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 Herodot

Herodot und sein Werk

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  1. Die Aufgabenstellung: Ciceros Schlagwort von Herodot als "pater historiae" hat zu Fehldeutungen verführt:
    1. Man misst ihn an (Thukydides oder) dem modernen wissenschaftlichen Begriff von Historie. Aber mit der Feststellung dessen, was er "noch nicht" war, wird man dem, was er war, nicht gerecht. 
    2. Man betont seine Anfangsstellung und sieht nicht, dass er auch ein Abschluss ist.
    Herodots Platz ist in Wahrheit ein "Platz der Wende". Ihn gilt es zu bestimmen. 
  2. Lösungsansätze:
    1. Historische Lösungsansätze zur Bestimmung des "geometrischen Ortes" von Herodot:
      1. Der "hohe Sinn" (die religiöse Idee), von dem her alles Menschliche verstanden werden muss (Fr. Creutzer);
      2. Herodot als Objekt der historistischen Geschichtsschreibung und Gelehrsamkeit: 
        1. Nutzung als Datenquelle; 
        2. Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte des Werkes.
        3. Pionier und Repräsentant der "Oral History"
    2. Der Übergang der kulturellen Führerschaft von den "Ioniern" auf das Mutterland (Athen) bestimmt den geometrischen Ort der herodoteischen Geschichtsauffassung: Die Ionier sind vom 8. bis 6. Jh. die Träger der wirtschaftlich-zivilisatorischen und kulturellen Entwicklung. Die Nähe zum Orient macht sie wissbegierig, offen für Fremdes und Neues (Kolonisation). 
      1. Neben der Weiterentwicklung des Epos (Kunstform und Menschenbild): Neuentwicklung zweier Literaturformen: 
        1. Lyrik (Mensch als fühlendes und wollendes Einzelwesen): Iambos und Elegie. 
        2. Prosa als Kunstform der  "rationalen" und "kritischen" ἱστορίη und Aitiologie, die gegen traditionelle Bindungen durch Religion und Konvention angeht. Sie erscheint von Anfang an differenziert:
          • Naturphilosophie (Thales, Anaximander, Anaximenes),
          • Genealogie, Erd- und Völkerkunde (Hekataios),
          • medizinische Logoi (Hippokrates),
          • Novelle (Kurzerzählung)
          • Chronika
      2. Die Eroberung Ioniens durch die Perser (Ionischer Aufstand, Einnahme von Milet) beschleunigt den Übergang der kulturellen Führungsrolle an Athen. Athen übernimmt das Erbe nicht nur, sondern bereichert seine Weiterentwicklung.
  3. Analyse a) der konstitutiven Formelemente und Gedankenmotive des herodoteischen Werkes und b) ihrer inneren und äußeren Ordnungsprinzipien:
    1. Übernommene konstitutive Formelemente und Gedankenmotive
      1. Sprache und Stil: 
        1. Wortwahl: Mischung verschiedener Elemente (Kunstsprache): einfaches Ionisch, attische Elemente, homerische Diktion, sophistische Bildungen,...
        2. Wortverbindung: Überwindung der einfachen Reihung zu bereits innerlich gespanntem, aber noch eckigem Satzbau (zwei Schlusssätze als Beispiele; 7,225; 1,45)
      2. Gattungsformen der ionischen Prosaliteratur, die (außer der Genealogie) von Herodot aufgenommen, miteinander verbunden und zugleich weiterentwickelt werden.
        1. Genealogien des Hekataios. Heroenstammbäume und die damit verbundenen Sagen. Kritische Fortsetzung epischer Vorläufer (Hesiod) in Prosa. Daran knüpft Herodot bewusst nicht an. Seine Anfänge liegen nur wenige Generationen vor seiner Zeit (mündliche Überlieferung).
        2. Geographisch-ethnographische Logoi: 
          • Perihegesis (Küstenfahrten mit Vorstößen ins Landesinnere). 
            • Die γῆς περίοδος  von Hekataios bildet um 500 v.Chr. den Prototyp der Perihegesis, ἱστορίη und φυσική.
          • Horos: einfachste Stadtchronik, die sich, als sie literarisch wird, mit novellistischen Zügen anreichert:
            • Charon von Lampsakos 
          • Land- und Volkskunde (verselbständigt sich aus der Perihegesis: Historisches im Rahmen einer Königsgeschichte vermischt mit landeskundlichem und ethnographischem Material in chronologischer Folge)
            • Persika (Dionysios von Milet)
            • Lydiaka (Xanthos von Sardeis)
        3. Ionische Novelle: Fremdartige aber überraschende "Neuheit", gebunden an eine große Persönlichkeit. Tendenz zur Entmythologisierung, (Rationalisierung, Humanisierung, Hellenisierung). Sprachstil: einfach, schmucklos kurz, pointiertes Gespräch. 
    2. Weiterentwicklungen der von Herodot übernommenen Strukturelemente:
      1. Geographisch-ethnographischer Exkurs
        1. Herodots primäres Interesse für Kult und Religion;
        2. Absehen von spekulativen und konstruktiven Elementen der ionischen Naturphilosophie, Mathematik und Astronomie; Empirie statt Spekulation; Skepsis statt Hypothese;  
        3. Ausrichtung auf glaubhafte Kunde (Empirie) macht ihn zum Wegbereiter der politischen Historiographie des Thukydides:  Mensch statt Dinge, Staat statt Natur; Politik statt Physik; 
        4. Primäres historisches Interesse: innere Erweiterung der Ethnographie durch die Dimension der Geschichte, die zum Hauptzweck wird.
        5. Kompositionsprinzip: Geographisch-ethnographische Exkurse werden immer dann eingeschaltet, wenn die jeweiligen Völker mit dem Expansionsdrang der vier Perserkönige Kyros, Kambyses, Dareios und Xerxes in Berührung kommen. Aus diesem Grund finden Exkurse zum Westen in Herodots Werk keinen Platz. 
      2. Novelle: Sie tritt nicht (wie vor Herodot) ausschließlich als Einzelnovelle auf [z.B. Thrasybulos, 1,20-22; Pittakos und Kroisos, 1,27], sondern als kompositionell aufeinander bezogenen Novellenkränze: Die "Gyges"-Novelle ist z.B. konstitutiv für die Novellen um Kroisos und den gesamten "Lydikos Logos". 
      3. Die Länder- und Völkergeschichte ist am stärksten erweitert:  Das Gesamtwerk Herodots ist im Grunde nichts anderes als ein Περσικὸς λόγος, der entsprechend dem Expansionsdrang der Perserkönige zu einer universalen Länder- und Völkergeschichte wird. 
    3. Neue Strukturelemente im Werk Herodots
      1. Die Reden: Reden mit kompositioneller Sonderstellung hat Herodot in die Geschichtsschreibung eingeführt. Vorbild kann Homer gewesen sein. Sie sind ein dichterisches (dramatisches) Element und bereichern den darstellenden Bericht, um allgemeinere oder persönlichere Gedanken und Stimmungen des Autors und seiner Personen aufnehmen. Zwei Typen:
        1. Der episch-erzählende Typos (des αἶνος), Ihr Kern ist das paränetische Exempel (ethisch religiöser Färbung).
          • Hom.Il.7: Nestor ruft  zum Kampf auf und "erzählt" (par-ainetisch) von seinen eigenen Taten.
          • Hom.Il.9: Um auf Achilleus einzuwirken, "erzählt" Phoinix sein eigenes Schicksal und das des Meleagros.
          • Hdt.5,92: Rede des Korinthers Sosikles an die Spartaner
          • Hdt.6,86: Rede des Spartanerkönigs Leutychides an die Athener: Beispiel des Spartaners Glaukos, dessen ganzes Geschlecht unterging, weil er daran dachte, ein anvertrautes Gut nicht zurückzuerstatten.
        2. Der politisch-agonistische Typ der Debattenrede
          • Hdt.8,140-144: Eine Redeszene, die in ihrer Konstellation als Vorstufe zu Thukydides gelten kann (Unterschied: a) ideal-ethische Einfärbung (Herodot ist ὴθικός) statt brutale politische Wirklichkeit (Thukydides ist πολιτικός); b) kollektives Auftreten der spartanischen und athenischen Redner).
      2. Die Gespräche: Gespräche wurden von Herodot (nach dem Vorbild des Epos) in die Geschichtsschreibung eingeführt und blieben weitgehend ohne Nachfolge (Der "Melierdialog" des Thuk. ist andersartig). Die Wichtigkeit der Gespräche für Herodot ergibt sich aus:
        • ihrer großen Ausdehnung,
        • ihrer sorgfältigen Ausarbeitung,
        • ihrer allgemeinen Gedankentiefe,
        • ihrer zentralen Kompositionsstelle.
        Beispiele:
        1. Hdt.7,44  ff.: Xerxes - Artabanos: unmittelbar bevor Xerxes den Hellespont überquert (Gespräch über die Sinnhaftigkeit des Unternehmens);
        2. Hdt.7,101-104: Demaretos - Xerxes: Zwischen der Darstellung der persischen Macht und vor den Thermopylen und Kap Artemision (Gespräch darüber, ob es die Griechen überhaupt wagen, gegen die überlegene Streitmacht der Perser anzutreten)
        3. Hdt.7,209: Demaretos - Xerxes: unmittelbar vor den Thermopylen (Gespräch darüber, was die gymnastischen und kosmetischen Vorbereitungen der Spartaner auf den Kampf zu bedeuten hätten.)
        4. Hdt.7,234: Demaretos - Xerxes: Neuplanung unmittelbar nach den Thermopylen (Demaretos rät Xerxes, Kythera zu besetzen, unterliegt aber dem Einspruch des Achaimenes). 
        5. Hdt.8,65: Demaretos - Dikaios: unmittelbar vor Salamis (Gespräch über ein göttliches Zeichen von Eleusis her).
      3. Die bekenntnishaften Stellungnahmen (γνώμην ἀποδέξασθαι, 7,139).
        Gemeint sind nicht die vielen vereinzelten Stellungnahmen zur Glaubwürdigkeit einzelner Quellen oder der sachlichen Richtigkeit von Fakten, sondern das emphatische Bekenntnis (Parteiergreifen) in einer wichtigen Sache. [Die Emphase betrifft das Ethos der Sache, nicht (wie bei Hekataios) die Person des Autors.]. 
        Beispiele: 
        1. Hdt.7,152: Das Verhalten der Argiver im Krieg;
        2. Hdt.6,121 ff.: Verteidigung der Alkmaioniden gegen den Vorwurf des Verrates;
        3. Hdt.7,214: Bloßstellung des Ephialtes als Verräter bei den Thermopylen.
        4. Hdt.7,139: Bewunderndes Urteil über die Leistung der Athener: Sie sind die Retter Griechenlands. [Den Versuch, daraus eine proathenische Tendenz seiner Schriftstellerei ableiten, muss man abweisen: Herodot hat kein geschlossenes politisches Weltbild.]
  4. Analyse der leitenden Ideen: 
    1. Leitmotive: Sie verbinden a) ursprünglich disparate Einzelgeschichten durch homogene Sinngebung (Reflexion) zu einem einheitlichen Komplex und ordnen (ohne jeden Schematismus) b) solche Komplexe in die Struktur des Gesamtwerkes ein:
      1. Das national-ethische Motiv vom Gegensatz Hellenen - Barbaren, Asien - Europa, Despotie - Freiheit: 
        1. die durch πενίη bedingte Verpflichtung der Griechen (Spartaner) auf ἀρετή, ἐλευθερίη und den νόμος ἰσχυρός (Sieg oder Tod) im Gegensatz zu πλοῦτος, πλῆθος, δεσποσύνη der Perser
        2. die uralte (mythisch begründete) Erbfeindschaft zwischen Ost und West aufgrund einer ἀδικίη als Ursache (αἰτίη). 
          Herodot fragt nach der ἀρχὴ τῆς ἔχθρης und verkettet die Ereignisse nach dem Gerechtigkeitsprinzip von Schlag und Gegenschlag ἀδικίη und τίσις):
          • er referiert (Hdt.1,1) persische Quellen, die eine Kette von Entführung mythischer Frauen als Erklärung zugrunde legen:  Phönizier (Io) - Kreter (Europa); Griechen (Medea) - Trojaner (Helena); Griechen (Trojanischer Krieg - Perserkrieg). Den Argumentationswert dieser mythischen Kette weist Herodot zurück.
          • Der, von dem er "weiß", dass er als erster mit dem Unrecht begonnen hat, ist Kroisos. Mit ihm setzt die historische Verkettung ein, wie er sie sieht: lydisch- persische Unterwerfung Ioniens - ionischer Aufstand; athenisch-eritreische Hilfeleistung - großer Perserkrieg.
      2. Das religiös-metaphysische Motiv vom Gegensatz Mensch - Gott. Die Einsicht in das allgemein Menschliche verhindert dass er den Feind verachtet und für das Eigene (Ionien, Athen, Griechenland) enthusiastisch wird.
        1. τὸ θεῖον πᾶν φθονερὸν καὶ ταραχῶδες, 1,32,1
        2. ὁ θεὸς φθονερὸς εὑρίσκεται ἐών, 7,46
        3. μάθε, ὅτι αἱ συμφοραὶ τῶν ἀνθρώπων ἄρχουσι καὶ οὐκὶ ὥνθρωποι τῶν συμφορέων - Merke wohl, dass die Zufälle über die Menschen gebieten und nicht die Menschen über die Zufälle (Artabanos zu Xerxes) Hdt.7,49
        4. εὐπρηξίης οὐκ ἔστι ἀνθρώποισι οὐδεμία πληθώρη - im Glück kennt der Mensch keine Sättigung (Artabanos zu Xerxes) Hdt.7,49
        5. ἡ ἀνθρωπηίη εὐδαιμονίη οὐδαμὰ ἐν τὠυτῷ μένει, 5,4
        6. πᾶν ἐστι ἄνθρωπος συμφορή, 1,32,4
        7. αἱ συμφοραὶ τῶν ἀνθρώπων ἄρχουσι καὶ οὐκὶ ὥνθρωποι τῶν συμφορέων, 7,49
        8. κύκλος τῶν ἀνθρωπηίων ἐστὶ πρηγμάτων, περιφερόμενος δὲ οὐκ ἐᾷ αἰεὶ τοὺς αὐτοὺς εὐτυχέειν, 207,2
        9. χρῆν γὰρ Κανδαύλῃ γενέσθαι κακῶς, 1,8
        10. Konsequenzen für das menschliche Verhalten:
          1. Die Konsequenz, die der Mensch daraus für sein Handeln zu ziehen hat, ist besonnene Risikokalkulation (εὐβουλία); so formuliert
            1. ebenfalls Artabanos gegenüber Xerxes: Ἀνὴρ δὲ οὕτω ἂν εἴη ἄριστος, εἰ βουλευόμενος μὲν ἀρρωδέοι, πᾶν ἐπιλεγόμενος πείσεσθαι χρῆμα, ἐν δὲ τῷ ἔργῳ θρασὺς εἴη - Der wird aber der tüchtigste Mann sein, der bei der Beratung ängstlich ist und jeden Fall, der eintreten kann, erwägt, bei der Ausführung aber allen Mut zeigt. Herod.7,49
            2. oder Themistokles vor Salamis gegenüber Eurybiades: οἰκότα μέν νυν βουλευομένοισι ἀνθρώποισι ὡς τὸ ἐπίπαν ἐθέλει γίνεσθαι· μὴ δὲ οἰκότα βουλευομένοισι οὐκ ἐθέλει οὐδὲ ὁ θεὸς προσχωρέειν πρὸς τὰς ἀνθρωπηίας γνώμας - Den Menschen nun, die einen vernünftigen Ratschluss fassen, pflegte er gewöhnlich zu glücken; wo sie aber keinen vernünftigen Ratschluss fassen, da pflegt auch nicht einmal die Gottheit der menschlichen Einsicht Beistand zu verleihen. Herod.8,60c
          2. Im Gegensatz zu dem wohlberaten Handelnden, wird der, der seine prinzipielle Gefährdung nicht wahrnimmt, Besonnenheit als Furcht beschimpft, dem Wagemut das Wort redet und daher seine Möglichkeiten überschätzt, scheitern:
            1. Diese Position vertritt Xerxes gegenüber dem "Warner" Artabanos bei Abydos. Z.B.: Εἰ γὰρ δὴ βούλοιο ἐπὶ τῷ αἰεὶ ἐπεσφερομένῳ πρήγματι τὸ πᾶν ὁμοίως ἐπιλέγεσθαι, ποιήσειας ἂν οὐδαμὰ οὐδέν· κρέσσον δὲ πάντα θαρσέοντα ἥμισυ τῶν δεινῶν πάσχειν μᾶλλον ἢ πᾶν χρῆμα προδειμαίνοντα μηδαμὰ μηδὲν ποιέειν. - würdest du nie etwas zu Stande bringen: es ist aber besser, guten Mutes bei jeder Sache lieber die Hälfte der Gefahren zu ertragen, als aus einem Vorgefühl von Furcht bei jeder Sache gar nichts zu ertragen. Herod.7,50
    2. Beispiele:
      1. Solon - Kroisos
        1. Herodot verbindet  ursprünglich getrennte Geschichten unter beiden Leitmotiven zu einem einheitlichen Komplex:
          • Tellos (Umkreis der Sieben Weisen);
          • Kleobis und Biton (delphische Frömmigkeit); [innere Bezüge zur Unterredung des Xerxes mit Artabanos bei Abydos, Hdt.7,44]
          • theoretisches Räsonnement über die Unbeständigkeit des Menschlichen;   
          • der Kroisossohn Atys und Adrestos;
        2. Einbindung in das Ganze:  Zusammenhang nach vorn mit Gyges - Kandaules, nach hinten mit dem Λυδικὸς λόγος.
      2. Hdt.9,16: Gespräch des Persers unmittelbar vor der Schlacht bei Plataiai mit dem Orchomenier Thersandros beim Gastmahl des Attaginos: Der Perser hat die richtige Einsicht in die unausweichliche Vergänglichkeit des Menschlichen, diese Einsicht kommt aber unter dem Zwang der Despotie nicht zur Geltung (᾿Εχθίστη δὲ ὀδύνη ἐστὶ τῶν ἐν ἀνθρώποισι αὕτη, πολλὰ φρονέοντα μηδενὸς κρατέειν.). 
      3. Ebenso die bereits genannten anderen Beispiele: 
        1. Hdt.8,65: Demaretos - Dikaios: unmittelbar vor Salamis: Die eleusinischen Götter kämpfen auf Seiten der Griechen.
        2. Hdt.7,101-104: Demaretos - Xerxes: zwischen der Darstellung der persischen Macht und vor den Thermopylen und Kap Artemision
        3. Hdt.7,44  ff.: Xerxes - Artabanos: unmittelbar bevor Xerxes den Hellespont überquert
      4. Hdt.7,209: Demaretos - Xerxes: unmittelbar vor den Thermopylen: Ausweitung des nationalethischen Aspekts
        Spartaner (Griechen) Perser
        πλοῦτος, πλῆθος, δεσποσύνη πενίη, ἀρετή, ἐλευθερίη, νόμος ἰσχυρός
      5. Hdt.1,207: Kroisos warnt Kyros vor seinem Zug gegen die Massageten vor dem Wandel alles Menschlichen (dem κύκλος τῶν ἀνθρωπηίων πρηγμάτων). Er beruft sich auf seine παθήματα, die ihm μαθήματα geworden sind.
      6. Hdt.7,44  ff.: Xerxes - Artabanos: Angesichts der Heeresmassen unmittelbar vor der Überquerung des Hellesponts preist Xerxes sich glücklich und bricht dann sofort in Tränen aus (ἐνθαῦτα ὁ Ξέρξης ἑωυτὸν ἐμακάρισε, μετὰ δὲ τοῦτο ἐδάκρυσε), weil ihn der Gedanke an die Kürze des Lebens bedrängt. Sein Onkel Artabanos verschärft den Pessimismus durch das Motiv der Sehnsucht nach dem Tod als Zuflucht vor dem Leid. Seine Warnung zielt auf den 
        • θεὸς φθονερός, 7,46
        • auf die den Menschen beherrschenden συμφοραί, 7,49
        • auf die Versuchung der Maßlosigkeit: ἀνθρώποισι οὐδεμία πληθώρη, 7,49
        Xerxes verweist in seiner Erwiderung
        • allgemein auf die Notwendigkeit des riskanten Handelns, der sich der Mensch grundsätzlich nicht entziehen könne. Nur wer wagt, gewinnt (7,50: Τοῖσι τοίνυν βουλομένοισι ποιέειν ὡς τὸ ἐπίπαν φιλέει γίνεσθαι τὰ κέρδεα, τοῖσι δὲ ἐπιλεγομένοισί τε πάντα καὶ ὀκνέουσι οὐ μάλα ἐθέλει.), und
        • auf die Tradition des Perserreiches, das seinen Erfolg diesem riskanten Handeln verdanke (7,50: μεγάλα γὰρ πρήγματα μεγάλοισι κινδύνοισι ἐθέλει καταιρέεσθαι).
      7. Der Kronrat der Perser: Obwohl Herodot die politischen Gründe für den Xerxeskrieg kennt (Rache für Marathon, Strafe für die Unterstützung im Ionischen Aufstand, Treiben der Peisistratiden) sucht Herodot die letzten Motive nicht im politischen Bereich, sondern im allgemein Menschlichen. Wie Homer das Geschehen mit einer Götterversammlung einleitet und Aischylos und Phrynichos mit einer Versammlung, lässt auch Herodot den persischen Kronrat tagen.
        1. Stufe:
          1. Xerxes teilt seinen Kriegsplan mit und begründet ihn aus
            1. aus der Tradition (οὐδαμά κω ἠτρεμίσαμεν, 7,8)
            2. aus dem göttlichen Willen (θεός τε οὕτω ἄγει... 7,8)
            3. politischen und Nützlichkeitsmotiven (...καὶ αὐτοῖσι ἡμῖν συμφέρεται ἐπὶ τὸ ἄμεινον, 7,8). Ruhm (εὑρίσκω ἅμα μὲν κῦδος ἡμῖν προσγινόμενον...), Landgewinn (...χώρην τε); Rache (τιμωρίην τε καὶ τίσιν γινομένην, 7,8; ἵνα ᾿Αθηναίους τιμωρήσωμαι, 7,8).
          2. Mardonios redet Xerxes bestätigend nach dem Mund lobt in überschwänglich und versucht, die Griechen als Feinde herabzusetzen.
          3. Artabanos (Xerxes' Onkel) rät ab. Er verweist auf
            1. den Wert der εὐβουλίη,
            2. den φθόνος θεῶν,
            3. dass das Göttliche das allzu Hohe zurechtstutzt. 
          4. Xerxes weist zornig die Empfehlungen des Artabanos zurück. Seine Argumente sind vom Anfang bekannt, werden jetzt aber auf den Ost-West-Konflikt zugespitzt.
        2. Stufe:
          1. Xerxes nimmt seinen Entschluss zurück und zwar trotz eines bedrohlichen Traumgesichts. 
        3. Stufe:
          1. Das Traumgesicht erscheint erneut und droht ihm seinen Niedergang an, falls er nicht in den Krieg zieht. Die Wahrheit des Traumes soll an Artabanos (Rollentausch) erprobt werden.
          2. Artabanos wird ebenfalls vom Traumgesicht schwer bedroht und ändert seine Meinung: Der Krieg ist gottgewollt. Nicht zum Verderben der Griechen, wie er annimmt, sondern zu dem des Xerxes. Doch den Trug des Traumes durchschaut Artabanos nicht. 
        4. Deutung: Die tragische Weltsicht in Epos, Tragödie und Herodots Werk: ἀπάτη führt in die ἄτη, zu dem "was geschehen muss" (τὸ χρεὸν γενέσθαι - ὅτι δεῖ γενέσθαι ὲκ τοῦ θεοῦ - χρῆν γὰρ Κανδαύλῃ γενέσθαι κακῶς).
          1. Parallele aus dem Epos:
            1. im 2. Gesang der Ilias kündigt ein Trugtraum Agamemnon die  Eroberung Troias an, um sein Heer in Wahrheit ins Verderben zu führen.
            2. Athena täuscht Hektor, als sein Ende gekommen ist.
          2. Auch in der Tragödie täuscht der Gott den, der er verderben will:
            1. Athena täuscht Aias, sie schlägt ihn mit Wahnsinn, so dass er Taten begeht, die ihm die Möglichkeit nehmen, wieder bei Sinnen weiterzuleben.
            2. Soph.Ant.615 wird als Weisheitsspruch zitiert: "Dem erscheint das Unheil als Gut, dem ein Gott den Sinn zur Ate führt."
            3. Aischyl.Pers.65
          3. Beispiel bei Herodot:
            1. Hdt.3,39-43: Polykrates: Übersteigertes Glück weckt den Neid der Götter und führt zwangsläufig ins Verderben
            2. Hdt.4, 205: Pheretime (Φερετίμη): Übertriebene Rachsucht weckt den Neid der Götter.
            3. Hdt.7,133-137: Sperthias und Bulis: Übertretung wird von der Gottheit geahndet. 
          4. Anaximander: In seinem "Satz" (VS12 B 1) geht von einem  "mit  Notwendigkeit" erfolgenden, also gesetzesmäßigen Ausgleich von ἀδικίη und τίσις in  kosmischer Dimension aus.
  5. Zusammenfassung: Herodot vereinigt die Elemente der ionischen Historie (ἱστορίη) mit denen der ethnographischen Prosaerzählung (Περσικὸς λόγος). Er stellt das Geschehen unter das Gesetz (τὸ χρεὸν, νόμος, ἀρετή) und das menschliche Maß.
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in: Herm.111/1983,202
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in: Gymn 66/1959,477
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34 Weber, E. Herodot als Dichter
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in: NJB 1908/1 S.669ff.
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in: Gymn 91/1984
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in: Marg (Hg.): Herodot, WBG 1965 (WdF)
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Leipzig, Engelmann, 1843
2761 Zosimos / Veh, Otto Neue Geschichte, Vorwort von Otto Veh. Beiträge von Rebenich, Stefan. Bearbeitet von Rebenich, Stefan. Übersetzt von Veh, Otto
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Stuttgart, Hiersemann, 1990
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