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Herodot 1,1-1,5

II. Aitiologie des Ost-West-Konflikts

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1. Ablehnung der mythologischen Erklärung der Perser

Iam Persarum quidem literatos si audias, inimicitiarum primi auctores Phoenices fuere. Hos enim, aiunt, postquam a mari, quod rubrum vocatur, ad hoc nostrum mare advenissent, hancque regionem, quam etiam nunc incolunt, coepissent habitare, continuo navigationibus dedisse operam, et transvehendis mercibus Aegyptiis Assyriisque quum alias Graeciae partes, tum vero et Argos adiisse. Argos enim illis temporibus inter alia eius regionis oppida, quae Graecia nunc nominatur, rebus omnibus eminebat. Ad Argos igitur hoc postquam adpulissent Phoenices, ibique merces suas venum exposuissent, quinto aut sexto ab adventu die, divenditis fere rebus omnibus, mulieres ad mare venisse, quum alias multas, tum vero et regis filiam, quam quidem eodem nomine Persae adpellant atque Graeci, Io Inachi. Quae dum ad puppim navis stantes mercarentur merces, quae illarum maxime animos advertissent, Phoenices interim mutuo sese cohortatos impetum in illas fecisse: et maiorem quidem mulierum numerum profugisse, Io vero cum aliis fuisse raptam: quibus in navem impositis, soluta navi Phoenices Aegyptum versus vela fecisse. zu den Anmerkungen  (1,1,1) Περσέων μέν νυν οἱ λόγιοι Φοίνικας αἰτίους φασὶ γενέσθαι τῆς διαφορῆς· τούτους γάρ, ἀπὸ τῆς Ἐρυθρῆς καλεομένης θαλάσσης ἀπικομένους ἐπὶ τήνδε τὴν θάλασσαν καὶ οἰκήσαντας τοῦτον τὸν χῶρον τὸν καὶ νῦν οἰκέουσι, αὐτίκα ναυτιλίῃσι μακρῇσι ἐπιθέσθαι, ἀπαγινέοντας δὲ φορτία Αἰγύπτιά τε καὶ Ἀσσύρια τῇ τε ἄλλῃ [χώρῃ] ἐσαπικνέεσθαι καὶ δὴ καὶ ἐς Ἄργος· (2) τὸ δὲ Ἄργος τοῦτον τὸν χρόνον προεῖχε ἅπασι τῶν ἐν τῇ νῦν Ἑλλάδι καλεομένῃ χώρῃ. Ἀπικομένους δὲ τοὺς Φοίνικας ἐς δὴ τὸ ῎Αργος τοῦτο διατίθεσθαι τὸν φόρτον. (3) Πέμπτῃ δὲ ἢ ἕκτῃ ἡμέρῃ ἀπ' ἧς ἀπίκοντο, ἐξεμπολημένων σφι σχεδὸν πάντων, ἐλθεῖν ἐπὶ τὴν θάλασσαν γυναῖκας ἄλλας τε πολλὰς καὶ δὴ καὶ τοῦ βασιλέος θυγατέρα· τὸ δέ οἱ οὔνομα εἶναι, κατὰ τὠυτὸ τὸ καὶ Ἕλληνες λέγουσι, Ἰοῦν τὴν Ἰνάχου. (4) Ταύτας στάσας κατὰ πρύμνην τῆς νεὸς ὠνέεσθαι τῶν φορτίων τῶν σφι ἦν θυμὸς μάλιστα, καὶ τοὺς Φοίνικας διακελευσαμένους ὁρμῆσαι ἐπ' αὐτάς. Τὰς μὲν δὴ πλέονας τῶν γυναικῶν ἀποφυγεῖν, τὴν δὲ Ἰοῦν σὺν ἄλλῃσι ἁρπασθῆναι· ἐσβαλομένους δὲ ἐς τὴν νέα οἴχεσθαι ἀποπλέοντας ἐπ' Αἰγύπτου Es versichern die Geschichtskenner unter den Persern, die Phönizier seien die Urheber des Zwistes gewesen; denn diese wären von dem sogenannten Roten Meer zu diesem unseren Meer gekommen, und nachdem sie in dem Landstrich, den sie auch jetzt noch bewohnen, sich niedergelassen, hätten sie sich alsbald auf weite Seefahrten verlegt; mit ägyptischen und assyrischen Waren, mit denen sie handelten, seien sie nicht nur in andere Länder gekommen, sondern auch nach Argos. Argos aber ragte während dieser Zeit in allem hervor unter den Städten in dem jetzt Hellas genannten Land. Nach diesem Argos also seien die Phönizier gekommen und hätten ihre Waren zum Verkauf ausgelegt. Am fünften oder sechsten Tag aber nach ihrer Ankunft, als sie fast alles verkauft hatten, seien an das Meer viele andere Frauen gekommen, darunter auch des Königs Tochter, deren Name Io war, des Inachos Tochter, wie auch die Hellenen angeben. Diese hätten sich zum Hinterheil des Schiffes begeben und an Waren gekauft, wozu sie am meisten Lust hatten. Da wären die Phönizier, nachdem sie sich einander dazu ermutigt, über die Frauenhergefallen, von denen die meisten entflohen. Io aber sei zugleich mit anderen geraubt worden. Die Phönizier hätten sie in ihr Schiff gebracht und wären dann eilends in Richtung Ägypten abgesegelt.  (J.Chr.F.Bähr)
zurück zum Text λόγιος - sprachbegabt, gelehrt, kundig; ὁ λόγιος - Prosaerzähler, Geschichtskundiger | αἴτιός τινος γίγνομαι - verursache, werde schuld an etwas | ἡ διαφορά - Streit, Konflikt | ὁ καλούμενος - der sogenannte | ἀπικομένους = ἀφικομένους (Psilosis) stammformen | ἥδε ἡ θάλασσα (mare nostrum) - das Mittelmeer | οἰκήσαντας - ingressiver Aor. | τόν = ὅν (Relativpron.) | ἡ ναυτιλία - Seefahrt (ναυτιλίῃσιν = ναυτιλίαις) | ἐπιτίθεσθαί τινι - sich auf etwas verlegen (incumbere alicui rei) stammformen | ἀπαγινέω - ion. = ἀπάγω - bringe weg, führe aus | τὸ φορτίον - gleichbedeutendes Demin. zu ὁ φόρτος - Last, Fracht, Ware | ἄλλῃ (adv.) - anderswo, anderswohin, anderswie; τῇ ἄλλῃ - sonst überall hin | ἐσαπικνέεσθαι ion. = εἰσαφικνεῖσθαι stammformen | καὶ δὴ καί - und so denn auch | προέχω τινί τινος - übertreffe in etwas (Dat. respectus) jdn./etwas (Gen. comparationis) | Ἄργος - nicht die heutige Hauptstadt der Argolis, sondern die Burgen von Mykene und Tiryns (unsere Geschichte spielt lange vor dem Troianischen Krieg) | τῶν ἐν τῇ νῦν Ἑλλάδι καλουμένῃ χώρᾳ <πόλεων>; Die Sammelbezeichnung Ἕλληνες und Ἑλλάς sind spät. Daher der Zusatz τῇ νῦν... καλουμένῃ | διατίθεσθαι - ausbreiten, zum Verkauf anbieten stammformen | ἐξεμπολάω (ion. -έω)- vollständig verkaufen | ἄλλας τε πολλὰς καὶ δὴ καί - unter vielen anderen so denn besonders auch | οἱ = αὐτῇ | κατὰ τὠυτό, τὸ... = κατὰ ταὐτὸ, ὃ... = ὁμολογουμένως τούτῳ, ὃ... - übereinstimmend mit dem, was... | Ἰοῦν - Akk. zu Ἰώ | στάσας - Akk.Pl.f. v. στάς, στᾶσα στάν: Part.Aor.Med.v. ἵστασθαι - treten stammformen | ἡ πρύμνα (ion. -η) - Heck (das an Land gezogen war) | τῆς νεός ion. = νεώς; Gen. Sgl. v. ἡ ναῦς) | ὠνέομαι - kaufe (mir) stammformen | τῶν φορτίων - Gen. partit. | τῶν = ὧν  (Gen.obiect. zu θυμὸς) | σφι = αὐτοῖς | θυμὸς (ἐπιθυμία) μοί εστί τινος - mich verlangt nach etw. | διακελεύεσθαι - sich gegenseitig auffordern, ermuntern stammformen | ὁρμάω ἐπί τινα - gehe auf jdn. los, greife jdn. an stammformen | τὰς πλεῦνας ion. = τὰς πλέονας (πλείονας) (Komp. zu πολύς) | ἀρπάζω - raube, entführe | εἰσβάλλομαι - werfe für mich hinein, h.: lade mir ein, bringe an Bord stammformen | οἴχομαι ἀποπλέων - fahre eilends weg  stammformen | ἐπ Αἰγύπτου - in Richtung Ägypten 

 

  1. Welches Interesse können die persischen Geschichtskundigen an der von ihnen vertretenen Erklärungsversion der Ursachen des Ost-West-Konfliktes haben?
    Entlastungsfunktion: Die Ursachenkette beginnt bei einem "dritten Volk".
  2. Kann man das ätiologische Interesse Herodots, das er im Proömium formuliert (δι' ἣν αἰτίην ἐπολέμησαν ἀλλήλοισι) und das die Disposition der folgenden Ausführungen bestimmt, als ein im Grunde wissenschaftlichen Ansatz deuten? Diskutieren Sie diese Frage in folgende Richtungen:
    1. Ja, denn es es ist die selbe Fragerichtung, die 
      • die ionische Naturphilosophie beseelt: Welche inneren Ursachen und Gesetzmäßigkeiten bestimmen  wesetnlcih Werden und Sein, wie es unseren Sinnen erscheint? 
      • die Medizin beseelt: Welche bestimmenden inneren Ursachen liegen den äußeren Krankheitssymptomen zugrunde?
    2. Nein, denn es handelt sich um ein dem Mythos inhärente Frage, die auch unter dem Rückgriff auf einen Mythos (Io) der Klärung zugeführt werden soll.
  3. Vergleichen Sie den Io-Mythos, wie er von Herodot referiert wird, mit der gängigen Darstellung in mythologischen Handbüchern. Gibt es Abweichungen und wie sind sie zu erklären?  

 

Hac quidem ratione in Aegyptum pervenisse Io aiunt Persae, secus atque Graeci, idque primum fuisse iniuriarum initium. Deinde vero Graecos nonnullos, quorum nomina non possunt memorare, (fuerint hi autem Cretenses,) Tyrum in Phoenice adpulisse, filiamque regis rapuisse Europam; ac sic quidem par pari fuisse ab his repensum. Post haec autem Graecos secundae iniuriae fuisse auctores: etenim longa navi Aeam, Colchidis oppidum, et ad Phasin flumen profectos, perfectis ceteris rebus, quarum causa advenissent, rapuisse inde regis filiam Medeam; quumque ad poenas raptus huius repetendas et ad reposcendam filiam caduceatorem in Graeciam misisset Colchus, respondisse Graecos, quemadmodum illi de raptu Argivae Ius sibi non dedissent poenas, sic ne se quidem illis daturos.  zu den Anmerkungen  (1,2,1) Οὕτω μὲν  Ἰοῦν ἐς Αἴγυπτον ἀπικέσθαι λέγουσι Πέρσαι, οὐκ ὡς Ἕλληνες, καὶ τῶν ἀδικημάτων πρῶτον τοῦτο ἄρξαι· μετὰ δὲ ταῦτα  Ἑλλήνων τινάς [οὐ γὰρ ἔχουσι τοὔνομα ἀπηγήσασθαι] φασὶ τῆς Φοινίκης ἐς Τύρον προσσχόντας ἁρπάσαι τοῦ βασιλέος τὴν θυγατέρα Εὐρώπην· εἴησαν δ' ἂν οὗτοι Κρῆτες. (2) Ταῦτα μὲν δὴ ἴσα πρὸς ἴσα σφι γενέσθαι· μετὰ δὲ ταῦτα  Ἕλληνας αἰτίους τῆς δευτέρης ἀδικίης γενέσθαι. Καταπλώσαντας γὰρ μακρῇ νηὶ ἐς Αἶάν τε τὴν Κολχίδα καὶ ἐπὶ Φᾶσιν ποταμόν, ἐνθεῦτεν, διαπρηξαμένους καὶ τἆλλα τῶν εἵνεκεν ἀπίκατο, ἁρπάσαι τοῦ βασιλέος τὴν θυγατέρα Μηδείην. (3) Πέμψαντα δὲ τὸν Κόλχων βασιλέα ἐς τὴν Ἑλλάδα κήρυκα αἰτέειν τε δίκας τῆς ἁρπαγῆς καὶ ἀπαιτέειν τὴν θυγατέρα· τοὺς δὲ ὑποκρίνασθαι, ὡς οὐδὲ ἐκεῖνοι Ἰοῦς τῆς Ἀργείης ἔδοσάν σφι δίκας τῆς ἁρπαγῆς· οὐδὲ ὦν αὐτοὶ δώσειν ἐκείνοισι. (1,2) So, geben die Perser an, sei die Io nach Ägypten gekommen, nicht wie die Phönizier behaupten; und dies sei der Anfang des Unrechts gewesen. Darauf, erzählen sie weiter, seien einige Hellenen (denn den Namen können sie nicht angeben) nach Tyrosw in Phönizien gesteuert und hätten die Tochter des Königs, Europa, geraubt. Das könnten aber wohl Kreter gewesen sein. Damit sei ihnen nun Gleiches mit Gleichem vergolten worden. Nach diesem Vorfall aber wäören Hellenen Ursache einer zweiten Unbill geworden: Sie wären nä,lich auf einem langen Schiff nach dem kolschischen  Aia und zu dem Fluss Phasis gefahren und hätten dann, nachdem sie das übrige, weswegen sie gekommen waren, vollbracht hatten, des Königs Tochter Medea geraubt. Darauf habe der Kolcher König einen Herold nach Hellas entsandt und um Genugtuung wegen des Raubes und um die Rückgabe der Tochter gebeten. Die aber hätten geantwortet, dass auch jene ihnen für den Raub der Io keine Genugtuung gegeben hätten, sie daher auch jenen keine Genugtuung gäben. 
(1,3).Tum deinde, proxima aetate, Alexandrum, Priami filium, quum ista audivisset, cupidinem incessisse uxoris sibi e Graecia per rapinam comparandae; existimantem utique se non daturum poenas, quoniam nec illi dedissent. Itaque quum is rapuisset Helenam, visum esse Graecis primum missis nuntiis Helenam repetere et poenas de raptu poscere. Illos vero hisce, postulata sua exponentibus, raptum exprobrasse Medeae, ut qui, quum ipsi nec poenas dedissent, nec illam reposcentibus reddidissent, vellent ab aliis poenas sibi dari. zu den Anmerkungen   (1,3,1) Δευτέρῃ δὲ λέγουσι γενεῇ μετὰ ταῦτα Ἀλέξανδρον τὸν Πριάμου ἀκηκοότα ταῦτα ἐθελῆσαί οἱ ἐκ τῆς  Ἑλλάδος δι' ἁρπαγῆς γενέσθαι γυναῖκα, ἐπιστάμενον πάντως ὅτι οὐ δώσει δίκας· οὐδὲ γὰρ ἐκείνους διδόναι. (2) Οὕτω δὴ ἁρπάσαντος αὐτοῦ  Ἑλένην, τοῖσι Ἕλλησι δόξαι πρῶτον πέμψαντας ἀγγέλους ἀπαιτέειν τε Ἑλένην καὶ δίκας τῆς ἁρπαγῆς αἰτέειν. (3) Τοὺς δὲ προισχομένων ταῦτα προφέρειν σφι Μηδείης τὴν ἁρπαγήν, ὡς οὐ δόντες αὐτοὶ δίκας οὐδὲ ἐκδόντες ἀπαιτεόντων βουλοίατό σφι παρ' ἄλλων δίκας γίνεσθαι. (1,3) Nachher aber, erzählen sie weiter, in der zweiten Generation, habe Alexander, des Priamus Sohn, als er dieses vernommen, gewünscht, ein Weib aus Hellas durch Raub zu erhalten, weil er wohl wusste, dass er keine Genugtuung geben würde, da auch jene keine gegeben hätten. Also hätte er Helena geraubt, und die Hellenen hätten darauf beschlossen, zuerst Boten zu senden und Helena zurückzufordern, so wie Genugtuung für den Raub zu verlangen. Diese aber hielten ihnen auf diesen Antrag den Raub der Medea vor, wie sie selbst keine Genugtuung gegeben, noch die Medea auf die diesseitige Forderung zurückgegeben, nun aber doch verlangten, dass ihnen Genugtuung zuteil werde. (Übersetzung bearbeitet nach J.Chr.F.Bähr)
zurück zum Text οὐκ <οὕτω> ὡς Ἕλληνες <λέγουσι> - im Faktum (dass Io nach Ägypten kam) stimmen beide überein, aber nicht in der Art | τοῦτο τῶν ἀδικημάτων πρῶτον ἄρχει - (Abundanz) dies sei der Anfang des Unrechts gewesen, damit habe das Unrecht begonnen (τοῦτο - Subjekt im AcI) | Ἑλλήνων τινάς - Graecos quosdam | ἔχω + Inf. - kann stammformen | ἀπηγήσασθαι - Inf. Aor. v. ἀφηγεῖσθαι - (wegführen,) ausführen, darlegen  | τῆς Φοινίκης - Gen. abhg. v. ἐς Τύρον  (der Gen. chorographicus gibt das Land an, zu dem ein Ort gehört) | προσέχω - halte hin, <τὴν ναῦν> segle nach, fahre zu | τοῦ βασιλέος - König von Tyros und Vater der Europa hieß entweder Φοῖνιξ oder Ἀγήνωρ | εἴησαν δ' ἂν οὗτοι - der Potent. bezieht sich (wie oft bei Herodot) auf Vergangenes: „diese dürften wohl gewesen sein“ | ἴσα πρὸς ἴσα γίγνεται - Gleiches wird mit Gleichem vergolten, es findet ein Ausgleich statt | καταπλώω ion. = καταπλέω - (mit dem Schiff) anlaufen, landen stammformen | μακρὰ ναῦς - h.: die Ἀργώ; eigtl.: Kriegsschiff (wegen der bewaffneten Helden);  | Κολχίδα - Αdjektivattribut | διαπράττεσθαι - (seine Geschäfte) durchführen, erledigen stammformen  | καὶ τἆλλα = καὶ τὰ ἄλλα (sc. die Entwendung des Goldenen Vlieses | ἀπίκατο - Aorist stammformen | δίκας αἰτέειν τινός - Genugtuung für etwas fordern | ἀπαιτέειν - <Geschuldetes> zurückfordern | τοὺς δὲ <Ἕλληνας > | ὑποκρίνασθαι = ἀποκρίνεσθαι stammformen | δίκας διδόναι τινός - Genugtuung leisten für etwas stammformen | Ἰοῦς τῆς Ἀργείης abhängig von τῆς ἁρπαγῆς | zurück zum Text δευτέρῃ... γενεῇ μετὰ ταῦτα - in der zweiten Generation danach = eine Generation später | οἱ = αὐτῷ | τοῖς Ἕλλησι ἔδοξε - es erschien den Griechen angebracht, die Griechen beschlossen stammformen | τοὺς δὲ <βαρβάρους> | προισχομένων <τῶν Ἑλλήνων> ταῦτα; προΐσχομαί τι - trage etwas vor | προφέρω τινί τι - halte, werfe jdm. etw. vor stammformen | ὡς ... βουλοίατό (= βούλοιντο): exliziert den Vorwurf: „nämlich dass...“ stammformen | οὐ δόντες αὐτοὶ δίκας οὐδὲ ἐκδόντες - konzessiv („ohne dass...“) | οὐδὲ ἐκδόντες <Μηδείην> ἀπαιτεόντων <αὐτήν>
(1,4,1) Hucusque igitur mutuis solum rapinis esse actum: ab illo vero tempore Graecos utique graviorum iniuriarum exstitisse auctores; hos enim priores Asiae coepisse bellum inferre, quam Persae intulissent Europae. (2) Et mulieres quidem rapere, videri sibi aiunt iniquiorum esse hominum; raptarum vero ultionem tanto studio persequi, amentium; contra, nullam raptarum curam habere, prudentium; quippe manifestum esse, nisi ipsae voluissent, non futurum fuisse, ut raperentur. (3) Itaque se quidem, Asiam incolentes, aiunt Persae, raptarum mulierum nullam habuisse rationem; Graecos autem mulieris Laconicae causa ingentem contraxisse classem, et mox in Asiam profectos Priami regnum evertisse. (4) Ab eo tempore se constanter Graeciae populos sibi esse inimicos existimasse. Nam Asiam et barbaras gentes eam incolentes ad se pertinere autumnant Persae; Europam vero et Graecos nihil secum commune habere. zu den Anmerkungen (1,4,1) Μέχρι μὲν ὦν τούτου ἁρπαγὰς μούνας εἶναι παρ' ἀλλήλων, τὸ δὲ ἀπὸ τούτου  Ἕλληνας δὴ μεγάλως αἰτίους γενέσθαι· προτέρους γὰρ ἄρξαι στρατεύεσθαι ἐς τὴν Ἀσίην ἢ σφέας ἐς τὴν Εὐρώπην. (2) Τὸ μέν νυν ἁρπάζειν γυναῖκας ἀνδρῶν ἀδίκων νομίζειν ἔργον εἶναι, τὸ δὲ ἁρπασθεισέων σπουδὴν ποιήσασθαι τιμωρέειν ἀνοήτων, τὸ δὲ μηδεμίαν ὤρην ἔχειν ἁρπασθεισέων σωφρόνων· δῆλα γὰρ δὴ ὅτι, εἰ μὴ αὐταὶ ἐβούλοντο, οὐκ ἂν ἡρπάζοντο. (3) Σφέας μὲν δὴ τοὺς ἐκ τῆς Ἀσίης λέγουσι Πέρσαι ἁρπαζομένων τῶν γυναικῶν λόγον οὐδένα ποιήσασθαι, Ἕλληνας δὲ Λακεδαιμονίης εἵνεκεν γυναικὸς στόλον μέγαν συναγεῖραι καὶ ἔπειτα ἐλθόντας ἐς τὴν Ἀσίην τὴν Πριάμου δύναμιν κατελεῖν. (4) Ἀπὸ τούτου αἰεὶ ἡγήσασθαι τὸ  Ἑλληνικὸν σφίσι εἶναι πολέμιον. Τὴν γὰρ Ἀσίην καὶ τὰ ἐνοικέοντα ἔθνεα βάρβαρα οἰκηιοῦνται οἱ Πέρσαι, τὴν δὲ Εὐρώπην καὶ τὸ  Ἑλληνικὸν ἥγηνται κεχωρίσθαι.  (1,4,1) Bis dahin nun hätten sie sich bloß gegenseitig beraubt; von nun an aber hätten die Hellenen große Schuld auf sich geladen: denn sie seien eher nach Asien zu Felde gezogen als die Perser nach Europa. (2) Weiber zu rauben, meinten sie, sei zwar eine ungerechte Handlungsweise, aber um der Geraubten willen eifrigst Rache zu suchen, sei töricht; sich aber gar nicht um die Geraubten zu kümmern, eine weise Entscheidung: denn es sei doch offenbar, dass sie, wenn sie es nicht selbst wollten, nicht geraubt würden. (3) So nun, behaupten die Perser, hätten sie, die doch aus Asien wären, sich nicht weiter um die aus Asien geraubten Weiber gekümmert, die Hellenen aber hätten, um eines lakedämonischen Weibes willen ein gewaltiges Heer gesammelt, seien darauf nach Asien gedrungen und hätten des Priamus Macht zerstört. (4) Von da an sei es stets ihre Meinung gewesen, dass das hellenische Volk ihr Feind sei. Denn Asien und die darin wohnenden barbarischen Völker betrachten die Perser als zu ihnen gehörig, Europa aber und das hellenische Volk, glauben sie, sei davon getrennt. 
(1,5,1) Hunc in modum Persae quidem gestas res esse memorant, et ab Ilii excidio repetunt inimiciarum suarum adversos Graecos initium. De Io vero cum Persis non consentiunt Phoenices rem isto modo esse gestam. Negant enim se raptu usos illam in Aegyptum abduxisse: sed Argis eam cum nauclero aiunt concubuisse, et quum se gravidam sensisset, veritam parentum iram, sic volentem ipsam cum Phoenicibus enavigasse, ne comperta foret. zu den Anmerkungen (1,5,1) Οὕτω μὲν Πέρσαι λέγουσι γενέσθαι, καὶ διὰ τὴν Ἰλίου ἅλωσιν εὑρίσκουσι σφίσι ἐοῦσαν τὴν ἀρχὴν τῆς ἔχθρης τῆς ἐς τοὺς  Ἕλληνας. (2) Περὶ δὲ τῆς Ἰοῦς οὐκ ὁμολογέουσι Πέρσῃσι οὕτω Φοίνικες· οὐ γὰρ ἁρπαγῇ σφέας χρησαμένους λέγουσι ἀγαγεῖν αὐτὴν ἐς Αἴγυπτον, ἀλλ' ὡς ἐν τῷ Ἄργει ἐμίσγετο τῷ ναυκλήρῳ τῆς νεός· ἐπεὶ δὲ ἔμαθε ἔγκυος ἐοῦσα, αἰδεομένη τοὺς τοκέας, οὕτω δὴ ἐθελοντὴν αὐτὴν τοῖσι Φοίνιξι συνεκπλῶσαι, ὡς ἂν μὴ κατάδηλος γένηται. (1,5,1)  Also, sagen die Perser, sei es gekommen, und sie finden in der Eroberung Ilions den Anfang ihrer Feindschaft mit den Hellenen. Hinsichtlich der Io aber stimmen die Phönizier mit den Persern so nicht überein. Denn sie behaupten, sie nicht durch Raub nach Ägypten gebracht zu haben, sondern Io habe sich in Argos mit dem Schiffsherrn eingelassen, und sei, als sie merkte, dass sie schwanger war, aus Scheu vor ihren Eltern freiwillig mit den Phöniziern weggefahren, damit es nicht offenkundig würde. (nach  J.Chr.F.Bähr)
zurück zum Text μέχρι τούτου - bis dahin | μούνας = μόνας | εἶναι = statt Inf. Impf. | τὸ δὲ ἀπὸ τούτου - adv. Akk. - danach aber | τὸ γυναῖκας ἁρπάζειν - Frauenraub (Gerundium mit dem Objektskasus des Verbums) | ἀνδρῶν ἀδίκων ἔργον ἐστίν - ist die Handlungsweise ungerechter Männer | ἁρπασθεισέων - Gen.Pl. f. Part. Aor. Pass. (=ἁρπασθεισῶν) - h. Gen.absol. | σπουδὴν ποιήσασθαι = σπεῦσαι (Periphrase) | τιμωρέω - nehme Rache | <ἀνδρῶν> ἀνοήτων <ἔργον εἶναι> |  ἡ ὤρα - Sorge, Beachtung, Rücksicht | <ἀνδρῶν> σωφρόνων <ἔργον εἶναι> | δῆλα γὰρ δή <ἐστιν> ὅτι - (es ist) offenbar (dass) (Pl. st. des häufigeren Sgl. δῆλον <ἐστιν> ὅτι) | εἰ μὴ + Impf. - οὐκ ἂν + Impf. - Irrealis d. Ggw. | σφέας = σφᾶς αὐτούς  | τοὺς ἐκ τῆς Ἀσίης - Apposition zu σφέας | εἵνεκεν = ἕνεκα | ὁ στόλος (στέλλω) - Rüstung, Heereszug, Heer, Flotte | συναγείρω - versammle stammformen - versammle; στόλον συναγείρω -stelle ein Heer auf, versammle eine Flotte, unternehme eine Expedition |  κατελεῖν = καθελεῖν (Inf. Aor. v. καθ-αιρέω stammformen - nehme herunter, zerstöre, besiege, unterwerfe, töte  ἐνοικέω - wohne darin, bewohne, bin zu Hause in | ἔθνεα βάρβαρα - aus der griechischen Sicht Herodots (ausgenommen sind also die Griechen in Kleinasien) | οἰκηιοῦνται = οἰκειοῦνται von οἰκειόομαι - eigne mir an, mache mir zu eigen (οἰκεῖος) |  ἥγημαι - Perf. mit Präsensbedeutung von ἡγέομαι - führe, glaube (+AcI), halte für (+Dopp.Akk.) | τὸ  Ἑλληνικὸν - alles Griechische, die Griechenwelt | χωρίζω - trenne ab, sondere ab (Inf.Perf.Med/Pass.) zurück zum Text ἡ ἅλωσις (ἁλίσκομαι stammformen - werde gefangen) - Einnahme, Eroberung | εὑρίσκω stammformen + AcP - finde heraus, komme zu dem Ergebnis, dass | ἐοῦσαν = οὖσαν | ἡ ἔχθρα - Streit, Feindschaft, Konflikt; τὴν ἀρχὴν τῆς ἔχθρης - die Ausgangsfrage Herodots (δι' ἣν αἰτίην ἐπολέμησαν ἀλλήλοισι) hat damit (aus persischer Sicht) eine erste Antwort gefunden | ὁμολογέω τινί (Dat.comit.) - bin einer Meinung mit jdm. | ἁρπαγῇ - Dativobj. zu  χρησαμένους | μίσγω = μείγνυμι stammformen - mische, Med.: μείγνυμαί τινι (Dat.comit.) - verbinde mich mit jdm., lasse mich mit jdm. (sexuell) ein | ὁ ναύκληρος - Schiffseigner, Kapitän | τῆς νεός = τῆς νεώς | μανθάνω stammformen + Part. - bemerke, dass | ἔγκυος, ον = ἐγκύμων, ον - schwanger | αἰδέομαί τινα stammformen - schäme mich vor jdm. | ὁ τοκεύς, έως (τίκτω) - Erzeuger, Vater; Pl.: οἱ τοκεῖς - Eltern | ἐθελοντήν - Adv. zu ἐθελοντής, οῦ (ἐθέλω) - freiwillig | συνεκπλέω τινι stammformen - fahre zusammen mit jdm. weg (Dat.comit.) | ὡς ἂν μή ἄν... Finalsatz mit ἄν ist bei Herodot nicht ungewöhnlich | κατάδηλος, ον - ganz offenbar, sc. <ἔγκυος ἐοῦσα>;  κατάδηλος γίγνομαι + Part - es stellt sich heraus, dass ich
  1. Wie definieren die Perser den Unterschied zwischen Europa und Asien? Beachten Sie dabei, dass man Europa als geographischen, als politischen oder als kulturellen Begriff fassen kann.
     
    • Für die Perser fällt Asien als geographische Einheit und als  ihr politisches Einflussgebiet zusammen (τὴν γὰρ Ἀσίην καὶ τὰ ἐνοικέοντα ἔθνεα βάρβαρα οἰκηιοῦνται οἱ Πέρσαι, τὴν δὲ Εὐρώπην καὶ τὸ  Ἑλληνικὸν ἥγηνται κεχωρίσθαι). Die geographische Lage legitimiert sowohl ihren eigenen Machtanspruch als auch die Autonomie der Griechen. Der Trojanische Krieg ist für sie somit der eigentliche Beginn des Ost-West-Konflikts.
    • Als Diskussionsbeitrag zum Kulturbegriff "Europa" (Richard Schröder, Europa - was ist das?, in: FAZ, 14.08.2001, Nr. 187 / S. 7): 
      • Die Staaten, die sich in den europäischen und atlantischen Vereinigungen zusammengeschlossen haben, verlangen voneinander die Anerkennung der Menschenrechte, des Rechtsstaats, der Demokratie und der wettbewerbsorientierten, aber antimonopolistischen Marktwirtschaft.
      • Hekataios (6. Jahrhundert vor Christus) kennt in seiner Erdbeschreibung nur zwei Erdteile, Europa und Asien. Die Grenze bilden das Ägäische Meer, das Marmarameer, das Schwarze Meer, der Don.
      • Aber mindestens seit Herodot ist Europa ein Kulturbegriff. Und so bleibt es. Wo Europa mehr ist als ein Name auf Karten, ist es ein Kulturbegriff. ...
      • Für Herodot also sind Europa und Asien nicht nur zwei Erdteile, sondern zugleich zwei Welten. Asien, das ist das Perserreich, gigantisch in seiner Ausdehnung, seinen menschlichen und technischen Ressourcen. Xerxes baut eine Schiffsbrücke über den Hellespont und lässt eine Menschenkette bis nach Susa auf Rufweite aufstellen, um seine Siege zu melden. Trotzdem nennen die Griechen sie Barbaren, weil sie nicht frei sind. Die Perser sind nicht Bürger (politai, πολῖται), sondern Untertanen. Und dass dieses kleine, aber freie Volk den Angriff des asiatischen Riesen abgewehrt hat, hat sich in das Gedächtnis Europas eingeprägt. Die vorderasiatischen Sprachen haben kein Äquivalent für das griechische Wort eleutheria (ία), Freiheit.
  2. Im Zuge der europäischen Integration ist Europa wieder auf der Suche nach einer klar definierbaren Identität. Geben Sie Merkmale (eines Kulturbegriffs) an, die bei einer solchen Identitätsbestimmung Ihres Erachtens nicht fehlen sollten! 
     Als Diskussionsgrundlage hier einige Thesen von Max Weber, zitiert nach Richard Schröder, Europa - was ist das?, in: FAZ, 14.08.2001, Nr. 187 / S. 7
    • "Nur im Okzident gibt es ,Wissenschaft' in dem Entwicklungsstadium, welches wir heute als ,gültig' anerkennen", nämlich mathematisch fundiert, rational beweisend und methodisch experimentierend. Einzelne Elemente gibt es hier und da, nirgends aber diese Konstellation.
    • Der hochentwickelten chinesischen Geschichtsschreibung fehlt das thukydideische Pragma." Das heißt, Annalen, Jahrbücher, gibt es vielerorts, nicht aber die Fragestellung des Thukydides: Wie kam es zum Peloponnesischen Krieg, wie verlief er, und was war das Resultat?
    • Aller "asiatischen Staatslehre fehlen eine der aristotelischen gleichartige Systematik und die rationalen Begriffe überhaupt". Das heißt, die politische Theorie des Aristoteles bietet Alternativen und beschreibt Vor- und Nachteile verschiedener Staatsformen, statt die eine richtige hymnisch zu loben.
    • Das römische und das kanonische Recht sind mit ihrer Ausprägung der "streng juristischen Schemata und Denkformen" eine Eigentümlichkeit des Abendlandes. Dies ist die römische Kulturleistung, die über die der Griechen hinausgeht: die Rechtswissenschaft, von Fachjuristen gepflegt. ...
    • Zur Kunst: Nur die europäische Musik hat Kontrapunktik, Akkordharmonik, die Orchesterorganisation und eine Notation, die Komponieren im großen Stil ermöglicht. Das gotische Gewölbe als Mittel der Schubverteilung und zur Überwölbung beliebiger Räume, die Linear- und Luftperspektive in der Malerei haben keine Parallele.
    • Die Universität als rationaler und systematischer Fachbetrieb der Wissenschaft und das daraus resultierende "Fachmenschentum"....
    • Der Fachbeamte als Träger der wichtigsten Alltagsfunktionen des sozialen Lebens. Das beruht auf dem römischen Gedanken des Amtes (ministerium).
    • Der Staat im Sinne einer politischen Anstalt, mit rational gesetzter Verfassung und Recht.
    • Der Kapitalismus als "der auf Erwartung von Gewinn durch Ausnützung von Tausch-Chancen", also auf formell friedlichen Erwerbschancen ruhender, durch Organisation von formell freier Arbeit und auf der Grundlage von Kapitalrechnung in Geld sich vollziehender Wirtschaftsakt, dem die Trennung von Haushalt und Betrieb zugrunde liegt.
    • Und dann eben auch der rationale Sozialismus. Da der Begriff des Bürgers überall außer im Okzident und der der Bourgeoisie überall außer im modernen Okzident fehlt, konnte auch hier nur der Begriff der Klasse und damit der des Proletariats gebildet werden. 
  3. Wie wird der Krieg um Troja in Sage und Mythologie üblicherweise dargestellt?
    1. Wie stellt Herodot sie in seinem Bericht der persischen Erklärung des Ost-West-Konfliktes dar?
    2. Haben sich Herodot oder die Perser ähnliche Gedanken gemacht, wie ein kritischer Zeitgenosse mit der Bemerkung: "Es gibt durchaus Hinweise darauf, dass die von Homer beschriebene Konstellation eines Krieges der Mykener gegen Troia so nicht stattgefunden haben kann. Durch den Einfall der Dorer im 12. vorchristlichen Jahrhundert hätten die mykenischen Fürsten eigentlich andere Sorgen haben müssen, als den Raub der schönen Helena zu rächen." (Hans P. Trötscher; F.A.Z.-Archiv)?
      • Die sagenhaften Ausmalungen spielen weder bei Herodot noch bei den Persern eine Rolle. Beide Darstellungen sind insofern reduktionistisch: Von allem Fiktiven wird auf das für den Argumentationszusammenhang Notwendige abstrahiert. Der Mythos erscheint als Geschichte.
      • Weder Herodot noch die Perser ziehen die Historizität des Krieges in Zweifel: Der Trojanische Krieg hat stattgefunden und hatte tiefgreifende Folgen für die späteren Ost-West-Beziehungen. Was dem heutigen Kritiker Anlass zum Zweifel am Krieg gibt, gibt den Persern nur Anlass, an der Vernunft der Griechen zu zweifeln. Er kann sich nicht vorstellen, dass die Griechen so unvernünftig waren, wie die Perser annehmen. 

2. Berufung auf eigenes Wissen 

(1,5,3) Haec sunt igitur, quae partim a Persis, partim a Phoenicibus memorantur. Ego vero, utrum tali modo haec gesta sint, an alio, non adgredior disceptare: sed, quem ipse novi primum fuisse iniuriarum Graecis illatarum auctorem, hunc ubi indicavero, tunc ad reliqua exponenda progrediar, perinde et parvarum civitatum et magnarum res persecuturus. (4) Etenim quae olim fuerunt magnae, earum plurimae parvae factae sunt; et quae nostra memoria magnae fuere, eaedem prius exiguae fuerant. Itaque bene gnarus humanam felicitatem nequaquam in eodem fastigio manere, peinde utrarumque faciam mentionem. zu den Anmerkungen(1,5,3) Ταῦτα μέν νυν Πέρσαι τε καὶ Φοίνικες λέγουσι. Ἐγὼ δὲ περὶ μὲν τούτων οὐκ ἔρχομαι ἐρέων, ὡς οὕτως ἢ ἄλλως κως ταῦτα ἐγένετο, τὸν δὲ οἶδα αὐτὸς πρῶτον ὑπάρξαντα ἀδίκων ἔργων ἐς τοὺς Ἕλληνας, τοῦτον σημήνας προβήσομαι ἐς τὸ πρόσω τοῦ λόγου, ὁμοίως μικρὰ καὶ μεγάλα ἄστεα ἀνθρώπων ἐπεξιών. (4) Τὰ γὰρ τὸ πάλαι μεγάλα ἦν, τὰ πολλὰ αὐτῶν σμικρὰ γέγονε· τὰ δὲ ἐπ' ἐμέο ἦν μεγάλα, πρότερον ἦν σμικρά. Τὴν ἀνθρωπηίην ὦν ἐπιστάμενος εὐδαιμονίην οὐδαμὰ ἐν τὠυτῷ μένουσαν, ἐπιμνήσομαι ἀμφοτέρων ὁμοίως. Dies nun erzählen Perser und Phönizier: Ich aber gedenke mich darüber nicht auszulassen, dass es sich so oder auf irgend eine andere Weise zugetragen habe. Denjenigen aber, von dem ich weiß, dass er zuerst Unrecht den Hellenen zugefügt, will ich angeben und dann weiter in der Erzählung fortschreiten, in der ich auf gleiche Weise von kleinen wie von großen Städten der Menschen berichten werde; denn viele von ihnen, die vor Alters groß waren, sind klein geworden, die aber zu meiner Zeit groß waren, waren vorher klein; da ich nun weiß, dass menschliches Glück nie auf demselben Stand verbleibt, will ich beider auf gleiche Weise gedenken.  (J.Chr.F.Bähr)
zurück zum Text ἔρχομαι ἐρέων (ἔρχομαι stammformen + Part.Fut.) ich schicke mich an (maße mich an), zu... | ἐρέων - unkontrah. Part.Fut. v. ἀγορεύω stammformen | κως = πως | τὸν δὲ οἶδα... - relativ zu τοῦτον | ὑπάρχω τινός - fange mit etwas an | σημαίνω - zeige an, bringe zur Kenntnis | προβαίνω stammformen - schreite vorwärts | πρόσω = πόρρω - vorwärts, weiter | ἐς τὸ πρόσω τοῦ λόγου προβαίνω - ich fahre mit der Erzählung weiter | τὸ ἄστυ, εως - Stadt | ἐπέξειμι (ἰέναι) - gegen jdn. ausrücken, (der Reihe nach) bereisen | τὰ γὰρ τὸ πάλαι... relat. zu τὰ πολλὰ αὐτῶν | τὰ πολλὰ αὐτῶν - der größte Teil davon (Gen.part.) | γέγονα - Pf. zu γίγνομαι stammformen | τὰ δὲ ἐπ' ἐμέο - relativ zu <ταῦτα> πρότερον ἦν σμικρά (ἐπ’ ἐμοῦ - zu meiner Zeit) | ἐπίσταμαι + AcP - weiss, dass | οὐδαμά  - nirgends, niemals, keinesfalls | ἐν ταὐτῷ μένειν - unverändert bleiben | ἐπιμιμνῄσκομαί τινος stammformen - erinnere mich an etw. erwähne etw.
  1. Zwei Formulierungen dieses Textabschnittes erinnern an den Eingang der Odyssee: Vs.3:  πολλῶν δ' ἀνθρώπων ἴδεν ἄστεα καὶ νόον ἔγνω und Vs. 10: τῶν ἁμόθεν γε, θεά, θύγατερ Διός, εἰπὲ καὶ ἡμῖν. Handelt es sich hierbei um unbedeutende Zufälligkeiten oder um bewusste Bezugnahme?
    • Odysseus ist wie Herodot, ein "Weltreisender", mit dem wissbegierigen und unersättlichen Blick für die Andersartigkeit fremder Völker und Städte; auch dort die Begegnung des spezifisch Griechischen mit dem barbarisch Fremden (Kyklopen); auch dort gibt es Konflikte,  schuldiges, törichtes und kluges Verhalten. Gleichwohl kennzeichnet Herodots geradezu gesetzmäßig formulierter Gedanke vom Umschwung des Großen zum Kleinen und umgekehrt nur sein Geschichtsbild und ist dem Epos so fremd. 
    • Der Anfangspunkt der Erzählung ist in Homers Odyssee (zumindest als poetische Fiktion) der Muse überlassen. Sie entscheidet nicht nur über das Was und Wie, sondern auch über das Von wo ihrer Erzählung. Herodot aber schreibt ἱστορίης ἀπόδεξις, wobei ἱστορίη gleich in ihrem doppelten Sinn expliziert wird: einmal das, was ihm Perser und andere erzählt haben (ταῦτα μέν νυν Πέρσαι τε καὶ Φοίνικες λέγουσι), das sich, wenn es, wie hier, widersprüchlich sein sollte, auch in den wenigsten Fällen zur Evidenz zu bringen ist (περὶ μὲν τούτων οὐκ ἔρχομαι ἐρέων, ὡς οὕτως ἢ ἄλλως κως ταῦτα ἐγένετο), und zum anderen das überlegene eigene Wissen (τὸν δὲ οἶδα αὐτὸς). 
  2. Beschreiben Sie, wie Herodot nach dem, was er in dem letzten Absatz zu erkennen gibt, die von ihm gesammelten Informationen verwertet und in Bezug zu seinem eigenen Wissen setzt.  
    • Er berichtet die im Ausland gesammelten Auskünfte (Chronistenpflicht);  
    • Er setzt sie untereinander in Bezug (Perser - Phönizier: Verträglichkeitskontrolle) und baut sie gezielt in seinen Argumentationszusammenhang ein;
    • Er setzt gegen die fremden Berichte die Überlegenheit seines eigenen Wissens. 
    • Vergleichen Sie damit Herodots Auffassung vom pflichtgemäßen Umgang mit den von ihm gesammelten Informationen, die er Herod.7,152,3 folgendermaßen formuliert: Ἐγὼ δὲ ὀφείλω λέγειν τὰ λεγόμενα, πείθεσθαί γε μὲν οὐ παντάπασιν ὀφείλω, καί μοι τοῦτο τὸ ἔπος ἐχέτω ἐς πάντα λόγον.
      Herodot sieht sich verpflichtet, sein Quellenmaterial zur Kenntnis zu bringen, ihm aber nicht auf jeden Fall zuzustimmen (Vorbehalt). Zusätzlich dürfte er wohl bessere Kenntnisse mitteilen, wenn ihm welche verfügbar ist.
  3. Versuchen Sie aufgrund dessen, was Herodot zur ἀνθρωπεία εὐδαιμονία äußert, auf sein Menschenbild zurückzuschließen!
    • Der wichtigste Satz lautet: ἡ ἀνθρωπηίη εὐδαιμονίη οὐδαμὰ ἐν τὠυτῷ μένει. Alles Menschliche unterliegt einem ständigen Wandel. Die Versuchung, sich im Glück einzunisten und sich dabei für unangreifbar zu halten, ist ein fataler Irrtum. Dieser Versuchung zu erliegen heißt, seine menschliche Natur zu verkennen und sich gottgleich zu dünken. Es widerspricht dem urgriechischen, besonders aber delphischen γνῶθι σαυτόν, ist somit als Mangel an σωφροσὑνη, als Torheit (ἀβουλία) und Frevel (ὕβρις) zugleich zu qualifizieren. Beides aber kommt vor dem Fall.
    • Offenbar hat uns Herodot damit ein wesentliches Prinzip dafür genannt, wie er geschichtlichen Wandel verstanden wissen will. Die genaueren Gesetzmäßigkeiten kennen wir noch nicht, wir wissen aber, dass er 
      • der menschlichen Natur gemäß ist, 
      • aber in seinem konkreten Verlauf nicht als ein unausweichliches Verhängnis, sondern abhängig von der Einsichtsfähigkeit des Menschen zu sehen ist.

 

Sententiae excerptae:
w38
Literatur:

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