Zur Iphigenie in Aulis hat sich keine Hypothesis erhalten. Also schreiben wir sie selbst: Die griechische Flotte liegt voll gerüstet in Aulis, bereit, gegen Troia abzufahren; aber sie liegt und segelt nicht: Windstille. Jeder Tag ein Verlust. Der Seher Kalchas kennt den Grund: Abhilfe ist nur dadurch zu gewinnen, dass der Heerführer Agamemnon der gekränkten Göttin Artemis seine Tochter opfert. Der Heerführer und Vater ist schließlich dazu bereit. Mit einer Intrige will er seine Tochter von Mykene nach Aulis holen: Achilleus wolle sie noch vor der Abfahrt ehelichen. Dass nicht einmal Achilleus davon etwas weiß, macht seine spätere Kränkung verständlich. Das Stück setzt mit einer zweiten und zwar gegenläufigen Intrige Agamemnons ein: Er bedauert seinen Entschluss, und schickt, um ihn rückgängig zu machen, einen alten vertrauten Diener mit geheimem Dossier nach Mykene. Iphigeneia solle nicht abreisen. Dieser Plan scheitert doppelt: Einmal wird der Diener von Menelaos abgefangen: genug Stoff, sich gegenseitig eine Szene zu machen. Zum anderen stehen die Damen schon vor dem Lagertor. Ja, Damen! Klytaimnestra hat es sich nicht nehmen lassen, ihre Tochter zu begleiten; und den kleinen Orestes bringen sie gleich auch mit. Schließlich soll ja ein Familienfest gefeiert werden. Eine gescheiterte Doppelintrige, die ganze Familie am Hals und bald einen gekränkten Achilleus dazu, das kann Agamemnon nicht behagen. Ob ihm auch hier Kalchas entscheidend raten kann?
Antike Hypotheseis sind nicht so lang. Deshalb brechen wir hier ab, obwohl die Geschichte gerade erst begonnen hat, und verweisen auf unser folgendes Aufbauschema:
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Aus der Inszenierung
des Mannheimer Nationaltheaters
in der Bearbeitung von Soeren Voima
Premiere: |
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Iphigeneia (Friederike Pöschel)
und der sonnenverbrannte Achilleus (Mattes Herre) |
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Der
Chor chalkidischer Frauen bewundert den "Helden" (Chorführerin:
Gabriela Badura, Chor: Damen der Statisterie; Menelaos: Michael Goldberg) |
| Mannheimer Nationaltheater 2002 |
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Ankunft Iphigeneias (Friederike Pöschel) allerdings von Agamemnon (Matthias Günther) unerwartet in Begleitung ihrer Mutter Klytaimestra (Ragna Pitoll). |
| Mannheimer Nationaltheater 2002 |
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Die
beiden Frauen bleiben allein:
Iphigeneia (Friederike Pöschel) und Klytaimestra (Ragna Pitoll). |
| Mannheimer Nationaltheater 2002 |
Zum Schluss noch etwas Gelehrsamkeit und einige Dinge, die uns aufgefallen sind:
Die Iphigenie ist eines der letzten Stücke des Euripides (405 v.Chr.) und wahrscheinlich erst posthum von seinem gleichnamigen Neffen oder Sohn für die Bühne ergänzt und spielfähig gemacht worden. Auch byzantinische Gelehrte könnten mitgeschrieben haben. Dies führt zu besonderen Fragen bei Prolog und Exodos. Wir lassen sie beiseite.
Interessanter für uns ist, dass das Stück mehr Kritiker als Lobredner gefunden hat. Dass der große Wilamowitz (2,133) die Iphigenie ein "phantastisch-sentimentales Rührstück" nennt, ist zwar ein vielfach wiederholtes Verdikt, stört uns aber bei unserer selbstbewussten Respektlosigkeit vor Geistesgrößen wenig. Wichtiger ist schon, dass kein geringerer als Aristoteles (Aristot.Poet.15.1454a26) einen anderen Reigen der Kritik eröffnet, zu dem sich später auch Gerhard Hauptmann gesellt (nach Hamb., 100). Fr. Schiller (nach Hamb., 100) allerdings kann sich für die Iphigenie des Euripides begeistern, er übersetzt sie sogar ins Deutsche. Immer geht es um denselben Vorwurf: Der Charakter Iphigeneias entbehre der inneren Konsistenz. Der Übergang von der bitteren Klage über den bevorstehenden Tod zur heroischen Opferbereitschaft sei nicht glaubwürdig aus dem Charakter des Mädchens abzuleiten.
Euripides musste sich seiner Sache sicher gewesen sein. Der Stoff war bereits von Aischylos und Sophokles dargestellt worden. Also musste sich eine Neubearbeitung lohnen. Das lässt die Frage nach seiner eigentlichen Absicht stellen. Was wollte er zum Ausdruck bringen? Wir glauben, seine wesentliche Neuerung sollte die Reduzierung des Heroischen auf das menschlich-allzumenschliche Maß der damals, am Ende des Peloponnesischen Krieges, die Geschicke Athens bestimmenden "politische Elite" sein. Agamemnon wird zum ehrgeizigen Versager, Menelaos steht nicht zu seinem Entschluss, Achilleus beugt sich politischem Druck, alle drei sind wankende und wankelmütige Gestalten. Die Frauen von Chalkis sind als Fanclub gekommen, um Helden zu sehen. Doch was finden sie vor? Sie merken es zwar nicht, aber der Zuschauer kann es sehen: Jammerlappen, die ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, die Ideale, die sie zu vertreten vorgeben, oder Entschlüsse, die sie gefasst haben, wechseln wie ihr Hemd.
Was bleibt in dieser desillusionierenden Welt dem dummen, kleinen, schwachen Mädchen übrig? Sie wird zur Heldin! Aus Trotz? aus Dummheit? Aus missbrauchtem Idealismus, verführt vom eigenen Vater? Das kann man ruhig offen lassen.
Da fällt uns ein, was Aristoteles an anderer Stelle der Poetik sagte: Sophokles habe seine Figuren gestaltet, wie sie sein sollten, Euripides, wie sie sind. In der Tat: Alle Figuren der Iphigenie sind wankend in ihren Entschlüssen, aber das ist ihr Charakter. Auch Iphigenie wankt, nur weigert man sich, es ihr abzunehmen, weil ihr Entschluss sie zum Heldenhaften wanken lässt. Aristoteles war mit seiner Forderung einfach zu anspruchsvoll: Iphigenie ist auch nur ein Mensch.
Wir wollten eigentlich noch die Frage erörtern, ob die heutigen Politiker besser sind, als die am Ende des Peloponnesischen Krieges, oder ob wir auch heute auf dumme, schwache, verführte Helden hoffen müssen. Da setzte das schrille Pausenklingeln unseren Überlegungen ein jähes Ende. Vielleicht gut so!
Literatur:K.Hamburger, 95-120 | A. Lesky, 473-484 | Neitzel, H. | M. Pohlenz, 459-468 | B. Snell |
Aus der offiziellen Seite des Mannheimer Nationaltheaters: |
Aus der Premierenkritik im Mannheimer Morgen v. 31.05.2002 von Alfred Huber |
Unser Eindruck beim Besuch am 11.06.02 |
| [...] Offensichtliche Parallelen zwischen dem antiken Stoff und der veränderten weltpolitischen Situation haben die beiden Regisseure Christian Tschirner und Christian Weise dazu bewogen, nicht die ursprünglich angekündigte Iphigenie auf Tauris von Goethe zu inszenieren, sondern sich mit der klassischen griechischen Tragödie Iphigenie in Aulis von Euripides auseinander zu setzen. | ... Stattdessen zeigen sie uns eine "Tragödie nach Euripides" ... Ein neues Stück ist so entstanden, das den Text des Euripides benutzt (und entsprechend bewusst verfremdet) ... Im Zeitalter der großen Beliebigkeit, die unentwegt Ideen produziert, ohne sie substanziell auszufüllen, die alles erlaubt, weil alles möglich erscheint und der jede selbstauferlegte Grenze als spießige Konvention gilt, kann man so etwas natürlich riskieren. Ob der Text allerdings diesen radikalen Eingriff aushält, ist eine andere Frage. | Eines ist sicher: Nicht Euripides' Iphigenie wurde da aufgeführt. Wer (wie bei Gräzisten verzeihlich) in dieser Erwartung hinging, konnte sich nur kurz der Illusion erfreuen. Zunächst dezent, zunehmend deutlicher wird ihm bewusst gemacht: Da vorn wird ein Film über Euripides' Iphigenie gedreht. Theater hoch drei! Enttäuschung? - Nein, das wäre zu voreilig! Zunächst die Vorfrage: Der Rezeption des antiken Stückes angemessen oder nur ein Gag, ein eher beliebiger Griff in die dramaturgische Trickkiste? |
| Bereits seit 25 Jahren tobte damals der Peloponnesische Krieg, ein Ende war nicht abzusehen. Vor diesem Hintergrund, den verzweifelten Kämpfen zwischen Athen und Sparta und dem drohenden Untergang Griechenlands, zeigt Iphigenie in Aulis den Anfang des Großen Krieges um Troja. | Nach dem 11. September, der bekanntlich die Welt veränderte und Amerika moralisch aufrüstete, wird, vermutlich in Hollywood, zu propagandistischen Zwecken das Leben und Sterben der "Iphigenie von Aulis" verfilmt. Schließlich geht es darin unter anderem auch um den Krieg der griechischen Kulturnation gegen die Barbaren in Troja. | Wie wirken die Filmschnitte? Sie tun alles, beim Zuschauer das Aufkommen von "Mitleid und Furcht" zu verhindern, ihm die Illusion zu nehmen, die "Nachahmung der Handlung" sei echt und glaubhaft. Identifikation ist so unmöglich. Mitleiden kann man bei allem, was da auf der Bühne spielt, nur mit dem alten Diener, der Rückenschmerzen hat und eine Szene nicht öfter als acht Mal wiederholen will. Alles sonst Theater, Inszenierung! |
| Verändert hat sich die Wahrnehmung von Krieg. Wenn Euripides noch das antike ...Theater mittels seiner Stücke zum Austragungsort einer Entscheidungsfindung für Volk und Politiker machen konnte, so sind heute vor allem die Fernsehbilder Grundlage unserer Meinungsbildung und Entscheidungsfindung. | Das Regieduo Tschirner/Weise hat sich fleißig unter den amerikanischen Kriegsfilm-Komödien umgesehen, vieles beobachtet und zusammengetragen, was den Unterhaltungswert nicht unbeträchtlich steigert. | Angemessen oder nicht? Wir glauben ja, weil die Inszenierung nichts Fremdes in das Stück hineinträgt, sondern immanente Intentionen aufgreift und visualisiert: Betonung des Dramatischen statt Tragischen, des empörend Menschlichen statt des bewundernswert Heldischen, des faktisch Unvermeidlichen statt des ideell Wünschenswerten. |
| Doch diese Bilder und ihre Auswahl unterliegen Interessen, ihre Wirkung ist manipulierbar. So gesehen erscheint es nur folgerichtig, dass die Regisseure Tschirner und Weise sich entschieden haben, das Theaterstück Iphigenie in Aulis als die Geschichte von der Entstehung eines Films über den Krieg zu inszenieren. | Die Zuschauer nehmen also teil an den Dreharbeiten zu einem "Iphigenie"-Film. Sie sehen das übliche Gewimmel zwischen den Szenen: Maskenbildner, Tontechniker, Scheinwerfer werden auf- und wieder abgebaut, gelegentlich ertönt aus dem Off die Stimme eines Regisseurs, die das Ende der Aktion befiehlt oder einfach nur "cut" ruft. Dann fährt kurz ein weißer Vorhang herab und unterbricht die Handlung. | Auch unserer Zeit gemäß: Tragisches
findet nicht mehr in unserer Seele statt. Wir lassen es nur in der Distanz der Bühne
oder des Fernsehapparates an uns heran, verkonsumieren es in der genießbaren
Form isolierter Bilder, haken ab und vergessen. Mitleid hat
höchstens noch Alibifunktion.
Enttäuschung also Fehlanzeige! Euripides hätte wohl seine Freude gehabt zu sehen, wie putzmunter seine alte Iphigenie weiterlebt. |
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