"Rom-Idee"
ist ein zusammengesetzter Begriff. Er hat zwar einerseits die
Stadt Rom in ihrer historischen Entwicklung zum Gegenstand, drückt
aber durch den zweiten Bestandteil aus, dass es dabei nicht um
disparate historische Fakten in ihrer Besonderheit, auch nicht
um die realen Entwicklungslinien der geschichtlichen Entwicklung
geht, sondern um ihre bewusstseinsmäßige Zusammenschau,
das einheitlich geistige Bild von dem, was das Wesen Roms ausmacht
oder ausmachen soll.
Der Begriff zielt damit auf das differenzierte Wechselspiel
von Realität und Idealität, von Wirklichkeit und Vorstellung,
deren innere Gespanntheit sich häufig in einem bedauernden
Nicht-Mehr oder einem erwartungsvollen Noch-Nicht entlädt.
Nicht immer ist es die Wirklichkeit, die das Bild aus sich
hervorbringt; häufig ist es die Idee, die die Wirklichkeit
aus sich gebiert. Die Idee hat ihr Eigenleben. Sie kann gegebenenfalls
als Überbau weiterleben, auch wenn ihre Basis zugrunde
gegangen ist.
Aus der Vielfalt der Romideen, sollen hier die herausgegriffen
und möglichst knapp charakterisiert werden, die vom Ausgang
der Republik an die Erwartungen, die man auf Rom setzte, widerspiegeln.
Dabei folgen wir in Aufbau und Inhalt eng dem gleichnamigen
Aufsatz von F.Klingner: Rom als Idee, in RömischeGeisteswelt,
München 1065, S. 645-666.
Platons Ideenlehre stellt
zum ersten Mal den wahren Staat als Urbild (Idee) dem mit Mängeln
behafteten real existierenden Staat entgegen. Dabei setzt
die integrative Kraft der Idee des Guten die individuelle Seele
(Mikrokosmos), den Staat (Mesokosmos) und den Makrokosmos in Analogie
zueinander.
Aristoteles löst
den Staat aus dem platonischen Ideenkosmos und untersucht ihn
empirisch in seinen konkreten Einzelformen. Sein allgemeines philosophisches
Bild erhält Aristoteles durch Induktion.
Der wahre Staat fällt
mit dem vernunftdurchwalteten Kosmos zusammen. So wird der stoische
Weise (sapiens), wenn er gemäß seiner Vernunftnatur
lebt, zum κοσμοπολίτης, zum Bürger der einzig wahren πόλις.
Die bestimmte Einzelpolis verliert an Bedeutung.
Cicero überwindet
das mechanistische Verfassungsmodell des "Fanatikers der
Realpolitik" Polybios. Er versteht unter "Staat"
einen auf Recht (iuris consensu sociarus, Cic.rep.1,39) und damit
auf der ewigen Ordnung der Natur ("est quidem vera lex recta
ratio naturae congruens, Cic.rep.3,33) beruhenden Kosmos.
(Der Staatsmann bringt) "etwas von der
Ordnung und Harmonie seiner himmlichen Heimat ins Irdische herab
und hält sich mit seinem Ursprung verbunden und bereit
zurückzukehren." (Klingner, 649 f.)
Typisch römisch ist dabei, dass Ciceo das normative Modell
in der Einmaligkeit der römischen Geschichte verwirklicht
sieht. Nicht ohne äußere und innere Gefährdungen
(Doppelsonne!). Sie aber wurden durch die "virtus" seiner
Leistungsträger überwunden, wie sich auch der jüngere
Scipio
in seinem Traum als "dictator rei publicae constituendae)
in die Pflicht genommen sehen wird (Cic.rep.6,12).
Seine Romidee wurzelt
in der Rückbesinnung auf eine ideale Urzeit, die es in einer
Zeitenwende zuerneuern gilt. Ihre Erwartung erscheint als
- Heilbringer-Idee, geknüpft an ersehnte Geburt eines
Heilandkindes (Verg.ecl.4);
- Idee von der Wiederkehr des Goldenen Zeitalters (Georg.
und Aen.), in dem die Menschen unter der Herrschaft des Saturnus
in der Fülle des Glücks gelebt hatten.
Octavians Sieg 31 v.Chr. bei Actium gilt als Sieg des Westens
über den durch Antonius und Cleopatra verkörperten
Orient. Dies führt zu einer Konzentration der Staatsidee
auf Rom und auf Octavianus Augustus (Staatsidee --> Romidee
--> Kaiseridee),
Dies kommt am sinnfälligsten in der Aeneis zum Ausdruck:
"Rom ist der eigentliche Held des Gedichts,
seine Geschichte, der teleologische Zusammenhang zwischen Urzeit
und Gegnewart des Dichters der eigentliche Gegenstand; die ganze
römische Geschichte aber strebt auf das Rom des Augustus
hin." (Klingner, 652)
Die junge Kirche lehnte
Rom zunächst als Inbegriff der bösen Mächte ab.
Rom übernahm die Rolle, die einst Babylon im Gegensatz zu
Jerusalem gespielt hatte (Babylon-Motiv). Das apokalyptische Negativbild
hellte sich erst allmählich auf, am Ende steht die Assimilation
der traditionellen Romidee durch das Christentum. Als Ausgangspunkt
kann der von den Evangelien konstatierte Synchronismus Augustus
- Jesus Christus gelten.
- Tertullian
fordert bereits dazu auf, für das dem Strafgericht verfallene
"Babylon" zu beten.
- Laktanz nennt
Rom das "Augenlicht der Welt"(Klingner, 656)
- Melito erkennt in seiner Apologie an Kaiser Marc Aurel ein
Füreinander beider Reiche
- Origenes
und Clemens von
Alexandria: Durch die zunehmende Aufnahme des stoischen und
platonischen Universalismus in die christlichen Werke wird
für die beiden Reiche zugunsten Roms das alte Urbild-Abbild-Modell
wieder aktuell. Allerdings zunächst als konkurrierender
Gegenmodelle.
"Jetzt ist mit einem Male das römische
Reich ebenso wie die Macht des Alten Testaments eine Macht,
die die Ankunft des wahren Reiches vorbereitet."
(Klingner, 657)
- Eusebios:
Aus dem Gegensatz wird wesenhafte Analogie, aus dem Konkurrenz-Motiv
wird Abbild-Motiv.
"Die Pax Augusta stellte sich jetzt
als Vorbereitung für die Pax Christiana dar."
(Klingner, 657). "Mit ihr (der Pax Augusta) zugleich
ist der Logos (Christus) in die Welt eingetreten, die Theophanie
erfüllt und die Pax Christiana begründet."
(Klingner, 658)
Das Christentum besiegte Rom nicht, indem es das wertbesetzte
Rombild Vergils verwarf, sondern in sich aufnahm.
V. Die Vollendung des christlichen
Rombildes
"An die Stelle des
"Babylon-Motivs tritt als endgültige Umformung bei Hieronymus,
Ambrosius und Prudentius das Motiv des "Büßenden
Rom" .
- Symmachus:
In der Relatio des Symmachus (dem "ersten Manifest der
Roma Christiana", Klingner 658) sagt das "alte"
Rom mit Blick auf sich selbst: "Schämen möge
sich das Alter, das sich nicht zu bessern vermag."
Polytheismus und Christenverfolgung waren ein Sündenfall.
- Ambrosius
kann Rom nach seiner Umkehr als "caput gentium"
und "electa sedes magistri gentium"
preisen.
- Prudentius:
Die eigentliche Vollendung leistet Prudentius, indem er das
Rom Vergils als notwendige Vorstufe in das christiche Rombild
integrierte. Nicht das fatum hatte die "Pax Augusta"
als Ziel bestimmt, sondern göttliche Providenz die "Pax
Christiana". In diesem Sinne ist bei Vergil die Iupiter-Zusage
zu verstehen "imperium sine fine dedi".
So wird Prudentius zum "Sänger der Roma Christiana"
(Klingner, 660).
- Augustinus: Der Fall Roms zwingt Augustinus wieder
zur Relativierung des euphorisch-naiven Rombildes eines Prudentius.
Rom verkörpert die "civitas terrena", ist aber
im Sinne der platonischen Ideenlehre der "civitas Dei"
zugeordnet. Rom darf weder zu verdammt noch vergöttlicht
werden:
"Wahrer Staat, wahres Volk, wahre
iustitia, wahre virtus gibt es nach Augustinus nur im Gottesreiche."
(Klingner, 664).
VI. Abschluss bei
Dante
Dante versagt seinem
Meister Vergil den Eintritt in das Paradies. Damit zeigt er: Die
augusteische Romidee habt nur Vorläuferfunktion. Erst dadurch,
dass Rom in den christlichen Kosmos hineinwächst, erfüllt
es als "civitas Dei", als himmliches Rom sein Wesen.
"Die Göttliche Komödie handelt
eigentlich von Rom... Diese Idee Rom (hat) bei Dante ihre sublimste
Erscheinung gefunden." (Klingner, 647). "Auf
der Höhe des Läuterungsberges ist der mystische Baum,
der das römische Reich bedeutet, zugleich Sinnbild der
gottgewollten irdischen Ordnung menschlicher Gemeinschaft überhaupt
und mit dem Baum der Erkenntnis eins, an dem die Geschichte
der Menschheit ihren Anfang nahm (Purg.32)" (Klingner,
646).
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