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Aischylos

Choephoren - ΧΟΗΦΟΡΟΙ

deutsch nach Droysen/Nestle

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Orestes steht auf dem Grabhügel seines Vaters und betet; unten wartet Pylades, beide in Wanderkleidung; jeder trägt an seiner Seite ein Schwert.
ORESTES
1


  Hermes, du siehst im Erdenschoß des Vaters Macht,
Sei Retter, sei Mitkämpfer mir, dem flehenden!
In dieses Land gekommen bin ich, heimgekehrt,
Und rufe meinen Vater hier an Grabesrand,
5
  Dass er mich anhört, <meinen heilgen Schwur vernimmt!

Denn dich zu rächen, Vater, bin ich heimgekehrt,
Dein Sohn Orestes, der ich im fernen Phokerland,
Verwaist der Heimat, durch der Mutter arge List
Verstoßen, aufwuchs, dass ich dir einst Rächer sei;
Mich aber sendet Loxias' trugloser Spruch,
Dass dir der Mörder wieder, dir die Mörderin,
Dein Blut zu sühnen, fallen muss durch diese Hand.
So hör mich, Vater, schaue gnädig auf mich her,
Dass ich erfülle deines Blutes heilig Recht,
Wie mir der Gott es, Loxias es mir gebot!
Doch heimgekehrt jetzt lass mich erst die fromme Pflicht,
Die vielersehnte, hier erfüllen frommen Sinns
So weih ich jetzt ein ärmlich trauerreich Geschenk
Des tiefsten Grames treuen Gruß auf deine Gruft;
Zum ersten Male schnitt ich mir als Pflegedank>



Die Scheitellocke für des Inachos Fluten ab,
Zum zweitenmal jetzt meine Trauerlocke dir,
<Dass sie dir Zeugnis gebe, deines Blutes Sohn
Sei heimgekommen, Vater, in dein teures Haus,
Die Missetat zu rächen, zu erwerben sein
Und seiner Schwester lang entwöhntes Erb' und Recht>

Anwesend nicht, o Vater, konnt ich deinen Tod
Beweinen, noch mit Klageruf, erhobnen Arms
nachfolgen deiner Leiche, da man dich begrub.
Orestes sieht den Chor einziehen, in seinem Gefolge Elektra. Alle tragen Trauerkleidung und Schleier. Die Mägde tragen Schalen und Krüge mit Opferspenden.

10



 

Was dort erblick ich? Was bedeutet jene Schar
Von Weibern, schwarzverhüllten, die sich trauernd nahn?
Auf welch Ereignis rat ich oder deut ich dies?
Betraf ein neues Missgeschick vielleicht das Haus?
Könnt ich vermuten, ihre Spenden brächten sie

15



 

Für meinen Vater, für die Toten fromme Pflicht?
Nicht anders ist es; denn Elektra, glaub ich, selbst
Geht dort mit ihnen, meine Schwester, tief gebeugt
Vor Kummer. O Zeus! gib zu sühnen mir den Tod
Des Vaters, sei mir gern ein Helfer meiner Tat! -

20

  Lass uns zurückgehn, Pylades, damit ich klar
Erkennen könne, was bedeute dieser Zug!
Orestes steigt vom Hügel herab, beide verstecken sich.
CHOR


Vom Schloss - gesendet - schritt ich her, [1.Str.
Geleit der Spende mit der Hände wildem Schlag!
Die Wange blutet heiß in frischen Rissen,

25



 

Nagelgerissenen purpurnen Furchen mir;
Und rastlos weidet sich an Trauerklage mir das Herz;
Das Linnen riss, des Kleids Geweb,
Zerfetzte streifig des Schmerzes Wut,

30



  Tuches Falten, geschlagene Brüste verhüllend.
Schaurig ist es, was geschah.
Denn Furcht, entfärbt, gesträubten Haars, [1.GStr.
Die Träumedeuterin diesem Haus, - vom wüsten Schlaf
Noch keuchend, schrie mitternächtgen Angstschrei,
35



 

Gellenden, schrecklichen, innerster Kammer her,
Hinauswärts taumelwild stürzend sich ins Mägdehaus..
Des Traumes Deuter deuteten
Vom Hauch der Gottheit schaugewiss,:

40



  Sehr voll Ingrimm sei'n, sehr dort unten die Toten,
Ihren Mördern zornempört!
Zu bannen mit solcher unlieben Liebe des Unheils Nahn, [2.Str.
Io, Erde, Erde, trachtend schickt mich her
45



  Das gottverhasste unselge Weib!
Auszusprechen dies - mir bangt's!
Denn welche Sühne gibt es für vergossen Blut?
Io, du jammerreicher Herd!
50



 

Io, du unterwühlt Geschlecht!
Ja, graungemieden, sonnenlos umhüllen Finsternisse das Haus,
Dem gemordet der Herr ward!

55



  Ehrfurcht, die unbekämpfbar, unbezwingbar einst, [2.GStr.
Im Geist tief des Volkes wohnte, nie besiegt,
Verschwunden ist siw heute ganz.
Furcht nur herrscht jetzt überall,
Und Wohlergehn ist Sterblichen Gott und mehr als Gott!
60



 

Doch das Gericht - die einen trifft's
In ihres Glückes Mittagsglanz, -
Was andrer noch in Zwielichts Schoß harret, mahnend
Schwillt's und reift's; -
Andres birgt die Nacht noch.

65



 

Das Blut, vom Mutterschoß der Erde aufgeschlürt, [3.Str.
der Rach empfängnis, dickt zum Keinm unlöslich sich;
Und hinhält Ate, die ihn betört, den Schuldigen,
Bis seine Seuch in Blütenpracht!

70



 

[....].
Doch bräutlichen Lagers Berührung, keines Arztes Kunst [3.GStr.
Macht ungeschehn sie! Strömte aller Ströme Flut,
Der Blutschuld Schuldmal vom Mörder wegzuspülen, her,
Sie strömten immer doch umsonst!

75



  Doch ich - denn mir wiesen hier Magd zu sein [Epod.
Die Götter zu; fortgeschleppt vom Herd meiner Heimat
Ward ich her ins Los der Knechtschaft; -
Des Herren Lob, ob er recht, ob unrecht tat,
Zu künden gilt's, hartes Muss.
80


 

Und bittren Hass bezwingen!
Doch gewandverhüllt bewein
Ich, Herrin, dein elend Los;
Es friert mein Herz in verhaltenen Grames kaltem reif.

ELEKTRA
Ihr Fraun des Hauses, Dienerinnen vielbewährt,
85




Mit mir gekommen seid ihr, dieses Bittgesangs
Geleiterinnen; drum so sagt mir euren Rat:
Wenn auf das Grab ich gieße diesen Trauerguss,
Wie soll ich freundlich sprechen? Wie zum Vater flehn?
Sag ich, von seiner lieben Gattin sei ich ihm,

90



 

Dem lieben Mann, von meiner Mutter ich gesandt?
Dazu gebricht's an Mut mir; und nicht weiß ich, wie
Ich beten könnte, wenn ich auf des Vaters Grab
Dies spende. Oder sag ich nach dem alten Brauch:
Vergelten mög er denen, die ihm diesen Kranz

95



 

Gesandt, der Bösen bös Geschenk in gleicher Art?
Soll schweigend, schmachvoll, so wie einst mein Vater fiel,
Ich gießen dieser Spende grabgetrunknen Guss,
Die Schale dann, als wär sie unrein, gottverflucht,
Wegschleudern abgewandten Blicks und wieder gehn?

100



 

Seid meiner Zweifel, Teure, Mitberater mir;
Ist doch gemeinsam uns der Hass in jenem Haus!
Nicht bergt's in eurem Herzen, fürchtend irgendwen;
Denn sein Verhängnis harrt des Freien ebenso
Wie des von fremden Siegers Hand geknechteten.

105




Chf.

El.
Chf.

So sprich, wenn du mir Bessres weißt, als ich gesagt!
Gleich einem Altar ehrend dir des Vaters Grab,
Sag ich, du willst es, was ich im tiefsten Herzen denk.
So wie du ehrtest meines Vaters Gruft, so sprich!
Zur Spende segne, die ihm treu gesinnet sind.

110



El.
Chf.
El.
Chf.
El.

Wen aber von den Seinen darf ich nennen so?
Zuerst dich selbst und jeden, der Aigisthos hasst.
Soll für dich und mich denn lauten mein Gebet?
Was ich geraten, denk es selbst dir weiter nach!
Wenn hab ich sonst denn zuzufügen dieser Schar?

115



Chf.
El.
Chf.
El.
Chf.

Gedenk Orestens, weilt er auch im fremden Land.
Vor allen; du gemahnst mich an das Teuerste!
Und dann den Schuld'gen, wenn du an den Mord gedenkst -
Was dann? Belehr mich, sag es mir, ich weiß es nicht!
Sag, ihnen kommen mög' ein Gott einst oder Mensch -

120



El.
Chf.
El.
Chf.
El.

Meinst du, der sie richten oder der ihn rächen wird?
Du sagst es einfach: der den Mord mit Mord vergilt!
Doch ist es fromm auch, von den Göttern das zu flehn?
Wie nicht zu flehn, dass seine Schuld dem Feind sich rächt?
Du höchster Herold hier im Licht, im Hades dort, [165]
O Grabeshermes, hör mich und erwecke mir

125



 

Des Erdenschoßes Mächte, dass mein Beten sie
Vernehmen, sie, die blicken auf des Vaters Blut,
Und auch die Erde, die gebieret alles Ding,
Und was sie aufzog, wieder dessen Keim empfängt;
Ich gieße diese Spenden für die Toten aus

130



 

Und rufe dich, mein Vater, mein erbarme dich
Und deines Sohns Orestes. dass er wiederkehrt!
Denn sieh, verstoßen leben wir und wie verkauft
Von unsrer Mutter; den Aigisthos hat sie sich
Zum Mann erlesen, der dich mit erschlagen hat;

135



 

Und einer Magd gleich hält sie mich; Orestes ist
Verjagt aus seinem Erbe, während sie in Prunk
Und eitler Wollust deines Schweißes Frucht vertun!
Dass heim Orestes gottgeleitet kehren mag,
Drum fleh ich an dich, Vater, du erhöre mich!

140



 

Mir aber gib du, dass ich bessren Sinnes sei
Denn meine Mutter, reinen Wandels, reiner Hand!
Für uns gebetet hab ich dies; den Feinden laa
Erscheinen, sag ich, einen, der dich, Vater, rächt,
Auf dass die Mörder wieder morde ihr Gericht;

145



 

So bet ich und bezeuge, wie für bösen Fluch
Ich ihnen wiederfluche diesen bösen Fluch!
Du aber send uns alles Heil empor, mit dir
Die Götter, Erd und siegende Gerechtigkeit!
Zu dieser Bitte spend ich diesen heilgen Guss;

150





CHO.

Ihr aber flechtet eurer Klage Totenkranz
Und weihet meinem Vater frommen Grabesgruß!
Weinet die Träne, die schluchzende, sterbende,
Ihm, der uns starb, unsrem Herrn,
Wo dieser heilige Wall gegen das Böse sich türmt!

155



 

Ihre Macht wende ab der verwünschten Kraft,
Vergossener Spenden Kraft!
Höre du, höre mich du,
O Herr und Fürst, in deiner grabstillen Ruh!
Wehe! Wehe! Gram, o Gram!

160









El.

Komm, o komm, du Speeresheld
Ein Erlöser diesem Haus,
Dem skythengleich, in des Kampfes wildem Ernst
Schwirrenden Pfeiles Flug
Vom rückschnellenden Bogen blinkt,
Der griffgefasst sein nacktes Schwert blutig schwingt?
Mein Vater hat nun seinen erdgetrunknen Guss -

166



Chf.
El.
Chf.

Doch unerhörte Kunde, hört sie und vernehmt!
O sprich! Es tanzt mein Herz im Busen mir vor Angst!
Hier seh ich eine Locke auf das Grab geweiht!
Von welchem Manne oder tiefgeschürzten Weib?

170



El.
Chf.
El.
Chf.
El.

Deutbar für jeden ist es, der es deuten will!
So lass mich ältre lernen von der jüngeren.
Ich wüsste niemand außer mir, der's weihete!
Feind ist, für wen sich sonst die Trauerlocke ziemt!
Und dennoch wahrlich ist so ganz sie wieder gleich -

175



Chf.
El.
Chf.
El.
Chf.

Sag, wessen Haaren? Hören möcht ich das von dir!
Ganz meinen eignen ähnlich ist sie anzusehn!
Wär's von Orestes selber heimlich ein Geschenk?
Mit dessen Locken scheint sie in der Tat mir gleich!
Wie hätte der hierherzukommen sich gewagt?

180



El.
Chf.

El.

Gesandt dem Vater hat er seiner Locke Gruß! -
Was du gesagt, nicht minder wein ich bitter drum,
Wenn dieses Land doch nimmermehr sein Fuß betritt!
Auch mir ins Herz gießt flutend sich der Galle Gischt;
Es schmerzt, als hätte mich ein schneller Pfeil durchbohrt;

185



 

Aus meinen Wimpern stürzt mir durstig, ungewehrt
Unsäglicher Tränen bittre Brandung wild hervor,
Da ich die Locke sehe! Sollt' erwarten ich,
Dass sich ein Bürger nennet dieser Strähne Herr?
Und nimmermehr gab dieses Haar die Mörderin,

190



 

Nein, meine Mutter nimmer, die stiefmütterlich
Und gottvergessen ihren Kindern ist gesinnt;
Doch wieder, dass ich zuversichtlich sagen soll,
Mir sei ein Kleinod dies vom Liebsten auf der Welt,
Sei von Orestes - doch wie Hoffnung winkt es mir!
Ach! -

195



 

Dass freundlich sie mir sprechen könnte, botengleich,
Damit der Zweifel nicht mich jagte her und hin!
Denn dann, gewiss, ich hätte dies Haar angespien,
Wär's abgeschnitten einem feindgesinnten Haupt;
Doc wär's verwandt mir, dürft es mit mir trauern auch

200



 

Des Vaters Totenfeier und den Grabesgruß! -
Zu den Göttern lasst uns rufen, den Allwissenden,
In welchen Wirbelstürmen gleich den Schiffern wir
Verirrt sind. Dennoch, wenn uns Rettung werden soll,
Da wächst von kleinem Samen auch ein großer Stamm! -

205



 

Und da, die Tritte, sieh, ein zweites Zeichen ist's
Von gleichen Füßen, ähnlich ganz den meinigen;
Ja, sieh, von zweien eingezeichnet ist die Spur,
Hier von ihm selber, da von dem, der mit ihm kam;
Der Sohlen Abdruck und der Fersen, mess ich sie,

210

 

Zusammentreffen sie genau mit meinem Fuß! -
Wie Wehen durchzuckt's mich! Schwindelnd dreht sich mir der Sinn!

Orestes tritt hervor
ORESTES




El.

Die Götter bitte, die so weit dir dein Gebet
erfüllt, dass auch das andre dir beschieden sei!
Was wär's, das jetzt schon mir gewährt der Götter Gunst?

215



Or.
El.
Or.
El.
Or.

Dein Auge sieht nun, drum du lange betetest!
Und wen der Menschen weißt du, dass ich gerufen hab?
Ich weiß, Orestes Namen hat dich sehr bewegt!
Und wo und wie denn wär erfüllt jetzt mein Gebet?
Ich bin es, such dir keinen, der dir teurer ist!

220



El.
Or.
El.
Or.
El.

Du betrügst mich, Fremdling, du umgarnest mich mit List.
So strick ich wahrlich selber um mich selbst Betrug!
Und lachen willst du über mich und meinen Gram!
Auch über mich und meinen Gram, wenn über dich!
So red ich denn, dich, Orestes, red ich an?

225



Or.

Da du mich selbst siehst, jetzt erkennest du mich nicht;
Und da du diese Locke sahst des Trauerhaars,
Die Locke deines Bruders, deinem Haupte gleich,
Und deinen Fuß einfügend maßest meine Spur,
Da flogst du hoch auf, und du meintest mich zu sehn!

230



 

Sieh, diese Locke lag an diesem Schnitt des Haars,
Sieh dies Gewand an, deiner eignen Hände Werk,
Des Weberschiffleins Marken hier, der Tiere Bild -
Sei ruhig, gib das Denken nicht der Freude preis;
Uns beiden, weiß ich, sind die Liebsten bitterfeind!

235



El.

O letzte, liebste Sorge für des Vaters Haus!
Beweinte Sehnsucht nach der Rettung letztem Reis!
Kraft deines Armes nimm zurück dein Vaterhaus!
O süßes Auge! Dein gehört vierfacher Teil
In meinem Herzen; sieh doch, nennen muss ich dich

240



 

Nun meinen Vater; meiner Mutter Liebe kommt -
Denn ganz gerecht hass ich sie selbst -, dir kommt sie zu,
Dir auch der Schwester Liebe, der geopferten;
Und treuer Bruder bist du, der mich wieder ehrt!
Nun möge Kraft mir, möge mir Gerechtigkeit

245




Or.

Beistehn und Zeus zum dritten, der Gewaltigste!
Zeus, Zeus, auf mein Beginnen schaue du herab!
Sieh meines Vaters, sieh des Adlers arm Geschlecht,
Der selbst den Schlingen, dem Umzüngeln unterlag
Der argen Schlange; aber die verwaiste Brut

250



 

Quält nüchtrer Hunger; ihnen fehlt es noch an Kraft,
Des Vaters Beute heimzutragen in das Nest;
So tief bekümmert, so verwaiset siehst du uns,
Mich und Elektra, uns Geschwister vaterlos,
In gleicher Flucht verstoßen aus dem Vaterhaus!

255



 

Und hast du dann des Vaters Kinder, der dich fromm,
Der dich mit Opfern ehrte, einst hinweggetilgt,
Wer reicht dir dann noch gleicher Hände vollen Dank?
Nicht bleibt dir, wenn du das Geschlecht des Adlers tilgst,
Zu senden glaubhaft Zeichen an die Sterblichen,

260







Chf.

Noch opfert dieser Königsstamm, so ganz verdorrt,
Auf deinem Altar dir am Feststieropfertag!
Sei unser Hort! Vom Boden richt ein hoch Geschlecht
Empor, das jetzt gar tief dahingesunken scheint!
O Kinder, o Erretter eurem Vaterherd,

265







Or.

Seid still, dass niemand sonst es hört, ihr Teuersten,
Und vielgeschwätzig alles dies euch nacherzählt
Bei meiner Herrschaft, die ich hier hinsterben noch
In der Flammen pechgetränktem Qualm einst möchte sehn!
Nicht mich verraten wird der allgewaltge Spruch

270



 

Des Loxias, der dieses Wagnis mir gebeut,
Der laut mich aufrief, Qualen, sturmgegeißelte,
Mit glühendem Stich ins Herz mich treffend mir verhieß,
Wenn ich des Vaters Mörder nicht verfolgete,
Zur Rache sie zu morden mit demselben Mord;

275



 

Zerstört von seinen Strafen, nicht an Hab und Gut
Nur, nein am lieben Leben, sprach er, würd ich dann
Drum leiden vieles, unerträglich bittres Leid;
Denn was aus Erdentiefen feindlich Zürnen wirkt,
Sein Wort wies es den Menschen, kündend solche Pein:,

280



 

Aussatz, der tief ins Fleisch sich frisst mit grimmem Zahn,
Der mir hinwegnagt meiner Sehnen einst'ge Kraft,
Mit greisem Haare meiner Locken Schmuck vertauscht!
Und andre Qualen nannt' er der Erinyen,
Aus meines Vaters wachemem Blut, wie's deutlich mir

285



 

Zu schaun im Dunkeln, wie er das Auge zürnend rollt.
Denn dieses nächt'ge Graungeschoss der Unteren,
Von umgebrachter Blutsverwandten Flehn erweckt,,
Wahnsinn, Entsetzen, nächtger Träume hohle Furcht,
Verstöre, jag mich und verfolg aus aller Stadt

290



 

Mit eherner Geißel meinen gottverfluchten Leib!
Wer so gebrandmarkt, nimmer an der Becher Lust
Sei dem ein Anteil, noch an heilger Spende Guss;
Es scheuch ihn von den Altären unsichtbarer Zorn
Des Vaters, niemand nehm ihn auf und sühne ihn!

295



 

Verkommen, ehrlos, ohne Freund, so sterb er spät
Elenden Siechtums, ausgedörrt bis in den Tod!
Solch einem Ausspruch muss man glauben und vertraun;
Und traut' ich minder, dennoch muss die Tat geschehn;
Vielfacher Antrieb strömt vereint auf mich herein,

300



 

Des Gottes Auftrag, meines Vaters große Schmach,
Des eignen Lebens Dürftigkeit, das alles lässt
Mich meine Bürger, aller Zeit berühmteste,
Die Überwinder Ilions in Heldenkraft,
Nicht länger untertänig zweien Weibern sehn;

305 Denn weibisch ist er; ob auch ich, wird bald er sehn.
Elektra und Orestes ersteigen während der folgenden Verse den Grabhügel



Chf.

Ihr gewaltigen Moiren, der Wille des Zeus
Führe dies zum Ziel
Auf dem Pfad, den das Recht mir beschreitet:
"Wie du rufst, so schallt es zurück! Der Hass

310



 

Zeugt Hass!" So dröhnt der Gerechtigkeit Spruch,
Wenn die schuldige Buße sie eintreibt!
"Für blutigen Hieb falle blutiger Hieb!
Wer tat, muss leiden!" So kündet ein Wort,
Ein uralt heil'ges der Väter!

315



Or.

Vater, unglücklicher Vater, was [1.Str.
Sagen dir, tun dir kann ich,
Das tief reichte zu dir hinab,
Wo dich des Grabes Nacht hält,
Geschieden ist Nacht und Licht?

320






CHO.
Doch Freude dir in der Nach mag
Der Trost feiernder Klage sein.
Vor deinem Haus, Atride!
O Kind, bewältigt wird des Toten Seele nicht [2.Str.
325



 

Durch den mahlenden Zahn der Glut;
Nicht vergeht seines Zorns Macht.
Schallt der Wehruf um den Toten,
Dann erscheint er furchtbar wirkend.
Klageruf um Väter, Eltern,

330





El.
Der gerecht, spürt auf erreichend,
Sein Ziel, wenn man ihn einmal aufjagt.
Höre nun, Vater, auch mich meinen Gram [1.GStr.
Singen, den tränenreichen!
Zwiefach stöhnt aus der Kinder Mund
335



 

An deinem Hügel das Klagelied!
Schutzflehende stehen wir zwei,
L andesverjagt zugleich hier!
Was ist gut da? Was bös nicht?
Bleibt unbezwingbar das Unheil?

340



CHO.

Doch ein Gott kann euch, wenn ergnädig es will,
Einst froheres Lied noch zu singen verleihn;
Statt des Klagegesangs, den am Grab ihr weint,
Möge Jubelgesang in dem Königspalast
Dich Wiedergekehrten begrüßen!

345



Or.

Wärst du vor Ilion [3.Str.
Unter lykischen Mannes Speer,
Mein Vater, sterbend hingesunken,
Du hättest Ruhm deinem Haus gelassen,
Den Lebenspfad schön und gut

350







CHO.
Vorgebahnt deinen Kindern;
Ein gehügeltes Grab, es ragte
Drüben am Seegestad dir,
Tröstlich daheim den Deinen! -
Ein Freund bei Freunden [2.GStr.
355



 

Ragt er hoch, die im Heldenkampf
Fielen, unter der Erde noch
Ihr machtheiliger Führer,
Ein Erhabner noch im Hades
Den gewaltgen Totenfürsten;

360






El.
Denn hieroben war er König,
In den Händen, heilger Ordnung
Gabe, schwang er sein weises Szepter!
Nein, vor den Ilischen [3.GStr.
Mauern musstest du, Vater, nicht
365



  Vom Speer gleich andrem Volk erschlagen,
Begraben nicht bei Skamanders Flut sein;
Eh'r mussten sie, welche dich
Umgebracht, also sterben,
Auf dass nicht todbringendes Schicksal
370





Chf.

Von fern einer mocht erfragen,
Der solche Not nicht kennet.
Was du sagst, Kind, kostbarer denn Gold,
Glückseliger wär's als seligstes Glück,
Hyperboräisches Glück; - und dem Wunsch ist's frei!

375



 

Doch ein Wort, wie gedoppelter Peitsche Schlag,
Muss es treffen, dies: in der Erde ruhn
Unsere Helfer schon längst, und die Herrschenden sind
Nicht reiner Hand; dem Toten verhasst
Ist dies, doch mehr noch den Kindern.

380



Or. Dringt mir das Wort doch ins Ohr [4.Str.
Scharf wie ein schneidender Pfeil!
Zeus! Zeus! der grabempor ein
Du spätstrafend Gericht der Ate
Der allfrevelnden, frechen Hand schickst,
385




CHO.

So vollende du's meinem Erzeuger!
Ein Festlied - möcht ich's singen müssen einst, [5.Str.
J ubeln zum Schein der Fackeln
Über des Mannes Leichnam,
Über des Weibes Bahre! Bergen wozu, wie hochfliegt

390






El.
Der Geist! Treibt doch scharfwehender Zornmich,
Weit in vorauseilender Hast
Gramempörter Hass mich fort!
καὶ πότ' ἂν ἀμφιθαλὴς [ἀντ. δ.
395



 

Wann mit vollstreckender Hand
Trifft sie denn Zeus, um ihr Haupt
Weh! weh! zu spalten? Dann
Zurück käme dem Volke Frieden!
Und Recht fleh ich für freches Unrecht!
Erde und Mächte der Tiefe, hört mich!

400



Chf.

Ja es ist ein Gesetz, dass sterbend der Strom
Des vergossenen Bluts Blut wieder verlangt,
Und es rufet der Mord die Erinys wach,
Von den früher Erschlagnen die Blutschuld wach,
Die heraufführt andere Blutschuld!

405



OR.

Her, her blickt, drunten ihr Gewaltigen! [6.Str.
Schauet doch, ihr der Erschlagnen allmächtige Flüche!
Ihr seht vom Stamm Atreus', was noch übrig ist,,
Ratlos, entehrt, fern gebannt
Vom Vaterhaus! Zeus, wo ist ein Ausweg?

410



CHO.

Ich zittre; wieder pocht in Angst mir das Herz, [5.GStr.
Hör ich den bittren Jammer!
Jegliche Hoffnung flieht dann;
Dunkler nachtet's in meinem Busen mit jedem Worte!

415






El.
Doch eins dann, das Mut haucht - und Hoffnung
Freudige, fort schucht sie die Angst,
Lässt mich's wieder tagen sehn!
Mit welchem Wort treffen wir's? Ob so: wie uns [6.GStr.
Schnödestes sie, die geboren uns, dulden ließ,
420






CHO.

Kein Sanfttun gilt, solches Leiden mildert nichts!
Der Mutter gleich wölfisch wild,
Bezähmbar nie bin ich, heißen Herzens!
Ich schlug mich trauernd arischen Schlags, nach kissischer [7.Str.
Wehklageweiber Rasewut,

425







El.
Schlagunablässig, im Wechselschwunge jagten scih
Hinabgeschmettert meiner Arme wildes Spiel
Hochnieder, jäh herab, dass krachend nachgedöhnt
Mein jammerschlaggetroffen, mein unselig Haupt.
Io, ruchlos Weib! Allfrechste Mutter! [8.Str.
430







Or.

Mit Hass und Hohn, wie Feind den Feind,
So ohn' Geleit seines Volks,
Ohn' Grabgesang, Grabgesang.
Einscharrtest du tränenlos den Helden!
's ist Schand und Schmach, weh, was du gesagt hast! [9.Str.

435







CHO.

Doch Vaters Schimpf, büßen soll sie jetzt ihn,
Ihr wollt es so, dunkle Mächte!
Ihr wollt es selbst, Hände ihr!
Ich räum sie weg, sei's auch mein Verderben!
Zerstücket ward, - dass auch das du wissest, - [9.GStr.

440







El.
Die Leiche, so zugerichtet zum Begraben,
- Unerträglich! Arg bedacht!
Deinem Leben giftge Schmach!
Du hörst, entehrt ward der Vater jammervoll!
Also des Vaters Ende; doch mich schob man beiseite [7.GStr.
445



 

Entehrt, verfehmt und vogelfrei!
Fernab vom Herde, ausgesperrt wie ein böser Hund,
Kannt' ich kein Lachen, bittere Tropfen entquollen dem Aug',
Floss heimlich über mien Herz in tränenreichem Gram!

450




CHO.

Was du vernommen, Bruder, schreib es dir ins Herz!
Durchs Ohr grab dieses Wort tief dir ein [8.GStr.
In deines Herzens stummen Grund!
Das alles ist wahrlich so!
Das andre lehrt dich dein Zorn!

455




Or.
El.
CHO.

Du musst mit unschwankem Mut darangehn!
Ich rufe dich, Vater, sei den Deinen nah! [10.Str.
Mit ruf auch ich unter Tränen, Vater, dir!
Wir allzumal stimmen lauten Rufes ein:
Erhör uns, steig ans Licht empor,

460




Or.
El.
CHO.

Wider die Feinde hilf du!
So messe sich jetzt Kraft mit Kraft, Recht mit Recht! [10.GStr.
O Götter, schenkt unsrer Tat gerechten Sieg!
Mich überströmt Beben, hör ich euer Flehn!
Das Gottverhängte harret längst;

465



 

Flehet ihr drum, herauf steig's!
Weh, des Geschlechtes Not! [11.Str.
O dieser mördrischen Wut
Schneidender, blut'ger Misslaut!
Weh, weh! Grässliches Amt des Sohnes!

470



 

Weh, weh! Nimmergestillter Jammer!
- "Dessen ein Balsam kam [11.GStr.
Nimmer dem Haus von Fremden,
Nur von ihm selber kommen
Durch bluttriefenden Hader": also

475




Chf.


das Lied drunten der dunklen Götter!
- Ihr drunten, vernehmt, ihr Selgen der Nacht,
Der Geschwister Gebet, o erfüllt's! Beistand
Schickt gnädig den Kindern zum Siege!
Orestes und Elektra knien nieder und sprechen zur Erde gebeugt
Or. Mein Vater, der du nicht königlichen Todes starbst,
480




El.

Or.

-Du gib die Herrschaft deines Hauses mir zurück!
Auch ich, o Vater, habe deiner Hilfe not,
Gönn mir die Freiheit, half ich zu Aigisthos' End!
Dann würden festliche Mahle von den Menschen dir
Geweiht; wenn nicht, so bliebest du beim Totenfest

485




El.


Or.

Von deines Landes Opferbränden ungeehrt!
Und Spenden will ich dann von meinem Erbe dir
Bei meiner Hochzeit bringen aus dem Vaterhaus,
Vor allen andern ehren deine teure Gruft!
O Gaia, sende den Vater, Hort des Kampfs zu sein!

490



El.
Or.
El.
Or.
El.

O Persephassa, füg des Sieges Glanz hinzu!!
Gedenk des Bades, Vater, drin du umgebracht!ELEKTRA:
Gedenk des Garnes, drin du eingefangen wardst!
In eisenlose Banden, Vater, schlug man dich!
Schmachvoll in listig umgeschlungnem Prunkgewirk!

495



Or.
El.
Or.

Erwachst du nicht, o Vater, über solche Schmach?
Hebst nicht empor, mein Vater, dein geliebtes Haupt?
Send Dike uns als Kampfgefährtin oder gib,
Vergeltend sie zu greifen uns mit gleichem Griff,
Wenn du, bezwungen, deinen Gegensieg begehrst!

500



El.


Or.

Vernimm, o Vater, diesen meinen letzten Ruf!
Sieh deine Küchlein sitzen hier an deinem Grab!
Erbarm des Grams dich deiner Tochter, deines Sohns!
Der Pelopiden edlen Stamm, vertilg ihn nicht!
Dann bist du nicht tot, ob du auch gestorben seist;

505






El.

Denn toten Manns Gedächtnis, in den Kinder lebt
Es fort! Korkstücke tragen schwimmend so das Netz,
Aus Meergrund treu bewahrend seines Fadens Zug..
Vernimm's! Um dich ja klagen wir den Klageruf!
Du rettest dich ja, wenn du ehrest dies Gebet! -

Orestes und Elektra erheben sich und steigen von dem Hügel herab
510



Chf.



Or.

Doch nun - denn eurer Rede Maß gebührte sich,,
Das Grab zu ehren, das beweint sonst keiner hat -
Das andre magst du, da du im Geist gerüstet bist,
Zur Tat vollenden, magst versuchen deinen Gott!
Ich will's! Doch abwärts liegt es nicht zu fragen noch,

515



 

Weshalb die Spenden sie gesandt, um welches Wort
Sie spät geehrt hat dieses unsühnbare Weh;
Dem Toten, der des nimmer achtet, sendet sie
Den feigen Grabgruß; nicht zu deuten weiß ich dies
Geschenk, das weit bleibt hinter ihrer Freveltat.

520






Chf.

Denn wer zu sühnen eine Blutschuld alles auch
Hingösse, nutzlos ist die Müh; so ist's und gilt's.
Ich möcht es wissen; weißt du es, so sag es mir.
Ich weiß es, Sohn, stand selbst dabei; von einem Traum,
Von nachtgestörten Grauenbildern aufgeschreckt,

525




Or.
Chf.
Or.
Chf.

Hat diese Spenden her das arge Weib gesandt.
Erfuhrt den Traum ihr, dass ihr ihn erzählen könnt?
Sie sagt, ihr war's, als ob einen Drachen sie gebar.
Wie weiter wendet und vollendet sich die Mär?
Sie hab in Windeln wie ein Kind ihn eingehüllt.

530



Or.
Chf.
Or.
Chf.
Or.

Nach welcher Nahrung gierig war die Drachenbrut?
Sie reichte selbst ihm ihre Brust, so träumte sie.
Wie? unverwundet ließ das Untier ihre Brust?
Nein, mit der Milch sog's dickgeronnen Blut hervor.
Gewiss, kein eitel Trugbild ist wohl diese Schau!.

535



Chf.

Sie aber schrie hell vor Entsetzen auf im Schlaf;
Viel Fackelschein, erloschen mit der tiefen Nacht,
Erhellte schnell der Königin Gemach und Saal;
Dann sandte diese Trauerspenden sie zum Grab,
Des drohnden Unheils, hofft sie, sichres Gegengift.

540



Or.

Ich aber fleh dich, Erde, Vaters Gruft, dich an,
Ausgangentsprechend werde mir dies Traumgesicht;
Ich deut es wahrlich, dass es wohl eintreffen muss:
Denn wenn demselben Schoße jener Drach entsprang,
Aus dem ich selbst, in gleiche Windeln lag gehüllt,

545



 

Dieselbe Brust scharfleckend, die mich stillte, sog,
Der lieben Milch einmischte frischgeronnen Blut,
Sie selbst entsetzt vor solchem Weh aufjammerte, -
Da muss sie furchtbar, wie sie grause Brut gebar,
Gewaltsam Tod erleiden; drachenwild empört

550




Chf.


Or.

Will ich sie morden, wie der Traum ihr kundgetan.
Ich nehme dich als Deuter dieses Schreckgesichts,
Gescheh's denn also! Aber sag uns Freunden jetzt,
Wen willst du mit dir tätig, wen du müßig sehn?
Das Wort ist einfach: du, Elektra, gehst hinein,

555



 

Doch gilt es, zu verbergen diesen meinen Plan,
Dass, wie sie mit List umbrachten den erhabnen Mann,
Mit gleicher List sie durch dasselbe Todesnetz
Gefangen sterben, wie's auch Loxias gebot,
Der Seher Apollon, dessen Wort den Trug nicht kennt.

560



 

Gleich einem Fremdling und in vollem Reisezeug
Komm ich mit diesem Manne an des Hofes Tor,
Mit Pylades, unsres Hauses Gastfreund, Speergenoss.
Wir beide sprechen in Parnassier Weise dann,
Der Phoker Mundart, fremde Laute ahmend nach;

565



 

Doch wird der Torwart freundlich uns wohl eben nicht
Empfangen, weil das ganze Haus in Freveln rast;
So werden wir da warten, bis uns einer sieht,
Der dort vorbeigegangen kommt, und also spricht:
"Was lässt Aigisthos vor der Tür den Flehenden

570



 

Ausschließen?Ist zu Hause er? Weiß er selbst es nicht?"
Hab ich des Schlosses Schwelle überschritten dann,
Sei's, dass er sitztauf meines Vaters hehrem Thron,
Sei's, dass entgegen mir zu gehn er sich erhebt,
Ich Aug in Aug - hab acht! - ihm gegenübersteh,

575



 

Noch eh er fragt: "Von wannen, Fremdling, kommst du?", tot
Streck ich ihn nieder mit des Schwertes heißem Schlag.
Auch wird Erinys, nie des Mordes noch verarmt,
Den dritten Trunk dann trinken ungemischten Bluts!
Du aber, Schwester, wach im Hause musst du sein,

580



 

Dass alles das mir wohl zusammentreffen mag;
Doch euch ermahn und bitt ich, wahret euren Mund,
Schweigt, wo es not ist, sprechet, was sich ziemt und frommt!
Das andre lassen jenem wir empfohlen sein,
Der diesen Blutkampf meines Schwertes mir gebot.

Alle außer dem Chor treten ab
585



CHO.

Erde wohl nähret manch grauenweckend Ungeheu'r; [1.Str.
Tief in des Meeres dunklem Grund wimmelt wohl manch
Menschengier'gen Scheusals Knäul;
Hoch in Äthersräumen zuckt's

590



  Flammend hell wie Fackelschein;
Und das Geflügel der Lüfte, da Wild in der Waldung,
Scheucht der Windsbraut Wolkenjagd.
Aber was gleicht des Manns frevelkühnem Übermut, [1.GStr.
595



 

Oder was frevellustkecken Weibes
Alles wagender Begier,
Leidgesellin Sterblichen?
Alle Wildheit, alle Brunst

600



  Selbst des Getiers überholet die weibergewaltge
Hemmungslose Liebesgier.
Hört an, so ihr nicht mit Flattersinn [2.Str.
Eitlen Spiels forschet,
Was eins Thestias,
605



 

Was die Kindesmörderin gar ersann,
Jenen Brand geheimen Mordes;
Sie hat selbst verbrannt ihres Sohnes
Lebensfackel, die mit ihm war,
Seit ihr Schoß ihn geboren,

610



  Mit ihm währte sein Leben lang,
Bis sein Ende gekommen.
Ihr gleich, sei in aller Mund ein Greul [2.GStr.
Skylla bluttriefend;
Die, dem Feind zulieb,
615



 

Einen, der ihr teuer war, umgebracht;
Goldgeflochtnen Kreterhalsbands
- Minos bot es ihr - lüstern schnitt
Selbst das Haar der Unsterblichkeit

620



  Sie dem schlafenden Nisos,
Hündisch gesinnt dem Vater ab;
Hinab führte ihn Hermes.
Und hab ich unsanfter Taten so gedacht, [3.Str.
Unzeitig ist's! Denn verhasster Ehe Bund,
625



  Fluch des Hauses, duld ich ja
Und weiberarglist'ge Ränke, truggeschürzt
Dem Mann im Kriegswaffenschmuck,
Dem Mann, des Ruhm aller Feinde Schrecken war;
Ich neige mich dem erloschnen Herd der Burg,
630



 

Vor tatenscheuen Weiblings Speer!
Ob allen Greultaten ragt die Lemnische; [3.GStr.
In Volkes Mund lebt sie als entsetzlich noch.
Aber diese Missetat,
Sie wird dereinst gleich dem Greul von Lemnos sein,

635



  Göttern verhasst, ach des Leids!
Menschen entehrt, sank dahin ein solches Geschlecht!
Denn keiner ehrt, was der Götter Huld verscherzt!
Sprach ein Wort irgend ich zu Recht nicht?
Das schon der Brust gezückte Schwert, [4.Str.
640



 

Tief hinein, bittre Schärfe, wundend trifft`s
Durch Dikes Hand (denn so ist's recht!)
Ihn, des frecher Fuß so ganz
Die Scheu vor Gott tritt in den Staub

645



  Und am Recht Gewalt übt.
Es wankt des Rechtes fester Grund. [4.GStr.
Doch erzhämmernd schmiedet Schicksal schon den Stahl.
Es führt ein Kind zurück ins Haus,
Grauen altvergossnen Bluts
650

 

Zu sühnen, letzte Sieg'rin sie,
Tiefsinnende Erinys.

Die folgenden Szenen spielen im Hof vor dem Königspalast. Orestes und Pylades treten mit einigen Begleitern auf, alle durch ihre Kleidung als Wanderer gekennzeichnet. Orestes pocht an das Hoftor.

Or.

He, Bursch! Du hörst, man pocht hier an der Außentür!
Ist keiner da? Bursch! heda, Hausbursch! öffne doch!

655

 

Zum dritten Male ruf ich dich, mir aufzutun,
Wenn bei Aigisthos' Zeiten ihr noch gastlich seid!

Ein Diener kommt aus der Seitentür des Palastes und öffnet. Orestes und Pylades treten mit ihren Begleitern ein
DIENER



Or.

Ja doch, ich höre! Freund, wer bist du und woher?
Der hohen Herrschaft deines Hauses hier bestell:
Zu ihnen käm ich, brächte Neuigkeiten mit.

660

 

Mach schnell; es fährt in ihrem dunklen Wagen schon
Die Nacht herauf; Zeit wird es, dass ein Wandersmann
In seinem Gasthaus Anker wirft, sich auszuruhn.
Es komme jemand, der Gewalt hier hat, die Frau
Etwa des Hauses, oder besser noch der Mann;

665

 

Denn wenn Verlegenheit das Wort nimmt, Freund, so tappt
Die Red im Dunkeln, aber offner spricht der Mann
Zum Mann, und Zeugnis sagt er deutlich und genau.

Diener ab. Klytaimnestra tritt von einigen Mägden und Dienern gefolgt aus der Seitentür.
KLYTAIMNESTRA

Fremdlinge, sagt, was ihr bedürft; euch steht bereit,
Was irgend unsrem Fürstenhause ziemen wird,
670







Or.

Ein warmes Bad, ein Lager, das den Müden sanft
empfängt und aufmerksamer Augen Gegenwart;
Und wäre Weitres euch mit mehr Bedacht zu tun,
So ist's der Männer Sache; wir berichten's gleich.
Fremd kam ich her, aus Phokis bin ich, ein Daulier;

675



  Als ich, mit eigener Geschäfte Last bepackt
Gen Argos schritt, wie ich denn auch hierher gewollt,
Traf unbekannt mich Unbekannten einer an
Und sprach, nachdem er meinen Weg von mir erfragt
- Der Phoker Strophios war es, hört ich im Gespräch -:
680



 

"Wenn du denn sonst auch, Freund, gen Argos gehen musst,
So sage doch den Eltern, die du leicht erfragst,
Orestes sei gestorben, und vergiss es nicht;
Ob dann die Seinen ihn zurückgebracht zu sehn,
Ob ihn im Ausland und für alle Zeiten fern

685



 

Begraben wünschen, solchen Wunsch sag mir zurück!
Denn einer erzgetriebnen Urne Raum verschließt
Des vielbeweinten, teuren Mannes Asche jetzt."
Was ich gehört hab, sag ich nach; ob ich es nun
Den Rechten, die es hören müssen, sage, nicht

690




Kl.

Weiß ich's, erfahren aber muss sein Vater es.
Weh mir! Von Grund aus Niederstürzt uns, was du sagst!
Du, dieses Hauses unbezwinglich grauser Fluch,
Wieviel erspähst du, und, was schon gerettet schien,,
Zerstörst du fernher zielgewiss mit deinem Pfeil!

695



  All meiner Lieben machst du mich ganz Arme arm;
Nun auch Orestes, welcher wohlberaten war,
Dass fern den Fuß er aus des Verderbens Sumpf gelenkt,
Er, unsre Hoffnung, er, dem schönen Taumelrausch
Ein letzter Arzt, sie nennet jetzt ihn - nah und da!
700



Or.

O wär ich doch Gastfreunden, die so reich und hoch,
Durch gute Botschaft, die ich brächte, heut bekannt
Geworden und als Freund begrüßt! Was kann denn auch
Für einen Fremden als ein Gastfreund lieber sein?
Doch mir im Geist erschien es als Gottlosigkeit,

705





Kl.
Den Angehörgen solchen Bericht nicht kundzutun,
Da ich's versprochen und als gast hier ward begrüßt.
Nicht minder soll dir werden, was dein würdig ist,
Noch wirst du weniger lieb darum dem Hause sein;
Dasselbe hätt ein andrer uns doch hinterbracht.
710
 

Doch ist es Zeit jetzt, dass den Fremden, die den Tag
Hindurch gewandert, was bequem ist, werd geschafft;

Zu einem der Diener


Ihn führe nunzum gastlich offnen Männersaal,
Und seine Diener, seinen Reisegefährten auch,
Damit sie dort sich finden, was für sie bequem.

715







Dein ist der Auftrag, und du haftest mir dafür.
Wir aber werden dies dem Herrn des Hauses treu
Mitteilen und mit Freunden, dran's uns nicht gebricht,
Zu Rate gehen wegen dieses Missgeschicks..
Alle ab
Chf. Auf, teure Schar! Auf, Mägde! Denn wann,
720





CHO.
Wenn jetzt nicht, weihn
Wir Orestes die Kraft des Gebets?
Du heiliger Herd, du der heiligen Gruft
Malstätte, die jetzt du des Meerfeldherrn,
Des gewaltigen, Königsleichnam birgst,
725



 

O hör uns nun, sei hilfreich nun!
Jezt, Peitho, hilf in dem Werke des Trugs;
Und der Gruft Hermes, mit tret er zum Kampf,
Und der Nacht Hermes, er geleite dich treu
Zum vernichtenden Kampfe des Schwertes!

Die Orestie 4 - Choristen und Helga Werner (Mitte) (Amme/Pythia)
Die Orestie 4 - Choristen und Helga Werner (Mitte) (Amme/Pythia)

Die Amme Kilissa kommt aus der Seitentür

730



Chf.

Der fremde Mann hat, scheint es, Böses mitgebracht;
Denn weinend seh ich dort Orestes' Amme nahn.
Wohin, Kilissa, gehst du aus des Hauses Tor?
Du trägst ja Trauer ohne Lohn heut, wie man sieht:

AMME
Aigisthos, sagt die Herrin, soll ich ungesäumt
735



 

Den Fremden herbescheiden, dass er deutlicher,
Der Mann von Männern, ihre Neuigkeiten mag
Mit eignen Ohren hören. Vor dem Gesinde zwar
Verbirgt in finstren Augen sie geflissentlich
Ihr Lachen; denn nun ist geschehn das Freudigste

740



 

Für sie, fürs Haus steht's aber ganz und gar betrübt
Seit dieser Nachricht von den fremden Wanderern!
Ja freilich, er wird herzlich sich darüber freun,
Wenn er die Nachricht höret! O ich arme Frau!
Ist doch von alten Zeiten her schon kreuz und quer

745



 

Unsäglich Unglück hier in Atreus' altem Haus
Bis heut geschehn, dass mir das Herz im Leib zerreißt;
Doch solchen Kummer hab ich niemals noch erlebt!
All andres Leid trug ich geduldig bis ans End;
Dass aber mein Orestes, meiner Seelen Lust,

750



 

Den aus der Mutter Schoß ich nahm und auferzog
Mit aller Unruh nächtens, wenn das Kindchen schrie,
Und all den vielen Plagen, die ich vergebens nun
Ertrug, - denn solch ein unverständig Kindchen muss
Wie's liebe Vieh man ziehn, nicht wahr? mit klugem Sinn;

755



 

Da kann es denn nicht sprechen, solch ein Wickelkind,
Ob's Hunger, ob es Durst hat, ob sich's nass gemacht,
Der kleine Magen macht, was je nach seiner Not;
Das muss voraus man merken, und, glaub mir, man irrt
Sich auch und wäscht dem Kinde dann die Windeln rein,

760



 

Versieht zugleich der Wäscherin und Amme Dienst;
Und ich versah die beiderlei Geschäfte selbst
Und hatt' Orestes, seinem Vater aufzuziehn.
Nun muss ich Arme hören, dass er gestorben ist,
Muss nun zum Herrn gehn, der geschändet unser Haus

765




Chf.
Am.
Chf.
Am.

Und meine Nachricht frohen Sinnes hören wird!
In welcher Weise will sie, dass er kommen soll?
Wie welcher? Sag noch einmal, dass ich's recht versteh!
Ob seine Wache mit ihm oder er allein?
Umringt von Lanzenknechten will sie, dass er kommt.

770



Chf.



Am.

Das aber sage deinem verhassten Herren nicht!
Allein erscheinen mög er, hören ohne Furcht.
Das geh und meld ihm ungesäumt und freue dich;
Bei mancher Botschaft nützet ein ungesagtes Wort!
Bist gar du froh noch über solche Neuigkeit?

775



Chf.
Am.
Chf.
Am.
Chf.

Abwenden wird Zeus' Willen einst noch allen Gram!
Wie das? Orestes, unsres Hauses Hoffnung, starb!
Nicht doch; ein schlechter Seher schon erkennte das!
Was sagst du? Weißt du andres, als berichtet ward?
Geh hin und melde! Mach es, wie ich's dir gesagt!

780




Am.

CHO.

Den Göttern obliegt, was geschehen muss und wird!
Ich geh und führ es ganz nach deinem Willen aus;
O dass es glücklich ende durch der Götter Gunst!
Jetzt erhör mein Gebet,[1.Str.
Du, der hochselgen Götter Vater, Zeus,

785



 

Gib, dass nun der Würfe fällt
Über dieses Hauses Los,
Freudevoll zu schauen mir!
Wie es gerecht, sprech ich ja
Jegliches Wort; - Zeus, du wollst ihn hüten!
Ach! Ach! Dem im Hause [1.ZStr.

790



 

Die Verhassten, gib, o gib, Zeus,
Sie ihm preis! Gönnst du den Sieg ihm,
Doppelt und dreifach wird er gern
Zahlen der Sünde Schuld dir!
Acht es wohl, unsres einst [1.GStr.

795



 

Teuren Herrn Waise wird ins Leidensjoch
Eingeschirrt; gib ein Maß
Seinem Lauf! Wer hielte leicht,
Wenn er in diesen Bahnen läuft,
Richtig Maß, sichres Ziel
Während des Schritts Wechselhast ihn hinreißt.

800



 

Die ihr waltet in der Burg [2.Str.
Prunkgemach, stolzen Reichtums Hüter ihr,
Gnädge Götter, höret uns
[Und bewähret eure Macht!]
Einst verübter Freveltat

805



 

Blutschuld - sühnt sie durch ein neu Gericht!
Der greise Mord zeuge weiter nicht im Haus!
Der du wohnst dort an dem hoh'n [2.ZStr.
An des Tors prangendem Bau,
Lass uns wieder hell blicken das Haus,
Lass es die Freiheit erschaun,

810



 

Strahlend Licht, mit heiterem Blick,
Welches die Schleier des Dunkels deckten!
Allgerecht helfen mög [2.GStr.
Maias Sohn, er, der Götter raschester,
Gilt's zu fördern kühne Tat!

815



  Viel Verborgenes enthüllt er,
Unerforschlich selber doch
Gießt Nacht, gießet Dunkel vor das Aug',
Am hellen Tag heller nicht noch kenntlicher.
Dann, o dann alles Graun [3.Str.
820



 

Bannend tön aus Frauenmund
Heilbeschwörend zu der Saiten
Klang ein Lieb wohlgefügt, zauberkräftig:
"Heil der Stadt durch solches Tun!

825



 

Mir, ja auch mir, blühe dann noch Freude auf!
Unheil weicht den Lieben fern!"
Sei getrost dann, wenn dein Anteil [3.ZStr.
Am Geschehen, Sohn, auch zu dir kommt!
Ruf ihr zu des Vaters Namen,

830



  Schlag und triff! Schrecklich Tun! Aber du
Lobe das Allverworfne!
Perseus gleich ungeschreckt, [3.GStr.
Handle! Halte fest dein Herz!
Tu den Deinen, so das Grab deckt,
Tu zugleich hier den Deinen Liebesdienst,
835


 

Traurigsten! Drinnen lass
Blut'gen Greul jetzt geschehn! Den schuldigen
Mörder, ihn tilge aus!

Die Orestie 5 - Choristen und Sebastian Kuschmann (Mitte) (Aigisthos)
Die Orestie 4 - Choristen und Helga Werner (Mitte) (Amme/Pythia)

Aigisthos kommt ohne Gefolge

AIGISTHOS

Nicht ungerufen komm ich; Boten sandte man;
Denn fremde Männer kamen, hör ich, brachten uns
840



 

Viel Neuigkeiten, aber nicht erfreuliche,
Den Tod Orestens. Würde das im Hause kund,
So trüge weitre blutbefleckte Last das Haus,
Das noch an alten Wunden krankt und altem Weh.
Soll ich es wahr und wirklich nennen? Oder ist's

845






Chf.

Ein weiberhaftes, furchtgebornes Truggeschwätz,
Das durch die Luft hin eitel fliegt und eitel stirbt?
Weißt du vielleicht mir irgend drüber Sicheres?
Wir hörten's freilich; aber drinnen frage selbst
Die fremden Männer; wenig Wert hat Botenwort,

850




Ai.

Da du selbst von ihnen selber alles hören kannst.
Selbst sehn und fragen will ich denn den fremden Mann,
Ob er bei seinem Tod gewesen oder nur
Aus dunklen Reden so erfuhr und weitersagt;
Denn meines Geistes scharfen Blick betrügt man nicht.

Aigisthos geht in den Palast ab
855



Chf.

Zeus, Zeus, was sag, was nenn ich zuerst
Im heißen Gebet, im brünstigen Wunsch?
Wie sprech ich es aus,
Dasss es gleiche dem Drange des Herzens?
Jetzt ist es daran, dass in blutigem Kampf

860



 

Mannmordender Schwerter entfesselte Wut
Entweder hinweg von der Erde vertilgt
Das teure Geschlecht Agamemnons, -
Oder selbst er, der Freiheit flammendes Licht
Entzündend, gesetzliche Herrschaft erringt

865







Ai.

Und der Ahnen glückliches Dasein.
So tritt er allein zweien Feinden zugleich
Zum entscheidenden Kampf, der erhabne Orest,
In die Schranken; geschäh es zum Siege!
Ach! Wehe mir, wehe!

870



CHO.

Chf.

Horch! O Horch! Wie wird es gehn?
Wird's vollbracht sein im Palast?
Lasst uns hinweggehn, denn das Werk wird nun getan,
Auf dass wir scheinbar schuldlos sind an dieser Tat;
Denn schon entschieden ist des Kampfes Ziel und Schluss.

Ein Diener stürzt aus dem Palast
DIENER
875


 

O weh des Mordes! Totgeschlagen ist der Herr!
O weh noch einmal! Und zum dritten Male weh!
Aigisthos ist nicht mehr! O öffnet, öffnet doch!

Er pocht an die Tür des Frauenhauses

So schnell wie möglich! Drinnen brecht die Riegel auf
Im Weiberhause; ja es braucht da große Kraft,
880
 

Nicht ihm zu helfen, der ist tot. Was ist es mehr!
Ho! hoiho!

Wiederholtes Pochen



Zu Tauben schrei ich, und zu eitel Schlafenden
Umsonst! Wohin ist Klytaimestra? Säumt sie noch?
Wohl scheint's, dass um ein Kleines nun von Henkers Schwert
Ihr eigner Nacken im Gericht hinsinken wird!
Klytaimnestra tritt schnell ohne Begleitung und ohne Schmuck heraus
885



Kl.
Di.
Kl.

Was ist geschehn? Was weckst du so mit Geschrei das Haus?
Der Tote, sag ich, mordet die Lebendigen!
Weh mir! Im Rätsel auch versteh dein Wort ich wohl!
List mordet uns jetzt, gleich wie wir einst mordeten!
Mein scharfe Schlachtbeil bringe schenll man mir heraus!

890



Lass sehen, ob wir siegen werden, ob besiegt!
Dahin gekommen ist es nun in meinem Leid!

Diener ab. Orestes und Pylades treten mit blutigen Schwertern aus dem Palast


Or.
Kl.
Or.
Ich suche dich auch! Er erhielt sein volles Teil!
Weh mir! Erschlagen du, Aigisthos' teure Kraft?
Du liebst den Mann? So liege denn in einem Grab
895




Kl.


Or.

Mit ihm; doch du verrat den Toten nimmermehr!
Halt ein, o Sohn! Und scheue diese Brust, o Kind,
Die Mutterbrust, an welcher du einschlummernd oft
Mit deinen Lippen sogst die süße Muttermilch!
Was tu ich, Pylades? Scheu ich meiner Mutter Blut?

PYLADES
900






Or.

Wo bleiben dann die andren Gottverheißungen
Des Pythotempels, wo der eignen Eide Band?
Hab alle lieber als die Götter dir zu Feind!
Dein Wort, es sieget, du gemahnst ans Rechte mich!
So folg mir, töten will ich neben jenem dich.

905






Kl.
Or.

Im Leben war er teurer als mein Vater dir,
So schlaf im Tod auch neben ihm; du liebtest ja
Den Menschen; den du lieben musstest, hassest du!
Ich zog dich groß, so lass mich altern auch mit dir!
Du mit mir wohnen, meines Vaters Mörderin?

910



Kl.
Or.
Kl.
Or.
Kl.

Die Moira trägt, mein Kind, Mitschuld an allem dem!
So hat die Moira auch verschuldet diesen Mord!
O Sohn, und scheust du deiner Mutter Flüche nicht?
Die du mich gebarst, verstoßen hast du mich ins Weh!
Dich nicht verstoßen hab ich in des Freundes Haus!

915



Or.
Kl.
Or.
Kl.
Or.

Schmachvoll verkauft ward ich, des freien Vaters Sohn!
Wo ist der Kaufpreis, den ich je für dich empfing?
Scham hindert mich, genau zu nennen deinen Schimpf
Dann auch verschweig nicht, was dein Vater missgetan!
Wenn du daheim bliebst, richte nicht mit dem, der kämpft!

920



Kl.
Or.
Kl.
Or.
Kl.

Des Manns entbehren ist der Frau gar schwer, o Kind!
Des Mannes Mühsal nährt die Stillheimsitzende!
So willst du mich umbringen, deine Mutter, Sohn?
Mitnichten ich; nein, du ermordest selbst dich selbst!
Du! vor der Mutter grimmen Hunden hüte dich!

925



Or.
Kl.
Or.
Kl.
Or.

Die meines Vaters, lass ich dich, wie meid ich sie?
So wein ich lebend wie an totem Grab umsonst!
Des Vaters Schicksal stürmet auf dich diesen Tod!
Weh! diesen Drachen hab ich geboren und genährt!
Nur allzu wahrer Seher war dein banger Traum!

930

Du mordetest, wen du nicht durftest, also leid es auch!

Orestes zieht Klytaimnestra mit Gewalt in das Haus. Der Chor nähert sich ängstlich



Chf. Auch dieser beiden Missgeschick beweinen wir!
Und weil Orestes traurig jetzt zum Gipfel führt
Die viele Blutschuld, lasset beten uns zugleich,
Dass dieses Hauses Aug' nicht ganz im Elend bricht!
935



CHO.

Herein brach Gericht ins Priamidenhaus, [1.Str.
Rache mit schwerem Tritt
Herein brach empört in Agamemnons Haus
Zwiefacher Leu, zwiefacher Kampf, -
Hinaus führt zum Ziel

940



 

Der Flüchtling, den Pytho verhieß,
Der getrieben von Gott getrost stürmte zur Tat!
Jauchzet, o jauchzet laut, dass das erlauchte Haus [1.ZStr.
Endlich dem Fluch entflieht, endlich des Frevelpaars,
Wüster Vergeudung Ende sieht,

945



 

Ein End' aller Not!
Herein brach zum Kampf vor aus dem Hinterhalt [1.GStr.
Rache, die listige;
Mit Hand angelegt hat in dem Kampf des Zeus
Wahrhaftes Kind: Gerechtigkeit
Heißen wir Menschen sie,

950



 

Und treffen so, was ihr Amt.
Atmend tödlichen Groll allen, die feindlich ihr,
Wie es einst Loxias aus des Parnassos tief- [2.Str.
Dämmernder Felsenschlucht

955



  Kündete truglosen Spruchs, also ist trügrisch sie
Genaht der Mörderin wartend lange Zeit;
So obsiegt das Göttliche; Hilfe nicht
Gewährt Bösen sie;
960




 

Drum Ehrfurcht der Macht, die in den Himmeln herrscht!
Ich darf schauen das Licht!
Abfiel das schwere Joch nun von des Hauses Stirn! [2.ZStr.
Richte dich auf, o Haus! Lange, zu lange Zeit
Im Staube lagest du gebeugt
Tief unter Fluches Last.

965



 

Die allvollendende Zeit durchschreitet bald [2.GStr.
Das Tor dieses Palasts, wenn vom befleckten Herd
Jeglichen Greuel tilgt
Sühnende Reinigung bannend des Unheils Kraft.
Geschick, künftges, erglänzt heiter vor unserem Aug,

970





Den Ruf, stimmt ihn an:
"Die hier mitgewohnt, bald sind verjagt sie ganz!"
Ich darf schauen das Licht!
Die königliche Pforte öffnet sich; dort steht Orestes mit bluttriefenden Händen neben einer Bahre; darauf liegen halbverhüllt die Leichen von Aigisthos und Klytaimnestra. Im Hintergrund Sklaven und Sklavinnen, von denen zwei das riesige Tuch halten, das Klytaimnestra über Agamemnon geworfen hatte, ehe sie ihn erschlug. Zahlreiche Bürger sind in die Orchestra geströmt. Orestes spricht zu ihnen.

Or. Da seht ihr dieses Landes Doppeltyrannei,
Die Vatermörder, reichsten Guts Verschleuderer!
975



 

In stolzer Hoheit saßen sonst sie auf dem Thron,
Und jetzt vereint sie Liebe noch, wie dort ihr Los
Es zeigt, und treu bleibt altem Schwure noch ihr Bund.
Vereint den Vater umzubringen schwuren sie,
Vereint zu sterben; nun geschah's nach ihrem Schwur.

980



 

Ihr aber alle, dieser Leiden Zeugen, seht
Dies Truggewirk an, meines armen Vaters Garn,
Die Fessel seiner Hände, seiner Füße Zwang!
Spannt ihr es weit aus, zeigt im Kreise rings umher
Des Helden Fangnetz, dass es sehn der Vater mag,

985



 

Nicht meiner, sondern Helios, der alles dies,
Der meiner Mutter gottverfluchte Tat geschaut,
Auf dass er einst mir im Gericht kann Zeuge sein,
Wie ganz gerecht ich diesem Morde nachgejagt
Der Mutter; denn von Aigisthos' Ende red ich nicht;

990



 

Er fand des Ehebrechers Strafe, wie es Recht.
Doch wenn ein Weib so argen Hass sann ihrem Mann,
Von dem sie Kinder doch im eignen Schoße trug,
Einst teure Last, jetzt offenkundig ärgsten Feind, -
Was meinst du? Giftaal, Viper wurde sie erzeugt,

995

 

Dass, wen sie anrührt, ungebissen der verfault
Ob ihrer Frechheit, ihres Sinns Ruchlosigkeit.

Zwei Skalven schreiten mit dem ausgebreiteten Tuch an den Bürgern vorüber und bringen es dann zu Orestes zurück


Wie nenn ich das hier, dass der Name treffend sei?
Fangzeug des Wildes? Fußumschlingend Leichentuch,
Des Bades hüllenden Vorhang? Eines Jägers Netz
1000



 

Und Schlinge scheint es, fußverfangend Fluchgewirk;
Ein Straßenräuber finde sich desgleichen aus,
Der seinen Fremden tückisch fängt, in Raub und Mord
Sein Leben hinbringt; viele dann mit solcher List
Zu morden, dies sei seines Sinnes stete Gier!

1005





CHO.

Mir aber werde solche Hausgenossin nie,
Ehr wollt mich, Götter, sterben lassen kinderlos!
Weh, weh! Weh, weh! O grausiges Werk!
Wie grässlichen Todes du umkamst!
Doch ach!
Leid blüht auch dem, der zurückbleibt!

1010



Or.

Tat sie es? Oder tat sie's nicht? Da, dies Gewand
Dass Aigisthos' Schwert mit Blut getränkt;
Des Mordes Blutfleck stimmt zu seinem Alter wohl,
So weggefressen hat er des Purpurs Farbenpracht!
Nun preis ich mich, nun stöhn ich laut auf, hier zu stehn,

1015






Chf.

Und anzusprechen meines Vaters Mordgespinst!
Es quält mich meine Tat, mein Leid, all mein Geschlecht,
Mit diesem wenig neidenswerten Sieg befleckt!
Kein Sterblicher ist, welcher unversehrt
Und ungebüßt führet sein Leben zu End'
Denn ach,

1020




Or.

Leid kommt, wenn nicht heute, so morgen!
Doch dass ihr's wisset - denn das Ziel, ich weiß es nicht;
Wie mit Rossen fahrend, komm ich von der Wagen Bahn
Seitab; mich reißen fort die Sinne zügellos,
Unwiderstehlich. Schon dem Herzen will die Angst

1025



 

Ihr Lied anstimmen, klopfend tanzt's zu ihrem Takt.
Solang Bewusstsein noch mir bleibt, hört, Freunde, mich!
Die eigne Mutter schlug ich tot mit Fug und Recht,
Die Gottverhasste, mir durch Vatermord befleckt;
Und meiner Kühnheit Rauschtrank mischte mir zumeist

1030



 

Der Pythoseher Loxias durch seinen Spruch:
Dass, wenn ich's täte, sonder Schuld ich solle sein,
Wenn ich es ließe - meine Strafe nenn ich nicht;
Mit keinem Pfeil reicht keiner ab ein solches Leid! -
Und jetzt, ihr seht mich, wie ich will, fromm angetan

1035



 

Mit diesem Ölzweig, diesem Kranze, bittend ziehn
Zum Heiligtum der Mitten, Loxias' Gefild,
Zum Licht der Flamme, die die ewge wird genannt,
Um dies verwandte Blut zu fliehn; denn Loxias
Gebot mir, keinem andren Herde mich zu nahn.

1040









Chf.

Dies aber, sag ich, soll mir Argos' ganzes Volk
Dereinst bezeugen, welches Weh mir ward geschafft, [1041a]
Vor Menelaos, kehrt er heim zu diesem Strand. [1041b]
Doch ich, der Heimat flüchtig, irr' in fremdem Land;
Leb ich und sterb ich, solchen Ruhm lass ich zurück.
Ja, rühmlich tatst du; nicht zu wildem Worte drum

1045






Or.

Noch übler Vorbedeutung öffne deinen Mund;
Du gabst der Freiheit unsre ganze Stadt zurück,
Da beider Schlangen Häupter rasch du abgemäht!
Ach, ach!
Da, welche Weiber! Seht ihr dort, Gorgonen gleich,
Die schwarzverhüllten, grausig haardurchflochtenen

1050




Chf.

Or.

Mit dichten Schlangen; bleiben nicht mehr kann ich hier!
Welch wirres Wahnbild, du des Vaters liebstes Kind,
Scheucht dich empor? Bleib fest! Bezwing das Graun!
Nicht ist's ein Wahnbild, was mich drohend dort entsetzt,
Nein, meiner Mutter blutempörte Hunde sind's!

1055



Chf.

Or.

Chf.

's ist frisches Blut dir, Kind, an deinen Händen noch,
Daraus Verwirrung trübe deinen Geist befällt.
O Fürst Apollon! Wuchernd mehrt sich ihre Schar!
Aus ihren Augen triefen sie grausenhaftes Blut!
Es gibt Entsühnung! Wenn dich Loxias berührt,

1060


Or.

So wird er huldreich dieser Qualen dich befrein!
Ihr freilich seht sie nicht; ich aber sehe sie;
Mich jagt's von hinnen! Bleiben nicht mehr kann ich hier! -

Orestes stürzt hinaus

Chf. All Glück geleit dich; gnädig auf dich schauen mag
Ein Gott dich bewahren vor Gefahr und Tod!
während der Chor, gefolgt von den Bürgern, auszieht
1065



 

So hat dich denn nun in dem Königspalast
Dreimaliger Sturm
Dreifachem Geschlecht vollendet.
Zum ersten begann's mit kindfressendem Greul,
Unerträgliches litt ja Thyestes!

1070



 

Zum zweiten des Herrn unköniglich Los,
Dem im Bad erlag, des achaiischen Volks
Kriegsherrlicher Fürst;
Zum dritten erschien - ob Retter ich ihn,
Ob Mörder ihn nenn?

1075

 

Wo endet sie noch, wo findet sie Ruh,
Besänftigt die Wut dieses Fluches?

   
Übersetzung nach Droysen/Nestle

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