allgemein-Typischen zum Besonderen, vom allgemein umrissenen Vorstellungsumfang zum anschaulich erfüllten Charakteristisch-Individuellen beweist ein scharfes Dringen auf das Wesen in seiner Eigenart, ein präzises Bestimmen und Einengen , ein Artikulieren und Definieren. Und so sagen wir: Die Naturauffassung der Homerischen Gleichnisse ist definitorisch.
Zusammenfassend: Homer sieht die Natur dynamisch und dramatisch; energisch erfährt er ihr Leben; auf die Bezüge und Verhältnisse, die Seinsweisen und Geschehensweisen ist sein Blick gerichtet; bedeutungsvoll stellen sich in ihm in 'Bildern' die Naturdinge dar; definitorisch entwickelt er den Gleichnisvorgang vom Typus auf den speziellen Charakter hin: alles, indem er diese verschiedenen Aspekte, die wir notgedrungen einzeln herausheben und getrennt aufführen mussten, naiv, bildhaft, total mit einem Blick erfasst.
Worauf dies alles hinauswill? Homer sah die Natur als - 'Natur' an, nämlich als physis, um das Wort zu gebrauchen, das für alles Gesagte den Schlüssel gibt: physis als der lebendige gesetzmäßige innere Bau, der den Erscheinungen zugrunde liegt und sich in ihnen andeutend offenbart.
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